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Im Ruhestand: Pfarrerehemann Weinmann von Propst und vielen Gästen verabschiedetNiemals aufhören, von der Liebe Gottes zu erzählen

VOGELSBERG/ALSFELD (ol). Erwartungsgemäß war sie voll, die Angersbacher Kirche, besetzt bis auf den letzten hinzugestellten Stuhl, und das schon lange, bevor am Himmelfahrtstag um 14 Uhr das Pfarrerehepaar Jutta und Volker Weinmann fast zum letzten Mal in offizieller Mission eines seiner Gotteshäuser betrat, in dem die beiden – neben Rudlos und Landenhausen – vier Jahre lang tätig waren. Jetzt nahmen sie Abschied.

In der Pressemitteilung des evangelischen Dekanats heißt es, den Gottesdienst gestalteten mit Timo Hasenau, Karl Möller, Helmut Rommel und Christian Spogat vier Organisten, dazu fünf Musikgruppen, die Kirchenvorstände der Gemeinden Angersbach, Rudlos und Landenshausen sowie die Pfarrer Dorothea Göbel und Sven Kiesling aus Lauterbach. Die Verabschiedung selbst hatte Propst Matthias Schmidt gemeinsam mit der stellvertretenden Dekanin des Evangelischen Dekanats Vogelsberg Luise Berroth übernommen, ihnen assistierten Weggefährten der Weinmanns.

Flankiert von Kirchenvorstand und einer vollen Kirche zogen Volker und Jutta Weinmann mit Propst Martin Schmidt in die Kirche ein. Alle Fotos: Ralf Müller

Neben den scheidenden Pfarrern und den Mitwirkenden begrüßte Kirchenvorsteherin Inge-Lore Möller Bürgermeister Dr. Olaf Dahlmann im Gottesdienst sowie den Patron der Landenhausener Kirche Dr. Berthold Riedesel Freiherr zu Eisenbach. Ihren feierlichen Abschiedsgottesdienst hielten Jutta und Volker Weinmann selbst. Im Wechsel mit vielen musikalischen Beiträgen, dargeboten vom Blockflötenkreis Angersbach, dem Gesangsensemble der Musikkulturschule Lauterbach, dem Kirchenchor Landenhausen, dem Posaunenchor Ruppertshofen und dem Vocalensemble Contraste, folgten sie der Liturgie und lieferten gleichzeitig ein schönes Bild ihres vielfältigen theologischen Schaffens ab.

Volker Weinmann hatte als Text die „Utopie“ von Hanns Dieter Hüsch ausgewählt und in seinem Gebet zeigte er sich als begeisterter Pfarrer für Kinder: Seine Gesten dazu teilte er dieses Mal mit all seinen Gästen und Weggefährten, die sich gerne darauf einließen. Gemeinsam bot das Ehepaar zum Abschied eine Dialogpredigt dar, von der Kanzel zur gegenüberliegenden Ecke der Empore – sehr persönlich und berührend.

Ein Rückblick auf zwei leidenschaftliche theologische Leben mit Höhen und Tiefen, in denen Trauer und Freude nebeneinanderstehen. Sie sprachen von der Schnelligkeit der Zeit, von der Rastlosigkeit und der fehlenden Ruhe. „Es muss immer was los sein, es gibt immer mehr als nur eine Sache“, so die Wahrnehmung der Pfarrer, deren Erfahrung aber ist, dass Gott Zeit braucht.

Gemeinsam mit Luise Berroth (stellvertretende Dekanin im Evangelischen Dekanat Vogelsberg) und Propst Matthias Schmidt folgten Jutta und Volker Weinmann den Darbietungen im Gottesdienst.

„Ich habe ihn gespürt in großer Not. Ich wurde getröstet“, legte Jutta Weinmann ihr ganz persönliches Zeugnis ab – beide fühlten sie sich getragen in glücklichen und traurigen Zeiten. Ihr Fazit zum Ruhestand liegt für die beiden Theologen nah: „Wir werden niemals aufhören, mit dem Leben von der Liebe zu Gott und zu den Menschen zu erzählen. Es lohnt sich!“

„Die Menschen sind dankbar für Ihren Dienst“

Propst Schmidt zeichnete in seiner Ansprache das Bild von einem Seiltänzer, der gleichzeitig fest auf dem Seil stehen müsse, um nicht zu fallen, und doch auch den Blick auf das Ziel, das Große, das Ganze richten müsse. Auch im Leben gehe es darum, fest verbunden zu sein mit dem, was ist, gleichzeitig aber etwas Großes im Herzen zu tragen.

Schmidt blickte auf die Vita der beiden Theologen zurück: Pfarrer Volker Weinmann hatte Anfang der 80er-Jahre sein Vikariat in Leusel im Dekanat Alsfseld absolviert und hatte danach verschiedene Dienstaufträge in Rheinhessen inne, darunter als Gemeindepfarrer in Undenheim, als Schulpfarrer und als Seelsorger in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landwirtschaftlichen Familienberatungen.

Für die Kirchenvorstände sprach Inge-Lore Möller.

Jutta Weinmann war in diesen Jahren unter anderem als Pfarrerin in Oppenheim tätig, als Krankenhausseelsorgerin in Wiesbaden und gemeinsam mit ihrem Mann Pfarrerin in der Matthäusgemeinde Wiesbaden. 2014 suchten beide vor ihrem Ruhestand noch einmal eine neue Aufgabe und wandten sich an den Propst: „Wie ist das denn in Landenhausen und Angersbach“, sollen sie gefragt haben, und die Antwort des Propstes soll gewesen sein: „Sie passen gut hierher.“ Ideengeber seien Jutta und Volker Weinmann gewesen, so der Propst. Sie hätte vieles in Form gebracht in ihren Gemeinden: „Die Menschen sind dankbar für Ihren Dienst.“

Jeder Liedbeitrag und jede Ansprache verlieh der Wertschätzung Ausdruck, die die Menschen im Vogelsberg, aber auch Wegbegleiter früherer Zeiten Jutta und Volker Weinmann entgegenbringen. So waren besonders die Worte eigens angereister Weggefährten, die bei der Verabschiedung assistierten, sehr persönlich. Pfarrer Wolfgang Buck (Erlau), Michael Dries, Pfarrerin Dorothea Hess (beide aus Wiesbaden), Pfarrer Horst Heller (Pirmasens) und Pfarrerin Renate Höppner (Mageburg) blickten auf Vergangenes und Perspektiven, und sie hatten viele gute Wünsche dabei für ein weiteres Leben voller Freude.

Pfarrerin Jutta Weinmann während der der Psalmlesung.

Weinmanns waren ein Glück für die Kirchengemeinde

Für das Dekanat Vogelsberg sprach Luise Berroth. „Was für ein Glück“ seien die Weinmanns für ihre Kirchengemeinden gewesen, insbesondere auch für die Konfirmanden. Liebenswürdig, solidarisch, mit zugewandter Gelassenheit und einer positiven Haltung hätten sie ihren Dienst versehen und in allen Gemeinden Segensspuren hinterlassen.

Der Einladung in das große Zelt direkt neben der Kirche folgten die Gäste nur zu gerne. Eine lange Reihe von Rednern hatte sich angekündigt, daneben standen noch zahlreiche musikalische Punkte auf dem Programm: Kirchenchor, Kita-Kinder, das Duo Lea und Georg Seibert, das Ensemble der Musikkulturschule und die Blaskapelle Ruppertshofen rahmten die Grußworte ein. Das erste gebührte den Kirchenvorständen, die sich bei den Weinmanns bedankten und mit Volker Weinmann auch einen guten Chorsänger verlieren. Dr. Berthold Riedesel Freiherr zu Eisenbach dankte dem Pfarrerehepaar für dessen Engagement und Einsatz.

„You are my all in all“ – das Gesangsensemble der Musikkulturschule Lauterbach würdigte das Pfarrerehepaar musikalisch.

Weit entfernt von einem langsamen, geruhsamen Ausstieg aus dem Arbeitsleben, hätten beide in ihren letzten Dienstjahren neue Akzente gesetzt, den Kanzeltausch eingeführt, neue Formen der Gemeindearbeit ins Leben gerufen und die Gemeinden auf diese Weise sehr bereichert.

Dieser Einschätzung schloss sich auch Bürgermeister Dr. Olaf Dahlmann an. Er sieht viele Anknüpfungspunkte zwischen christlicher und kommunaler Gemeinde, schließlich hätten beide das Wohl der Menschen im Blick. Konkret zeige sich das in der Arbeit für die Kita, in den Planungen für die Umbauten von Gemeindehaus und Friedhofskapelle zu barrierefreien Gebäuden oder in der Nahversorgung. Letztere habe nicht zu zuletzt durch Volker Weinmanns Engagement in Landenhausen großen Auftrieb erlebt, so Dahlmann, denn der Pfarrer sei Mitinitiator des Wochenmarkes dort gewesen.

Der Kirchenchor Landenhausen sang seinen Pfarrern zum Abschied.

Viele Reden zum Abschied

Viele Anekdoten hatten die Rednerinnen und Redner zum Abschied mitgebracht: Man hörte von Volker Weinmanns Talent, als Waldschrat den Kindergottesdienst zu bereichern oder von nach Taizé geschmuggeltem Wein.

Jeder einzelne Beitrag – es folgten noch Pfarrerin Renate Höppner, Andreas Rudolph von der Landeskirchlichen Gemeinschaft Landenhausen, Christel Steinert und Gerlinde Kielburger vom Kulturverein Landenhausen, Ursula und Manfred Kraft als Vertreter aller Angersbacher Vereine, Hartmut Schneider von der Landwirtschaftlichen Beratungsstelle für Familie und Betrieb, Walter Pharo vom Kirchenvorstand Undenheim-Friesenheim, Annelie Gemmer vom Kirchenvorstand Ruppertshofen, Reiner Hedtrich vom Kirchenvorstand Leusel und Pfarrer Karl Heinrich Seelbach aus Bielefeld – war geprägt von persönlichen Erfahrungen, ganz viel Wertschätzung und den besten Wünschen für die Zukunft.

Es war ein langer Abschied, den Gäste, Gemeindeglieder, Familie und Freunde den Weinmanns bescherten. Das Ehepaar zieht nach den letzten Gottesdiensten und Amtshandlungen nach Fulda. Die Gemeinden bleiben zurück, hoffen auf eine kurze Vakanz und blicken gespannt nach vorn.