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Leserbrief von Michael Baumarth zum neuen Gewerbegebiet "Am weißen Weg"„Und so bleibt eher das System von Leiharbeitern“

ALSFELD. Der Heidelbacher Michael Baumarth, der für die ALA ins Stadtparlament wollte, aber den Einzug nicht schaffte, kritisiert in einem Brief die Versprechungen des Bürgermeisters Stephan Paule über das Industriegebiet Weißer Weg. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut.

Bürgermeister Paule verspricht „hunderte neue Arbeitsplätze“ und „klimaneutrale Gebäude“. Hehre und gute Ziele. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Wo sollen denn die zu Beschäftigenden dafür herkommen? Und was für Arbeitsplätze sind das? Schon jetzt ist in der Region Mittelhessen für den Bereich Logistik kaum ein Arbeitnehmer mehr zu finden, im Gegenteil werden hier dringend Arbeitskräfte gesucht. Die Arbeitslosenquote liegt in der Region laut Arbeitsagentur bei knapp 3,5 Prozent (davon mehr als die Hälfte mit „Vermittlungseinschränkungen“).

Auch zum Beispiel Betriebselektriker, eine der Berufsgruppen mit Facharbeiterlohn, sind schon jetzt Mangelware. Sie könnten nur durch Abwerbungen aus anderen, ansässigen Firmen erreicht werden. Bleibt also das „Auspendeln“ zu verringern. Aber dazu ist ein Blick nötig, wer denn auspendelt. Und ich glaube kaum, dass zum Beispiel ein Landesbeamter, der als Lehrkraft oder Polizeibeschäftigter außerhalb Dienst tut, jetzt auf Lagerist umschult. Oder Menschen, die im Rhein-Main-Gebiet als Facharbeiter, Techniker, Angestellte in der Finanzbranche und so weiter gute Einkommen auf vergleichsweise sicheren Arbeitsplätzen erzielen?

Und so bleibt eher das System von Leiharbeitern, die von Subunternehmen angeworben werden, häufig in (EU-)Billiglohnländern. Diese Kräfte kaufen in Alsfeld keine Häuser, holen kaum Familien nach und kaufen wenig ein. Sie unterstützen mit ihrem Lohn die Familien daheim. Im Übrigen fragt sich, wie die vage Annahme zustande kommt, dass „hunderte neue Arbeitsplätze für die Region entstehen“ – angesichts einer Branche, in der die Automatisierung massiv voranschreitet. Nicht zuletzt wären Arbeitszeiten, häufig in den Nachtstunden, auch alles andere als Familien-freundlich.

„Der CO²-Fußabdruck der Logistikbranche ist immens“

Herr Paule verspricht einen Beitrag zur „Modernisierung und Transformation der deutschen Wirtschaft“. Was ist an einem auf LKW-Verkehr basierenden Geschäftszweig denn modern und gar ökologisch? Es hätte bei diesem Gelände ja sogar die Möglichkeit eines Bahnanschlusses gegeben, aber von einer solchen Überlegung findet sich keine Spur. Auch die Möglichkeit, Photovoltaik auf den Dächern verpflichtend zu machen, ist nicht genutzt worden. Der CO²-Fußabdruck der Logistikbranche jedenfalls ist immens – und damit das Gegenteil von klimafreundlicher Transformation.

Herr Paule behauptet, dass auf der Demonstration gesagt wurde „alle Alsfelder Häuser würden taghell angestrahlt“. Das habe ich so nicht gehört. Gesagt wurde: Dieses Gelände wird taghell angestrahlt und ist von allen Alsfelder Häusern aus zu sehen. Wer einmal einen Eindruck gewinnen will, kann sich ja die ‚Nordfrost‘ Lagerhallen an der A5 Ausfahrt Homberg anschauen. Außerdem besteht ein großes Problem dieser drohenden Lichtverschmutzung in dem unvermeidlichen, massiven Insektensterben, welches wiederum einer Vielzahl anderer Tiere, wie zum Beispiel Vögeln und Fledermäusen, die Lebensgrundlage weiter entziehen würde.

Ebenso verwundert seine Aussage „durch den Riegel Autobahn erreichten die Geräuschemissionen gar nicht die Kernstadt“. Die Autobahn verläuft über weite Strecken ebenerdig. Wie funktioniert also dieser ‚Riegel‘? Ist vielleicht einfach gemeint: Durch die Autobahn ist es in Alsfeld eh schon so laut, da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an. Dann wäre allerdings die Einführung einer deutlichen Geschwindigkeitsbegrenzung das wirksamere Mittel zur Lärmbekämpfung.

Oder kommt jetzt etwa die seit Jahrzehnten immer mal wieder ins Gespräch gebrachte Lärmschutzwand? Das angenommene zusätzliche Aufkommen von täglich 400 Lkw, die wiederum eine entsprechend riesige Flotte von Zustellerfahrzeugen beschicken, und welches sich rund um die Uhr in alle Richtungen und auf alle Straßen in und um Alsfeld auswirken wird, die schon jetzt durch Lärm und Abgase überlastet sind, wird durch den ‚Riegel‘ jedenfalls kaum verschwinden!

Interessant ist ja der Satz: „Die Stadt habe über die Gewerbesteuer eine breitere wirtschaftliche Basis“. Da liegt ja wohl der Kern, der landauf landab aus dem Boden sprießenden Gewerbegebiete: Die kommunalen Finanzen sind so schlecht aufgestellt, dass die Kommunen zum Verkauf von Gelände quasi verpflichtet sind. Hier liegt das Grundübel. Aber welche Parteien haben denn in den letzten Jahren in Bund und Land regiert und dieses Einnahmesystem geschaffen? Und die Erfahrung anderer Kommunen zeigt: Bis Gewerbesteuern fließen, vergehen oft viele Jahre, da die Firmen durch die Kosten des Neubaus ihre Gewinne ganz klein rechnen.

Wenn nicht dann der Ackerboden unwiederbringlich dahin wäre, würde ich ja sagen: Na gut, lass es uns fünf Jahre versuchen und wenn die Versprechungen dann nicht eingetreten sind, machen wir alles wieder rückgängig. Nur das geht leider nicht. Aber wir würden dafür eine Ackerfläche opfern, die als Kartoffeläcker ganz Alsfeld und umliegende Dörfer komplett mit Kartoffeln – ob ‚Bio‘ oder konventionell – versorgen könnte (bei durchschnittlich 42,5 Tonnen Ertrag je Hektar und 57 Kilogramm Jahresverbrauch pro Person). Da reichen die 44 Hektar für rund 30.000 Menschen.

11 Gedanken zu “„Und so bleibt eher das System von Leiharbeitern“

  1. Nur weiter so Herr Paule…. TNG, DHL und die LA bringen uns in den nächsten Jahren weiter…. Stillstand ist Rückstand…. Das hatten wir bereits 20 Jahre mit der SPD/ALA und dem Herrn Distelmann.

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  2. Mit diesen treffenden Einwendungen nicht genug: Bürgermeister Paule wirft der ALA einen Sinneswandel vor, da sie vor acht Jahren noch für das Industriegebiet gewesen sei. Was aber ist passiert in diesen acht Jahren? Drei aufeinanderfolgende Dürresommer, verheerende Waldschadensberichte für Hessen, explodierende Flächenversiegelung in Mittelhessen, eine Hochwasserkatastrophe mit zahlreichen Toten im Ahrtal, fortschreitender Biodiversitätsschwund … Die ALA scheint mit ihrer Absage an das Industriegebiet angemessen auf diese Herausforderungen zu reagieren, während Bürgermeister Paule und seine CDU immer noch meinen, Alsfeld mit einem weiteren Industriegebiet „positiv nach vorne zu entwickeln“.

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  3. Ich finde es auch unverantwortlich ein Logistikzentrum, ohne Gleisanschluss zu planen, wo doch jeder umweltbewusst und ökologischer leben möchte. Zumal die Autobahn in Stoßzeiten überfüllt ist. Gerade bei einer Neuansiedlung sollte doch mehr auf den Umweltaspekt und Arbeitsbedingen geachtet werden.

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  4. Herr Michael Baumarth Sie haben absolut Recht.
    Alsfeld wird im LKW Lärm und Dreck ersticken. Der Verkehr wird sich auch in Alsfeld tummeln. Man sieht ja heute schon was passiert. Verkehrsregeln gelten nicht für LKW Fahrer. Man nehme als Beispiel die Bürgermeister- Haas Str.. Die Bürgermeister- Haas Str. ist für LKW gesperrt , Anlieger frei. Was passiert: Die LKWs die von Fulda kommen fahren über die Altenburg dann die Bürgermeister- Haas Str. hoch um abzukürzen. Kein Ordnungsamt oder Polizei weit und breit. Sogar ein Fahrschul-LKW
    wurde schon gesehen wie er diese Abkürzung genommen hat.

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  5. Und deswegen ist Herr Paule unser Bürgermeister und Herr Baumarth hat nicht mal den Einzug ins Stadtparlament geschafft. Dieser extreme Öko Unsinn bringt Alsfeld nicht weiter. DHL, Lehrkräfte Akademie, weiter so Herr Paule!

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    1. Genau so ist es….
      Warum versorgte uns die Fläche nicht bereits mit Kartoffeln…..?!!!!
      Wo waren die Bauern/Eigentümer in der Vergangenheit…..!?

      (Aber wir würden dafür eine Ackerfläche opfern, die als Kartoffeläcker ganz Alsfeld und umliegende Dörfer komplett mit Kartoffeln – ob ‚Bio‘ oder konventionell – versorgen könnte (bei durchschnittlich 42,5 Tonnen Ertrag je Hektar und 57 Kilogramm Jahresverbrauch pro Person). Da reichen die 44 Hektar für rund 30.000 Menschen.)

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  6. Wer für Verkehrswende ist, gegen Logistik und schlecht bezahlte Löhne und gegen neue Gewerbegebiete der sollte nicht von einer Stadt und anderen den Verzicht darauf fordern sondern gefälligst erstmal bei seinem eigenen Verhalten anfangen.
    Also kompletter Verzicht auf Onlineshopping, Umtausch und Päckchenversand.
    Alles andere ist nur Wasser predigen und Wein trinken!
    Erstmal mit gutem Beispiel vorangehen oder Maul halten.
    Ich BITTE daher alle Nachbarn und Bekannte der vor Ort bekannten Öko- und Linksprediger inständig darum die Augen aufzuhalten, ob diese Damen und Herren mit gutem Beispiel vorangehen. Falls nein dann hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf dies zu erfahren!

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    1. @ Schauen wir mal genauer hin

      Wäre nicht “ Blockwart – mit der Lizenz zum
      denunzieren “
      ….. ein veritables Hobby für Sie ?
      Ach, was heißt „wäre“, Sie üben es ja schon längst aus !!!!!!

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  7. So versteht eine ideologisch ausgelaugte CDU eben die Lösung aller Zukunftsfragen. Und die Diskussionsrichtung gibt demnächst der große Vorsitzende Merz vor. Merz mit E. Wie E-Mobilität. Oder eh egal. Hauptsache die CDU kommt wieder an die Fleischtöpfe. Das ist der Transformationsprozess, der uns herrlichen Zeiten entgegen führt.

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