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Die gebürtige Grebenauerin Christine Heinz in ihrer Masterarbeit über das veränderte Verhältnis der Menschen zu Hunden – These: Hunde als Kindersatz?Vermenschlicht, verhätschelt, aber falsch behandelt

GREBENAU/KASSEL (aep). Tiere liebt Christine Heinz, so lange sie denken kann. Da wundert es wenig, dass die angehende Journalistin aus Grebenau aus ihrem Interesse für Hunde eine wissenschaftliche Arbeit erstellt hat, die ob ihres aktuellen Bezugs Aufsehen erregt: „Vom vierbeinigen Helfer zum Kindersatz?“, lautet der Titel ihrer Masterarbeit im Fach Soziologie an der Justus Liebig-Universität in Gießen. Die Arbeit ist inzwischen auch als Buch erschienen und stellt ein paar unbequeme Fragen.

 

Ursächlich für das Thema ist eigentlich „Ella“, erzählt die 27-Jährige, die 2008 ihr Abitur an der Max Eyth-Schule in Alsfeld ablegte und seither in Richtung des Journalismus-Berufs strebt. Mit der Mischlingshündin im Haushalt erfüllte Christine Heinz sich 2014 den lange gehegten Traum vom eigenen Hund, den sie erst umsetzte, als ihre persönlichen Umstände die Anschaffung erlaubten: die feste Zusage für ein Volontariat bei der HNA in Kassel, dazu eine Wohnung im Kasseler Umland. Nun würde sie einen Hund ordentlich halten können, fand die tierliebe Studentin.

Aber im Vorwege hatte sie sich schon viel über richtige Hundehaltung informiert und dabei fiel ihr ein Beitrag besonders auf. Der zeigte auf, wie sehr sich die Mensch-Hund-Beziehung im Laufe der Geschichte verändert hat: vom Nutztier zum Kameraden – und in neuerer Zeit zum Kindersatz?

Hunde: die neuen Babys in der Familie?

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema fehlten allerdings bislang, stellte Christine Heinz fest: „Da kam mir die Idee, darüber meine Master-Thesis zu schreiben und damit einen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten“. Dazu fielen ihr Aussagen in Gesprächen mit anderen Hundehaltern auf: „Das ist wie mit kleinen Kindern.“ Oder: „Ich wurde zur Mutti, als mein Hund einzog“. Das seien deutliche Hinweise  auf eine Vermenschlichung des Hundes. Sie beschloss, zu der bislang dünn besetzten Haustierforschung mit ihrer Master-Arbeit einen eigenen Beitrag zu leisten: „Die Wandlung der Bedeutung des Hundes in der Gesellschaft.“ Das Thema fiel bei ihrem Professor Dr. Herbert Willems sofort auf fruchtbaren Boden, im März 2014 startete sie das Projekt, und ihre inzwischen angeschaffte Hündin war dabei hilfreich.

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Der Hund: mehr als ein vierbeiniger Begleiter des Menschen? Christine Heinz fand mit „Ella“ eine Gehilfin für ihre Masterarbeit.


„Durch Ella kam der Kontakt zu vielen Menschen zustande, die ich ohne Hund wohl nur schwer richtig kennengelernt hätte“, beschreibt Christine Heinz selbst. „Für meine Thesis war es natürlich ausschlaggebend, etwas über das Leben von Menschen mit ihren Hunden zu erfahren. Durch den Austausch untereinander hatte ich aber nie den Eindruck, ein Eindringling zu sein, sondern vielmehr Gleichgesinnter. Dennoch habe ich mich immer bemüht, neutral und aus Forschersicht vorzugehen.“ In einem  Blog, der Hundefreunde interessieren könnte, gibt sie Tipps für Ausflüge und Reisen und stellen Berichte und Fotos ihrer Unternehmungen online: http://dogtraveler.tumblr.com/

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Fakten zur Master-Thesis:

Titel: Vom vierbeinigen Helfer zum Kindersatz?
– Die Thesis umfasst inklusive Quellen und Zitate 98 Seiten
– Zeitraum: März bis August 2014
– Betreuender Professor: Prof. Dr. Herbert Willems
– Prüfer: Prof. Dr. Herbert Willems und Dr. York Kautt

ISBN und Preise gibt es auf der Website des Grin-Verlages, bei dem übrigens auch eine weitere Arbeit von Christine Heinz veröffentlicht wurde: über Rollenbilder in Medien.

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Um ihre These, nach der der Hund in der modernen Gesellschaft immer mehr vermenschlicht werde, mit wissenschaftlichen Fakten zu untermauern, zeigt sie in dem Werk zahlreiche Beispiele von Konsum auf, wie er eigentlich bei kleinen Kindern zu erwarten wäre: Buggys für kleine Hunde oder Torten zum Geburtstag. Es gebe sogar Unternehmen, die Feiern speziell für Hunde ausrichten.

70 Hundehalter beantworteten Fragen zu ihren Lieblingen

Dazu führte sie eine eigene Studie durch: 70 Hundehalter haben ihr Fragen beantwortet, deren Antworten sie in Form von Tabellen und Grafiken in die Thesis integrierte. Die Studentin schaute einmal genau hin – wissenschaftlich: Wie gehen Hundebesitzer auf dem Hundeplatz mit ihren Welpen um? Ist es zutreffend, dass viele Welpen gar nicht als junge Hunde, sondern vielmehr als ‚Babys‘ wahrgenommen werden? Es stimmt, meint die junge Frau: „Selbst die Trainerin benutzte diese Bezeichnung für ihre Schützlinge“.

Bei ihren Recherchen fallen ihr auch widersprüchliche Verhaltensweisen auf. So geht sie in einem Exkurs „auf unser paradoxes Verhältnis zu Tieren ein. Während wir Haustiere lieben und verwöhnen, scheinen wir auf der anderen Seite kein Problem mit Tierversuchen oder der Massentierhaltung zu haben. Woran liegt das?“

Fazit: Die Grundbedürfnisse bleiben oft auf der Strecke

Das Fazit, das sie aus ihrer Arbeit zieht, dürfte manche wohlmeinende Hundehalter ernüchtern: „In meiner Arbeit konnte ich aufzeigen, dass der Hund in unserer Gesellschaft einen völlig anderen Stellenwert bekommen hat. Das lässt sich an unserem Umgang mit ihm feststellen, aber auch an den steigenden Umsätzen der Haustierindustrie oder den Fortschritten in der Tiermedizin, die der Humanmedizin in nichts mehr nachsteht. So sehr wir teilweise die Hunde verhätscheln, so sehr bleiben aber dabei die eigentlichen Grundbedürfnisse auf der Strecke: Auslauf, Kontakt zu Artgenossen und für den jeweiligen Hund angemessene Auslastung.“

Besonders deutlich werde das bei den vierbeinigen Spezialisten: Hunde, die ursprünglich für eine bestimmte Aufgabe gezüchtet wurden – Jagdhunde, Hütehunde – aber immer häufiger nur als Statussymbol angeschafft würden.“ Christine Heinz: „Sie erfahren dann keine rassegemäße Auslastung.“