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Pfarrerehepaar Kerstin und Michael Gütgemann sind seit April das neue Team in Angersbach, Landenhausen und Rudlos„Platz für zwei“ ist besetzt

VOGELSBERG/ANGERSBACH (ol). Es sind turbulente Zeiten, doch das Leben – auch das kirchliche – geht weiter. So hat mit dem ersten April das Pfarrerehepaar Gütgemann seinen Dienst in den Kirchengemeinden Angersbach und Landenhausen aufgenommen.

„Wir haben Platz für zwei“ – dieses Angebot, das die Kirchengemeinden Angersbach und Landenhausen nach dem Weggang des Pfarrerehepaars Weinmann im vergangenen Jahr potenziellen Nachfolgern im Amtsblatt machten, stieß auf weitgeöffnete Ohren bei Kerstin und Michael Gütgemann. Das Pfarrerehepaar, das zu dieser Zeit in Homberg Efze und damit in der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in unterschiedlichen Bereichen tätig war, war lange auf der Suche nach einem Angebot, das ihnen gemeinsam eine Tätigkeit als Gemeindepfarrer ermöglichen könnte.

„Und als wir feststellten, dass die EKKW hier auf unbestimmte Zeit nichts für uns haben würde, haben wir uns eben außerhalb dieser Grenzen umgeschaut“, so Kerstin Gütgemann. Sie und ihr Mann schickten eine Bewerbung in den Vogelsberg, die Chemie zwischen den Pfarrern und den Gemeinden stimmte auf Anhieb und seit dem 1. April sind beide nun in den Kirchengemeinden in Wartenberg tätig.

Alles ganz anders, als man es sich gedacht hätte

Der ländliche Raum ist beiden nicht fremd, denn im Knüll, wo sie bisher lebten und arbeiteten, ist die Region noch ein wenig dünner besiedelt als der Vogelsberg, die Strecken länger, die Infrastruktur nicht besser. „Wir freuen uns sehr, dass wir hier nun einen überschaubaren räumlichen Rahmen haben, den wir sogar mit unseren E-Mountainbikes befahren können“, freuen sich beide – neben ihrem Hund Nesto und dem Tanzen zählt das Fahrradfahren zum erklärten Hobby der beiden Theologen, deren Ankunft in ihren neuen Kirchengemeinden in eine nicht eben einfache Zeit fällt: „Natürlich ist alles ganz anders, als man es sich gedacht hätte“, bedauern Michael und Kerstin Gütgemann, deren feierliche Amtseinführung aufgrund der aktuellen Situation ebenfalls erst einmal auf unbekannte Zeit verschoben wurde.

Nach ihrem ersten persönlichen Eindruck, den sie im Januar mit ihrem Vorstellungsgottesdienst hinterlassen und sammeln konnten, sind nun kaum mehr persönliche Kontakte möglich. Gleichwohl kommunizieren beide rege per Telefon, per Video und auf Abstand mit ihren Kirchenvorständen und den Ehrenamtlichen der Gemeinden. „Wir lernen damit alle gleich auf ganz andere Weise kennen“, so ihr Eindruck, „und stellen fest: Die Menschen hier sind engagiert und herzlich, zupackend und voller Ideen.“

All das zeigte sich bereits zur Osterzeit, als die Kirchengemeinden Hoffnungstüten zum Mitnehmen packten, oder in der guten Kooperation bei den Gemeindebriefen und auf der Website, auf der die beiden Neuen sich bereits mit einer ganzen Reihe an Predigten und kleinen Video-Andachten vorgestellt haben. „Es ist tatsächlich so, dass wir schon erkannt werden, wenn wir mit dem Hund unterwegs sind, einkaufen oder spazieren gehen“, zeigen sie sich erfreut von ihrer neuen Wirkungsstätte.

Schwerpunkt in der Gemeindearbeit: Nah am Menschen sein

Als „Spätberufener“, der erst mit Anfang Vierzig nach vielen Jahren im kirchlichen Ehrenamt den Beruf des Pfarrers ergriff, weiß besonders Michael Gütgemann die Arbeit der Ehrenamtlichen und hier insbesondere des Kirchenvorstandes zu schätzen: „Was der Kirchenvorstand in der Zeit der Vakanzen, auch mit Hinblick auf die Verwaltung zweier Kitas geleistet hat, ist herausragend.“ Wie seine Frau ist auch er der Meinung, dass die Kompetenz dieses Gremiums in Teamarbeit gut aufgehoben ist: „Wir möchten auf Augenhöhe mit den Ehrenamtlichen arbeiten“, skizzieren sie einen Teil ihrer Philosophie von der Arbeit als Gemeindepfarrer.

Während Michael Gütgemann zuletzt schon als solcher in Kassel tätig war, bekleidete Kerstin Gütgemann – ebenfalls nach einer Zeit als Gemeindepfarrerin in Kassel – verschiedene Ämter in der Diakonie, u.a. als Oberin des Kurhessischen Diakonissenhauses in Kassel. Michael Gütgemann war bis zu seiner Ordination als Amtsrat in der Verwaltung tätig, seine Frau arbeitete nach ihrem Studium zunächst als Vertriebsassistentin, da damals ein Pfarrerüberschuss herrschte. Auf diese Weise bringen die Gütgemanns viel weltliche Erfahrung mit in ihr Amt – auch was das Familienleben betrifft: Beide haben aus einer früheren Ehe ältere Kinder, die nicht mit den beiden in ihrem Haus in Angersbach leben.

Ihre Schwerpunkte in der Gemeindearbeit sind von all diesen Vorerfahrungen geprägt: Sie sind nah an den Menschen, sie schätzen das Ehrenamt und die Chance der Vernetzung mit anderen Gruppen und Vereinen, die sich daraus ergeben, und sie haben ein Augenmerk auf seelsorgerische und soziale Belange. Dementsprechend haben sie auch Teile ihrer Aufgabengebiete untereinander geklärt: Michael Gütgemann ist Gemeindepfarrer in Angersbach und Rudlos und hat die Leitung der Kitas übernommen. Kerstin Gütgemann bekleidet eine halbe Stelle in Angersbach und ist mit dem anderen Anteil in Landenhausen aktiv. Auch den Religionsunterricht für beide Stellen hat sie übernommen, hinzu kommen in der Kita-Arbeit der pädagogische und seelsorgerische Teil.

„Gerade die letzten beiden Schwerpunkte sind für mich eine weitgehend neue Herausforderung, auf die ich mich schon sehr freue“; blickt die Pfarrerin nach vorne. Strikt getrennt sieht das Ehepaar seine Aufgaben nicht: „Wir können uns gut vorstellen, gemeinsame Gottesdienste mit thematischen Schwerpunkten wie beispielsweise zum Valentinstag oder Ewigkeitssonntag zu gestalten“, so eine Vorstellung, „oder Meditationen, Abendgottesdienste oder Gedenkgottesdienste anzubieten.“ Auch die Konfirmandengruppen der beiden Kirchengemeinden werden zusammengelegt – und für die insgesamt 27 Jugendlichen gilt es jetzt, gerade wie in anderen Bereichen auch, neue Kommunikationswege zu finden.

Neuem eine Chance geben

„Grundsätzlich ist diese Zeit auch eine Chance, Routinen über Bord zu werfen, Neuem eine Chance zu geben zu entstehen und nach der Krise zu schauen, was man an Gutem durchaus weiterführen kann“, so ein positives Fazit der aktuellen Lage, wenngleich beiden Pfarrern klar ist, dass dies nur eine Seite der Medaille ist, denn was diese Zeiten, die eine Erschütterung für alle Menschen darstellen, am Ende bedeuten, das können natürlich auch Kerstin und Michael Gütgemann nicht vorhersagen – zu unterschiedlich sind doch die Lebensumstände und Konsequenzen für jede und jeden einzelnen.

Sie erhoffen sich jedoch ein Nachdenken darüber, was wirklich wichtig ist. Und sie wissen, am Ende teilen viele Menschen eine Lebensangst. „Vielleicht kommen einige Menschen dadurch wieder mehr bei der Kirche an, vielleicht verlassen andere sie gerade deswegen. Wieder andere warten darauf, dass es hoffentlich endlich wieder losgehen kann mit den Gottesdiensten und den Treffen.“ Solange dies nicht möglich ist, stehen die Gütgemanns per Telefon bereit. „Wir haben verbindliche Sprechzeiten veröffentlicht und werden auch bei jeder Nachricht auf dem AB außerhalb dieser Zeiten zurückrufen“, versprechen sie ihren Gemeindemitgliedern.

Und die werden – wenn es nach dem Willen des Pfarrerehepaars geht – noch lange Gelegenheit zum Austausch und hoffentlich auch bald wieder zu Begegnungen mit Kerstin und Michael Gütgemann haben: Als die beiden sich in Angersbach vorgestellt haben, waren sie auf der Heimfahrt sicher: „Das ist es“. Und dieses Gefühl ist geblieben – gut für die Angersbacher, Landenhäusener und Rudloser, denn auch nach fast einem Monat in der neuen Heimat gibt sich das Duett unisono: „Wir würden gerne bis zur Rente hierbleiben.“