Die Veranstaltung zum Thema „Zukunftsfähige Wasserversorgung“ traf auf ein engagiertes und diskussionsfreudiges Publikum. Fotos: Traudi Schlitt

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Dr. Hans Otto Wack über die Auswirkungen des Klimawandels auf das Grundwasser im Vogelsberg und die Notwendigkeit neuer Wasserlieferverträge mit Rhein-MainWasserversorgung, Wasserschutz und Naturschutz als gesellschaftliche, Gemeinschaftsaufgaben

VOGELSBERG (ol). Das Thema Wasser hat in diesem heißen Sommer mehr als einmal die Diskussion auch im Vogelsberg bestimmt – nicht zuletzt, weil das Wasser aus der Region in großen Mengen in das Rhein-Main-Gebiet geliefert wird und es vor Ort, beispielsweise in Ulrichstein, zu einer echten Wasserknappheit kam. Grund genug, das Thema aufzugreifen.


In der Pressemitteilung heißt es, die Vogelsberg Consult hat gemeinsam mit dem Verein Wirtschaftsförderung und nachhaltige Entwicklung der Region Vogelsberg das Thema aufgegriffen, schließlich hängt am Ende auch dieses mit der Regionalentwicklung zusammen, wie Geschäftsführer Thomas Schaumberg zu seiner Begrüßung im Golfhotel Sickendorf am vergangenen Donnerstag herausstellte.

„Wenn im Rhein-Main-Gebiet Brunnen versiegelt werden, um immer weiter zu bauen und zu expandieren, wird immer mehr Wasser aus dem Vogelsberg benötigt. Das führt zur Ausweitung von Schutzflächen im Vogelsberg, die auch eine Ausweisung von Gewerbe- und Wohnflächen einer Vogelsberger Gemeinde einschränken können“, sagte Schaumberg, der eine gemeinsame Entwicklung für beide Seiten – Stadt und Land – als gewinnbringend erachtet. Er hob an dieser Stelle auch die vorbildliche Rolle der Ovag hervor, die bereits in den 90er Jahren als bislang einziger Wasserversorger in Hessen ein umfangreiches Steuerungssytem zur grundwasserschonenden Entnahme von Trinkwasser umgesetzt hat.

„Es geht um mein Wasser“

Für den Verein Wirtschaftsförderung und nachhaltige Entwicklung der Region Vogelsberg begrüßte Michael Wagner die Gäste. Nachhaltige Entwicklung bedeute sinnvolle und zukunftsfähige Nutzung der Ressourcen, skizzierte Wagner ein Ziel des Vereins. Wie sehr den Menschen im Vogelsbergkreis dieses vielschichtige Thema unter den Nägeln brennt, habe die Resonanz gezeigt: Gut 40 Menschen aus dem gesamten Gebiet waren gekommen, um von dem Referenten Dr. Hans Otto Wack Aktuelles zu den Folgen des Klimawandels für den Vogelsberg und zu den Wasserlieferverträgen mit dem Rhein-Main-Gebiet zu erfahren. Der Grund: „Es geht um mein Wasser“, begründete einer der Gäste kurz und prägnant.

Michael Wagner von der SGV stellte seinen Verein vor und warb für einen sinnvollen Umgang mit Ressourcen. Alle Fotos: Traudi Schlitt

Dr. Hans Otto Wack, selbstständiger Ökologe, Lehrbeauftragter u.a. an der Concordia University Montreal und der FH Fulda, ehemaliges Mitglied der Enquete-Kommission „Wasser“ des Bundestages und Mitglied in der Schutzgemeinschaft Vogelsberg eV (SGV), sei ein versierter Kenner und engagierter Verfechter des Lebensraums Vogelsberg. Er zeigte die Bedeutung von Nass- und Feuchtgebieten für ein stabiles ökologisches Gleichgewicht und die Trinkwasserversorung und machte auch deutlich, wie zerbrechlich dieses System sei, wenn Feuchtgebiete über die Maßen ausgetrocknet werden. Der Ökologe blickte in seinem Vortrag zum einen zurück auf die Klimaereignisse dieses Sommers, zum anderen auch weit zurück in die Geschichte der Wasserlieferungen aus dem Vogelsberg in das Rhein-Main-Gebiet, die bis in das voletzte Jahrhundert reiche.

Nach vielen Protesten und langen Verhandlungen hätten die regionalen Akteure, unterstützt von der OVAG und dem Umweltdzernat der Stadt Frankfurt, eine umweltschonende Grundwasserentnahme durchgesetzt, die über viele Jahre hinweg tragfähig gewesen sei – so gut, dass nach ersten Kahlschlägen in den Feuchtgebieten Naturschutzflächen ausgewiesen worden seien und mit der Zeit wieder Wasserflächen entstanden seien. „Also alles gut?“, lautete die Frage des Experten. „Nein“, hieß die Antwort, denn mit dem klimabedingten sinkenden Schneefall im Vogelsberg lasse auch die Grundwasserbildung nach – einen Vorgeschmack darauf habe der trockene Sommer bereits geliefert: Quellgebiete im Vogelsberg, beispielsweise bei Salz, seien so trocken gefallen wie nie – und von Schneefall war in diesem Winter bisher wenig zu sehen.

Lieferungen in das Rhein-Main-Gebiet sind zu überprüfen

Die Lieferungen in das Rhein-Main-Gebiet seien also zu überprüfen, so der Experte, übrigens selbst Vogelsberger, der auch in einer verfehlten Wasserversorgungspolitik wenig Anreize weder zum Wassersparen noch zur eigenen Gewinnung von Wasser im Großraum Frankfurt sieht. Dabei könne Frankfurt als wasserreiches, flaches Gebiet, in dem auch Regenwasser Zeit zum Einsickern hat, sich gut selbst mit Wasser versorgen. Eine Lösung dafür sehe Dr. Wack in einer wesentlichen Absenkung der Liefermengen in das Rhein-Main-Gebiet bei gleichzeitiger Stärkung der Eigenversorgung.

Im Vogelsberg müssten in den Wassergewinnungsgebieten höhere Grenzgrundwasserstände festgelet werden. Es bedürfe mehr Rückhaltebecken und gezielter Maßnahmen zur Grundwasserneubildung, führte der Ökologe aus. Der Vogelsberg müsse dazu den „überparteilichen wasserwirtschaftlichen Schulterschluss“ vollziehen und gemeinsam mit anderen Fernwassergwinnungsgebieten wie Burgwald oder Hesisches Ried mit einer Stimme die notwendigen Klimaanpassungsmaßnahmen einfordern und und im Dialogverfahren durchsetzen.

Blick zurück, Blick in die Gegenwart, Blick nach vorn: Dr. Hans Otto Wack sprach über die Vielschichtigkeit der Wasserlieferungen in den Vogelsberg.

Hier sah der Redner auch Bürgerinitiativen wie die SGV, die Kommunalparlamente oder die regionale Wirtschaft in der Pflicht. „Wasserversorgung, Wasserschutz und Naturschutz sind gesellschaftliche, solidarisch zu bewältigende Gemeinschaftsaufgaben. Wasser und Natur sind wie Luft freie Güter, die für die Daseinsvorsorge, auch der nachfolgenden Generationen, von immenser Bedeutung sind“, appellierte Dr. Wack an die Anwesenden – denn jeder Einzelne sei hier gefragt.

Betriebswirtschaftliche Interessen sollten Untergeordnet werden

Auf politischer Ebene müssten gesetzliche Rahmenbedingungen (Gesetze, Verordnungen, Erlasse, Auflagen bei Genehmigungen) für Vertragsvereinabrungen getroffen werden sowie ein finanzieller Rahmen zur Umstellung auf eine klimafeste Wasserwirtschaft geschaffen werden. Dazu müssten auch die großen Kommunen im Rhein-Main-Gebiet ihren Fernwasserbezug spürbar und stufenweise reduzieren. Dies könne in Form eines umfassenden neuen Wasserversorgungs- und Schutzkonzeptes geschehen, durch Moderinisierung sowohl der Trinkwasserwerke als auch der urbanen Infrastruktur, die beispielsweise auf ein doppeltes Leitungssystem ausgebaut werden müsse, damit Betriebswasser aus Brunnen oder Regenwasserzisternen verwendet werden könne: „Kein Trinkwasser mehr für Frankfurter Toiletten“, forderte der Redner.

Eine Lösung des Konflikts sehe Dr. Wack durchaus – Voraussetzung dafür sei, dass „die Politik endlich aufhört, die künftigen Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserhaushalt zu ignorieren bzw. schönzureden.“ Betriebswirtschaftlichen Interessen der Wasserversorger im Rhein-Main-Gebiet sollten der notwendigen Klimaanpassung untergeordnet werden. Die engagierte Diskussion, die sich im Anschluss an den fundierten und sehr gut nachvollziehbaren Vortrag ergab, war geprägt von viel Praxiswissen und der Frage, was die Menschen im Vogelsberg konkret tun könnten, um eine Wassergerechtigkeit zwischen Stadt und Land zerzustellen.

Thomas Schaumberg von Vogelsberg Consult skizzierte die Bedeutung der Wasserlierferungen vom Vogelsberg in das Rhein-Main-Gebiet unter den Gesichtspunkten der Regionalentwicklung.

Der Gedanke, auch über die Berufsverbände und über die kommlunale Schiene und nicht nur durch die Naturschutzverbände Druck zu machen, wurde überwiegend positiv aufgenommen.