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Vor 75 Jahren: Bund der Vertriebenen erinnert an die ersten Heimatvertriebenen im Altkreis Lauterbach40 Viehwaggons mit 1200 Menschen kamen in der Nacht

VOGELSBERG (ol). Der Bund der Vertriebenen erinnert an die Ankunft der ersten Heimatvertriebenen im Altkreis Lauterbach vor 75 Jahren. Es war der Auftakt für weiteren Zuzug, und viele der damaligen Flüchtlinge sind im Vogelsbergkreis heimisch geworden.

Vom bayerischen Grenzübergangslager Furth im Wald kam am 9. Februar 1946 die Mitteilung an das Flüchtlingskommissariat in Lauterbach über das Eintreffen eines Eisenbahntransportes mit 1200 Heimatvertriebenen aus dem Egerland in 40 Viehwaggons mit je 30 Personen. Der damals junge einheimische Verwaltungsbeamte Fritz Georg aus Allmenrod hat später in einem heimatgeschichtlichen Beitrag zu diesem besonderen Ereignis der Nachkriegszeit eine sehr eindrucksvolle Beschreibung gegeben. Danach musste dieser erste Transport von Heimatvertriebenen im damaligen Regierungsbezirk Darmstadt auf der unteren Verwaltungsebene geradezu „Hals über Kopf“ organisiert und durchgeführt werden. Bei dem Heimathistoriker liest sich diese Ankunft wie folgt:

Ankunft um 2.30 Uhr in der Nacht

„Dann war es soweit. Die Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1946 war klar und kalt. Nach Mitternacht zog die Lauterbacher Helferkolonne zum Nordbahnhof. Die Lastwagen der Fahrbereitschaft, zusammen mit den vom Roten Kreuz und der freiwilligen Feuerwehr gestellten Beifahrern nahmen ihre Plätze ein. Der Transportzug hatte nur geringfügige Verspätung, die vom Bahnhof Fulda gemeldet worden war. Gegen 2.30 Uhr lief der Zug ein und wurde auf das Standgleis beim Güterbahnhof geschoben. Die ankommenden Flüchtlinge war sichtlich müde und erschöpft von den Strapazen der Fahrt in den nur mangelhaft geheizten Viehwaggons, aber auch verunsichert darüber, wie es zu später Nachtstunde nun weitergehen sollte. Zugleich war ihnen aber auch die Erleichterung über das Ankommen am Zielort und das Ende der vorausgegangenen Drangsalierungen und Verfolgungen anzumerken“.

Beschreibt die Ankunft der ersten Flüchtlinge: Siegbert Ortmann. Bild: privat

Siegbert Ortmann vom BdV schreibt: „Der Transportzug wurde sogleich wagenweise auf die verschiedenen behelfsmäßig hergerichteten Lager im Stadtgebiet, und zwar die Räume der Lauterbacher Damenhutfabrik, der Saal des Gasthofes Johannesberg und die Adolf Spießturnhalle, vorläufig aufgeteilt. In den nächsten Tagen erfolgte die Registrierung und, soweit erforderlich, auch die ärztliche Versorgung der Angekommenen. Darunter war seinerzeit auch ich als fünfeinhalbjähriger Junge mit meiner Mutter und meinen beiden Geschwistern. Und so begann für mich in jener Nacht ein ganz neuer Lebensabschnitt in einer zweiten mir zugewiesenen völlig unbekannten Heimat.“

48 weitere Vertriebenen-Transporte

In der laufenden Folge hatte der damalige oberhessische Landkreis Lauterbach weitere, insgesamt 48 solcher Vertriebenentransporte aufzunehmen bzw. durchzuschleusen. Der damit verbundene Bevölkerungsanstieg schuf riesige regionale Probleme. Die wirtschaftlich schlechte Lage des Vogelsberges, bedingt durch das Fehlen jeglicher größeren Industrie, bereitete Schwierigkeiten bei der Sesshaftmachung und Arbeitsbeschaffung der Neubürger. Die vorhandenen kleinen landwirtschaftlichen Betriebe waren nicht in der Lage, den Heimatvertriebenen ständige Arbeit zu geben. Auch war die berufliche Zusammensetzung der Vertriebenen derart, dass der größte Teil eher einem Industriegebiet zuzuführen wäre.

Die geographische und verkehrsmäßige Lage des Kreises Lauterbach war denkbar ungünstig. Hieraus ergaben sich auch die schlechten Wohnungsverhältnisse, die seinerzeit selbst nach Einschätzung der Behörden zum größten Teil als sehr primitiv zu bezeichnen waren. Es war auch behördlicherseits bekannt, dass die Unterbringung eines Teils der Neubürger nicht als menschenwürdig bezeichnet werden konnte. Die kleinen einstöckigen Bauern- und Siedlerhäuschen des Vogelsberges, bei denen auf dem Boden zudem Heu und Stroh eingelagert waren, waren eigentlich nur für die Unterbringung einer Familie geeignet.

„Das Schicksal hat sie ärger getroffen“

Der Landkreis Lauterbach führte zu Weihnachten 1946 auf Anregung des damaligen Landrats Gustav Mandt eine staatlich genehmigte Sammlung durch. In dem entsprechenden Aufruf des Landrats heißt es unter anderem wörtlich:
„Die Einwanderer, die als Flüchtlinge zu uns kamen, genießen heute die gleichen Bürgerrechte, aber das Schicksal hat sie unvergleichlich ärger getroffen als uns, denen im allgemeinen schwere materielle Einbußen erspart geblieben sind. Gerade an Weihnachten liegt der Verlust von Heim und Hof, die unfreiwillige Verpflanzung aus dem Land, in dem man geboren ist, in eine fremde und selbst nicht mit Reichtümern gesegnete Gegend besonders schwer. Gustav Mandt: „Wir wollen im Gedenken daran das Gemeinsame unserer Aufgabe für die Zukunft, die Notwendigkeit zusammen zu leben auf Gedeih und Verderb, unsere Liebe zur Heimat und die Verbundenheit mit allen Menschen, die sie mit uns teilen, zu einer großzügigen Hilfs- und Geschenkaktion für unsere neuen Mitbürger-Flüchtlinge werden lassen“.

Vergegenwärtigt man sich die Ausgangslage von 1946 und den folgenden Jahren, die katastrophale Wohn-, Verkehrs-, Lebensmittel- und Wirtschaftslage, dann wird verständlich, dass aus damaliger Sicht die vielen Heimatvertriebenen zunächst einmal als zusätzliche Belastung empfunden wurden. In der Fuldaer Volkszeitung vom 18. Juli 1946 heißt es: „Zur Unterbringung der Ostflüchtlinge ist nicht nur eine hohe Raumpotenz erforderlich, sondern ebenso viel Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung. Das Verständnis, welches den Flüchtlingen entgegengebracht werden soll, kann niemals hoch genug sein. Obwohl in den oberhessischen Landkreisen ein starker konfessioneller Zuspruch herrscht, ist von einem entsprechend samariterlichen Bedürfnis nichts zu spüren“.

Jugend war aufgeschlossener

Von damals jugendlichen Einheimischen ist überliefert, dass sie die Mentalität von jungen Leuten aus Böhmen und Mähren durchaus als Bereicherung empfanden, sie verhielten sich deshalb ungezwungener. Ansonsten hatten sich anfangs zwischen Einheimischen und Heimatvertriebenen immer wieder Irritationen im angeordneten Zusammenleben gegeben, wie anderorts auch.

Und erst viel später hat sich schließlich herausgestellt, dass der Zustrom von zum Großteil hochqualifizierter Wirtschaftsbürger ein außerordentlicher Gewinn für die oberhessische Region war. So ist heute auch im Allgemeinen nicht mehr daran zu zweifeln, dass die damals angekommenen Heimatvertriebenen einen Großanteil am wirtschaftlichen Aufstieg der neuen Heimat hatten. Insofern war die Eingliederung, volkswirtschaftlich gesehen, ein voller Erfolg.

19 Gedanken zu “40 Viehwaggons mit 1200 Menschen kamen in der Nacht

  1. Fitzi, die roten Daumen beziehen sich doch häufig auf dich persönlich, nicht auf dein Kommentar. Du gehst den Leuten vielleicht einfach auf den Keks mit den ständigen Parolen ohne jeden Mehrwert 🤷‍♂️

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    1. @der rote Hetzer- im Gegensatz zu einem Rookie wie Ihnen beschäftige ich mich seit 16 Jahren mit Landes- und Bundespolitik und den Programmen der großen Parteien.
      Und mit großen Parteien meine ich nicht Ihre Hass – und Hetzepartei.
      Die Wähler sind durch Ihren Parteitag und den Aufklärern des Verfassungsschutz gegen Ihre Propaganda „geimpft“.
      Nach der BT- Wahl 2021 heißt es für die “ Blaunen “
      Abschied von den liebgewonnenen Parteisesseln im Reichstag zu nehmen.
      Und es kehrt endlich wieder Anstand und Respekt im Plenum in Berlin ein.

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  2. Das es ein Gewinn für uns war daran ist kein Zweifel, nur haben die Heimatvertriebenen wie alle zur Hitlerzeit kräftig „Heil“ geschrien und nicht bedacht wie der Faschismus Enden könnte.Deshalb nie wieder Faschismus in unserem Land

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  3. Da ist er wieder aktiv, Fitz der rote Hetzer.

    Lesen Sie heute die Folge, wo Fitz pauschalisierend andere Menschen als Faschisten beschimpft.

    So ein wenig erinnert das ja an… 🤔 genau… 🤔 Faschismus. Aber so selbstkritisch muss man als roter Hetzer ja nicht sein 😉

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    1. #DerroteHetzer- falls Sie meine Denkanstöße als Beschimpfung erleben, so ist das Ihre persönliche Auffassung. Ein Amtsgericht in Suhl hat entschieden, dass ein Hauptraedels“Führer“ Ihrer Bewegung offiziell als Faschist benannt werden darf.
      Und da ich an zahlreichen Wahlkampfständen zahlreiche Erfahrungen mit AfD- Wählern machen “ durfte „, habe ich nach den Aussagen dieser Personen entschieden, diese auch als Faschisten zu benennen.
      Wer je auf einer AfD- Wahlkampfkundgebung war ( ich war bereits anwesend ),
      die/ der wird mir in meiner Einstufung dieser Rechtsextremen -Sympathisanten sicher zustimmen.
      Für mich bleiben diese Querdenker eine “ Blaune “
      öffentliche Gefahr !

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  4. In meinem Gewürzgurkenglas schwimmt noch eine einsame Silberzwiebel. Bevor ich das Gurkenwasser mit den Senfkörnern und den Wacholderbeeren ins Klo schütte, würde ich die gern als (zweiten) Preis für den besten Fitz-Kommentar ausloben. Wer macht auch gerade seinen Kühlschrank sauber und möchte sich beteiligen? Zum Beispiel mit einem eingetrockneten Leberwurstzipfel für trockenen Humor? Vorschläge bitte bei OL einreichen!

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    1. @Stiftung? Danke für die Anteilnahme .
      Eine OneWay- Flugkarte in meine Wahlheimat wäre mir dann doch lieber als Ihre geistigen Ergüsse ( Verzeihung : Gurkenwasser )

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      1. Noch haben Sie ja gar nichts gewonnen! OneWay in Ihre Wahlheimat geht auch ohne Flieger. Aber machen Sie den Klodeckel hinter sich zu. Prost Gurkenwasser!

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  5. Nie wieder Krieg
    Nie wieder Faschismus
    Und weitaus mehr als nur
    Ein bisschen Frieden !
    Frieden und Völker -Verständigung

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    1. Da stimme ich komplett zu. Es fehlt nur:

      Nie wieder Armut, Mangelwirtschaft und Sozialismus.

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      1. @DerAnusPraeter-antwortet mir wie ein Papagei wenig später! Das ist für dich :
        Nie wieder AfD –
        Nie wieder Herrenmenschen-
        Nie wieder Holocaust und Vernichtung Andersdenkender

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      2. @ Helge Fitz | 17.02.2021 um 12:36 Uhr

        Das ist für Fitz:
        Ein Papagei mit Anus praeter / legt kein Ei, doch lacht er später.
        Nie wieder Darmverschluss!

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      3. Die Liste ist noch nicht komplett
        „Nie wieder“ singen im Duett
        Sowohl die Braunen als auch Roten
        Und alle ihre Opfertoten
        Am Ende ist es ganz egal
        Ob dich ruiniert das Kapital
        Oder der Staat als Zwangssystem
        Mit beiden hast du das Problem
        Dass dich letztlich kein Rechtsstaat schützt
        Wenn du missbraucht und ausgenützt
        Drum Wähler gib beim Wählen acht
        Dass stets im Käfig bleibt die Macht
        Des Rechtsstaats Basis ist das Recht
        Und widrigenfalls ergeht’s dir schlecht.

    2. Die roten Daumen zu meinem Kommentar gegen Krieg und Faschismus sind aussagekräftig über die geistig – moralische Verfassung zahlreicher Kommentatoren 🤔

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      1. Vielleicht haben die Leser nur die Schnauze voll von Ihren Parolen-Kommentaren. Außerdem ist Ihre Unduldsamkeit gegen alle, die Ihre Parolen nicht mitbrüllen, nicht schon deshalb weniger faschistisch, weil Sie sich für die bewusste Vorhaut der Arbeiterklasse halten.

        P.S.: Nein, kein Schreibfehler. Ich weiß, dass es „bewusste Vorhut“ heißt.

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