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Pläne für das Neurathhaus verursachen Kontroversen – Beteiligte lehnen Mehrzweckfläche abKontroverses Knacken im historischen Gebälk

ALSFELD. Es knirscht im Gebälk des Alsfelder Neurathhauses. Dieses altehrwürdige Vorzeigegebäude der Altstadt, das direkt neben dem Regionalmuseum in der Rittergasse prunkt, soll saniert werden. Diverse Balken sind schon länger morsch. Man stellte vor Jahren eine Planung auf – die jetzt plötzlich nur noch kontrovers diskutiert wird. Denn ein Teil dessen, was sich der Magistrat einfallen ließ, gefällt nicht: Das Haus soll eine von Glas eingerahmte Hofdurchfahrt bekommen. Im  Touristcenter, beim Geschichts- und Museumsvereins ist man dagegen – und auch Bürgermeister Stephan Paule soll kein Freund der Idee sein. Man diskutiert derzeit im Hinterzimmer.



Das ist der Grund, warum offizielle Stellungnahmen nur verhalten zu bekommen sind. Aber bekannt ist: Um für die teilweise Sanierung des Neurathhauses eine Förderung aus Mitteln des Programms Stadtumbau West zu bekommen, ließen die Initiatoren sich eine Planung für barrierefreien Zugang zum Regionalmuseum einfallen – Stichwort „Barrierefreiheit“ – und verbanden es noch mit dem Vorzugswort „Synergieeffekte“. Heraus kam die Idee, das untere Stockwerk des Gebäudes zu einer Durchfahrt für den Hof umzugestalten, das Ganze mittels Glaswänden in eine vom Hof her zugängliche „Multifunktionsfläche“ mit Zugang zum Regionalmuseum zu verwandeln und darin das Touristcenter anzusiedeln. 900.000 Euro soll das Projekt kosten – es winken 250.000 Euro Förderung.

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Das große Eingangstor des Neurathhauses. Dahinter soll eine Glaswand die „Multifunktionsfläche“ abgrenzen.

Doch außer bei der SPD/ALA-Mehrheit im Magistrat will das offenbar niemand so. Im Gegenteil, man munkelt, die Umbaupläne lösten bei einigen Beteiligten und Betroffenen sogar Entsetzen aus. Der Glaskasten hinter der berühmten Tür des Hauses sei eine Verschandelung des Museumshofs, heißt es – und gefährde gar die Besuche der Walt-Disney-Reisegruppen, die dort bislang immer eine waschechte „Old Germany“-Märchenkulisse geboten bekamen. Ohne ungeschminktes historisches Ambiente, so die Befürchtung, kommen diese Reisegruppen nicht mehr.

Entsetzen auch im Touristcenter: Die Anlaufstelle für Besucher in Alsfeld soll in den neu geschaffenen Raum umziehen und neben der normalen Arbeit auch die Pforte des Regionalmuseums besetzen – weg vom Marktplatz und auf wesentlich kleinerer Fläche als bisher. 32,5 Quadratmeter hat der Raum im Neurathhaus, 41 Quadratmeter für Front- und Backoffice stehen den TCA-Mitarbeitern bislang zur Verfügung, zuzüglich zehn Quadratmetern Flurfläche. Da kommt Unmut auf.

Der reicht bis in den Magistrat, berichten Stimmen aus dem Umfeld. In dem neunköpfigen Gremium, dem Vorstand der Stadt, haben Vertreter von SPD und ALA die Mehrheit – und beharren auf der ursprünglichen Planung, obwohl daran längst Zweifel aufgekommen sind. Die Planung sei eher darauf ausgerichtet, an Fördermittel zu kommen, als für die Nutzung des Vorzeigehauses sinnvoll. Auch Bürgermeister Stephan Paule sei gegen die unter seinem Vorgänger Ralf Becker angestoßene Planung.

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Die optische Durchfahrt gleich nebenan: der Eingang zum Regionalmuseum. Künftig soll der den Plänen zufolge barrierefrei über den Museumshof zugänglich sein.

Darauf angesprochen, wird der Rathauschef allerdings einsilbig. Er ist zwar das einzige Mitglied des Magistrats, das Inhalte nach außen tragen darf – doch als Vorsitzender müsse er das Gremium auch nach außen vertreten. Von Kontroversen mochte Paule daher gegenüber Oberhessen-live nicht sprechen: „Die Zusammenarbeit ist nicht gestört!“ Er sei mit allen Parteien im Gespräch, betont Paule, auch mit dem Verein, der das Museum mit Leben füllt: „Wir müssen zwingend mitg dem GMV zusammenarbeiten.“

Ähnlich diplomatisch äußert sich Jochen Weppler, der Vorsitzende des Geschichts- und Museumsvereins, auf Anfrage: „Es gibt keine Verwerfungen!“ Gefragt, ob der Verein mit den Planungen glücklich ist, kommt ausweichend: „Es wird uns nichts übrig bleiben, als mitzumachen.“ Und über den Stand der Dinge räumt er ein: „Es wird kontrovers diskutiert“. Immerhin wird diskutiert – und zwar an diesen Abenden, ließ der Bürgermeister am Donnerstag im Stadtparlament durchblicken. Gesucht: eine Lösung, durch die Fördergelder beantragbar sind und die alle Parteien befriedigt. Bürgermeister Paule ist der Ansicht, es gibt Alternativen.

Von Axel Pries