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Reportage: Deutschland für Anfänger - Zu Gast beim IntegrationskursPauken für einen Neuanfang in der Fremde

ALSFELD. Die Gründe, warum sie hier sind, unterscheiden sich. Es sind Flüchtlinge, die aus Angst um ihr Leben hierher gekommen sind. Andere suchen einfach eine gute Arbeit oder sind der Liebe wegen ausgewandert. Sie alle eint der Wunsch nach einem Neubeginn. Bei uns, in der Fremde. Willkommen in Deutschland, willkommen in Alsfeld. Besuch in einem Integrationskurs der Volkshochschule und dem Zuhause einer Flüchtlingsfamilie aus Iran in der Alsfelder Goethestraße. 

Es ist 10.41 Uhr an einem warmen Morgen im Frühherbst, als Kursleiterin Sonja Pauli-Erler im Klassenraum Nummer 13 für ratlose Gesichter sorgt. Treffender gesagt, sind es die Vokabeln der deutschen Arbeitswelt, die in kreideweiß an der Tafel stehen. Betriebsrat und Gewerkschaft hat die charismatische, schlanke 48-Jährige mit dem Piercing in der Nase gerade angeschrieben. „Heute starten wir mit einem etwas schwierigeren Thema“, hatte sie zuvor noch im Lehrerzimmer gesagt.

Ihr gegenüber sitzen an diesem Morgen 20 Menschen aus zehn Nationen. Einige sind freiwillig in unser Land gekommen, andere, weil sie um ihr Leben fürchteten. Da wären zum Beispiel Cheryl Lynne, 52, Sekretärin aus Florida, seit zwei Jahren mit einem Deutschen verheiratet. Prince, 28, Sohn eines ehemaligen Diplomaten aus dem Kongo und derzeit Asylbewerber. Agnieszka (29) und Lukasz (31), ein junges Ehepaar aus Polen, das hofft, hier eine gute Arbeit zu finden.

Ihnen geht es ähnlich wie Zoran. Der 42-Jährige ist mit seiner Frau aus Serbien abgehauen, weil er dort selbst als Maschinenbauingenieur nicht viel Geld verdienen konnte. Ein älterer Herr aus Armenien sitzt am hinteren Ende der U-Formation, in der die Schultische aufgestellt sind. Eifrig flitzt der Bleistift über sein Heft. Warum er nach Deutschland gekommen ist, will der ehemalige Schuldirektor für sich behalten.

Die Kursleiterin: Sonja Pauli-Erler ist seit 18 Jahren im Geschäft.Die Kursleiterin: Sonja Pauli-Erler ist seit 18 Jahren im Geschäft.

Die Kursleiterin: Sonja Pauli-Erler ist seit 18 Jahren im Geschäft.

Vier mal in der Woche treffen sie alle sich für vier Stunden in den Räumen der Volkshochschule bei der Stadtschule, pauken Relativpronomen, unregelmäßige Verben und unsere Kultur. Die Teilnehmer lernen also nicht nur wie wir Deutsche uns unterhalten, sondern auch, wie wir ticken, welche Werte uns wichtig sind. Vermittelt wird möglichst lebensnah. Wer mitmacht, kriegt Tipps zur Wohnungssuche, erfährt, was der nette Herr von der Arbeitsagentur gerne hören möchte oder eben an wen er sich wenden soll, wenn der Chef ihn schikaniert. Das viele der Kursabsolventen zunächst bei Burgerketten Buletten wenden, in denen allein die Artikulation des Wortes Betriebsrat ein Kündigungsgrund sein kann, ist traurige Ironie.

Ist das, was hier gelernt wird, also die viel diskutierte Deutsche Leitkultur? Brezeln liegen zumindest keine auf den Tischen. Auch Lederhosen trägt niemand und ein Poster der Nationalelf sucht man ebenfalls vergebens. Leitkultur. Kursleiterin Pauli-Erler mag diesen Begriff nicht besonders. Sie verbindet damit bloß die Zementierung von Klischees über den deutschen Mittelstand. Ein geeigneter Fixpunkt für Integration „in einem kulturell so vielfältigen Land wie dem unseren“ sieht für Pauli-Erler anders aus. „Ich persönlich würde lieber von Werten, Rechten und Pflichten sprechen, die man kennen und akzeptieren sollte, wenn man in einer fremden Kultur Fuß fassen möchte“, sagt sie.

Es ist nicht immer einfach, gesteht Sonja Pauli-Erler, ihre Kursteilnehmer von eben diesen voll und ganz zu überzeugen. Manche würden bestimmte Dinge vielleicht gerade noch tolerieren, daraus ein Akzeptieren zu formen, gelingt ihr nicht immer. Wenn man in einem Land aufwachse, so sagt sie, in dem Homosexualität mit dem Tode bestraft wird, sei es verständlich, wenn man unsere liberale Sicht der Dinge nicht nachvollziehen könne.

Für einige ist der Kurs Pflicht, für andere nicht

Einigen schreibt die Ausländerbehörde vor, an solch einem Kurs teilzunehmen. Das betrifft zum Beispiel Menschen, die ihre Aufenthaltsgenehmigung nach 2005 erhalten haben und aus Sicht der Beamten nicht genügend Deutsch können, um ihren Alltag hier geordnet zu kriegen. Für wen der Kurs Pflicht ist, der bekommt ihn bezahlt. Die meisten sind allerdings freiwillig hier. „Es hat auch keinen Zweck, jemanden zu einem Sprachkurs zu zwingen“, sagt Sonja Pauli-Erler.

Die Frage, was Ausländer an Deutschland am meisten verwirrend oder kurios finden, steht im Raum. Oft liest man von Flüchtlingen, die verwirrt sind, wenn Autos an Zebrastreifen tatsächlich anhalten. Solche Anekdoten kennt Pauli-Erler nicht. Wer in ihrem Kurs sitze, der wolle etwas erreichen – und sei in der Regel tolerant und aufgeschlossen. Da ist kein Raum für Kulturschocks. Probleme zwischen verschiedenen Nationalitäten oder Religionen habe es bislang auch noch nicht wirklich gegeben, sagt Pauli-Erler, die den Job schon seit 18 Jahren macht. In den Pausen schallen manchmal Gespräche in Polnisch oder Persisch durch das Treppenhaus. Wieder im Klassenraum, bemüht sich die Gruppe nur Deutsch zu sprechen. Die Hälfte des knapp zehnmonatigen Kurses ist schon rum.

Bis vor zehn Jahren, erzählt die Kursleiterin, habe sie größtenteils Spätaussiedler aus den ehemaligen Ostblockstaaten unterrichtet. Ab 2005 wurden die Kurse „bunter“, das Bildungsniveau sei gestiegen, das Durchschnittsalter gesunken.Wer so lange wie Sonja-Pauli Erler Ausländern hilft, Deutschland zu verstehen, weiß vermutlich mehr über Integration, als einige Politiker. Trotzdem zögert die Dozentin etwas, bis sie auf die Frage, wie sie die deutsche Eingliederungspolitik denn bewerte, antwortet. Das Thema sei nun mal heikel.

Mehr Möglichkeiten, früher Deutsch zu lernen

Wir bräuchten mehr Möglichkeiten für Kinder mit ausländischen Wurzeln, schon vor der Schule Deutsch zu lernen, sagt sie schließlich. Schlechte Sprachkennnisse seien oftmals der Grund, warum Migrantenkinder schlechte Noten mit nach Hause brächten. Perspektivlosigkeit und ein schlechtes Selbstwertgefühl seien die Folge. Ein Nährboden, auf denen sich später radikale Propaganda wie des islamischen Staates gut entfalten könne.

Das Elterngeld, was gezahlt wird, wenn Mama und Papa den Sprössling nicht in den Kindergarten schicken, hält die Kursleiterin für unangebracht. Und dann sind da noch die langwierigen Asylverfahren. Für viele Menschen ist das lange Warten zermürbend, sagt sie. Dazu komme noch das Arbeitsverbot für Flüchtlinge in den ersten neun Monaten. Für Sonja-Pauli-Erler ebenfalls ein Unding. Genau wie die schlechten Möglichkeiten, seinen Schul- oder Berufsabschluss hier anerkennen zu lassen. Es könnte also einiges besser laufen.

Konzentriert über den Heften: Teilnehmer des Integrationskurses der VHS in Alsfeld.

Konzentriert über den Heften: Teilnehmer des Integrationskurses der VHS in Alsfeld.

Saeid legt die linke Hand an sein Kinn und die Stirn in Falten. Er greift nach seinem kleinen Persisch-Wörterbuch, dessen strahlendes Langenscheidt-Gelb mit der Zeit einem speckigen Grau gewichen ist. Fünf Stunden täglich hat Saeid Deutsch gelernt, als er vor einem Jahr mit seiner Frau Marjan, die ebenfalls im Kurs sitzt, aus dem Iran nach Deutschland kam. Er meldet sich, fängt an zu erklären. Gewerkschaften seien sowas wie Büros, in denen Hilfe bekäme, wer Probleme bei der Arbeit habe, sagt er. Im Iran gebe es auch so etwas. Die Busfahrer hätten eine ziemlich große Gewerkschaft. Aber wirklich was taugen würden diese Büros bei ihm zu Hause nicht, berichtet er in gut verständlichem Deutsch. Sonja Pauli-Erler schaut ihn mit großen Augen an, lächelt, nickt zustimmend. Saeid –  36 Jahre alt, groß, sportlich, tiefschwarzes Haar mit leicht grauen Akzenten á la  George Clooney –  ist der Beste im Kurs.

Auf Wohnungssuche

Ortswechsel. Goethestraße in Alsfeld, ein paar Tage später. Das Treffen bei Saeid zu Hause sollte schon vor einer Woche stattfinden, doch da musste er kurzfristig absagen. Es gibt Probleme mit seinem Vermieter, Saeid braucht dringend eine neue Wohnung und musste zu einem Besichtigungstermin. Das hatte er glatt vergessen. An der Wohnzimmertür hängen Zettel. Auf dem obersten stehen die Textzeilen von „Zum Geburtstag viel Glück“, auf denen darunter hat Marjan Tabellen gezeichnet, um sich die Tücken der deutschen Grammatik in ihren Kopf zu hämmern.

Auf dem Tischchen hat sie Plätzchen und Schokolade bereit gestellt. Eine blaue Thermoskanne hält den Tee warm, in der Ecke über dem Fernseher blüht schwarzer Schimmel durch die hellgelbe Tapete. 50 Prozent Feuchtigkeit in der Wand wären normal, in Saeids Wohnzimmer sind es 140. Der Vermieter hat nichts dagegen unternommen, sagt er. Sein sechs Jahre alter Sohn Kasra spürt den Schimmel wenn er atmet. Saeid ist froh, dass das mit der neuen Wohnung vermutlich klappt.

Vor fast genau einem Jahr kamen Saeid und seine Familie über Italien nach Deutschland. Das ihre Reise hier enden würde, wussten sie nicht, als sie mit Hilfe einer Schlepperbande in ihrem Heimatland ins Flugzeug stiegen. Saeid war es aber auch egal. Er wollte nur weg, weg aus dem Land, in dem er Angst um sein Leben hatte. Und das nur weil seine Frau und er vor ein paar Jahren zum Christentum konvertiert sind. „Du kannst im Iran nicht sagen, du bist Christ. Dann kommen Leute und machen so“, sagt Saeid und fährt mit dem rechten Zeigefinger quer seine Kehle entlang.

Sind froh, in Deutschland in Frieden leben zu können: Kermani und Saeid aus dem Iran. Ihr gemeinsamer Sohn war zur Zeit des Treffens noch in der Schule.

Sind froh, in Deutschland in Frieden leben zu können: Marjan und Saeid aus dem Iran. Ihr gemeinsamer Sohn Kasra war zur Zeit des Treffens noch in der Schule.

Er führte mal ein gutes Leben in dem islamischen Gottesstaat. Saeid hatte eine eigene Druckereiwerkstatt in Teheran, der Hauptstadt des Iran. Mit 1500 Euro im Monat verdiente er fast fünf mal soviel wie der Durchschnittsiraner. Bevor er anfing, seine eigenen T-Shirts zu designen und Plakate herzustellen, verkaufte Saeid zusammen mit seiner Frau Versicherungen. Viele ihrer Kunden waren Armenier, von denen ein Großteil traditionell Christen sind. Irgendwann unterhielten sie sich mit ihren Kunden nicht mehr nur über Policen, sondern auch über Religion. Freundschaften entstanden und Saeid kam ins Grübeln, ob der Islam tatsächlich das Richtige für ihn sei. Zusammen mit seiner Frau studierte er beide Religionen intensiv, las Bücher, dachte nach, bis er Allah schließlich „lebe wohl“ sagte.

Saeid und Marjan konvertiertem zum Christentum. Allen Gefahren zum Trotz. Es ging nicht anders. Sie hatten mit ihrem alten Glauben abgeschlossen. Ein Aufschrei ging durch ihre Familien, als das Paar den Bruch mit der Religion des Propheten verkündete. Es war ein weibliches Schreien. Die Väter hatten ihre Entscheidung relativ bald akzeptiert, doch Saeids und Marjans Mutter versuchten bis zu letzt, ihre Kinder umzustimmen. Ohne Erfolg. Marjans Mutter sagte zum Schluss so etwas wie „sie habe jetzt keine Töchter mehr“. Die Schwester der jungen Frau ist ebenfalls konvertiert. Der Kontakt ist so gut wie abgerissen. Marjan zieht geschwind ein Papiertaschentuch aus der Box, als sie von dem Streit mit ihrer Mutter erzählt und tupft sich die Augen trocken.

„Der Koran ist voller Gewalt“

Saeid findet heute nur noch schwer gute Worte über den Islam. Der Koran sei voller Gewalt, immer gehe es ums Töten und Kämpfen. Die Christen wollten dagegen Liebe und ein gutes Miteinander. Marjan erzählt, wie sie eines Tages beim Einkaufen von einer Frau in einen Van gezogen und verhört wurde, weil sie etwas zu viel Bein zeigte. Immer wieder würden Leute von der Religionspolizei im Iran verschleppt.

„Irgendwann kommt dann vielleicht die Nachricht, der Nachbar oder der Onkel ist tot“, erzählt Saeid. Seine Stimme ist die eines freien Mannes, er erzählt ohne Angst. Keinen Moment hat er es bereut, aus dem Iran abzuhauen. Auch nicht, als er mit seiner Frau und seinem Sohn die ersten Monate in einem 12 Quadratmeter großen Zimmer in der Gießener Erstaufnahme-Station verbringen musste. All das ist für ihn besser als das Leben im Iran als Christ.

Saeid hofft, tatsächlich in Deutschland bleiben zu dürfen. Seine Chancen stehen nicht schlecht. im vergangenen Jahr haben 800 Christen aus dem Iran einen Asylantrag gestellt, über 85 Prozent mit Erfolg. Der Familienvater hat sich eingelebt, stand schon mit den Jungs vom Alsfelder Sportverein auf dem Bolzplatz. Fußball ist seine große Leidenschaft. Momentan werden die Asylanträge seiner Familie noch geprüft. Als Asylbewerber zahlt Saeid den Integrationskurs aus eigener Tasche. Die 50 Euro sind es ihm allemal Wert. Er ist schon lange genug hier, darf arbeiten gehen. Endlich! Er ist beinahe verrückt geworden, als er nur zu Hause rum saß. Vor kurzem hat er bei McDonald’s angeheuert. Dort versucht er, so viel wie möglich an der Kasse zu arbeiten, um in den Kontakt mit Menschen zu kommen. Sein Deutsch ist ihm noch nicht gut genug.

Gemeinsam lernen: Saeid (rechts) bei einer Gruppenübung im Integrationskurs.

Gemeinsam lernen: Saeid (rechts) bei einer Gruppenübung im Integrationskurs.

Die Deutschen hätten ihn und seine Familie stets nett behandelt. Wenn jemand hier ausländerfeindlich sei, dann seien das die Ausländer, meint er. Anfang des nächsten Jahres ist die große Abschlussprüfung des Integrationskurses. Saeid geht gelassen an die Sache ran, Marjan wird wohl noch ein bisschen pauken müssen. Nach dem Kurs will Saeid, der im Iran sein Abitur gemacht hat, eine Ausbildung anfangen. Elektroniker, Installateur oder Automechaniker. Egal, Hauptsache irgendetwas bei dem er mit den Händen arbeiten kann. Den Traum einer eigenen kleinen Druckerei in Deutschland hat er aufgegeben. Damit lässt sich hier kein Geld verdienen. Wenn alles klappt, will er mit seiner Familie in eine größere Stadt ziehen. Alsfeld ist ihm auf die Dauer doch etwas zu langweilig.

Bei der Volkshochschule diktiert derweil das Weltgeschehen die Planung einiger Chrashkurse. Gut 200 Flüchtlinge aus Syrien wird der Kreis bis Jahresende wohl noch aufnehmen. Viel zu tun für Sonja Pauli-Erler und ihre Kollegen.

Von Juri Auel  – mehr über den Autor