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Nach 60 Jahren: Abiturjahrgang 1959 trifft sich an der Alexander-von-Humboldt-Schule„Möge der Zufall Sie auf stabiler Bahn halten!“

LAUTERBACH (ol). „Für Sie ein Geschenk, für uns eine Ehre“ – mit diesen Worten begrüßte in der vergangenen Woche Schulleiterin Gitta Holloch die Abiturientinnen und Abiturienten des Jahrgangs 1959, die mit ihren Partnern zum 60-jährigen Jubiläum ihrer Hochschulreife aus allen Teilen Deutschlands und aus Österreich an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt waren.

In der Pressemitteilung des Lauterbacher Gymnasiums heißt es, neben Gitta Holloch war das ganze Schulleitungsteam bei der Jubiläumsveranstaltung in der Aula des Lauterbacher Gymnasiums zugegen und unterstrich damit die Wertschätzung dieses außergewöhnlichen Anlasses, den das Kammermusikensemble der Schule unter der Leitung von Markus Euler feierlich einrahmte.

„Sie kommen offenbar regelmäßig an ihre alte Schule zurück“, freute sich Gitta Holloch in ihrer Ansprache, als sie sich an den letzten Besuch der Gruppe vor zehn und elf Jahren erinnerte, als mit dem Nobelpreisträger Prof. Peter Grünberg noch ihr damaliger und im letzten Jahr verstorbener Mitschüler dabei war. Kurz und mit vielen Fakten gespickt war der Vortrag, den die Schulleiterin für ihre Gäste hielt. Sie präsentierte ihre Schule im Jahr 2019 als moderne Bildungseinrichtung, an der heute über 1.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden und ging aus aktuellem Anlass auf die derzeitigen Abiturprüfungen ein: Das Niveau ziehe spürbar an, bestätigte sie.

„Möge der Zufall Sie auf stabiler Bahn halten.“ Alle Fotos: Traudi Schlitt

Gerade stünden noch die mündlichen Prüfungen an – bis zu 300 Prüfungen erwarten die Lehrkräfte in den nächsten Wochen. Da lag es nah zu vergleichen, wie es vor 60 Jahren aussah: „Wir haben fünf Arbeiten an zwei Tagen bewältigt, dann war das Abitur geschafft“, hieß es – für die meisten zumindest, doch einige waren auch durchgefallen. Holloch ging sowohl auf die derzeitige Diskussion um zu schwere Abiturprüfungen ein als auch auf die Frage nach dem heutigen Niveau des Abiturs.

Sie erklärte den interessierten Gästen ausführlich, wie die Fragen des Abiturs bundes- und landesweit zustande kommen und ging auch auf neue Unterrichtsformen ein; das Classroom Management konnten die ehemaligen Schülerinnen und Schüler später bei einem Rundgang durch die Schule selbst noch kennenlernen.

„Ein Geschenk und eine Ehre“ – Schulleiterin Gitta Holloch begrüßte den Jubiläumsjahrgang.

Mit Schulsprecherin Fine Glitsch und ihrem Stellvertreter Felix Kimpel ließ es auch die SV sich nicht nehmen, den Besuch ihrer Vorgänger zu würdigen, unter denen sie sogar einen ehemaligen Schulsprecher ausmachten. Die beiden berichteten von ihren Aktivitäten und standen den wissbegierigen Gästen Rede und Antwort. „Hat die Schule ihr Versprechen niemanden mehr durchs Abitur fallen zu lassen einhalten können?“, war eine Frage, die nach dem letzten Besuch vor zehn Jahren brennend interessierte.

„Mit wenigen Ausnahmen wohl schon“, berichteten die Schulsprecher, die ihrerseits erfuhren, dass mancher das Abitur seinerzeit erst nach persönlicher Intervention schaffte, und dennoch von 24 Schülerinnen und Schülern fünf durchgefallen waren. Es ging um den Nachtmittagsunterricht, um G8 und G9 und um die Themen, mit denen die SV sich aktuell beschäftigt. Die Ehemaligen zeigten sich aufgeschlossen und auf der Höhe der Zeit – so entspannten sich angeregte Gespräche, die noch lange hätten andauern können, doch ein weiterer hochinteressanter Programmpunkt wartete auf die Gäste und auf zwei Gruppen der E-Phase.

Paul Bernhard Küthe, Organisator des Treffens, danke der Schulleitung mit einem Geschenk.

„Möge der Zufall Sie auf stabiler Bahn halten.“

Mit Prof. Dr. Volker Wihstutz war ein emeritierter Weggefährte Prof. Grünbergs in der Gruppe der Gäste anwesend. Der Mathematiker hat zwar nicht in Lauterbach sein Abitur abgelegt, da er vorher weggezogen war, hatte dem Jahrgang aber angehört und in seiner aktiven Zeit u. a. an den Universitäten in New York und North Carolina gelehrt. Für seine ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler und die E-Phasen-Gruppen hatte er eine Mathematikvorlesung mit dem Titel „Gesetzmäßigkeit oder Zufall“ mitgebracht, in der er darlegte, wie man mit Hilfe mathematischer Berechnungen dem Zufall auf die Spur kommt, also der Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns ebenso wie der wahrscheinlichen Zugehörigkeit zu einer gesundheitlichen Risiko- oder Erfolgsgruppe.

Dazu ging Wihstutz weit zurück in die Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung und zitierte eine lebhafte Diskussion des Spielers Casanova um die Gewinnchancen beim Glücksspiel. „Zwischen der Möglichkeit und der Tatsache liegt das Unwägbare“ – ein Satz der heute noch zutreffend ist und an dem sich im Lauf der Geschichte namhafte Mathematiker mit unterschiedlichen Theorien abgearbeitet haben: Fermat, Pascal, Huygens nannte der Redner und führte verschiedene Formeln ein, die durch das Aufkommen der Quantentheorie neue Beachtung erlangten.

Für die SV sprachen Schulsprecherin Fine Glitsch und ihr Stellvertreter Felix Kimpel.

Zur Statistik, Empirie und Wahrscheinlichkeitsrechnung kamen stochastische Methoden hinzu, getragen von Heisenbergs Erkenntnis, dass die Gesetzmäßigkeiten, die für ein Zufallsereignis gelten „eher das Mögliche als das Faktische darstellen“. Die Erkenntnisse aus der Stochastik, die sich erst ab der Mitte des letzten Jahrhunderts Bahn brechen konnten, kommen heute in der Medizin und den Naturwissenschaften, aber auch in den Wirtschaftswissenschaften, beispielsweise bei DAX-Berechnungen, zum Einsatz. Die Methoden der stochastischen Analysis lieferten eine Sprache für alle vom Zufall beeinflussten Ereignisse und beschäftigten sich auch mit der Tatsache, dass allein im „Rauschen“, also in zufälligen, sich im kaum wahrnehmbaren Bereich befindlichen Bewegungen, Stabilität bildet.

So wünschte der Redner nach seinem lebhaften und trotz des hochmathematischen Inhalts gut verständlichen Vortrags seiner Zuhörerschaft zum Ende des Vortrags „Möge der Zufall Sie auf stabiler Bahn halten.“

Die Gäste durften sich über ein Geschenk in Form eines Beutels mit Schullogo freuen.

Im Anschluss an dieses Highlight des Jahrgangstreffens machten sich die Damen und Herren auf, um die Schule zu entdecken und mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen. Sie sahen Altes und sehr viel Neues, erinnerten sich an viele Vorkommnisse, wie beispielsweise den Unterricht im „Olymp“, im alten Schulgebäude direkt neben der Hausmeisterwohnung. Sie berichteten von den unterschiedlichen Unterrichtsstilen in einer Zeit, in der die Gesellschaft immer noch sehr mit dem Schweigen über die NS-Zeit beschäftigt war.

Und sie machten deutlich, dass sie auch in ihrem Alter Interesse an neuen Entwicklungen haben und ganz offenbar auch für viele Schülerinnen und Schüler selbst interessante Gesprächspartner sind.

Ein Gedanke zu “„Möge der Zufall Sie auf stabiler Bahn halten!“

  1. So ein Abi-Jubiläum der Hochbetagten ist immer ein schöner Anlass, sich zu vergewissern, was das Leben uns lehrt und welches die Gesetzmäßigkeiten etwa für den Lebenserfolg oder die Erhaltung der Gesundheit sind. Dass dies hier in dem Vortrag eines ehemaligen Hochschullehrers über die Theoriegeschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung gipfelt, ist sicherlich ein seltener Glücksfall. Oder Zufall? Oder Schicksal?
    Am Ende wird wieder einmal deutlich, dass sich ein Menschenleben – trotz aller guten Ratschläge der „Lebenserfahrenen“ – nun mal nicht planen lässt. Und wenn sich nach mathematischer Einsicht im „Rauschen“ der zufälligen Lebensereignisse so etwas bilden kann wie Stabilität, so ist das offensichtlich schon das Optimum dessen, was wir erhoffen dürfen: „Möge der Zufall Sie auf stabiler Bahn halten.“
    Wer dies nur schwer erträgt, kann statt von Zufall immer noch von Schicksal oder Gottes Willen sprechen. Doch das Schicksal ist in aller Regel blind und der göttliche Ratschluss unerforschlich. Und so offenbart sich uns des Lebens Plan bestenfalls in der Rückschau auf ein nicht wiederholbares Experiment, indem wir aus der Aneinanderreihung von Ereignissen eine Lebenslinie konstruieren.

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