0

MdB Michael Brand im Gespräch mit Katja Diehl und Andrea Schmidt von Kompass LebenWichtiges Angebot: Teilhabeberatung im Vogelsberg bis 2029 gesichert

HERBSTEIN (ol). 520 Menschen mit Beeinträchtigung arbeiten im Vogelsberg unter dem Dach des sozialen Dienstleisters Kompass Leben, 230 Menschen nutzen dessen Wohnangebote – Grund genug für Michael Brand, dem direkt gewählten Bundestagsabgeordneten im Vogelsbergkreis, sich für deren Belange zu interessieren und ins direkte Gespräch zu kommen.

In der Pressemitteilung heißt es, Michael Brand zeigte sich beim Besuch in Herbstein beeindruckt von den Leistungen des sozialen Dienstleisters und konnte erfreut berichten, dass die Finanzierung des Trägers bis zum Jahr 2029 gesichert ist. „Wir helfen hier sehr vielen Menschen bei sehr konkreten Problemen, und das ist für viele eine elementare Hilfe im Alltag“, stellte Brand fest, der sich beim Bund für die Zusage stark gemacht hatte, und dankte „Kompass Leben“ für die „so wichtige und professionelle Arbeit von Mensch zu Mensch“.

Ein Gespräch mit der Vorstandsvorsitzenden Katja Diehl und der Beratungsfachkraft Andrea Schmidt führte über Leben und Arbeiten in der Pandemie und Betrachtungen über den gesellschaftlichen Wandel auch zu zwei Hauptproblemen in der Arbeit mit Menschen mit Unterstützungsbedarf: Budgets und Bürokratie.

Einblicke in das Wirken

Das Gespräch fand in der erst vor zwei Jahren eingeweihten Tagesförderstätte der Werkstatt von Kompass Leben in Herbstein statt. Sie bot einen guten Einblick in das Wirken des sozialen Dienstleisters, der die Menschen mit ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt und hier inzwischen längst nicht mehr nur Menschen mit Behinderung betreut, sondern auch Menschen mit psychischen und seelischen Erkrankungen Angebote macht. Daneben ist Frühförderung ein wichtiger Teil des Portfolios von Kompass Leben, wie Diehl im Gespräch ausführte. Kompass Leben ist darüber hinaus Träger der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) im Kreis – für sie interessierte sich der Bundestagsabgeordnete besonders.

Seit 2018 im Vogelsbergkreis etabliert, wurde der Fortbestand der EUTB seitens der Politik nun bis 2029 gesichert, was alle drei sehr begrüßten. Mit Ablauf des Jahres 2022 ist der Bewilligungszeitraum von zwei auf sieben Jahre verlängert. Zusammen mit dem Wechsel vom Zuwendungsverfahren auf ein leichteres Auswahlverfahren hofft man künftig auf einen Wegfall von viel Bürokratie.

Andrea Schmidt, die einen Teil des Stellenanteils in der Beratung besetzt, zeigte sich darüber in vielerlei Hinsicht erleichtert. Mit mehr als 300 Beratungen im Jahr, die sowohl vor Ort, aufsuchend, in den Gemeindezentren, telefonisch oder per Videokonferenz stattfinden, zeige sich, dass hier ein erheblicher Bedarf besteht. „Wir betrachten uns als Lotse im gegliederten System und beraten alle Menschen zu Fragen der Rehabilitation und Teilhabe“, erläuterte Schmidt. „Dies sind längst nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Menschen mit einer chronischen oder psychischen Erkrankung, Menschen nach einem Unfall oder auch Suchtkranke.“

Über das Antragswesen, Arbeitsmöglichkeiten, Vollmachten und betreutes Wohnen

Hauptthemen in der Beratung seien das Antragswesen, Arbeitsmöglichkeiten, Vollmachten, persönliches Budget oder betreutes Wohnen. „Wir stellen fest, dass mit sinkenden Inzidenzzahlen der Beratungsbedarf erheblich steigt“, gab Schmidt einen aktuellen Eindruck wieder. Zum einen hätten viele Menschen ihren Beratungsbedarf aufgeschoben, zum anderen hätten sich durch die Pandemie viele Probleme, die es vorher schon gab, noch verstärkt.

Eine Feststellung, die alle Gesprächspartner unterstützen; sie waren sich einig, dass die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie – beispielsweise Vereinsamung, vorschnelle Vergreisung, Anstieg psychischer Erkrankungen – noch lange nicht absehbar seien, aber sicherlich auf die Gesellschaft und die Gesundheitssysteme zukämen. Dass vor diesem Hintergrund das Angebot der EUTB stabilisiert worden ist, wurde von Diehl und Schmidt als sehr positiv angesehen, wenn auch der Personalstand – eine einzige Stelle für den Vogelsbergkreis und einzelne zusätzliche Kommunen in den angrenzenden Kreisen Schwalm-Eder und Fulda – für eine solche Fläche viel zu wenig sei.

Kritik am bürokratischen Aufwand

Kritik gab es auch für den sehr hohen bürokratischen Aufwand bei der Erstellung des Verwendungsnachweises und der übertrieben genauen Prüfung, welche Kosten förderfähig sind, gerade auch im Hinblick darauf, dass generell schon ein Eigenanteil von 5% zur Finanzierung erbracht werden muss. Brand waren diese Kritikpunkte nicht neu. Er nahm sie dennoch auf und bat Diehl, diese noch einmal einzureichen, um ihre Bearbeitung in den zuständigen politischen Gremien zu forcieren.

Auch das Frühförderangebot nahmen die drei in den Blick: Etwa 130 Kinder und ihre Familien werden von klein auf bis zur Einschulung von pädagogischen Fachkräften unterstützt. Kinder, die von Behinderung bedroht sind, frühgeborene Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, verhaltensauffällige Kinder. Die Frühförderstelle arbeitet aufsuchend, bei den Familien zuhause, in den Kitas, aber auch in den Einrichtungen von Kompass Leben. Mit einem erweiterten Angebot auch für die Eltern ist sie ein wesentlicher Bestandteil in der Entwicklung von Kindern mit Förderbedarf.

Doch längst kann die Frühförderstelle nicht alle Kinder bedienen: 3250 Behandlungseinsätze im Jahr werden vom Vogelsbergkreis finanziert. „Wir haben aktuell einen viel höheren Bedarf und daher viele Kinder und ihre Familien auf der Warteliste“, gab Diehl dem Bundestagsabgeordneten mit.

Engagierte Diskussion über die Verantwortung des Bundes

Bezogen auf den Alltag in den Werkstätten und Wohnheimen, kamen Brand, Diehl und Schmidt auch hier auf den gestiegenen Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand zu sprechen. Dieser sei auch der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes geschuldet, so Diehl, die zwar den klientenzentrierten und qualitätsfördernden Ansatz des Gesetzes sehr schätzt, den damit verbundenen Verwaltungsaufwand aber für übermäßig hält. Auch für die betroffenen Menschen oder ihre Betreuer sei dieser kaum zu leisten.

Mit Blick auf andere Vorschriften und Verordnungen, beispielsweise im Bauwesen, bat sie den Gesetzgeber um Mäßigung: „Wir ertrinken in Bürokratie und stellen erhebliche Teile unserer Arbeitszeit in ihren Dienst. Dabei sollten wir doch viel mehr für die Menschen in unseren Einrichtungen da sein.“

Mit einer engagierten Diskussion über die Verantwortung des Bundes bei der Vergabe von Geldern, der Gratwanderung zwischen Reglementierung und Missbrauch von Angeboten und den Anstrengungen, unter sich wandelnden Bedingungen den Menschen gerecht zu werden, endeten die gut anderthalb Stunden in Herbstein. „Ich werde sicher klüger gehen, als ich gekommen bin“, hatte Michael Brand zu Beginn gesagt. Er sollte recht behalten – und ließ für alle weiteren Anliegen seine Visitenkarte vor Ort.