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SERIE: altes Alsfeld in Fotos, Teil 6 – Fachwerk: heute schick, aber damals gewöhnlichAls die verklärte Historie noch Alltag war

ALSFELD. Wenn Alsfeld heute mit Historie wirbt, dann vor allem, weil die Gassen und Häuser der Altstadt sichtbar ihre lange Geschichte andeuten: Das krumme und schiefe Fachwerk verströmt ein Aroma durchlebter Jahrhunderte, dem jeder handwerkliche Eingriff sich unterordnen muss. Schaut man die historischen Fotos genauer an, die der Geschichts- und Museumsverein vor Jahren in zwei Bändchen sammelte, dann fällt auf: So dachte man nicht immer. Im Gegenteil: In früheren Jahrhunderten hatte man Fachwerk offenbar satt.

Das legen manche Ansichten aus dem 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert gerade aus Alsfelder Vorzeigegassen nahe: Heute prächtige Fachwerkgebäude waren verschindelt oder verputzt. Kein Wunder eigentlich: Damals lebte man in der Historie, an die heute erinnert wird, und hatte noch offenbar keinen so ausgeprägten Sinn für die Romantik des Überkommenen. Fachwerk war nicht hübsch, sondern gängige Bauweise in der waldreichen Region – mit dem auch noch heute bekannten Nachteil, dass Holz schnell unter Wind und Wetter leidet. Also versteckte man es, auch wenn dabei Schnitzereien aus Gründerzeiten für Jahrzehnte verschwanden.

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Die obere Obergasse kurz nach 1900: von Fachwerk keine Spur. Aber die Liederbach lief noch in Rinnen die Straße herunter.

Ein Beispiel ist das Stumpf-Haus, heute Hill-Haus auf dem Marktplatz, das 1609 von Bürgermeister Jost Stumpf erbaut worden ist. Es ist heute prächtiger Bestandteil des Fachwerk-Ensembles. Im 19. Jahrhundert aber war es verputzt – und die Schnitzereien unsichtbar.

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Die Untergasse kurz nach 1900 vom Kreuz aus betrachtet. Links wird einmal das Kaufhaus Haug entstehen. Hinten rechts gab es das Rentamt.


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Das Mainzer Tor im Jahr 1908: im S-Schwung zum Roßmarkt, und Kinder schauen dem Fotografen zu.

Und wie vertraut doch manches 100 oder 120 Jahre alte Bild vorkommt: der Schwung der Straße am Mainzer Tor in Richtung Roßmarkt zum Beispiel, auf dem neugierige Kinder das Treiben des Fotografen verfolgen. Die leichte Biegung der Untergasse, die sich in Fachwerkfassaden verliert. Davor stehen Männer zusammen und führen lange vergessene Gespräche. Für diese Menschen waren die historischen Straßen nicht schwarz-weiß, sondern bunt wie heute, waren nicht Zeugen von Geschichte, sondern gelebte Gegenwart. Keiner der auf Glasplatten oder Zelluloid-Film verewigten Alsfelder – egal ob Erwachsener oder Kind – lebt heute noch. Aber auf den Fotos zeigen sie mit ihrer Existenz, worum es eigentlich geht, wenn man sich von den alten, körnigen und manchmal unscharfen Ansichten berühren lässt: dass der so selbstverständlich erscheinende Wohlstand unserer Zeit auf der Arbeit unzähliger Generationen Menschen vor uns beruht. Aus den Erfahrungen über die Zeiträume könnte man auch lernen.

von Axel Pries

Das sechste und letzte Rätselfoto: Wo entstand es?

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Das Rätselbild zeigt eine idyllische Alsfelder Ansicht von 1908: Wie heißt die heutige Straße, die hier entlang läuft?

Ein sechstes und letztes Mal gilt es in der Serie, den Ort eines historischen Fotos zu erraten. Mit der richtigen Antwort winkt wieder die freie Teilnahme an einer der offenen Stadtführungen des TouristCenter Alsfeld (Teil fünf siehe hier), die wir unter den richtigen Antworten verlosen. Und aus allen richtigen Antworten aller Rätsel-Teile ziehen wir am Ende den Gewinner einer der beliebten Nachtwächterführungen mit bis zu 15 Teilnehmern. Eine Teilnahme ist die Gelegenheit, vielleicht mit Familie, Bekannten, Kollegen einen lustigen und informativen Abend in Alsfeld zu erleben. Antworten bitte per E-Mail an: redaktion@oberhessen-live.de.


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Um Spezialitäten geht es bei einer der TCA-Stadtführungen.

Aktuell weist das Alsfelder Tourist Center auf offene Führungen im Herbst hin. Neben den klassischen Altstadtführungen am Samstag stehen dabei auch wieder besondere Rundgänge auf dem Programm.
Bereits am Samstag, 5. September, 14 Uhr, kann man sich über die Bau- und Braukunst informieren. Bei dem Rundgang „Balken und Bier“ erwartet die Teilnehmer Wissenswertes über die Braugeschichte, die Entstehung des Fachwerkbaus sowie die Geschichte des Alsfelder Brauwesens. Dabei gibt es Kostproben der Alsfelder Biersorten und auch Snacks und Speisen werden gereicht. Die Teilnahme an dem Rundgang kostet 20 Euro pro Person.
Eine Woche später, am 12. September, gibt es dann um 15 Uhr einen offenen Spezialitätenrundgang. Dabei wird den Teilnehmern nicht nur die Geschichte der Stadt Alsfeld näher gebracht, in verschiedenen Gaststätten kann man auch Spezialitäten wie Salzekuchen oder Kartoffelwurst probieren. Pro Person kostet die Teilnahme am Rundgang 20 Euro.

Am Samstag, 10. Oktober, ab 20.30 Uhr lädt dann der Nachtwächter mit seine Begleitern wieder zu einer nächtlichen Tour durch die Altstadt ein. Gemeinsam mit seiner Begleiterin Katharina begegnet er allerhand skurrilen Figuren wie dem Henker, dem Totengräber und anderen Gestalten. Dabei gibt es für die Teilnehmer auch einige Anekdoten und gruselige Geschichten zu hören. Zum Abschluss des Rundgangs steht dann bei einer Einkehr in einem urigen Keller noch ein Snack und ein Bier bereit. Anmelden kann man sich zu allen genannten Rundgängen im Tourist Center Alsfeld unter der Durchwahl 06631/182-165 oder per E-Mail unter tca@stadt.alsfeld.de. Anmeldeschluss ist drei Tage vor dem jeweiligen Führungstermin.

Einst als eine Chausee angelegt

Auflösung zu Rätsel-Foto Nummer fünf: Diesmal handelte es sich offensichtlich um ein schweres Rätselbild. Denn es kamen nicht nur deutlich weniger Antworten, es lagen auch nur wenige Teilnehmer richtig. Geraten wurde quer durch die Stadt: Hersfelder Straße, Volkmarstraße, Schnepfenhain waren im Angebot. Auf die Marburger Straße kamen nur wenige. Tatsächlich aber entstand die Marburger Straße zwischen 1837 und 1853 als Chaussee, die in Richtung Marburg führte – und zwar zunächst auf dem Grund der ehemaligen Stadtmauer. 1910, als das Foto an der Ecke zum Mainzer Tor entstand, waren die Bäume bereits richtig hoch gewachsen. Bei starker Vergrößerung ahnt man übrigens  auf dem originalen Foto im Hintergrund einen Hinweis (außer dem hier abgeschnittenen Straßenschild) auf die Straße: den Runderker einer der Fabrikanten-Villen, die heute noch stehen.

Richtig geraten und dann bei der Verlosung gewonnen hat beim fünften Bild Harald Kolb aus Alsfeld.



Ein Gedanke zu “Als die verklärte Historie noch Alltag war

  1. Das Haus am Markt 6 ist seit 1609 durch einige Hände gegangen. Es wird aber immer noch als Stumpf-Haus bezeichnet, nach Jost Stumpf, der es in der heute bekannten Form erbauen ließ. Die Bezeichnung Hill-Haus ist in unseren Unterlagen nicht zu finden.

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