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ErzArt3 im Kunstturm Mücke zeigt bundesweite Bandbreite zeitgenössischer KunstMalerei, Töne, Metall, Schwein: Alles was Kunst ist

MÜCKE (ol). Einen veritablen Sommertag hatten die Veranstalter des Vereins Kunstturm Mücke für die Vernissage der ErzArt3 jüngst erwischt – kein unwesentlicher Beitrag zum Gelingen am Anfang, ist die Hälfte der Objekte doch im Außenbereich rund um den ehemaligen Verladeturm platziert. Zehn Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Republik zeigen noch bis zum 6. September ihre Arbeiten in Mücke: Metallarbeiten, Toninstallationen, Malerei und viele andere kreative Aufbauten und Techniken – eine breite Schau zeitgenössischer deutscher Kunst im Turm oder im Kontext der Natur.

Zur Vernissage konnten die beiden Kuratoren des Kunstturms, Volker Schönhals und Thomas Vinson, acht der zehn ausstellenden Künstler in Mücke begrüßen sowie zahlreiche interessierte Gäste und Wegbegleiter. Schönhals dankte in seiner Begrüßung ganz besonders den Künstlern und Sponsoren. Da diese für die Region durchaus bedeutende Ausstellung erstmals nicht vom Kultursommer Mittelhessen gefördert wurde, war man mehr denn je auf die Unterstützung von kunstinteressierten Firmen und Bürgern angewiesen, führte der Kurator aus. Auch die Künstler selbst hatten – begeistert von der Idee und der inspirativen Kraft des Kunstturms – auf Teile ihres Honorars verzichtet.

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Die Kuratoren Thomas Vinson (links) und Volker Schönhals vor dem Kunstturm.

Eine große Ausstellung wurde dadurch ermöglicht – und das in einer sehr ungewöhnlichen Umgebung, wie auch Bürgermeister und Schirmherr Matthias Weitzel in seiner Ansprache betonte. Der Verein Kunstturm Mückebeweise, dass Kunst auf dem Land durchaus möglich sei. Durch die hervorragende Arbeit sei der alte Verladeturm zwischen Mücke-Merlau und Nieder-Ohmen zu einem Publikumsmagneten in der Region und darüber hinaus geworden, ein „Aktivposten, auf den die Gemeinde stolz sein kann.“

Kurator Thomas Vinson führte in die zehn ausgestellten Werke ein. Es sei der Ort, der einen besonderen Reiz böte, so Vinson zu Beginn seiner Ausführungen. Tatsächlich genössen die Künstler den ländlichen Charakter und seien durch ihn inspiriert zu Werken mit Bezug zum Ausstellungsort. „Die ErzArt3 ist eine sehr konzentrierte Ausstellung in einem überschaubaren Radius“, charakterisierte er die Schau und ergänzte: „Die Chronologie des Rundgangs lässt einen sehr interessanten Rhythmus entstehen.“


Im Kunstturm selbst sind fünf der Arbeiten zu sehen – der kleine Raum fordert dabei eine intensive Abstimmung der Künstler. „Im Fluss haben sie gemerkt, wo im Turm der richtige Ort für ihre Werke ist – ihre Anordnung verleiht dem Ausstellungsraum eine besondere Aura“, beschrieb Vinson die Situation.

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Spannend: Netzwerke und Raster in den Bäumen und an den Ästen zeigt Elvira Chevalier.

Fünf gerahmte Papierobjekte zeigt hier die Künstlerin Corinna Krebber: das aufgespießte Wort „sein“; existenziell, die Sinnfrage stellend, philosophisch, zieht es den Betrachter in seinen Bann. Angeordnet in Reih‘ und Glied, verselbständigen sich einzelne aufgespießte Wörter, verhalten sich ungerade, autonom: „Der ganze Begriff bewegt sich in diesem Objekt“, so Vinson.

Schräg gegenüber der monochromen Buchstabenreihen findet man eine Reihe von Farbarbeiten. Vero Pfeiffer, rückt auf zwanzig übermalten Indienlandkarten Farbeindrücke einer Indienreise in eine chronologische Reihenfolge. Bunt und gleichzeitig sehr nüchtern reagieren diese Karten auch auf die Toninstallation, die von der Verladeluke des Turms in den Raum hängt.

„2×0,33l_35d.thcsro(W), (Messing, Stahl, Kupfer, Schweinebauch ohne Schwarte, Nitritpökelsalz, Pfeffer, Knoblauch, Kranzdarm, Kunststoffe, Glas, Gummi)“ – dies ist der Name einer Installation der früheren Willingshausen-Stipendiatin Verena Waldmüller. Eine Maschine mit regionalen Lebensmitteln und Gegenständen als Einzelteile, die funktionstüchtig erscheint. Was auf Knopfdruck mit der „ahle Worscht“ und dem „Haaßebier“ passieren könnte, bleibt allerdings der Fantasie der Betrachter überlassen.


Mitten im Turm wie kleine bunte Spielzeuge die Wachsobjekte von Peter Harder. Einen mit dem ehemaligen Verladeturm untrennbar verbundenen Gegenstand, die Erzlore, hat er in einem Material nachempfunden, das ganz im Gegensatz zum eigentlichen Werkstoff Stahl steht: weich und formbar und unter Sonneneinstrahlung auch sehr vergänglich. Nur durch die verschiedenen Farben scheint sich auch die Form der Wachsobjekte zu ändern, lenkte Thomas Vinson die Aufmerksamkeit auf deren Farbgebung.

In einer „Symbiose aus Form und Funktionalität“ hat der Künstler Nikolaus Heyduck seine Toninstallation im Kunstturm entwickelt und aufgebaut. Geräusche aus der Umgebung werden in den Turm gebracht – das Publikum darf sich fragen, ob aus dem gegenwärtigen Moment oder nicht…

Gegenüber des Turms zeigt Angelika Summa eine Stahlskulptur, die die Farbe des Erzes aufgreift. Die große Kugel „versperrt keineswegs den Blick, sondern ermöglicht durch ihre Zwischenräume eine andere Wahrnehmung, einen neuen Eindruck der Landschaft“, so Vinson in seiner Hinführung.

Direkt am Turm zeigt Nicola Falley eine Installation aus neonorangefarbenem Stahlrohr. Die künstliche Farbe steht dabei im Gegensatz zu der natürlich-braunen Farbe der Außenwand des Turms, merkte der Kurator an, der Einbezug von Wand und Boden sei eine gelungene Positionierung. Durch einen leichten Spiegeleffekt scheint das Objekt sich in der Wand zu treffen.

In dem kleinen Waldstück hinter dem Kunstturm sind die Verspannungen Elvira Chevaliers zu sehen: Neongelbe Schnüre in den Bäumen, Netzwerke zwischen den Ästen, Raster an dem Holz – Anspielungen auf eine mehr und mehr vernetze Welt in einem durch und durch natürlichen Raum. Ein weiteres Werk der Künstlerin, eine im Gegensatz zu den „Netztwerken“ sehr massive Arbeit zeigt eine mit Wachs bearbeitete Styroporskulptur.


Sand und Wasser hat Lutz Kirchner vor einigen Wochen auf diesem Gelände eingeschalt. Zur Eröffnung legte er es während des ersten Rundgangs frei – „Sandy“, so der Name des Objekts, wird nun langsam den Weg alles Irdischen gehen: fest und stabil zu Anfang, wird sie der Witterung zu trotzen versuchen, am Ende aber ihre natürlichen Bestandteile an den Waldboden abgeben.

Tarnstoff in Neonorange, und damit farblich wieder bei der Installation direkt am Turm, zeigt als Zehnte im Bund der ErzArt-Künstler Kathrin Rabenort, an einem niedrigen Hochsitz am Waldrand. Eine überraschende Skulptur aus Stoff hat sie dort entstehen lassen.

Auf einem ersten Rundgang konnte sich das Publikum im Dialog mit den anwesenden Künstlern erste Eindrücke dieser hochinteressanten Ausstellung verschaffen. Diese ist in den kommenden Wochen noch bis zum 6. September jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr im Kunstturm Mücke zu sehen. Auch nach telefonischer Vereinbarung wird sie auf Wunsch geöffnet.

Mehr Informationen findet man unter www.kunstturmmuecke.de.

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Bildunterschriften

 

1 vinson und schönhals

Die Kuratoren Thomas Vinson (links) und Volker Schönhals vor dem Kunstturm

 

2 krebber

Die Daseinsfrage nicht immer in Reih‘ und Glied zeigt Corinna Krebber


 

3 waldmüller

Eigentümliche Maschine ohne Eigenleben: eine Apparatur Verena Waldmüllers

 

4 harder, heyduck, pfeiffer

Anordnung aus Wachs, Ton und Farbe – das Zusammenspiel der Werke von Peter Harder, Nikolaus Heyduck und Vero Pfeiffer im Inneren des Kunsttturms

 

5 heyduck


Aus der Verladeluke ragt die Installation Nikolaus Heyducks in den Kunstturm

 

6 summa

Anziehungspunkt gegenüber des Kunstturms ist die Stahlkugel von Angelika Summa

 

7 falley

Künstliche Farbe trifft natürliche Farbe – eine Komposition auf Wand und Boden von Nicola Falley


 

8 chevalier

Spannend: Netzwerke und Raster in den Bäumen und an den Ästen zeigt Elvira Chevalier

 

9 kirchner

Gerade erstanden und bereit zu vergehen: eine Allegorie aus Sand von Lutz Kirchner

10 Rabenort


Ein Sitz auf dem Hochsitz – die neonorgangefarbene Installation von Kathrin Rabenort

 

11 im turm

Großes Interesse herrschte im Kunstturm Mücke zur Vernissage der ErzArt3