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Das DRK baut eine Seniorenresidenz auf dem alten Rockel-Gelände – Die Enkelin erinnert sich an lebendige Zeiten – Fotos einer einst wohlhabenden FabrikEin Stück Alsfelder Geschichte liegt jetzt offen

ALSFELD. Das Tor ist weit offen und lädt ein zu einer Besichtigung des Geländes. Viel zu sehen gibt es auf den ersten Blick gar nicht, aber für Bettina Jung ist dieser Besuch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Es geht um ein Grundstück des ehemaligen Rockel-Geländes in Alsfeld – ein Garten, den Bettina Jung noch gut in Erinnerung hat aus einer Zeit, in der sie als Rockel-Enkelin dort ein und aus ging. So erinnert sie sich auch an die Gründer der Rockel’schen Hutfabrik an der Löbergasse – die Erbauer des riesigen Gebäudes. Und ein Stück Alsfelder Geschichte.

 

Auf dem viele Jahre verwilderten Grundstück zwischen dem Elektronikmarkt Euronics XXL und dem Katzenborn möchte der DRK Kreisverband eine Seniorenresidenz bauen, berichtete Oberhessen-live unlängst, als das Gelände nach größeren Rodungsarbeiten aus dem Dickicht wieder auftauchte. 16 Wohnungen sollen dort auf den 2150 Quadratmetern entstehen, berichtete der DRL-Kreisgeschäftsführer Manfred Hasemann. Wann, ließ er offen, noch sei auch kein Bauantrag gestellt.

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Erinnerung an schöne Partys: Bettina Jung auf dem alten Gartengelände ihres Goßvaters.

Auch rückblickend ist es schwer, genaue Daten über die Geschichte des Grundstücks zu erhalten. Selbst ausgewiesene Alsfelder Historiker wissen nur vage Fakten. Tatsache ist aber: Die nun erkennbare Fläche mit dem Häuschen drauf war der Rest eines größeren Gartengeländes, das das Ehepaar Heinrich und Irma Rockel nach dem Zweiten Weltkrieg anlegte. Einst reichte es bis zur Löbergasse hinunter, aber der Wandel der Zeit und die Geschichte der Fabrik bedingten, dass es immer mehr schrumpfte.

Ihre Großeltern waren bodenständige Leute, erinnert sich Bettina Jung bei dem Besuch in dem einstigen Garten. Nachdem sie das große Fabrikgebäude – wahrscheinlich – in den dreißiger Jahren auf dem Gelände an der Schwalm errichtet hatten, wohnten sie selbst in einer verhältnismäßig bescheidenen Wohnung auf ihrem Gelände. Das mehrstöckige Haus steht noch an der kleinen Schwalmbrücke im Fulder Tor. Die Rockels bezogen damals das oberste Geschoss und vermieteten die beiden Wohnungen darunter.

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Die Rockel’sche Hutfabrik mit dem Gartengelände davor von oben: einmal in den vierziger oder fünfziger Jahren (oben) und in den Siebzigern.(Anklicken vergrößert das Bild).

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Oberhalb der Hutfabrik, so zeigt ein altes Foto, das aus den vierziger oder fünfziger Jahren stammt, gab es zu jener Zeit viele kleine Gartenparzellen. Auch, wo heute des AEZ-Einkaufszentrum liegt, befanden sich in jener Zeit Gartenparzellen. Der Vergleich mit einem zweiten historischen Bild aus den siebziger Jahren zeigt eine erstaunliche Veränderung: Die Fabrik hatte erweitert, ein neues Gebäude ist darauf zu erkennen  – Anzeichen für Wohlstand?

Die Gartenparzellen sind da bereits verschwunden, waren einem großen Garten und einem Parkplatz gewichen – für die Mitarbeiter der Fabrik, erzählt die Enkelin Bettina Jung. Ungefähr in der Zeit beginnen auch ihre Erinnerungen an die „Grüne Oase“ ihrer Großeltern: den Garten mit dem Pavillon . „Der Opa hat das gebaut“, erzählt die 53-Jährige, die im Kreiskrankenhaus arbeitet, und deren Erinnerungen Alsfelder Geschichte erzählen.

Opa Heinrich, so erzählt sie, sei ein Mann gewesen, der schöne Autos und die Jagd liebte. Gerne wäre er wohl auch gereist, doch seine Frau mochte lieber daheim bleiben. So legten die Rockels sich einen nahen Rückzugsraum an: den großen Garten mit dem Pavillon, der jetzt wieder sichtbar geworden ist. Sinnierend steht Bettina Jung heute auf der gerodeten Fläche und betrachtet das Häuschen. „Hier haben wir einige schöne Partys gefeiert“, denkt sie schmunzelnd an Jugendzeiten zurück. Der Garten bot Platz, der Pavillon Schutz und Sitzgelegenheit – und auch die Musik konnte lauter gedreht werden, weil das niemanden störte.

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Einst Entspannung für Oma Christa: der Hühnerstall, der umgestürzt noch vorhanden ist.

Ein Kamin, der nicht richtig zog

Für einen Gartenpavillon war das Häuschen gut ausgebaut: eine überdachte Terrasse außen, drinnen eine Küche, eine Toilette im Eingangsbereich, ein Kamin im Wohnraum – „der hat aber nie richtig gezogen“. Vielleicht rührte daher die im Volksmund übliche Bezeichnung „Rockels Eispalast“, an die sich die OL-Leserin Adelheid Reichelt erinnert.  Auch außen an der Seite des Hauses gab es noch einen kleinen Kamin, doch die Besucher machten es sich es sich lieber am Fenster der Küche bequem. Gartenlampen wiesen auf der anderen Seite den Weg. „Schön war es hier.“ Es gab viel Rasen mit ein paar Bäumen und Büschen – ein kleines Idyll mitten in der Stadt. Wehmut bei der Rückkehr? Ja, gibt die Zeitzeugin zu: „Ein bisschen ist da, wenn ich mir das ansehe.“

Auch Oma Irma hatte sich auf dem Gelände ausleben können: Sie ließ einen Hühnerstahl bauen, pflegte eine größere Schar des Federviehs. Das war ihre Art der Entspannung. Den Stall gibt es auch noch: Er liegt auf dem Dach, sieht aber immer noch stabil aus.

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Denkmal für den Großvater: Das war ein Springbrunnen auf dem Fabrik-Gelände.

Indes: Zu den Zeiten, als Bettina Jung dort mit Freunden feierte, hatte die Fabrik längst ihren Zenit überschritten. Hüte waren gründlich aus der Mode gekommen – das Unternehmen produzierte Defizit. Das bekam die junge Enkelin gut mit, war sie in den letzten Jahren in den Achtzigern doch selbst im Büro tätig. Um den Niedergang des Betrieb hinaus zu zögern, blieb den Rockels nichts anderes übrig, als ihren Besitz nach und nach zu veräußern. Dazu zählten auch ein paar Häuser in der Stadt. Auch der Garten ging schließlich weg, die Fabrik schloss Ende der Achtziger Jahre, das Gebäude kam unter den Hammer. Es sollte bis 1997 dauern, bis es als Gewerbehof neue Verwendung bekam und heute Büros sowie Wohnung beherbergt.

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So soll die geplante Seniorenresidenz aussehen. Grafik: DRK

Über den Garten legte sich die Natur: Bäume und Büsche wucherten die Fläche zu. Motorsägen legten im Januar das Stück Alsfelder Geschichte wieder frei – auch eine mit Moos überzogene Scheibe aus Beton. Die war einst Teil eines Springbrunnens auf dem Fabrikgelände, erinnert sich Bettina Jung. Den Brunnen habe einst die dankbare Mitarbeiterschaft ihrem Großvater gewidmet. Darauf weist auch die noch heute sichtbare Aufschrift: „Dem Gründer Heinrich Rockel.“

von Axel Pries

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