Nicht glücklich mit der Entscheidung der Europäischen Zentralbank: der Alsfelder Bankchef Helmut Euler. Foto: aep

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EZB senkte Leitzins – Und die Kleinsparer? – Gespräch mit Bankchef Helmut EulerLieschen Müller hat nichts von dem billigen Geld

ALSFELD. Mit Spannung wurde am Donnerstag die Entscheidung der Europäischen Zentralbank über den so genannten Leitzins erwartet. Es kam wie erwartet: Der Leitzins sank auf ein historisches Tief von 0,15 Prozent – verbunden sogar mit Strafzinsen für „geparktes“ Geld. „Interessiert mich nicht?“ „Geht doch nur Banker und Politiker was an?“ Falsch gedacht: Diese von den meisten Menschen nicht entdeckte Nachricht betrifft jeden, der Geld bei einer Bank spart. Deshalb bat Oberhessen-live einen Fachmann aus der Region um ein klärendes Gespräch: Helmut Euler, Vorstand der VR Bank Hessenland.


Was bedeutet die Entscheidung für Sparer oder auch kleine Banken? Was könnte dahinter stecken, ist die Entscheidung richtig? Der Bankchef gab Redakteur Axel Pries kurzfristig bereitwillig Auskunft. Das ganze Gespräch:

Frage: Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen noch einmal gesenkt. Was bedeutet das für die vielen Kleinsparer, die ihr Geld in Sparbüchern auf der Bank haben? Werden für sie die Zinsen noch einmal sinken?

Euler: Man weiß heute noch nicht, ob die Zinsen sich noch weiter nach unten bewegen. Die Wahrscheinlichkeit ist sicherlich groß, aber jetzt wartet man erst einmal ab, wie sich die Märkte tatsächlich bewegen. Viel Luft nach unten gibt es ja nicht. Was ich ausschließe: Dass es für die Sparer negative Zinsen geben wird. Anders als für die Banken, die bei der EZB Geld hintelregt haben: Die müssen jetzt einen Strafzins bezahlen.

Ja… negative Zinsen für Sparer würde ja auch schlicht bedeuten: Die rennen Ihnen die Bude ein und holen ihr Geld ab.

Ja! Das halte ich für ausgeschlossen.

Sie sind Vorstand einer regionalen Genossenschaftsbank. Sind Sie glücklich mit der Zinspolitik der EZB?

Wir sind nicht glücklich mit der Zinspolitik! Dieses niedrige Zinsniveau führt natürlich dazu, dass sich die Zinserträge, von denen die Bank abhängig ist, nach unten bewegen. Die Kreditverträge mit höheren Zinssätzen aus der Vergangenheit laufen aus, oder auch Wertpapieranlagen mit höheren Zinsen aus der Vergangenheit. Uns geht es da genau so wie dem kleineren Kapitalanleger. Für uns entsteht weniger Zinsüberschuss, das heißt: Die Ertragslage wird sich abschwächen. Für uns ist diese Entwicklung unter dem Strich nicht gut, und je länger sie dauert, desto mehr wird diese Struktur zementiert. Man kann da durchaus den Vergleich mit der ‚Droge des billigen Geldes‘ heranziehen: Wenn die in der Volkswirtschaft lange vorgehalten wird, dann ist der Entwöhnungsprozess um so schwieriger.

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„Nicht glücklich mit der Zinspolitik“: Bankvorstand Helmut Euler über Bankzinsen. Foto: VR Bank

Macht es für Kleinsparer überhaupt noch Sinn, das Geld zu einer Bank zu bringen, wenn es eh keine Früchte mehr bringt, aber bei Bewegung eventuell noch Gebühren kostet?

Ja, es macht natürlich Sinn! Warum wird denn gespart? Man spart, weil man sich in der Zukunft mit dem Ersparten etwas leisten oder anschaffen möchte. Man spart ja nicht nur, weil man Zinsen bekommt, sondern auch im Sinne der Vorsorge. Und Gebühren gibt es bei Zahlungsverkehrstransaktionen, aber nicht bei Geldanlagen.

Man könnte sein Geld dann aber auch zuhause haben. In Spanien, so habe ich mal gelesen, da sind die Kleintresore knapp geworden, weil die Leute ihr Geld lieber daheim horten.

Ja, das wäre aber dann eine Vertrauensfrage: dass man der Bank gar nicht mehr vertraut. Wie gesagt: Ich schließe Negativzinsen aus. Und bei dem Beispiel kommt natürlich auch die Frage der Versicherung auf. Eine einigermaßen vernünftige Kapitalanlage bringt immer noch mehr als Null. Da sind wir bei dem Thema, dass eine ordentliche Beratung notwendig ist, um die Möglichkeiten zu beleuchten. Wie hoch ist die Riskoneigung, wie weit ist der Anlagehorizont? Und dann entwickelt man mit dem Kunden ein gemeinsames Konzept, was mit dem Ersparten geschehen soll.

„Die Niedrigzinspolitik löst nicht das Kernproblem“

Es lässt sich nachlesen, dass diese extreme Niedrigzinspolitik das Geld in Umlauf halten soll, weil die großen Banken freigiebiger sind. So werde auch der Inflation vorgebeugt. Können Sie diese Gedanken nachvollziehen?

Das stimmt aus meiner Sicht im Wesentlichen nicht. Die EZB-Politik dient ja den Peripherieländern in Europa und soll dort zur Kreditvergabe animieren. Nur stimuliert ein niedriger Zins eine Bank nicht unbedingt dazu, dass sie mehr Kredite vergibt oder Unternehmen, dass sie mehr Kredite aufnehmen. Entscheidend ist, in welcher Verfassung ist das Unternehmen? Ist es wettbewerbsfähig genug, um wieder zu produzieren, zu investieren. Das unterscheidet Deutschland erheblich von den südlichen Ländern: ‚Dort gibt es Höchstraten an Insolvenzen, bei uns sind es Niedrigstraten. In einer Volkswirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit, mit einer durch Reformstau schlechten Wettbewerbsstruktur, wird sich durch billiges Geld nicht unbedingt mehr Investition ergeben. Erst müssen die Unternehmen ihre Hausaufgaben machen – die können sie nur dann machen, wenn auch die Politiker sie machen. Also, es müssen Reformen dazu herbeigeführt werden. Nach meiner festen Überzeugung löst die Niedrigzinspolitik nicht das Kernproblem. Die EZB-Politik geht von den Südländern aus, nicht von Deutschland.

Wie sicher ist es denn, dass Kleinsparer wie Lieschen Müller auch auf die Beratungsmöglichkeiten eingehen und in das große Geld-Roulette der Börsenanlagen einsteigen?

Ich glaube nicht, dass Lieschen Müller das Geld ins große Anlage-Roulette bringt. Das war früher nicht so und wird auch in der Zukunft nicht sein.

Dann wird sie aber verlieren…

Dann wird sie verlieren…. Sie wird nichts am Nominalwert ihres Geldes einbüßen, aber es wird an Kaufkraft verlieren. Das ist so. Aber wenn jemand in dem Alter ist, dass er von dem Ersparten auch leben will, dann wäre es ja völlig unklug, das Geld durch Spekulation noch mehren zu wollen.

Dann gibt es die These, dass diese Niedrigzinspolitik dazu dienen soll, „faule Kleinsparer“ dazu zu bewegen, dass sie ihr Geld in das große Roulette zu geben. Es befeuert da aber ein Roulette, in dem nur die großen Anlageprofis dauerhaft tatsächlich gewinnen können. Anders gesagt: Mit dem Geld der braven Leute wird die große Spekulationswirtschaft befeuert.

Das ist im Allgemeinen sicherlich so. Nachdem die Entscheidung heute bekannt gegeben wurde, stieg der Dax auf über 10.000 Punkte – das ist Allzeitrekord. Man geht davon aus, dass diese Bewegung des Dax – im vergangenen Jahr plus 25 Prozent – im Zusammenhang mit dem billigen Geld steht. In Zeiten steigender Kurse ist auch die Nachfrage nach Aktien größer. Aber ich glaube, dass die Menschen aus der Vergangenheit gelernt haben. Also, wenn man mit einem Teil seines Geldes an die Börse geht, ist das in Ordnung. Man sollte das aber nur soweit tun, wie man zu dem Risiko bereit ist, und man sollte das nur in Begleitung einer ordentlichen Beratung tun. Man sollte nicht meinen, man müsste jetzt am Roulette teilnehmen – das geht meistens schief.