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Bürgerversammlung zum Flüchtlingsansturm in der Alsfelder Stadthalle – Überwiegend wohlmeinende Beiträge – Landrat dämpft Hoffnung auf schnelle Lösung„Wir sind noch nicht auf der Spitze des Bergs“

ALSFELD (aep). Nicht überraschend war das große Interesse, dass diese Bürgerversammlung auslöste: Mehr als 700 Teilnehmer füllten Montagabend die Stadthalle in Alsfeld bis auf den letzten Platz. Es ging schließlich um den plötzlichen Ansturm von 1000 Flüchtlingen auf den Vogelsbergkreis, Landrat Manfred Görig und Bürgermeister Stephan Paule versprachen Auskunft. Doch dann überraschte die Stimmung, die der größte Teil des Publikums verbreitete: Eine Atmosphäre von Hilfsbereitschaft überwog kritische Stimmen. Richtig rechte Stimmungsmache blieb aus, obwohl Landrat Manfred Görig eher viel Arbeit versprach als eine schnelle Lösung.

 

„Es war wichtig, Sie so schnell wie möglich zu informieren“, hatte Alsfelds Stadtverordnetenvorsteher Heinz Heilbronn als Gastgeber dem Publikum erklärt, warum diese Versammlung binnen weniger Stunden einberufen worden war: Das Ereignis sei überraschend über den Kreis gekommen, obwohl es doch vorhersehbar gewesen sei. „Wir haben gemerkt: Jetzt wird es ernst“.

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Bis auf den letzten Platz besetzt war die Alsfelder Stadthalle am Montagabend.

Freitagmorgen um 8.45 Uhr, so erklärte Landrat Manfred Görig am Montagabend noch einmal den Ablauf, sei der Einsatzbefehl aus dem Wiesbadener Innenministerium gekommen, bis Montagabend um 18 Uhr für wenigstens 1000 Flüchtlinge maximal vier Hallen bereit zu stellen – als ein „Überlauflager“, dass Menschen aufnimmt, die in den Erstaufnahmelagern keinen Platz mehr finden. Seither hätten mehr als 400 überwiegend ehrenamtliche Helferinnen und Helfer eine große Leistung vollbracht, die Sporthallen in Lauterbach, Alsfeld, Homberg/Ohm und Mücke-Nieder-Ohmen für die Aufnahme und Versorgung der Ankömmlinge vorzubereiten. „Es galt, in 72 Stunden eine Herkulesaufgabe zu bewältigen“, sagte Landrat Görig – und erntete für das Kompliment an die Helfer großen Beifall.

Landrat: Weitere Flüchtlinge werden wahrscheinlich kommen

Dabei hatte er dem Publikum weder eine Linderung des Zustroms noch schnelle Abhilfe für das große Problem der vielen Sportvereine versprochen, die durch die Nutzung der Halle ihre Übungs- und Spielstätten verloren haben – alleine in Alsfeld durch den Verlust vierer Sportfelder für das gesamte Winterhalbjahr (siehe auch den Bericht von der Pressekonferenz am Morgen). „Wir sind noch nicht auf der Spitze des Bergs“, schloss Görig noch weiteren Zustrom von Flüchtlingen nicht aus – die möglicherweise dann ohnehin in den jetzt diskutierten Ausweichquartieren – Toom-Markt, Tennishalle, Adolf-Spieß-Halle – untergebracht werden müssten. In der Kürze der Zeit sei es gar nicht anders möglich gewesen, als die fertigen Hallen zu nutzen, und die Diskussion über andere Hallen könnte sich als müßig erweisen, wenn weitere Nachfragen aus dem Ministerium den Kreis erreichten.

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„Die Leute sind keine Tiere, das sind Menschen“, rief Elizabeth Rachier.

Aber es könne auch andere Lösungen geben für die betroffenen Vereine, erklärte Görig. Die Homberger Handballer etwa trainieren in Reiskirchen mit, und für den Alsfelder Handballverein, so erläuterte Bürgermeister Stephan Paule, sei man im Gespräch mit den Vereinen in Neukirchen und Treysa – immerhin brauchten die höherklassig spielenden TVA-Handballer gewisse Standards bei der Hallenausstattung. Ganz am Spielbetrieb vorbeiziehen werde das Ereignis nicht. „Dass das ganz ohne Blessuren für die Vereine bleibt, ist nicht anzunehmen“, sagte Paule, aber Landrat Görig appellierte auch an das Gemeinwesen: „Wenn wir alle ein Stück Solidarität üben, dann wird es Wege geben!“

Ansonsten werde aber alles getan, um nicht nur die Flüchtlinge anständig unterzubringen, sondern auch für Gesundheit und Sicherheit zu sorgen: Ein Security-Unternehmen bewache die abgeschirmten Lager vor Eindringlingen, die Polizei untenehme zusätzliche Streifenfahrten in die Region, und das Gesundheitsamt führe Kontrollen durch, um sicher zu stellen, dass Kranke entdeckt und behandelt werden können – insbesondere bei der Tuberkulose.

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Was tun zum Schutz vor ansteckenden Krankheiten? Eine Frage aus dem Publikum. Stadtverordnetenvorsteher Heinz Heilbronn reichte für die Beiträge das Mikrofon im Saal.

Manche Frage nach der Sicherheit

Die besorgten Fragen kamen aber dennoch: Nach der Sicherheit der Alsfelder vor kriminellen oder einfach gestressten Flüchtlingen, „wenn mal etwas verrutschen sollte“, wie ein Fragesteller es formulierte. Insbesondere die Sicherheit der Frauen vor Männern, die ein anderes Frauenbild mitbringen, beschäftigte eine Frau. Görigs Antwort, dass die Straftaten von Flüchtlingen genau so geahndet würden wie die von Deutschen, löste in einem Teil des Publikums indes nur skeptisches Gemurmel aus. Görig stellte dazu aber auch fest, dass ihm mehr die Sicherheit der Flüchtlinge vor den Anschlägen Rechtsradikaler Sorgen bereite: „Die Sicherheitslage ist andersherum viel schwieriger als wir es gerade diskutieren.“

Mehr Fragen und Wortbeiträge beschäftigten sich am Abend aber doch mit der Möglichkeit, den Flüchtlingen zu helfen – auch bei der Integration in die deutsche Gesellschaft, was die Lage stark entspannen würde. 42 registrierte Helfer gebe es bereits, erklärte Bürgermeister Paule. Sie leisteten Hilfsdienste außerhalb der Unterkünfte. Weitere Freiwillige könnten sich bei der Stadt registrieren lassen (Bürgertelefon: 06631 / 182 – 152 oder  fluechtlingshilfe@stadt.alsfeld.de). Ihre Mithilfe sei hochwillkommen, da viele der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer bereits an der Grenze der Einsatzfähigkeit stünden, erklärte Paule mit einem Dank in Richtung der Arbeitgeber, die sie freistellen.

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Appell zur Mithilfe: DRK-Kreisgeschäftsführer Manfred Hasemann bei der Bürgerversammlung.

„Die Leute sind keine Tiere, das sind Menschen“

Bei dem Thema regte ein Mann zum Beispiel an, Paten für die Flüchtlinge zu finden, die ihnen Land und Leute zeigen und erklären. Auch der DRK-Kreisvorsitzende Manfred Hasemann nutzte die Gelegenheit, das Hilfsangebot des Roten Kreuzes zu erklären und um Mitarbeit sowie Geldspenden zu werben.

In Erinnerung bleiben für diesen Abend aber vor allem wohl jene emotional anrührenden Momente, als Menschen zu Wort kamen, die als Ausländer in Alsfeld Fuß fassen konnten. Elizabeth Rachier zum Beispiel warnte davor, die Flüchtlinge einfach als potenzielle Straftäter zu betrachten: „Die Leute sind keine Tiere, das sind Menschen“, rief sie unter großem Beifall des Publikums. Und noch mehr Beifall erntete eine junge Frau, die sich als Syrierin vorstellte und betonte, dass die Ankömmlinge vor allem Schutz suchten, dafür dankbar seien – so wie sie auch vor Jahren, als sie nach Deutschland kam. „Ich danke Euch über alles!“, rief sie in den Saal.

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9 Gedanken zu “„Wir sind noch nicht auf der Spitze des Bergs“

  1. Gerhard Patz und Heimatliebe, Text i.O., Gleichklang mit mir.
    …in anderen Artikeln dieser Zeitung wurde ich dafür teilweise angegriffen, aber ohne Erfolg!

    Das Thema „Ansturm“, absolut Gleichklang mit Peter Remy, sehr gut.
    Das Wort „Ansturm“ hat natürlich auch eine ganz neue Dimension erfahren für die 100 Bürger in Sumte/Niedersachsen welche 1.000 Neubürger aufnehmen dürfen.

    Marc Lerch: Kaufkraft durch unsere Steuergelder, das würde mich mal interessieren wie das geht ?
    Also die Kaufkraft ist jetzt besser wenn die mein Geld ausgeben antatt wenn ich das ausgeben würde, oder wie ?
    Hinweis: Quelle=“Die Welt“
    -440 Milliarden Dollar überweisen Migranten nach Afghanistan, Nigeria und insbesondere nach Albanien. Die Zuwachsraten an Geldüberweisungen haben sich im zweistelligen Prozentbereich in den letzten Monaten erhöht. Zitat Ende!
    Warum, kommen Sie drauf ?

    Fakt ist aber auch, es kommt da an wo es gebraucht wird (hoffentlich nicht bei der IS)
    Entwicklungshilfe ist deutlich unter dieser Summe und auch bekannt dafür das es häufig nicht ankommt.

  2. Die Zuschrift „Heimatliebe§, kann ich nur voll unterstützen. Wer das auch immer geschrieben hat, der Mann(Frau) hat völlig recht. Wer die Flüchtlinge nach dem Krieg oder den Zuzug aus der DDR mit dem vergleicht, was sich heute abspielt, hat aus der Geschichte nichts, aber auch gar nichts gelernt.

  3. Zuerst einmal zu dem viel diskutierten Wort „Ansturm“.
    Gut, für Alsfeld mit seinen, bis jetzt, 300-400 Flüchtlingen kann man nicht von Ansturm sprechen. Wenn man aber die Zahl von 1,5 Millionen vor Augen hat, dann trifft das Wort doch mehr als zu. Ausgelöst hat diesen Ansturm ja unsere, hoffentlich bald, „Ex“-Kanzlerin.
    Lieber Marc Lerch, sie vergleichen die jetzige Situation mit der vor 25 Jahren als Menschen aus der ehemaligen DDR zu uns kamen. Dieser Vergleich hinkt allerdings sehr. Diese Leute sprachen unsere Sprache, hatten die gleiche Religion (wenn sie denn überhaupt einer angehörten) und sie kamen aus dem gleichen Kulturkreis. Und hier geblieben sind sie nur, weil sie Arbeit gefunden haben und vor allem auch arbeiten wollten und konnten. Diejenigen die wieder „zurück“ in den „Osten“ sind pendeln zahlreich in den „Westen“ um zu arbeiten.
    Oft wird auch die jetzige Situation mit der in der Nachkriegszeit verglichen, als zahlreiche Flüchtlinge zu uns kamen. Doch auch die, sprachen die gleiche Sprache, hatten die selbe Religion und Kultur. Außerdem war uns Land durch den Krieg, ich nenne es mal, personell stark unterbesetzt. Und was nauch sehr wichtig ist, diese Menschen halfen mit das Land wieder aufzubauen.
    Doch von denen die in der jetzigen Zeit hier ankommen trifft von alledem gar nichts zu. Klar, es sind sehr viele davon Kriegsflüchtlinge. Wenn man aber durch 4 oder 5 europäische Staaten „flüchtet“, in denen nachweislich Frieden herrscht, kommt man ausschließlich wegen des vermeintlich vorhandenen Wohlstands hier her. Ist somit ein Wirtschaftsflüchtling. Zu verdanken haben wir das ja unseren unfähigen Politikern, allen voran der Frau Merkel.
    Und wie die Flüchtlinge unseren Konsum stärken sollen ist mir schleierhaft. Geld bekommen sie von wem? Vom Staat. Und der hat es von wem? Von uns Steuerzahlern. Was sollen sie denn kaufen? Essen bekommen sie ja kostenlos geliefert. Oh ja, Handys bzw Smartphones, die kann man sich kaufen. Sind auch sehr wichtig zum überleben.
    Durch meinen Beruf bin ich, öfter als mir lieb ist, im HEAE in Gießen tätig. Im Aldi Markt in der Nähe dieses Lagers wird geklaut was das Zeug hält. Der Markt wollte bereits schließen, doch dann kamen die regionalen Politiker und sagten, dass man diese armen Menschen doch gewähren lassen soll und von einer Anzeige absehen soll. Das ist jetzt kein Märchen, es ist leider die Realität. Es wurde sogar blitzschnell eine Bushaltestelle gebaut, mitsamt einer Fußgängerampel um zur Haltestelle an der gegenüberliegenden Straßenseite zu kommen. Halten tut sich daran aber keiner der neuen Mitbürger, ganz zu schweigen vom Kauf eines Fahrscheins. Da müssten doch sie, lieber Marc Lerch, große Augen bekommen, dass es in diesem Fall so schnell möglich ist eine Bushaltestelle samt Fußgängerampel zu errichten, wo sie mit Pro Bahn jahrelang für eine winzige Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs kämpfen und immer wieder angeblich nicht vorhanden öffentliche Mittel als Grund der Unrealisierbarkeit diverser Vorhaben angeführt werden.
    Schön, dass sie als Ausländer im Irak viel Gastfreundschaft erfahren haben. Sie waren ja auch sicherlich zum arbeiten dort, oder haben sie versucht dort Asyl zu beantragen. Sicherlich haben sie sich auch mit der dortigen Kultur und Religion auseinander gesetzt und vielleicht noch versucht die Sprache zu erlernen. Leider können, oder wollen die muslimisch geprägten Einwanderer bzw Flüchtlinge sich zu großen Teilen nicht integrieren oder die deutsche Sprache erlernen. Warum auch, sie kommen ja auch so zurecht. Auch hier hat die Politik versagt und wird auch wieder versagen. Klar Ausnahmen gibt es immer mal, leider ist das Gegenteil die Regel, nur wird das in der Öffentlichkeit totgeschwiegen. Ist ja klar, man wird gleich als Rechter oder Nazi beschimpft. Sicherlich denken das jetzt viele von mir auch. Von mir aus, ist mir egal. Ich bin Deutscher und war mal stolz ein solcher zu sein. Wie gesagt war.

  4. Zur Inkriminierung des Ausdrucks „Flüchtlingsansturm“ im Kommentar von Axel Pries:
    Auf der Homepage der Bundestagsfraktion der Partei „DIE LINKE“ kommentiert die hochschulpolitische Sprecherin der Fraktion, Nicole Gohlke, die vorläufigen Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes zur Zahl der Studienanfänger mit der Bemerkung, die Hochschulen seien auf „den Ansturm“ der Studenten nicht vorbereitet. Warum so martialisch, die jungen Leute wollen doch nur studieren! Und an Weihnachten wird es wahrscheinlich wieder zu einem „Ansturm“ auf die Geschäfte kommen…

    Im Ernst: Laut Duden bedeutet „Ansturm“ auch „Andrang, Zulauf, Zustrom“. Also lasst die Kirche im Dorf!
    Solche Art von „political correctness“ ist nur noch absurd und führt zu einem Jakobinertum, dem am Ende jede Form von Freiheit zum Opfer fällt. Und zur anstehenden Lösung der Probleme trägt es auch nichts bei.
    Peter Remy

  5. Ich dachte immer Politiker wären vom Volk gewählt und würden die Interessen der Bürger vertreten sowie deren Sicherheit gewährleisten.
    Schön, man kann sehr geteilter Meinung sein, aber:

    Wie kann es sein, das Frauen bei der Veranstaltung in Alsfeld und in Lauterbach berechtigte Ängste zum Ausdruck bringen und nach Sicherheit fragen, die Antwort eines Politiker dann lautet, er würde sich mehr sorgen um die Sicherheit der Fremden machen!

    Nur ein Beispiel dafür wie daneben Politiker sich benehmen, wenn Sie Befehle erhalten haben, von oben natürlich!

    So, jetzt könnt Ihr wie in den anderen Artikeln welche ich geschrieben habe über mich herfallen.

    Die Abrechnung kommt immer zum Schluss.

  6. Ansturm ist mir zu martialisch, wie als ob ein Heer eine Festung angreift. Flüchtlinge greifen nicht an, sie suchen Schutz. Und was die zahl betrifft: ich möchte an 1990 erinnern: es kamen über 300 Leute aus den östlichen neuen Bundesländern. Die sind überwiegend geblieben. Es hat keinem geschadet. Im Gegenteil. Dadurch hielt sich die Einwohnerzahl noch etwas. Jetzt haben wir 350 Flüchtlinge- übergangsweise. Die stärken die Kaufkraft. Es sind zudem nicht nur Mit-Menschen sondern auch Konsumenten ! Aber: sie benötigen eine Betreuung bzw. Beschäftigung. Das sollte möglich sein ! ich hab als Ausländer im Irak damals sehr viel GastFreundschaft erfahren, Zeit etwas davon zurück zu geben !

  7. Axel Pries, nach Alsfeld kommen jetzt 350 Flüchtlinge in eine Art Notaufnahme. Was heißt da „Flüchtlingsansturm“?

    1. Wenn 350 Leute binnen weniger Tage in eine einzelne Kleinstadt kommen, kann man meines Erachtens nach von einem Ansturm sprechen, ohne semantisch einen Fehler zu begehen und ohne automatisch eine bestimmte politische Richtung bedient zu haben. Oder ab wann darf man denn nach Gusto eines Linken-Politikers von einem Ansturm sprechen? Dass es je nach politischer Ausrichtung ein nicht gern gesehenes Wort ist, ist mir bewusst, mit so einer Reaktion habe ich gerechnet – aber ich stelle mich lieber diesen Tatsachen, statt sie durch Totschweigen beenden zu wollen. Und ich glaube, Michael Riese, das wird auch Ihrer Sache nicht gerecht. Herzlichst Axel Pries

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