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Vortrag von Prof. Moré im Rahmen von „Nie wieder Krieg!“Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden

LAUTERBACH (ol). Sigmund Freud nannte es „Gefühlserbschaft“, die Psychologie heute spricht etwas sperriger von „transgenerationaler Weitergabe“: es geht um unbearbeitete Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, so lange, bis sie in das Bewusstsein dringen und bearbeitet werden können. Diesem Thema widmete sich Prof. Dr. Angela Moré in ihrem Vortrag im Hohhaus in Lauterbach.

Das schwierige und schwere Thema hat laut Pressemitteilung des Soroptimist International Lauterbach-Vogelsberg mittlerweile die Vorlesungssäle verlassen und ist in der Gesellschaft angekommen – der Vortrag von Sozialpsychologin Prof.Dr. Angela Moré war ein augenscheinlicher Beweis, denn das Hohhaus war bis zur letzten möglichen Sitzgelegenheit gefüllt. Die Veranstaltung von Soroptimist International (SI) Lauterbach-Vogelsberg im Rahmen des Projektes „Nie wieder Krieg!“ wurde erneut in Kooperation mit der Stadtbücherei und deren Förderverein durchgeführt.

Prof. Dr. Moré bei ihrem Vortrag. Foto: SI/Deibel

Moré führte ausführlich an Fallgeschichten auf, wie lange und nachhaltig Traumata von Generation zu Generation weitergegeben werden können, und welche schlimmen Folgen sie hinterlassen, sofern sie nicht bewusst aufgearbeitet werden. Meist seien es Kriegstraumata, die nicht nur Opfer und Täter tiefgreifend verändern, sondern auch Zuschauende, Mitläufer, Schweigende belasten, denn, so Prof. Moré: „Zuschauen bei Greueltaten und Grausamkeiten zerstört den Glauben an die Menschlichkeit“.

Traumatisierte, die das Erlebte und ihre Emotionen verdrängen und schweigen, re-inszenieren es immer wieder, um das Unverstehbare nachvollziehbar zu machen, wodurch es aber auch weiter wiederholt wird. Wenn es nicht gelinge, diesen Konflikt aufzulösen, gehe er auf die nächste Generation über. Das mittlerweile wissenschaftlich anerkannte Phänomen der „Gefühlserbschaft“ ist deshalb so bedrohlich, weil die Weitergabe unbewusst erfolgt: Das heißt bereits Babys und Kleinkinder würden tiefgehende, aber verdrängte Erfahrungen und angstvolle Gefühle ihrer Eltern verstehen. Das liegt daran, dass sie feinste Veränderungen in der Gefühlslage wahrnehmen können würden und diese Übermittlung ganz unbewusst ablaufe.

Aufarbeitung von Familiengeschichte

Diese „affektive“ Kommunikation ist der Weg, den unverarbeitete Traumata durch Generationen hindurch antreten können. Enkel und Urenkel können so von diffusen Gefühlen oder zerstörerischen Lebensmustern belastet sein, auch wenn der Kern des Traumas keinen eigentlichen realen Bezug zum eigenen Leben hat. Lösen lässt sich diese fatale Kette beispielsweise durch eine sinnstiftende Aufarbeitung von Familiengeschichte, die zu gelingender Trauerarbeit führen kann. Re-Inszenierungen werden dann aufgelöst, wenn alte Traumata erkennbar und bearbeitet werden können.

Das Thema habe das sehr aufmerksame Publikum spürbar berührt, wie die zahlreichen Rückmeldungen der Zuhörenden gezeigt haben, die von persönliche Erfahrungen aus der eigenen Familie berichteten. Schmerzlichen Gefühlen nachzuspüren, Schmerz zuzulassen und sich vor allem mit den eigenen emotionalen Prozessen auseinanderzusetzen kann eine Möglichkeit sein, so Prof. Dr. Moré, eine Gefühlserbschaft ins Bewusstsein zu heben, zu bearbeiten und auflösen zu können – zum Wohl aller nachkommenden Generationen.