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Suchttage mit WorkshopsSichtbar werden, füreinander da sein, Achtung fordern

FREIENSTEINAU (ol). Sie wollen sichtbar werden, in die Öffentlichkeit gehen, zeigen, dass es sie gibt und was sie tun: Die Menschen, die sich in den Selbsthilfegruppen der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe organisieren, sprechen öffentlich über ihre Erfahrungen mit Sucht und sie zeigen, dass es lebenswert, schön und erfüllend ist, ohne Suchtmittel seinen Alltag und seine Freizeit zu gestalten.

24 Gruppen in 14 Freundeskreisen in Hessen und einem Teil des Westerwaldes gibt es – von Kassel bis Hanau, von Montabaur bis Fulda. Sie treffen sich in regelmäßigen Abständen zu einem Austausch, der allen Mitgliedern sehr wichtig ist.

Nach den beiden Pandemiejahren war nun erstmals wieder ein mehrtägiges Treffen möglich; als „Suchttage“ findet dieses in der Regel alle zwei Jahre statt, im Wechsel mit einem eintägigen Begegnungstreffen, heißt es in der Pressemitteilung von Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe.

Holzarbeiten für sich selbst, für andere und für den Verein fertigten die Teilnehmer der Suchttage. Alle Fotos: T. Schlitt

Thomas Steinhäuser, Vorsitzender des Landesverbandes und des Freundeskreises Vogelsberg: „Viele Mitglieder in den Freundeskreisen kennen sich schon lange und freuen sich, sich wieder zu sehen, sich auszutauschen und von gegenseitigen Erfahrungen in den Gruppen und der Arbeit mit von Sucht betroffenen Menschen zu profitieren.“

Aus diesem Grund bieten die Suchttage viel Raum für genau das: Input und Workshops stehen hier gleichberechtigt neben offenen, unverplanten Zeitfenstern, in denen man sich einfach nur trifft und bespricht, was ansteht. Und das kann alles sein.

„Die Treffen der Freundeskreise sind wie ein Familientreffen“, sagt Ellen Weyer. Ihr Heimatfreundeskreis ist im Westerwald, im Landesverband ist sie Schriftführerin. Neben ihr waren am Samstag, dem Haupttag, etwa 75 Menschen auf dem Gelände des Vulkanparks in Nieder-Moos, viele von ihnen hatten sich dort einquartiert und genossen das abwechslungsreiche Angebot.

Der Einladung zur Kräuterwanderung mit Bianca Zogg-Brodbeck von der Ewilpa- Stiftung (vorne links) folgten viele Gäste.

Es gab eine Kräuterwanderung, und die Möglichkeit, Holz zu bearbeiten. Ein Bastelangebot mit Windspielen und Scherenschnitten lockte viele Menschen, genauso wie das gemeinsame Fertigen eine Insektenhotels, an dem sich alle Freundeskreise mit kleinen Holzschildern verewigen konnten und das im Vulkanpark verbleibt.

Erfahrungen und Eindrücke in den Stücken verarbeiten

Auch die Regionen übergreifende Theatergruppe des Landesverbandes nutzte die Tage, um sich zu treffen und an einer neuen Aufführung zu arbeiten, die im kommenden Jahr unter anderem auf Bundesebene präsentiert wird. Petra Wöckel von der Kasseler Gruppe ist hier federführend. Sie schreibt die Stücke, die natürlich mit Sucht zu tun haben: Um Konsequenzen und Bewältigung geht es, nicht immer vordergründig, doch stets werden Erfahrungen und Eindrücke in den Stücken verarbeitet.

„Fast alle diese Angebote können von Menschen aus den Freundeskreisen zur Verfügung gestellt werden“, freut sich Thomas Steinhäuser, „wir haben viele Ressourcen und Talente bei uns und wir freuen uns, diese auch zu zeigen.“ Die Arbeit in den Workshops hat viele Facetten für die Suchtkranken und ihre Angehörigen, die sich ebenfalls hier organisieren. „Zum einen lernen die Menschen, was sie alles können und erlangen neues Selbstbewusstsein. Sie finden neue Hobbys, die sie mit in ihre Freizeit und ihren Alltag nehmen können“, erklärt Ellen Weyer.

Selbsthilfegruppen geben Halt

Der Alltag von Süchtigen besteht oft nur aus „Arbeiten, Schlafen und Konsumieren“, wie Jeannine Schneider aus eigener Erfahrung berichtet. Wer seine Sucht aufgibt, braucht zum einen andere Inhalte, zum anderen aber auch neue Menschen um sich, denn die alten sind oft die, mit denen man seine Sucht geteilt hat.

„Aus diesem Grund sind auch Selbsthilfegruppen wie unsere sehr wichtig. Wir geben uns gegenseitig Halt und vergewissern uns, dass wir stark sind und ohne Suchtmittel – egal welches – leben können“, erklärt Ulrich Schermer, der seit fast zwanzig Jahren im Freundeskreis Vogelsberg und im Landesverband aktiv ist; seit vielen Jahren auch als Suchthelfer und Gruppenleiter. „So wie wir uns verstehen und bestärken, kann das kein Therapeut. Wenn wir es schaffen, trocken oder clean zu bleiben, dann fast immer durch die Selbsthilfegruppe.“

Thomas Steinhäuser, Landesvorsitzender der Freundeskreise, will mehr Öffentlichkeit für die Arbeit seiner Organisation.

Die Arbeit in den verschiedenen Workshops dient aber auch dazu, locker ins Gespräch zu kommen. „Gemeinsam an einem Werkstück zu arbeiten, zu wandern oder zu basteln schafft eine ganz andere Atmosphäre als bei einem Gruppentreffen“, erklärt Steinhäuer, „man spricht offener, wenn man nur ein Gegenüber hat und so vor sich hinarbeitet.“ Oft bilden sich auf diese Weise auch ganz neue Austauschgruppen und Freundschaften. Ideen, die auf dieser Ebene entstanden sind, wie beispielsweise das Theater, setzen sich fort und werden zu neuen Standbeinen der Freundeskreise.

Claudia Kessler ist erst seit Anfang dieses Jahres im Westerwälder Freundeskreis. Sie hat die Tage in Nieder-Moos genossen, nicht nur, weil sie eine Holzarbeit nach der anderen gefertigt hat, sondern weil sie beim Austausch mit allen anderen gemerkt hat: „Wir sind alle verschieden, aber wir haben das gleiche Problem.“ Aus dieser Einsicht scheint ein Grundverständnis zu erwachsen, ein Gefühl von Aufgehobensein. Mit ihren 42 Jahren zählt Claudia Kessler schon zu den jüngeren Mitgliedern.

Unterschiedliche Altersstrukturen

Die Altersstruktur geht von 25 Jahren bis weit über die siebzig hinaus. „Je nach Suchtmittel kommen die Menschen früher oder später zu uns“, lautet eine Erfahrung von Ursula Nahrgang, der Kassiererin des Landesverbandes: Alkoholiker und Spielsüchtige könnten es länger aushalten als Drogensüchtige, deren Gesundheitszustand viel früher schlecht werde.

Das Insektenhotel der Freundeskreise bleibt im Vulkanpark.

Grundsätzliche dauere es seine Zeit, bis ein Mensch bereit sei, seine Sucht zu bekämpfen. Die Anlässe dazu sind meist dramatisch. Auch diese Geschichten teilen die Menschen in den Freundeskreisen. Wobei der Name Programm ist. „Wir sind hier wirklich ein Freundeskreis, fast eine Familie, aber ohne Druck, sondern mit viel gegenseitigem Verständnis und Unterstützung. Es tut gut, sich in diesem Umfeld zu treffen“, sagt Ulrich Schermer.

Neben all dem war ein Hauptanliegen der diesjährigen Suchttage die Erstellung eines neuen Flyers, der sich speziell an Angehörige richtet. Hierfür war neben der Beratung durch eine externe Expertin auch explizit der Input von Betroffenen gefragt: Was hätte ihnen helfen können, als sie angesichts der Sucht ihrer Angehörigen nicht mehr weiterwussten? „Uns gibt es auch“ und „Wie komme ich da raus?“

Diese beiden Aussagen werden als Ankerpunkte auf dem Flyer für Mitbetroffene stehen und diesen vermitteln, dass sie nicht alleine kämpfen müssen, dass auch sie und ihre Not gesehen werden, dass es in den Freundeskreisen Menschen gibt, die sie unterstützen.

Thomas Steinhäuser, Landesvorsitzender der Freundeskreise, will mehr Öffentlichkeit für die Arbeit seiner Organisation.

Überhaupt geht es den Menschen in den Freundeskreisen um mehr Öffentlichkeit, wie ihr Landesvorsitzender Steinhäuser betont: „Wir sind alles Menschen, die mit einer unglaublichen Anstrengung ihre Kraft wiedererlangt haben. Wir dürfen nicht länger übersehen oder stigmatisiert werden.“

Dialog mit öffentlichen Gremien angestrebt

Sein Verband strebt daher den verstärkten Dialog mit allen öffentlichen Gremien an: Auf der fachlichen Seite geht es um Medizin und Wissenschaft, auf gesellschaftlicher Seite um Politik und Wirtschaft und ganz praktisch auch um das öffentliche Erscheinen in Schulen, Vereinen und anderen Organisationen. „Es geht darum, Achtung und Beachtung zu finden“, fasst Steinhäuser dieses Anliegen zusammen.

Am Ende der Suchttage steht für ihn ein positives Fazit: „Es war ein harmonisches und sehr konstruktives Wochenende. Urgesteine und neue Mitglieder haben sich eingebracht und zu wunderbaren Ergebnissen beigetragen.“ Alternative zu den Risiken der Sucht wollen die Freundeskreise für ihre Mitglieder und alle anderen Suchtkranken schaffen. Tage wie die in Nieder-Moos zeigen, dass es diese Alternativen gibt.

Ellen Weyer präsentierte zum Abschluss der Suchttage den neuen Flyer für Mitbetroffene.

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