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ÖPNV-Informationstag bei der VGO im Bahnhof AlsfeldWas man alles über den öffentlichen Personennahverkehr wissen muss

ALSFELD (ol). Die Kommunikation der Möglichkeiten des ÖPNV für bestimmte Zielgruppen, vor allem für Senioren, soll im Vogelsberg noch intensiviert werden. Insbesondere der Bedarfsverkehr in Form des Anruf-Linien-Taxis (ALT), sei erklärungsbedürftig. Aus diesem Grund hatte die Verkehrsgesellschaft Oberhessen (VGO) gemeinsam mit dem Vogelsbergkreis alle Mitglieder des Kreisseniorenbeirats zu einem Informationstag in die Geschäftsräume im Bahnhof in Alsfeld eingeladen.

In der Pressemitteilung der VGO heißt es, Ziel war, dass die Mitglieder des Kreisseniorenbeirats ihre gewonnen Eindrücke und Erfahrungen an die Senioren in ihren jeweiligen Kommunen weitergeben. Der Einladung gefolgt sind Seniorenvertreter aus Alsfeld, Mücke, Schwalmtal, Grebenau und Freiensteinau. Außerdem haben Vertreterinnen des Kreisjugendparlaments aus Mücke, Herbstein und Lauterbach sowie ein Vertreter des Fahrgastbeirates an der Veranstaltung teilgenommen. Diese Kombination aus Jung und Alt mag im ersten Moment überraschen, jedoch haben sich im Laufe des Tages Ideen für eine mögliche Zusammenarbeit zwischen Kreisjugendparlament und den Seniorenvertretern ergeben, zum Beispiel bei der Schulung zur Nutzung von Smartphones oder dem Internet.

Zu Beginn des Informationstags begrüßte Matthias Sebald vom Amt für Wirtschaft und den ländlichen Raum als Vertreter des Vogelsbergkreises die Teilnehmer in den Räumlichkeiten der VGO. Im Anschluss leitete der Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Oberhessen, Armin Klein, über zum praktischen Teil mit Mobilitätstraining an verschiedenen Stationen und führte die Teilnehmer auf den Bahnhofsvorplatz. Hier stand die VGO-Mitarbeiterin Barbara Sondergeld und einer der normalerweise rund um Alsfeld fahrenden Linienbusse schon bereit.

Einen Exkurs für ungeübte ÖPNV-Nutzer

Mit viel Fachwissen und Einfühlungsvermögen für Personen, die nicht so geübt im Fahren mit Bus und Bahn sind, brachte Barbara Sondergeld den Teilnehmern näher, wie man den Fahrplan an der Haltestelle liest, was die weißen Streifen und Flächen an der Bushaltestelle bedeuten, welches der sicherste Platz im Bus ist, wie und wo man sich bei der Fahrt festhält oder wie man seinen Rollator oder Einkaufstrolley im Bus sicher unterbringt. Bei einer kleinen Rundfahrt demonstrierte Busfahrer T. Becker welche enormen Kräfte schon bei einer Vollbremsung mit nur 15 km/h wirken. Viele der Teilnehmer waren selbst schon seit einigen Jahren nicht mehr in einem Linienbus im Vogelsberg unterwegs und zeigten sich von dem modernen Fahrzeug angetan.

Wie man mit dem Rollator in den Bus kommt. Foto: VGO

Viele Fragen drehten sich auch um das Anruf-Linien-Taxi, kurz ALT. „Das Wort ‘Taxi‘ im Namen sorgt häufig für Missverständnisse“, merkte Gottfried Rühl vom Alsfelder Seniorenbeirat kritisch an. Denn das ALT fährt eben nicht wie ein Taxi nach freiem Wunsch überall wohin man will, sondern stets nach einem festen Fahrplan auf einem vorgegebenen Linienweg von einer Starthaltestelle zur Zielhaltestelle – dafür aber auch zum günstigeren RMV-Tarif. Das ALT muss zudem spätestens 60 Minuten vor der im Fahrplan angegebenen Zeit telefonisch bestellt werden.

Den Fahrplan für das ALT findet man im Aushangkasten an der Haltestelle oder auch auf der Internetseite der VGO unter www.vgo.de, entweder in der Verbindungsauskunft oder als PDF zum Download. Das Anruf-Linien-Taxi kommt überall dort zum Einsatz, wo es aufgrund geringer Nachfrage aus ökologischen und ökonomischen Gründen nicht sinnvoll ist, einen großen Linienbus fahren zu lassen – denn das ALT fährt nur dann, wenn auch wirklich ein Bedarf, also mindestens eine Fahrtanmeldung vorliegt.

Für die Fahrt mit dem ALT benötigt man – wie auch im Bus – eine RMV-Fahrkarte. Die bekommt man entweder beim Fahrer, im VGO-ServiceZentrum oder am Fahrkartenautomaten. Und besagter Automat war nun auch die nächste Station der Gruppe. Hier erklärte Barbara Sondergeld die Funktionsweise, wie man das Ziel findet, welche Zahlungsarten möglich sind und wohin man sich wenden kann, wenn der Automat mal nicht funktioniert.

Auch der Fahrkartenautomat wurde erklärt. Foto: VGO

Danach ging die Gruppe wieder ins Bahnhofsgebäude zurück, um sich dann vom Verkehrsexperten der Rhein-Main-Verkehrsverbund-Servicegesellschaft, Steffen Wittka, über die Informationsmöglichkeiten auf der Internetseite, die RMV-App oder das Handyticket zu informieren. Nach mehr als vier interessanten und lehrreichen Stunden endete der Informationstag mit dem Wunsch aller Beteiligten den regen Austausch fortzuführen und bei künftigen Projekten frühzeitig miteinander in Kontakt zu treten, um insbesondere die Belange von Senioren berücksichtigen zu können.

3 Gedanken zu “Was man alles über den öffentlichen Personennahverkehr wissen muss

  1. Wenn das Anruflinientaxi eine echte Alternative zum individuellen PKW-Verkehr und Verbesserung für die Älteren sein soll, muss ein Transport von der Haustür und zurück möglich sein. Oder das innerörtliche Haltestellennetz des ALT müsste wesentlich dichter sein als das der Bushaltestellen. Die bessere Lösung wäre aber das Anruf-Sammel-Taxi (AST) statt des ALT (siehe https://www.vogelsbergkreis.de/Ansicht.1066.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=7970&cHash=aa54cef0a6dc8a9231b7e583e9abc1c0), mit dem man andernorts gute Erfahrungen gemacht hat. Nur im obigen Beitrag ist keine Rede mehr davon.
    Man hat herausgefunden, dass der Hauptgesichtspunkt für die Akzeptanz des ÖPNV nicht die Fahrzeit ins nächste Mittel- oder Oberzentrum, sondern die Nähe der Haltestelle zur Wohnung ist. Ohnehin erreichen 90% der Bundesbürger das nächste Mittelzentrum in 15 Minuten. Das sollte ausreichen.
    Was mich an der obigen Veranstaltung stört, ist die „Anpassung“ der Senioren an vorgegebene Strukturen, statt diese unter Beteiligung von Senioren entsprechend zu verändern. In einer Mobilitätsstudie aus Baden-Württemberg heißt es: „Ältere Menschen können als Experten für ihre Bedürfnisse nicht nur
    wichtige Informationen beitragen, sondern auch an der Lösung konkreter
    Probleme mitwirken“ (siehe https://mlr.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mlr/intern/dateien/PDFs/L%C3%A4ndlicher_Raum/KALR_Verbaendeanh%C3%B6rung_Stellungnahmen-Mobilitaet_im_Laendlichen_Raum.pdf).

  2. Es ist doch bezeichnend, dass lediglich Seniorenvertreter aus Alsfeld, Mücke, Schwalmtal, Grebenau und Freiensteinau, also aus fünf von 19 Städten und Gemeinden, der Einladung gefolgt sind, sich näher mit der Nutzung des ÖPNV im Vogelsbergkreis zu beschäftigen. Kein Bedarf oder einfach ein nicht seniorengerechtes Angebot?
    Ein Alltagstest des WDR Fernsehens (https://www.ardmediathek.de/tv/WDR/Das-Experiment-Staus-und-schlechte-Luft/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=18198186&documentId=55392172) kam erst kürzlich zu einem niederschmetternden Ergebnis. Auch für Berufstätige und junge Familien gibt es derzeit keine vernünftige Alternative zum Privat-PKW. Dies gilt erst recht für Senioren, sofern diese überhaupt noch ein Fahrzeug führen können. Was in dem Artikel vorgeführt wird, ist schlichtweg zu umständlich. Wenn man erst lange üben muss, um mit Bus oder Bahn zu fahren, ist das Angebot schon durchgefallen.

  3. Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist aus der Sicht 70- bis 90-jähriger Senioren genau so umständlich, erklärungsbedürftig und unkomfortabel wie es hier beschrieben wird. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, hat wenig davon, wenn das Anruf-Sammeltaxi ihn an der Bushaltestelle abholt. Da muss man erstmal hin und dann – eventuell mit schweren Einkaufstüten – auch von der Haltestelle zurück kommen. Fahrkartenautomat kaputt, aufgrund Sonneneinstrahlung schlecht ablesbar, das falsche Ziel eingegeben… alles viel zu kompliziert. Ich war nach langer Zeit mal wieder notgedrungen mit dem Bus unterwegs (Augenoperation) und hatte offensichtlich vergessen, dass man wie ein Astronaut im Raumschiff ohne Helm und ohne Gurt im ganzen Bus herumfliegt, wenn der in engen Dorfstraßen rechtwinklig um die Häuser lenkt oder plötzlich bremsen muss. Es bedürfte spezieller Seniorensitze, die Seitenhalt bieten und deren Haltegriffe nicht 1,5 m über dem Kopf schweben. Da muss man die Körperproportionen eines Schimpansen haben, um sich festzuhalten. Ein Grifflein an der Lehne des Vordermannes nützt überhaupt nichts, um die Querbeschleunigungskräfte aufzufangen. Wie froh war ich, als ich endlich wieder in meinem Privatfahrzeug saß.
    Im „Landkreis der Langen Wege“ (Hessenschau, https://www.hessenschau.de/wirtschaft/vogelsbergkreis-der-landkreis-der-langen-wege,hessencheck-versorgung-vogelsberg-100.html) ist der Privat-PKW durch nichts zu ersetzen. Warum wohl hat der Vogelsbergkreis die höchste Zahl an Privatfahrzeugen pro 1000 Einwohner (622,1 Fahrzeuge, siehe http://www.regio-pro.eu/download/Regionaldossier-Landkreis-Vogelsberg.pdf)?
    Es müsste doch jedem, der ein solches Anlernprogramm für den ÖPNV inszeniert, sofort auffallen, dass anlernprogrammbedürftige Angebote niemals funktionieren werden. Alles Geniale ist einfach. Wenn man Senioren mit einem für den ganzen Landkreis gültigen Seniorenticket in Form einer Magnetkarte ausstattet, die lediglich bei sich getragen oder maximal beim Einstieg in jedes Verkehrsmittel vorgezeigt oder per Lesegerät eingelesen werden muss, kann man sich den ganzen Aufwand sparen. Dazu gehört natürlich auch noch die kostenlose Mitfahrt für eine erwachsene Begleitperson und zumindest mal ein viel engeres Haltestellennetz für das Anrufsammeltaxi. Der Preis für das Seniorenticket sollte natürlich stark ermäßigt sein und bei geringem Einkommen amtlich bezuschusst werden. Aber bei einem Bevölkerungsanteil der über 64-jährigen von demnächst 40 Prozent dürften die Mehreinnahmen für den ÖPNV erheblich sein, zumal die Benutzung außerhalb der Hauptverkehrszeiten liegen und ohnehin geringer sein dürfte als z.B. bei Schüler*innen und Berufstätigen.

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