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Historiker enthüllt die tragischen Umstände der jüdischen Gemeinde Angenrod während der Nazi-HerrschaftEmigration der Angenröder Juden während des NS-Regimes

ANGENROD/GIEßEN (ol). Ein entscheidendes Stück Geschichte der jüdischen Gemeinde Angenrod wurde durch die Forschung des Lokalhistorikers Ingfried Stahl sichtbar gemacht. Sein Bericht, der im Jahresband 2023 vom „Oberhessischen Geschichtsverein Gießen“ veröffentlicht wurde, beleuchtet die erzwungene Emigration der Angenröder Juden während der NS-Zeit.

Mit dem Beitrag „Ihr Vaterland war Deutschland – Angenrods israelitische Emigranten in der NS-Zeit“, verfasst von Lokalhistoriker Ingfried Stahl und jetzt erschienen im Jahresband 2023 des „Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen“, wurde der Geschichtsaufarbeitung der einstmals florierenden jüdischen Gemeinde Angenrods laut einer Pressemitteilung des Autors ein weiterer essenzieller Mosaikstein hinzugefügt.

Schon bald nach der Machtergreifung Hitlers und somit der NSDAP setzte das Naziregime mit dem Boykott jüdischer Geschäfte ein unübersehbares Signal seiner ausgrenzenden Judenpolitik. Grundlage aller späteren antisemitischen Aktionen im Deutschen Reich waren die 1935 auf den Weg gebrachten sogenannten Nürnberger Rassengesetze, die vom damaligen Reichsparteitagspräsidenten Hermann Göring feierlich verkündet wurden.

Diese der Menschenwürde eklatant Hohn sprechenden Gesetze verliehen der antisemitischen Ideologie der Nationalsozialisten eine formalrechtliche Grundlage. So mussten auch die auswanderungswilligen Angenröder Juden ihren Haus- und Grundbesitz an „arische“ Interessenten verkaufen, dies nicht zum tatsächlichen Verkehrswert, sondern zum Einheitswert, der ganz erheblich darunter lag. Die letztlich offiziellen „Kaufverträge“ wurden von einem Notar (zumeist in Alsfeld) abgefasst und beurkundet, erläutert Lokalhistoriker Ingfried Stahl.

So war es auch in Angenrod so, wie generell im Deutschen Reich, dass die einzelnen in jüdischem  Besitz befindlichen Angenröder Wohn- und Stallgebäude beziehungsweise Grundstücke aufgrund der Basierung auf dem Einheitswert deutlich unter tatsächlichem Verkehrswert verkauft werden mussten. Selbst wenn der Käufer, was durchaus denkbar war und auch vielleicht in dessen Absicht lag, deutlich mehr zu bezahlen gewillt gewesen wäre, er hätte dies aufgrund der Einheitswert-Basierung rechtlich gar nicht praktizieren können, heißt es.

Auch die „Oberhessische Zeitung“ (Alsfeld) berichtete über die Hausverkäufe 1937 unter der Titelzeile „Juden wandern aus“ über das Abwandern der Angenröder Israeliten aus ihrem angestammten Heimatort – oft nach dem als für Juden als sicher geglaubten Frankfurt am Main oder in einigen Fällen nach Übersee, überwiegend in die USA und Südafrika, in einem Fall auch nach Uruguay.

Retrospektiv und mit Blick auf die gut zweihundertjährige Geschichte der Angenröder jüdischer Konfession fühlten sich die Angenröder Israeliten grundlegend als deutsche Staatsbürger: Ihr Vaterland war Deutschland. Sie waren im Wesentlichen gut integriert in die Gesamtbevölkerung, wie sich an der Beteiligung in den örtlichen Vereinen und an den Veranstaltungen, aber auch an persönlichen Erklärungen wie der von Parnass Sally Wertheim – 1942 Shoah-Opfer – festmachen lässt, so Stahl weiter.

Der Deutschland-Bezug lasse sich unter anderem auch an diversen Grabsteinen auf dem jüdischen Gemeinschaftsfriedhof Angenrods aufzeigen. Hier seien Eichenlaub-Reliefs auf den historischen Grabmalen als eindeutige Bekenntnisse zur deutschen Zugehörigkeit zu interpretieren.

Ab 1935, nach dem die jüdische Bevölkerung stigmatisierenden und ausgrenzenden Nürnberger Parteitag, begannen also leider auch in Angenrod die notgedrungenen Veräußerungen von Häusern und Grundstücken der israelitischen Mitbürger – zum einen, um das erforderliche Geld für die Emigration ins Ausland – zumeist in die USA – aufzubringen und zum anderen, um in dem vermeintlich sicheren Frankfurt am Main eine neue Heimat zu finden, wie es heißt.

Die Chronologie der Haus- und Grundstücksverkäufe in Angenrod, soweit sie ab 1935 im Rahmen der sogenannten Entjudung beziehungsweise „Zwangsarisierung“ vorgenommen wurden oder werden mussten, lässt sich anhand der Dokumente des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt – Bestand G 15 Alsfeld –, des Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden – den Devisenakten, den Entschädigungsakten und den Rückerstattungsakten – aber auch den Eintragungen in die Brandkataster archivisch belegen.

„Arische“ Grunderwerber waren teils Bürger Angenrods selbst, teils aber auch Käufer, die von Nachbarorten nach Angenrod kamen, also „Neu-Angenröder“ wurden. Die Erstehungskosten im Rahmen dieser sogenannten Entjudungen – sie wurden in Einzelfällen sogar noch amtlich heruntergesetzt – lagen in Angenrod in der Spanne von unterhalb 1000 Reichsmark bis noch unterhalb 5000 Reichsmark (RM), heißt es.

Aus Rücksichtnahme auf die Angehörigen beziehungsweise Nachfahren der inzwischen verstorbenen Käufer nimmt der Autor ganz bewusst Abstand von der Nennung der einzelnen Grunderwerber und der detaillierten Dokumentation der im Gefolge der Nachkriegszeit abgewickelten Entschädigungen beziehungsweise Rückerstattungen.

Restringiert sei die Aufarbeitung dieser Thematik vor allem durch einzuhaltende Datenschutzfristen gewesen. So war es dem Verfasser erst jetzt möglich, die Vitae und repressionsbedingten Auswanderungen von 27 Angenröder Israeliten auf der Basis umfassender Recherchen vor allem im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden und im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt zu dokumentieren. Integriert wurde auch die Emigration der Alsfelder Speier-Familien-Mitglieder Hugo, Berthold und Sally Speier, die in verwandtschaftlichem Bezug zur Angenröder Famlie Speier steht.

Hugo Speier (1908) – 1994) war Neffe des Angenröder Shoah-Opfers Leopold Speier und Vater des Angenröder Gedenkstätten-Mäzens Artie Speier (Dallas, 1941 – 2023). Eine ganz besondere Note erhalten die veröffentlichten Dokumente im Kapitel „Die emigrierten Angenröder Israeliten kommen zu Wort.“ Hier sind es vor allem die persönlichen Erklärungen der ausgewanderten Angenröder jüdischer Religionszugehörigkeit in ihren Lebensläufen und ihren Entschädigungs- und Rückerstattungsakten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die neben den Zeitzeugenüberlieferungen und zahlreichen Fotos die Geschichte der Angenröder Judengemeinde in Erinnerung bringen.

„Der jetzt im Jahresband des OHG Gießen veröffentlichte 79-seitige und mit insgesamt 26 Fotos ausgestattete Beitrag wird, wie uns OHG-Schriftleiterin Dr. Eva-Marie Felschow mitteilte, in einem Jahr auch Online in der digitalen Bibliothek der Universität Gießen zur Verfügung stehen“, so Stahl abschließend.

Fotos: Privatsammlung Artie Speier

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