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Kolumne "Rike's Report" am Samstag: Salamischeiben als Lesezeichen und Haarbürsten samt Schuppenflechte - Flohmarkt Ahoi!„Oh, oh, oh du armer Floh..“

Wir sind eine materialistische Gesellschaft. Wer etwas anderes sagt, der sollte wohl mal eine Runde durch die Haushalte unseres Landes drehen: Klamotten, Spielsachen, Bücher – jeder von uns hortet wohl irgendetwas nicht-lebensnotwendiges. Und dennoch können wir uns nur schwer von all dem Kram trennen, der uns so ans Herz gewachsen ist. Und leider genauso schwer an noch mehr Kram vorbei gehen. Zum Glück hat die Zeit uns etwas gebracht, das nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das Gewissen rettet: Flohmärkte. Altes los werden und Platz für Neues schaffen!

Als Student hat man es nicht leicht: Kaum Schlaf, viel Stress und frisch gekochtes Essen nur am Wochenende. Je nach Studienfach kommt noch dazu: Zeitmangel. Genug freie Stunden für einen Job sind selten und müssen meist bitter erkauft werden. Mit noch weniger Schlaf. Und noch mehr Stress. Ausgaben für Freizeit und Spaß bleiben da oft auf der Strecke, zum Geburtstag wünscht man sich Fachliteratur und unter dem Tannenbaum liegt ein Präparierkasten. Allein in den ersten Semestern stecken viele Studierende gut und gerne ein paar Hundert Euro in Anschaffungen für die Uni, wer nicht von den Eltern finanziert wird, muss dabei meist tief in die Tasche greifen. Dank Facebook, WhatsApp und Co eröffnet sich den abgebrannten Kirchenmäusen jedoch eine ganz neue Welt: Verkaufsbörsen. Unzählige Gruppen bieten gebrauchte Bücher und Materialien für günstige Preise an – da kann man mit Glück den Prometheus fürs Medizinstudium statt 199,99 Euro im Laden, durchaus mal für die Hälfte ergattern.

Spätestens seit dem guten alten Ebay ist das Onlineshopping von Gebrauchtartikeln der Hit: Auf Portalen wie Rebuy kann man nicht nur seine alten Bücher, DVDs und mehr loswerden, sondern für den Gewinn auch direkt das Regal neu bestücken – eine gefährliche Sache für alle Bücherfreunde da draußen, glauben Sie mir! Auch Börsen wie Kleiderkreisel und shpock lassen so manches Herz höher schlagen und füllen die eine oder andere Wohnung mit neuem Leben.

Doch nicht nur das pumpfreudige Organ und das Sparschwein freuen sich, auch die Umwelt findet das „Aus alt mach neu“-Prinzip gar nicht so übel: In jedem T-Shirt stecken etwa 2.000 Liter Wasser – wie viel da bei einem ganzen Kleiderschrank zusammenkommt, kann man sich vorstellen. Statt ab in die Tonne heißt es deshalb: ab auf den Flohmarkt. Egal ob visuell oder bei lebendigem Leibe, neben ein paar Euros macht das Verkaufen von altem Kram einfach nur eins: glücklich und frei. Auch wenn einen kurz die Wehmut und der Abschiedsschmerz überfallen – sobald man den entrümpelten Platz endlich mit Neuem füllen kann, ist vergessen, was war.

„Meine Mittel will ich so verwalten, dass wenig weit soll reichen.“ -William Shakespeare. Foto: fg.


Doch auch wenn und das World Wide Web so manche Erleichterung verschafft, ist vor dem Bildschirm zu sitzen schlichtweg nicht dasselbe, wie über den Flohmarkt zu trödeln. Ein bisschen feilschen an der Ecke, noch mal eine Runde zum Nachdenken über den Platz schlendern. Zugegeben, es ist gar nicht so einfach zwischen dem nutzlosen und teils überteuerten Tand, das passende Stück zu finden. Aber irgendetwas entdeckt man immer – und wird sich zu Hause plötzlich mit erschreckender Klarheit bewusst, dass man wieder mehr abgestaubt hat als ursprünglich geplant.

Trotz allem geht es bei dem Ganzen nicht etwa nur ums Kaufen und gekauft werden. Unterhaltung ist das Stichwort: Nette Gespräche und ein paar spannende Stunden verbringen, mit Menschen in Kontakt kommen. Wer es so richtig knüppeldick mag, der fährt dafür am Besten nach Paris: Auf dem Markt von Saint Quen, dem größten Flohmarkt der Welt, tummeln sich rund 3.000 Händler und bieten ihre Waren feil. Na wenn das keinen Ausflug wert ist!

Doch trotz aller Liebe zur Natur, der Umwelt und meinem Kontostand muss ich sagen: Alles möchte ich dann doch nicht aus zweiter Hand kaufen. Meine Regale sind gefüllt mit bereits gelesenen Büchern, auf meiner Kleiderstange hängt so manches Schmuckstück von Mutti und mein Geschirr ist ein Sammelsurium jeglicher Reste, die mir beim Einzug in meine erste eigene Wohnung geboten wurden. Doch beschäftigt man sich ein bisschen genauer mit der Welt der Gebrauchtartikel, wird man ungewollt an seine Schmerzgrenzen gebracht: Online stieß ich auf ein Gesuch über bereits getragene, gerne auch ungewaschene Unterwäsche.

Auch schön: benutzte Rasierer und Epilierer samt Stoppeln des Vorgängers. Oder wie wäre es mit einer Haarbürste, inklusive blonder Strähnen und Schuppen? Mein bisheriges Highlight waren jedoch zwei Gummihandschuhe. Klingt unbedarft. Das Gefühl verfliegt jedoch, wenn einem durch den Kopf geht, für welche seltsamen Dinge das gute Paar schon verwendet wurde. Da kommt einem die Salamischeibe als Lesezeichen aus Cornelia Funkes „Tintenherz“ wirklich harmlos vor. Was soll man da noch sagen? Manche Menschen (ver)kaufen auch wirklich alles, was bei drei nicht in der Tonne ist.

Meinem guten Willen, das eine oder andere Stück nicht neu zu kaufen, hat das Ganze trotzdem keinen Abbruch getan – auch wenn ich seit dem wesentlich skeptischer bin, was Onlineangebote betrifft. Inzwischen scheue ich mich auch nicht davor, zu Weihnachten bereits gelesene Zeilen und das eine oder andere nicht mehr passende Kleidungsstück aus meinem Sammelsurium an meine Liebsten weiter zu geben. Statt hochgezogener Augenbrauen ernte ich dafür Dank. Und mehr sogar: Meine Mutter freut sich über die Geschenke doppelt, wenn sie weiß, dass ich dafür nicht drei Tage lang fasten musste. Zumindest sagt sie das. Aber solange ich andere glücklich machen kann, spielt das woher ohnehin die kleinere Rolle. Und wie sagt an so schön: „Glück ist wie ein Flohmarkt, auf dem Du unter all den vielen Dingen das passende Schnäppchen findest.“ Und damit schließt sich dann wohl auch der Kreis.


 

Ein schönes langes Wochenende wünscht Ihnen

Ihre Rike

Übrigens: Unsere lieben Flohmärkte stammen aus dem Spätmittelalter, in dem die Fürsten dem Volk Kleidergaben überließen. Der eine oder andere springende Artgenosse wechselte dabei mit den Besitzer – also: Augen auf!