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Ein nomaler Arbeitstag mit dem Elektro-Auto Peugeot iOnFahrspaß mit recht begrenzter Reichweite

ALSFELD. Es geschah nach dem dritten Stop: Da dreht der Fahrer den Zündschlüssel bis zum Anschlag und dreht und dreht und wundert sich eine Sekunde, dass nichts passiert. Bis einfällt, der Motor ist schon an, wie die Anzeige verrät: „Ready“! Völlig unspektakulär. So unspektakulär wie die ganze Fahrerei in diesem eigentlich spektakulären Auto: dem Peugeot iOn – einem der wenigen Familiengefährte mit vollständigem Elektroantrieb. So sieht es wenigstens der Hersteller. Und das Alsfelder Autohaus Geissler stellte eines zur Verfügung: für einen Tag Alltag bei Oberhessen-live. Den hat es ausgehalten – gerade so.

Vorweg: Elektroautos gelten manchmal als ökologische Zukunft des Individualverkehrs, aber der Ansatz ist eigentlich falsch, denn der Strom für die Elektromotoren muss auch erzeugt werden. Das geschieht im Moment vor allem in Kohle- und Atomkraftwerken, die angeblich niemand mehr will, und soll einmal in umweltfreundlicheren Wind- und Solarkraftwerken erzeugt werden, die aber schon jetzt auf massiven Widerstand stoßen – auch ohne, dass Millionen Elektrovehikel damit befeuert werden. Dennoch: E-Motoren haben zwei grundlegende Vorteile. Erstens sind sie sehr leise, und zweitens erzeugen sie nicht unmittelbar Abgase. Elektroautos entlasten somit Innenstädte. Wenn da die vielen Nachteile nicht wären, die diesem Antrieb nachgesagt werden: wenig Leistung, wenig Platz, wenig Reichweite, wenig Alltagstauglichkeit. Halt! Die soll doch der Peugeot iOn mitbringen, der mit vier Türen auch auf Familientauglichkeit macht. Mal ausprobieren.

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Spaß hat’s gemacht: unterwegs mit dem Elektroflitzer.

Der Alltag bei Oberhessen-live ist gewöhnlich eine Kombination aus Büroarbeit und Terminbesuch, vornehmer ausgedrückt: externer Recherche. Beides steht auch am Testtag an: Eine Verabredung führt nachmittags nach Lauterbach, eine Veranstaltung erfordert abends einen Ausflug nach Angenrod. Zwischendurch muss der Einkauf erledigt werden. Ein ganz normaler Tag also.

Einkauf: ein Messpunkt für jede Alltagstauglichkeit. Auf dem Parkplatz des Supermarkts in Alsfeld stellt sich der Peugeot iOn als wunderbar wendig und übersichtlich heraus. Begeisterung auf dem Beifahrersitz, ein Pluspunkt! Lautlos rollt der iOn in die Parklücke. Eine halbe Stunde später aber macht die Ehefrau Abstriche. Der Kofferraum fasst die Einkaufstüten zwar komplett, wäre fürs Gepäck einer Urlaubsreise wiederum zu klein, aber auch Mann muss die schweren Taschen beim Einladen recht hoch heben – und Frau relativ noch höher. Das ist eine Hürde, bedingt durch das Antriebsaggregat unter einem Kofferraum. Der bringt es auf 150 Liter Volumen, wenn man dem ADAC glauben darf. Wer die Sitze umklappt, bekommt das Dreifache. Dafür gefallen der Ehefrau die Türen: Die sind leicht und schließen wunderbar leise.


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Platz für die Kameratasche ist vorhanden. Für Reisegepäck wäre der Kofferraum zu knapp bemessen.

Die 67 PS des Motors sind eindeutig straßentauglich: Zügig geht es los, wenn man aufs Gaspedal drückt. Die E-Motoren und das Automatik-Getriebe sorgen für eine ruckfreie Beschleunigung, die im Stadtverkehr locker mithalten kann. Der Blick auf die Armaturen bleibt dabei auf der einzig ungewöhnlichen Anzeige hängen: einer Art Entlade-/Ladeanzeige. Die schlägt voll aus, wenn man Gas gibt und Strom schleudert, lockt zum moderaten Fahren im grünen Bereich und verrät, wann die Lithium-Ionen-Akkus wieder laden: sobald man den Fuß vom Gas nimmt. Dann bremst der Motor und wirkt wie ein Generator, erzeugt Strom.

Dabei entwickelt das Aggregat erstaunliche Bremskraft, nicht zu vergleichen mit der Motorbremse der Verbrennungsgeneration. Der Motor bremst so stark ab, dass die eigentliche Bremse außer zum Anhalten und in Notsituationen kaum noch gebraucht wird. Auf der Fahrt nach Lauterbach: Die Zeit wird ein bisschen knapp, und der Vordermann nervt mit seinen 80 Stundenkilometern. Ob wohl das E-Auto auch… Es kann! Beim Kickdown zum Überholen wird der Sitz spürbar – ein Sitz übrigens, der etwas mehr Seitenhalt bieten dürfte. Aber flott ist der Schleichfahrer zurückgelassen, und mit genau Tempo 100 geht’s weiter. Ein Pluspunkt, denkt sich der Testfahrer, registriert zugleich: Der E-Motor ist leise, aber Fahrtwind und Rollwiderstand erzeugen bei Tempo auch deutliche Fahrgeräusche.

Ein Viertel vom „Tank“ ist schnell verbraucht

Bis er in Lauterbach auf die „Tank“-Anzeige schaut. Einmal einkaufen, eine Fahrt über die B254, und schon ist ein Viertel verbraucht? Laut Prospekt sollte die volle Ladung doch für 150 Kilometer reichen. Egal: Hauptsache, es reicht für die Rückfahrt. Mittlerweile ist es dunkel und entschieden kälter geworden. Die Heizung hält den Wagen warm, so wie eine Klimaanlage im Sommer kühlen soll – alles da also, was das Fahren angenehm macht. Aber beides hilft offenbar bei der Akku-Leerung, denn zurück in Alsfeld ist die Ladeanzeige aufs untere Viertel abgesunken. Nun fällt auf, was den ganzen Tag über schon fehlte – zumindest ist dieser Version des iOn: eine Reichweitenanzeige, die frühzeitig warnt.

Die Sparsamkeit der Anzeigen mutet ohnehin erstaunlich an für ein Auto, das mit Fortschritt und Technik wirbt. Das ist nicht einmal unsympatisch, aber ungewöhnlich. Einzig die digitale Tempoanzeige könnte als technischer Schnickschnak durchgehen und zeigt nur, warum sie sich sonst nicht durchsetzte: Tempoveränderungen sind mit dem analogen Zeiger intuitiv viel schneller erfassbar. Im Moment hat der Testfahrer andere Sorgen: Bei dem rasanten Energieverfall… reicht es noch für die abendliche Fahrt?


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Automatik und Innenraumkomfort: wie bei jedem Benziner auch. Die Heizung begrenzt allerdings die Reichweite noch mehr.

Um es vorweg zu nehmen: Es reichte bis ins nahe Angenrod und zurück und am nächsten Morgen auch noch bis zum Mutterhaus Peugeot, womit die Tagesaufgabe bewältigt war. Aber da blinkte die Anzeige schon auf dem letzten Zacken –  nach 64 Kilometern Fahrt, weit weg vom Versprechen des Herstellers. 150 Kilometer, die gibt es wohl nur bei mäßig warmen Sommertemperaturen und Bewegung ausschließlich im grünen Bereich.

Das war ein bisschen schade. Denn tatsächlich hat es auch Spaß gemacht, den iOn zu fahren. Wer sich vor allem im städtischen Nahbereich bewegt, dabei umwelt-, auf jeden Fall nachbarfreundlich und enorm individuell daherkommen möchte, der hat mit dem kleinen, wendigen Flitzer ein flottes Fortbewegungsmittel – sofern die 26.000 Euro für die Anschaffung zur Verfügung stehen.

Von Axel Pries