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Weltreligionentag bietet Einblick in Möglichkeiten des Zusammenlebens der Religionen„Macht euch auf, geht und lernt!“

ALSFELD (ol). „Liebe und Partnerschaft“, „Tod und Sterben“, „Zusammenleben in der Gesellschaft“ – es sind diese Themen, die viele Facetten des täglichen Lebens abbilden und die für jeden einzelnen Menschen etwas anderes bedeuten. Auf der Suche nach dem, was vielleicht trennt und vielleicht verbindet und das auch noch innerhalb der drei großen Religionen, die wir in Deutschland vorfinden, war in der vergangenen Woche die Max-Eyth-Schule.

Der Weltreligionentag stand hier auf dem Programm, organisiert von den Fachschaften Religion, Ethik und Politik der Europaschule gemeinsam mit dem Katholischen Dekanat Alsfeld und der Katholischen Jugendzentrale Alsfeld. Weiter heißt es in der Pressemitteilung der Schule, dass die Veranstaltung, zu der Vertreter und Vertreterinnen des Christentums, des Islam und des Judentums eingeladen waren, von dem Bundesprojekt Demokratie leben gefördert wurde.

„Es lohnt sich, über diese Themen zu sprechen, und zwar bevor es hakt und knirscht“ – mit diesen Worten eröffnete Schulleiter Friedhelm Walther den Tag und betonte: „Es geht dabei längst nicht nur um Religion, sondern um Werte und Lebensfähigkeit.“ Und es ging um den ganz persönlichen Zugang zu diesen Themen, wie Kathrin Landwehr vom Katholischen Dekanat unterstrich. Nicht Zahlen, Daten, Fakten standen im Vordergrund, sondern das, was das Leben der Menschen ausmacht: Wie leben sie vor dem Hintergrund ihrer religiösen Sozialisierung ihren Alltag?

„Nicht über Zahlen und Fakten, sondern über und mit Menschen sprechen“ – Kathrin Landwehr vom Katholischen Dekanat Alsfeld lud zum Gespräch ein. Alle Fotos: Traudi Schlitt

Gespräche mit den Vertretern der Religionen

Für jedes der oben genannten Themenfelder stand den Schülerinnen und Schülern der elften Klassen des Beruflichen Gymnasiums ein Raum bereit. Jeweils eine Stunde konnten sie dort gemeinsam mit Vertretern der Religionen sprechen, dann zogen die Schülerinnen und Schüler weiter, um sich dem nächsten Thema zu widmen. Für das Christentum nahmen Pfarrer Johannes Wildner und Käthe Wildner sowie Pfarrer Harald Wysk an den Gesprächen teil. Johannes Wilder ist Pfarrer in Schlitz, seine Frau Käthe ist Theaterpädagogin und Deutschlehrerin; Harald Wysk ist Pfarrer im Ruhestand, Mitarbeiter der Notfallseelsorge und Vorsitzender des Alsfelder Hospizvereins.


Für den Islam waren der Hodscha der Alsfelder Türkisch-Islamischen Gemeinde Hasan Erden dabei. Er wurde begleitet von der Übersetzerin Hatice Sarigül und der Lehrerin der Gemeinde Ilknor Taner. Vertreten waren außerdem Nadya Homsi von der Moscheegemeinde Gießen sowie Merve Yildirim und Türkan Otkan von der Moscheegemeinde Stadtallendorf. Als jüdische Vertreter waren Thorsten Schmermund aus Marburg und Wolfgang Hengstler aus Fulda vertreten.

Jeder Raum war dem Thema entsprechend gestaltet, Impulsfragen waren vorbereitet: „Wie bewertet meine Religion Ehe und Scheidung?“, „Welche Haltung hat sie zu Homosexualität?“, „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, „Warum gibt es Leid?“, „Wieviel religiöse Vielfalt kann eine Gesellschaft vertragen?“, „Gehört Religion in die Politik?“. Diese und viele andere Fragen sprachen die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Vertreterinnen und Vertreter der Religionen offen an.

Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Religionen waren zum Austausch in der Max-Eyth-Schule erschienen (erste Reihe von links nach rechts: Aegidius Kluth, Ilknor Taner, Hatice Sarigül, Friedhelm Walther, Wolfgang Hengstler, Thorsten Schmermund, Harald Wysk, in der zweiten Reihe u.a. Nadya Homsi, Merve Yildirim, Türkan Otkan sowie Käthe und Johannes Wildner).

Die Frage nach der Würde der Sterbenden beantwortet

Sie nahmen viele neuen Erkenntnisse mit, etwa, dass jede jüdisch geschlossene Ehe einen Vertrag beinhaltet, der die Frau im Falle einer Scheidung absichert, dass aber nur ein Mann eine Scheidung aussprechen kann, was wiederum viele Blüten im gesellschaftlichen Leben treibe, wie Thorsten Schmermund, selbst übrigens mit einer Nichtjüdin verheiratet, erzählte. Allen Religionen gemeinsam ist hier die Absicht das Leben zu teilen, so wie es Käthe Wildner formulierte, und sich frei zu entscheiden, wen man heiraten wolle, wie auch der Hodscha unterstrich. Auch Ehen unterschiedlicher Religionen standen die Vertreter aller in der Max-Eyth-Schule anwesenden Glaubensrichtungen offen gegenüber. Während das Christentum vorehelichem Sex inzwischen recht gelassen gegenüberstehe, müsse im Islam dann aber zügig geheiratet werden, so dessen Vertreter. Auch im Judentum sei Sex vor der Ehe immer noch nicht gern gesehen.

Eine Fragestellung im Raum „Tod und Sterben“ war die Frage nach der Würde der Sterbenden und damit verbunden das Thema lebenserhaltende Maßnahmen und Sterbehilfe. Im Islam sei Sterbehilfe eine Sünde, so Nadja Homsi. „Leben ist von Gott gegeben und wird von Gott genommen.“ Der Notfallseelsorger berichtete aus seiner Praxis, wie man sterbenden Menschen begegnen könne und wie man mit Trauernden umgehe, während der jüdische Vertreter darlegte, dass in seiner Religion weniger die Trauer eine Rolle spiele, sondern die Tatsache, dass der Verstorbene zu Gott habe gehen dürfen, wie Wolfgang Hengstler sagte.


Persönlich, mutig, offen, nachdenklich: Viele Fragen begleiteten den Austausch der Religionen.

„Es geht um Hilfe, darum sich dem Menschen ohne Ansehen der Religion zuzuwenden.“

Der Vertreter der christlichen Religion betonte, dass man nicht das Recht habe, zu sagen, welcher Umgang mit dem Tod richtig oder falsch sei, genauso wenig wie in diesen Momenten die Religion noch eine Rolle spiele: „Es geht um Hilfe, darum sich dem Menschen ohne Ansehen der Religion zuzuwenden.“ Auch Unterschiede in der Beerdigungskultur wurden thematisiert: Zum Islam gehöre eine rasche Beisetzung, die dem Menschen Würde schenke, formulierte die islamische Vertreterin, während der jüdische Glaube vorsieht, dass der Körper des Toten unversehrt bleibt.

Viele Fragen des Alltags beschäftigten die Gruppen im Themenfeld „Zusammenleben in der Gesellschaft“. Pfarrer Wildner und die beiden muslimischen Vertreterinnen Merve Yildirim und Türkan Otkan arbeiteten viele Gemeinsamkeiten beispielsweise in der Fastenpraxis heraus – auch wenn diese durch den Ramadan der Muslime viel präsenter sei, als das Fasten, das auch in der Bibel beschrieben wird und von vielen Christen auch noch praktiziert wird. „Wenn du Gott suchst, sollst du danach hungern“, führte Pfarrer Wildner in diesem Zusammenhang aus, in den er neben dem reinen Essenfasten auch die Sattheit der Gesellschaft an sich stellte, den Konsum, das Desinteresse der Menschen an vielen Dingen, die in der Überflussgesellschaft an Bedeutung verloren haben. Fasten könne Sehnsucht einüben, so der Pfarrer.

Engagierte Diskussionen führten alle Gruppen, die sich in einem Durchlauf allen drei Themenfeldern widmen konnten.

Einen Blick warf diese Gruppe beispielsweise auch auf das Beten: Arabische Christen beten zu Allah, wie Wildner aus eigenem Erleben wusste, Muslime in Deutschland beten genauso zu Gott, der für alle ein und derselbe ist, an den alle nur glauben, den niemand je gesehen hat. Wildner warb dafür, dass Christen sich wieder mehr auf ihr Christentum besinnen, auf das, was sie ausmacht.


Offenheit und Mut zum Ende gelobt

Drei Mal drei Stunden konnten die Gruppen über diese und viele andere Themen sprechen. Es wurden engagierte Diskussionen geführt, die Schülerinnen und Schüler sowie die Referenten konnten sich austauschen, über viel Fragen ihres täglichen Lebens nachdenken, sie in einen religiösen Kontext stellen oder auch nicht. Die Diskussionsinhalte werden sowohl in einem Nachtreffen der Lehrkräfte und Vertreter der Religionen noch einmal vertieft als auch Unterrichtsthemen in den einzelnen Klassen sein.

Am Ende des Tages standen Schlussworte der einzelnen Religionsvertreter: Sie lobten die Offenheit und den Mut zu vielen Fragen und betonten, wie wichtig es sei, im Dialog zu bleiben, sich nicht abzukapseln. Die Dialogbereitschaft sei ein großer Schritt auf einem gemeinsamen Weg, war man sich einig. Religion beginnt mit Wandern, so ein Appell an die jungen Leute: „Macht euch auf, geht und lernt!“

Persönlich, mutig, offen, nachdenklich: Viele Fragen begleiteten den Austausch der Religionen.