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Der Mann, der auf dem Asphalt ausharrte – Die kleine Geschichte einer großen TatFür den Verletzten ist er doch ein Held

ALSFELD (aep). Da kniet er mitten auf der Straße. Er stützt den halb Bewusstlosen, redet auf ihn ein, verbindet schließlich den blutigen Kopf, während der Alsfelder Berufsverkehr an ihm vorbei zieht. Es mag keine Heldentat sein, die der Mann am Dienstagmorgen vollbrachte – aber für das Unfallopfer, den Gestürzten, bedeutete es alles, dass dieser Helfer sich um ihn kümmerte. Die kleine Geschichte einer großen Tat.

Es geschah am frühen Vormittag etwa um 9.20 Uhr, als ein Mopedfahrer auf der Grünberger Straße plötzlich stürzte. Er war vom Ringofen Richtung stadtauswärts eingebogen, als das Moped plötzlich wegkippte und in das entgegenkommende Auto einer Frau aus Friedberg krachte. Der Aufprall schleuderte es ein paar Meter wieder zurück, der Mann blieb auf der Straße liegen.

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„Das war keine Heldentat“: Erwin Schneider, nachdem Sanitäter ihn beim Verletzten ablösten.

Ebenfalls in Richtung Pfefferhöhe war der Fahrlehrer Erwin Schneider aus Neustadt unterwegs und sah genau, wie es zu diesem Unfall kam. Er stoppte sofort, stellte sein Auto rechts ab und lief zu dem Verletzten, der nicht in Lage schien, sich aufzurappeln. Erwin Schneider kniete zu ihm runter,  legte dessen Oberkörper auf seine Oberschenkel und sprach auf den Benommenen ein. Der 48-Jährige tat das, was immer wieder für solche Situationen gewünscht wird, oft vergebens: Er kümmerte sich.

Andere Ersthelfer kamen dazu, alarmierten Rettungsdienst und Polizei, stellten sich zunächst schützend um die Beiden, derweil Dutzende Autofahrer sich einen Weg um die Unfallstelle bahnten. Als die unmittelbare Gefahr gebannt scheint, ziehen die anderen   weiter, Erwin Schneider kniet unverändert bei dem Verletzten, spricht beruhigend auf ihn ein. Die Fahrerin aus Friedberg reicht ihm Verbandszeug, womit er dessen Kopf verbindet. Sie zittert heftig, erzählt immer wieder: „Es ist mir direkt vors Auto gefahren.“ So mögen zehn oder 15 Minuten vergangen sein, die der Helfer so auf der Fahrbahn ausharrt, bis die professionellen Sanitäter vom Rettungsdienst ihn ablösen und das Unfallopfer versorgen. Sie bringen den Mann schließlich weg.

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Auf der Längskante des Loches (l.) weggerutscht: das zerstörte Moped.

Erwin Schneider muss die Beine erst richtig strecken, um wieder gehen zu können. Die Hose ist schmutzig, die Hände sind blutverschmiert. Er erzählt einem Polizisten, was genau passiert ist: Der Mopedfahrer stürzte nämlich über die Längskante in einem flachen Baustellenloch, das dort seit ein paar Tagen im Asphalt lauert. Der Fahrlehrer ist erstaunt, als er darauf angesprochen wird, gerade etwas Ungewöhnliches, etwas Gutes getan zu haben. Er wehrt ab: „Das war keine Heldentat!“

Das mag sein. Aber für den verletzten Mann, für den er in einer hilflosen Lage so hilfreich und selbstlos da war, bedeutete diese Tat alles – und ist längst nicht selbstverständlich. Das sagt auch der DRK-Rettungsdienstleiter Ottfried Trapp, auf den Einsatz von Erwin Schneider am Morgen angesprochen: „Man kann nicht hoch genug loben, was er da getan hat.“ Auch in Zeiten hochgezüchteter und durchaus effektiver Rettungsdienste gelte immer noch: „Der Ersthelfer ist das Maß aller Dinge!“ Und deshalb gelte auch juristisch, so versucht Trapp die verbreitete Angst vor ähnlichen Situationen zu mildern: „Der Ersthelfer kann nichts falsch machen – außer: Er tut gar nichts!“

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Ablösung: Die Sanitäter vom Rettungsdienst kümmern sich um den Verletzten.