Entdeckte einen historischen Schatz im Nachlass des Großvaters: Hans Braun. Foto: aep

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Fast vergessener Nachlass des Großvaters: mehr als 60 Jahre alte BilderEin historischer Schatz in Schwarzweiß

ALSFELD (aep). Äußerlich betrachtet, sind es nur ein paar Plastikkästen. Aber als Hans Braun da einmal genauer hineinschaute, staunte er nicht schlecht: Hunderte Fotos hielt der Alsfelder in Händen – alte bis uralte Fotos mit Ansichten aus dem Vogelsberg. Ein kleiner Schatz für historisch interessierte Menschen wie er selbst einer ist – Dokumente aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf denen manch‘ vergessener Mensch und manche alte Einrichtung wieder auftauchen. Die hat der lange verstorbene Opa dem 61-Jährigen hinterlassen. Zeugnisse seiner Zeit.


Den Schlüssel zu diesem fotografischen Schatz hatte der Vater des Gastwirts, Karl Braun: Der vewahrte die vielen Kästen. Als Karl Braun kürzlich starb, hinterließ der Sohn auch die Schwarzweiß-Fotos seines Vaters Albert Braun. Der war einst in der Region ein bekannter Mann: als Landmaschinen-Schlossermeister und Innungsmeister. Weniger bekannt war vielleicht das Hobby des Windhäusers: „Mein Opa war leidenschaftlicher Fotograf“, erzählt Hans Braun. „Wenn irgendetwas war, dann hat er fotografiert.“

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Die einstige Großbaustelle: der Bau der Autobahn in Höhe des Jägertals.

Das war damals eine eher seltene Leidenschaft. Kameras waren teuer, die Handhabung wollte auch für einfache Schnappschüsse geübt sein, Filme kosteten Geld. Aber die Ergebnisse – die Fotos – hatten anders als ihre Milliarden digitalen Nachfahren die Chance, auch ohne großen technischen Aufwand Jahrzehnte zu überdauern. So wie jene Bilder, die Albert Braun rund um Windhausen und in Alsfeld überwiegend mit seiner zweiäugigen Mittelformat-Kamera anfertigte. Als er 1969 bei einem Autounfall ums Leben kam, hinterließ er Hunderte.

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Eine Foto-Galerie gibt mehr Eindrücke aus der Zeit des Fotografen.

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Die ruhten in Kästen, bis Hans Braun sie nun hervorkramte. Wegen seiner Passion, der Ahnenforschung, war der noch in Windhausen aufgewachsene Alsfelder neugierig auf die Sammlung des Großvaters. „Ich wusste, dass es da Bilder gab“, erzählt er. „Aber nicht, dass es so viele sind.“ Er fing an, die Abzüge erst einmal zu ordnen.

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Der Fotograf einmal fotografiert: Albert Braun mit Söhnen in den dreißiger Jahren.

Das ist ar nicht so einfach, denn beim Fotografieren endete die Leidenschaft des Großvaters offenbar bereits. In allen Größen mit und ohne gezackte Ränder – manche schafften es nicht über das Format eines Kontaktabzugs hinaus – hortete Albert Braun die Bilder, mehr oder weniger ungeordnet.

Männer in Weltkriegsuniformen

Was da nicht alles bei ist: jede Menge Familien-Ansichten natürlich, auch von Hans Braun als Hosenmatz. Hochzeitspaare lächeln mehr oder weniger gequält ins Bild. Freunde und Arbeitskollegen des Großvaters sind zu sehen. Einige Bilder dürften auch noch älteren Ursprungs sein: Männer in den Uniformen des Ersten Weltkriegs. Da war auch Großvater Albert eigentlich noch zu jung als Fotograf. Aber die Werkzeuge, die Kleidung, die Gesichter: Der einstige Nebenserwerbslandwirt hat wahre Zeugnisse jener Zeit hinterlassen, als Arbeit noch vor allem Handarbeit bedeutete. Als die Heuernte noch Scharen von Männern, Frauen und Kindern beschäftigte, die das Heu meterhoch auf Ochsengespannen türmten. Als gefährlich anmutende, riesige Maschinen begannen, menschliche Arbeitskraft abzulösen – um heute wieder ins Monströse zu wachsen, da es ihnen fast gelungen ist.

Albert Braun nahm auch bei Besuchen in Alsfeld den Fotoapparat mit. Und so geben seine Bilder auch Zeugnis bestimmter Alsfelder Ereignisse. Wer kann sich denn noch an die Vorgänger-Gebäude der heutigen Stadthalle erinnern? Wer weiß denn noch, dass die Brücke über die Gleise am Güterbahnhof einst an Stahlträgern hing? Wer war dabei, als die Autobahn entstand, die heute so selbstverständlich in der Landschaft liegt? Albert Brauns Fotos belegen: Der Felseinschnitt an der Pfefferhöhe ist nicht natürlichen Ursprungs.

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Mit Stahlträgern: die frühere Brücke über die Gleise am Alsfelder Bahnhof.

Wahrscheinlich hat der Schlosser und Landwirt gar nicht geahnt, dass seine Bilder lange nach ihm einmal gewissen Wert erlangen sollten. Ihm ging es um anderes: „Dem Großvater ging es ums Fotografieren.“ Und deshalb hinterlässt er auch zahlreiche Werke anderer Art: künstlerische Versuche mit Blumen, Bäumen, Vögeln. Was heutige Hobby-Fotografen eben auch noch festzuhalten versuchen.

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Autos erlaubt, aber wer hatte denn schon eines? Der Alsfelder Marktplatz in den dreißiger Jahren. Auf dem Transparent: die Ermahnung zur Pflicht.