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"Vulkan lässt lesen": Ingrid Steeger mutet schweren Stoff zu – Johanna Mildner souverän„Sex ist etwas, was dem Mann gefällt“

ALSFELD (aep). Wer immer einen vergnüglichen Abend erwartet hatte, musste von Anfang an enttäuscht sein: Da erschien keine Ulknudel auf der Bühne, um lustige Klimbim-Zoten zum Besten zu geben. Sondern eine zierliche Frau ließ sich von Johanna Mildner ins Rampenlicht bitten, die schon durch ihre Erscheinung eher Ernstes erwarten ließ. Hochgeschlossen in tiefem Schwarz erzählte Ingrid Steeger am Montagabend in Alsfeld von ihrem Leben – und so schwarz erschien es auch: missachtet, misshandelt und missbraucht in Kindheit und Jugend, herumgeschubst als junge Frau bis zum Zusammenbruch. Es war eine Lesung der anstrengenden Art.

 

Es war eigentlich gar keine Lesung, die im Rahmen der Reihe „Der Vulkan lässt lesen“ gut 200 Besucher in das Alsfelder Autohaus Deisenroth zog. Die OVAG zusammen mit den Buchhandlungen „Buch 2000“ in Alsfeld sowie „Lesezeichen“ in Lauterbach veranstalten die Reihe. Der Star des Abends, Deutschlands einstige „Ulknudel Nummer eins“, hatte zwar sein Buch mitgebracht, um das es gehen sollte. Aber so wenig wie der Titel „Und find es wunderbar“ dem Inhalt irgendwie gerecht wird, so wenig las Ingrid Steeger tatsächlich daraus: gerade mal die erste Seite.

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Weniger eine Lesung als mehr ein Gespräch unter Freundinnen: Ingrid Steeger und Johanna Mildner auf der Bühne.

Aber das war auch nicht unbedingt nötig. Denn stattdessen entspann sich ein knapp zweistündiges Zwiegespräch zwischen der 36-jährigen Alsfelder Schauspielerin und der berühmten, 68-jährigen Kollegin – als Freundinnen. In Kassel haben sie die vergangenen beiden Jahre gemeinsam auf der Bühne gestanden und sich angefreundet, erzählte Johanna Mildner eingangs, als sie den Gast als warmherzigen, offenen Menschen vorstellte, den man einfach gern haben muss. Auf ihr Betreiben hatte Ingrid Steeger eingewilligt, ihre Autobiografie bei „Vulkan lässt lesen“ in Alsfeld vorzustellen – wenn ihre Gastgeberin mit auf die Bühne kommen würde. Das tat Johanna Mildner, und das war auch gut für den Abend.

Denn es war schon starker Tobak, den Ingrid Steeger sehr offen und schonungslos, beinahe rücksichtslos dem Publikum präsentierte. Die Worte, die sie suchte, ihr scheu übers Publikum fliegender Blick, ihre wiederkehrenden Erklärungen, Opfer von Missbrauch zu sein, ließen mitunter akute seelische Nöte fürchten, und es war der souveränen Gesprächsführung einer Johanna Mildner zu verdanken, dass die Unterhaltung bei dem roten Faden blieb, den die Autobiografie verspricht: tiefe Einblicke hinter die Kulissen einer glamourös erscheinenden Schauspielkarriere. Wer hätte denn gedacht, dass alles ganz anders war, als die Deutschen in den siebziger und achtziger Jahren sehen und ahnen konnten?

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Eine souveräne Gesprächsführerin: Johanna Mildner mit Ingrid Steeger.

Schaut man sich heute alte Klimbim-Folgen an, hat sich mancher Witz verloren, aber das Blondchen, das sich mit viel Augenaufschlag, wenig Stoff und gelegentlichem Busenblitzer durch die Show gluckst, hat immer noch viel von der einstigen Präsenz auf dem Bildschirm. Das war aber nicht die Ingrid Steeger als Mensch. Bei Klimbim, das sie nach den frühen Sex-Filmchen tatsächlich berühmt gemacht hatte, so erzählt sie in Alsfeld, habe sie mehr geweint als gelacht. „Er hat die Komik aus mir rausgeprügelt.“ Mit „Er“ meint sie den inzwischen verstorbenen Regisseur Michael Pfleghar – einer der Männer in ihrem Leben, die von ihr beruflich wie privat Unterwerfung verlangten. Und sie ließ das mit sich machen, so wiederholt Steeger immer wieder, „weil ich das nicht anders kannte.“

„Sex ist etwas, was dem Mann gefällt“

Die Tragik ihres Lebens begann schon als Kind, blickt sie in Alsfeld zurück, immer wieder auf ihr Buch verweisend: „Das kann ich erzählen, weil das hier drin steht.“ Als eines von drei Kindern einer Kaufmannsfamilie habe sie nie Zuwendung und Liebe erfahren. „Meine Mutter hat uns nicht geliebt. Nur geprügelt.“ Vom Vater gab es immerhin nur alle 14 Tage Prügel. Aber im ehelichen Bett, in dem die Sechsjährige mit schlafen musste, lehrte er sie noch eine andere Erfahrung: „Sex ist etwas, was dem Mann gefällt. Und der Mann gewinnt.“ Wenn „er wollte“, wurde das Mädchen eben weg geschoben. Der Opa wollte die kleine Ingrid nicht wegschieben, der missbrauchte sie. Dass er sie dabei mit Marzipan lockte, verdarb ihr lebenslang den Appetit auf Kuchen.

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Nur kurz las Ingrid Steeger tatsächlich aus ihrem Buch.

Der Missbrauch ging weiter, so erzählte Ingrid Steeger, auch als sie eine junge Frau war. Das hieß sie noch Ingrid Anita Stengert – ein Name, den sie nicht mochte. Mehrfach sei sie vergewaltigt worden – auch an ihrer Arbeitsstätte als Sekretärin.“Ich habe gelernt, aus meinem Körper auszusteigen“, fasst Ingrid Steeger heute zusammen, wie sie sich damals fühlte. Widerstand – das hatte sie nie gelernt.

Als die Sekretärin dann als Model entdeckt wurde und Angebote bekam, in kurzen „Episodenfilmen“ als Sex-Starlet mitzuwirken, da machte sie mit und blieb allem filmischen Schmuddel zum Trotz: „Ich wollte doch nur nicht wieder ins Büro!“ Unter dem Titel „-Report“ gab es damals eine ganze Reihe von Sexfilmen, die angeblich Aufklärung betreiben sollten. Aber: „Die wollten damit doch auch nur Geld verdienen“, erklärt sie nun. Nach diesem Einstieg ins Filmgeschäft legte sie sich den Künstlernamen Steeger zu, es begannen die Siebziger, und irgendwann bekam sie über ihren Ehemann, den Kameramann Lothar Elias Stickelbrucks, die Chance, sich für die neue Show „Klimbim“ vorzustellen. Da machte sie auch schon seriösere Filme mit Konstantin Wecker und Karl Dall.

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Heimlicher Star des Abends: Steegers Yorkshire-Terrier Eliza. Die Hündin sorgte ungefragt für humoristische Einlagen auf der Bühne.

Bei dem Casting für Klimbim seien alle gleich von ihr sehr angetan gewesen, weil sie so lustig sei. „Die fanden mich originell, dabei habe ich gar nichts gesagt.“ Der Regisseur Michael Pfleghar wünschte, dass sie singt und nahm sie, obwohl sie einräumte, nicht singen zu können. Pfleghar wurde mehr als ihr Regisseur: auch ihr Lebensgefährte. Er nutzte ihre Labilität aus, erzählt sie heute, hielt sie klein und unterwürfig. Während der Stern des einstigen Starlets auf dem Fernsehbildschirm zum Star aufing, schrumpfte die Person dahinter immer mehr zusammen: „Ich weiß heute auch nicht mehr, wie das ging“, sagt sie. „Ich habe nie etwas von mir gehalten“. Da half es auch nicht, dass Filmstars wie Curd Jürgens und Theo Lingen sie längst als starke Kollegin bestärkten: „Ich hatte kein Selbstbewusstsein“, versucht Steeger zu erklären, und Johanna Mildner hilft ihr: „Die fanden dich klasse! Du warst dir nicht bewusst, wie gut du bist.“

Klimbim endete 1979, lässt sich nachlesen, Ingrid Steeger spielte in mehreren Nachfolgeshows mit. Eine spätere Theater-Neuauflage ab 2004 unter dem Titel „Die Klimbim-Familie lebt!“ endete, als Elisabeth Volkmann (2006) und Horst Jüssen (2008) starben, und Peer Augustinski einen Schlaganfall erlitt – und für Ingrid Steeger begann „die schlimmste Zeit“.

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Am Signiertisch gab es am Ende eine lange Schlange.

Sie, die sich immer eine heile Familie wünschte und stattdessen vier gescheiterte Ehen durchmachte. Die als dauerhafteste Beziehung nur die Reihe ihrer Hunde erlebte, versank ohne berufliches Engagement langsam in tiefe Depressionen, ließ ihr Leben gänzlich schleifen, bis zur Räumungsklage, bis sie 2010 auf Hartz IV angewiesen war – für die „Bild“-Zeitung eine riesige Schlagzeile. Eine Freundin half ihr seelisch wie organisatorisch aus dem Loch, ein neues Theater-Engagement zu festem Einkommen.

Und sie setzte sich dran, ihr Leben aufzuschreiben. Es sei sehr hart gewesen, das Buch zu schreiben, sagt sie nun, aber auch: „Ich fühle mich durch das Buch befreit!“ Ein neues Bühnen-Engagement bis 2017 sichert ihre Existenz, und das war für Johanna Mildner dann am Montagabend die Gelegenheit, der lange düsteren Erzählung einen optimistischen Abschluss zu geben: „Es geht ja weiter – und alles wird wieder gut!“ Der starke Beifall am Ende und die lange Schlange am Signiertisch bewiesen: Das Publikum ist an der Seite der einstigen „Ulknudel“.