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Die Räumung für den Weiterbau der Autobahn jährt sich: Ein Rückblick und Video-Besuch in DannenrodDie A49: Was vor einem Jahr geschah und wie es weitergeht

DANNENROD (akr). Der 1. Oktober 2020 – der Tag, an dem die Räumungen und Rodungen für den Weiterbau der A49 begonnen haben, angefangen im Herrenwald, später dann im Dannenröder Wald. Ein Jahr ist das mittlerweile her und noch immer leben Aktivisten in dem kleinen Homberger Stadtteil Dannenrod. Ein Rückblick und Video-Besuch.

Im September 2019 hat alles angefangen: Umweltaktivisten hatten den Dannenröder Wald besetzt, um den Weiterbau der A49 zu verhindern. Drei Baumhäuser hatten sie zu diesem Zeitpunkt im Wald gebaut. Tag für Tag wurden es mehr. Mehr Menschen, mehr Baumhäuser. Über 400 Barrikaden und über 100 Behausungen, sprich Zelte, Plattformen und sogar ganze Häuser, verteilt auf elf verschiedene Camps im Trassenbereich, hatten die Aktivisten innerhalb eines Jahres als Protest gegen die Rodung und die Autobahn im Wald errichtet und sich so auf den „Tag R“, den Tag der Räumung, vorbereitet.

Während Umweltaktivisten die Bäume besetzt hielten, Kommunalparlamente Resolutionen für den Weiterbau der A49 verabschiedeten sowie Befürworter und Gegner der Autobahn Unterschriftenaktionen starteten und Demonstrationen veranstalteten, reichte der Landesverband Hessen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Klage beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gegen den Ausbau der A49 ein, denn mit dem geplanten Bau der A49 im Vogelsberg und insbesondere im Gleental, verstoße man gegen die Wasserrahmenrichtlinie.

Am 23. Juni 2020 verhandelte das Bundesverwaltungsgericht schließlich über die Klage des BUND. Hatte das Land Hessen bei der Planung des Weiterbaus der A49 tatsächlich gegen wichtige Wasserschutzrechte verstoßen? Die Richter stellten zwar Fehler im Planfeststellungsbeschluss hinsichtlich der wasserrechtlichen Prüfung mit einer EU-Richtlinie fest, dies führte jedoch in ihren Augen nicht dazu, dass der Beschluss komplett nichtig sei. Die Richter wiesen die Klage der Naturschützer ab.

„Ziviler Ungehorsam“, Protestcamps, Blockaden

Knapp zwei Wochen später gab die Deges dann bekannt: Der Ausbau der A49 soll im Herbst starten. Gleichzeitig appellierte sie an die Ausbaugegner, die Arbeiten nicht zu behindern. Diesen Appell ließen die Aktivisten links liegen. Aufgeben kam für sie nicht in Frage – im Gegenteil. Rund um die Waldbesetzung formierte sich ein größerer Widerstand aus mehreren verschiedenen Aktivisten, Bewegungen und Bündnissen – unter dem gemeinsamen Namen „Aktionsbündnis Autokorrektur“, kündigten sie „zivilen Ungehorsam“ an.

„Ziviler Ungehorsam“ für den Klimaschutz

Die Vorbereitungen im Wald liefen auf Hochtouren. Aber nicht nur im Wald bereitete man sich auf die drohende Rodung vor, sondern auch außerhalb. Eine Sicherheitsfirma drehte mit ihren Fahrzeugen ihre Runden und die Polizeireiter, die seit einiger Zeit in der Gegend patrouillierten, wurden durch zusätzliche Streifen ergänzt. Immer mehr Menschen schlossen sich den Aktivisten an, mehrere Protestcamps rund um den Dannenröder Wald wurden errichtet und nicht nur einmal die Bundesstraße zwischen Kirtorf und Lehrbach blockiert.

Nicht nur einmal musste die B62 wegen Protestaktionen gesperrt werden. Foto: kd

Wenige Tage vor dem 1. Oktober 2020, dem offiziellen Beginn der Rodungen, hatte der Vogelsbergkreis eine Allgemeinverfügung erlassen, um die Baumhäuser und ähnliche Einrichtungen der A49-Gegner im Dannenröder Wald räumen zu können. Die Häuser durften nicht mehr benutzt und auch keine neuen gebaut werden – das galt auch für die Barrikaden. Unterdessen schaltete sich auch das Evangelische Dekanat des Kreises ein. Die Kirche vor Ort sah sich in der Pflicht, eine deeskalierende Haltung einzunehmen und einen friedlichen Umgang aller beteiligten Parteien miteinander zu unterstützen. So fanden beispielsweise Friedensandachten statt und kirchliche Beobachter wurden entsandt.

Die Räumung beginnt

Pünktlich zum 1. Oktober ging es dann los, allerdings nicht im Dannenröder Wald, der seit einem Jahr von Aktivisten besetzt war, sondern im Herrenwald bei Stadtallendorf, den in den vergangenen Wochen ebenfalls Aktivisten besetzt hatten. An diesem Tag hatte es laut Polizei sechs vorläufige Festnahmen gegeben,  von rund 70 Menschen wurde die Identität festgestellt und 13 Platzverweise ausgesprochen. Zeitgleich zur Räumung im Herrenwald seilten sich Aktivisten unter anderem an der Autobahnbrücke an der Pfefferhöhe in Alsfeld herunter – das sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Knapp einen Monat später waren im Herrenwald 47 Hektar und im Maulbacher Wald 3,5 Hektar gefällt. Einige Restflächen fehlten noch, ebenso wie die rund 27 Hektar im Dannenröder Wald – und genau diese Arbeiten im „Danni“ sollten bald starten. Hier erwarteten die Einsatzkräfte nicht nur elf Baumhausdörfer, sondern auch über 400 Barrikaden. Diese waren teilweise mehrere Meter hoch, aus Holz, mit Drähten und Zäunen miteinander verbunden, mit Beton im Boden verankert und auch so konstruiert, dass sich Personen darin aufhalten konnten.

Überall entlang der Trasse hatten die Klima- und Umweltaktivisten Baumhäuser errichtet.

Unterdessen begann die Polizei auf einer Fläche von 7.000 Quadratmetern mit dem Bau eines Logistikzentrums. Hier sollten die hunderten von Beamten nicht nur Ruhe finden, sich umziehen und stärken können, sondern auch auch Durchsuchungen oder Identitätsfeststellungen der A49-Gegner stattfinden, die in Gewahrsam genommen werden sollten.

Ein Ort der Ruhe und Sicherheit für die Polizei

Schon im Vorfeld der Danni-Räumung rechnete die Polizei damit, dass es nicht nur friedlichen Protest geben wird. „Wir müssen hier als Polizei damit rechnen, dass wir aktiv angegriffen werden“, sagte Kriminalhauptkommissarin Sylvia Frech in der Pressekonferenz vor der Räumung im Danni. Damit sollte sie Recht behalten. Feuerwerkskörper, Steinwürfe, gespikte Bäume, Pfefferspray, Schlagstöcke und aus der Sicht der Aktivisten ungerechtfertigte Polizeigewalt – der Protest gegen den Weiterbau der A49 spitzte sich immer weiter zu, als dann am 10. November der Tag „R“ im Danni gekommen war. Immer wieder berichteten die Ausbaugegner als auch die Polizei von gewalttätigen Angriffen.

Widerstand aus den Wipfeln

Zahlreiche Gewaltvorwürfe

Schwere Vorwürfe gegen die Polizei wurden von A49-Gegner erhoben, als an einem Sonntagmorgen eine junge Aktivistin im Dannenröder Wald von einem Tripod stürzte und sich dabei verletzte. „Die Polizei hat heute in 10 bis 15 Metern Entfernung von einem Tripod ein Seil durchgeschnitten. Dabei hat es sie nicht interessiert, dass das Seil zum Tripod abgespannt war und eine Person im Tripod am Seil hing. Die Person stürzte zu Boden“, schrieb dass „Wald-statt-Asphalt-Bündnis“ damals auf Twitter. Die Polizei dementierte diese Vorwürfe. Doch nur einen Tag später stand fest: Ein Polizeibeamter hatte tatsächlich das Seil durchtrennt, die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung ein.

Nur kurze Zeit nachdem eine kirchliche Beobachterin von der Polizei niedergerungen worden wurde und auch eine weitere Aktivistin von einer Barrikade stürzte, riefen die Ausbaugegner zu einer „Notfall-Pressekonferenz“ zusammen. „Die Räumung läuft seit 56 Tagen und seit 56 Tagen kommt es hier immer wieder zu Polizeigewalt und verstärkt jetzt, als sie den Danni angegriffen haben“, erklärte Momo aus dem Presseteam der Waldbesetzung. Willkürlich hätte die Polizei Platzverweise erteilt, Menschen quer durch den Wald gejagt, Aktivisten in unbeobachteten Momenten ins Gesicht geschlagen und sogar von „Anpinkeln“ war die Rede.

Doch auch die Polizei berichtete immer wieder von Angriffen und Fallen auf Beamte, von Stein- und Fäkalienwürfen, Tritten und Schlägen, über den Einsatz von Zwillen und Feuerwerkskörpern sowie angespitzte Metallstangen im Boden, nicht zu vergessen von den Brandstiftungen die im Zusammenhang mit dem Ausbau standen sollten oder dem „Duopod“, der auf mehrere Polizeibeamte und einen Forstarbeiter stürzte. Mehrere Zeugen wollten damals beobachten haben, dass das Halteseil des „Duopods“ durch vor dem Umstürzen durchtrennt wurde.

Zwei Jahre und drei Monate Haft für A49-Aktivistin

Der Wald ist geräumt, der Weiterbau schreitet voran

Am 8. Dezember 2020 war der Dannenröder Wald schließlich geräumt, 29 Tage hatte es gedauert. An Spitzentagen waren bis zu 2.000 Beamte im Einsatz. Die Polizisten registrierten seit dem 1. Oktober im Zusammenhang mit der A49 insgesamt circa 1550 Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten wie dem verbotenen Aufhalten im Rodungsgebiet und über 450 Anzeigen wegen Straftaten, mehr als 2500 Platzverweise wurden ausgesprochen, resümierte die Polizei in einer abschließenden Pressekonferenz. Die Kosten für die ganzen Einsätze wurden zwischenzeitlich auf  mindestens  31 Millionen Euro geschätzt.

Ein Blick auf die letzten Reste des einstigen Baumhaus-Camps „Oben“.

Knapp vier Wochen später gab es wieder eine Besetzung – und zwar im Herrenwald. Dort hatte sich im Trassenbereich ein kleines Zeltcamp gebildet, das aber schnell von der Polizei wieder geräumt wurde. Als Ende Februar die Fällperiode vorbei war, übergab die Deges plangemäß zum 1. März die Trasse an die A49 Autobahngesellschaft, die mit den bauvorbereitenden Maßnahmen und im Anschluss mit den Bauarbeiten für die Autobahn beginnen sollte.

Derzeit laufen die A49-Bauarbeiten auf Hochtouren. „Im Abschnitt der Anschlussstelle (AS) Schwalmstadt–AS Stadtallendorf-Nord sind die Gründungsarbeiten für die Talbrücken Biedenbacher Teiche und Kälbach bereits fortgeschritten, erste Überbauten werden noch in diesem Jahr erfolgen. An der Anschlussstelle Stadtallendorf Nord wurde mit der Umfahrung der B454 begonnen“, teilt die A49-Autobahngesellschaft auf Nachfrage von Oberhessen-live mit.

Darüber hinaus entstehen in der VKE 40, das Teilstück von der AS Stadtallendorf-Nord zum Ohmtal-Dreieck, die drei Talbrücken Joßklein, Kirschbrückhege und Gleental, deren Bau dem Zeitplan entsprechend verlaufe. „Im Ohmtaldreieck ist die bauzeitliche Verkehrsführung für die Brückenbauarbeiten und den Ausbau der A5 eingerichtet“, heißt es seitens der A9-Autobahngesellschaft weiter.

Abschluss für Herbst 2024 geplant

Die Bauarbeiten für den Lückenschluss zwischen Schwalmstadt und dem künftigen Ohmtal Dreieck sollen im Herbst 2024 abgeschlossen werden. Bis dahin gibt es aber noch einiges zu tun: 45 Brücken, davon sechs Talbrücken, rund 38.000 Quadratmeter Lärmschutz- und Irritationsschutzwände sowie der Neubau von jeweils einem Rastplatz mit Sanitäranlagen auf beiden Autobahnseiten bei Appenrod, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Baumaßnahmen am Lückenschluss erfolgen parallel und zielen nicht auf die Fertigstellung von Teilabschnitten ab. Aus diesem Grund erfolgen im Zuge der Gesamtfertigstellung die abschließenden Arbeiten wie beispielsweise die Betonfahrbahn, die Anbindung an den Bestand, Beschilderungen oder Planken Schritt für Schritt nach Baufortschritt. Verzögerungen gebe es bislang keine. „Es gab vereinzelte Störungen, die jedoch aus Sicht der Bau-ARGE nicht gravierend waren.“

Mit dem Ende der Räumungsarbeiten und dem Start der Bauarbeiten war das Thema „A49“ aber noch lange nicht vorbei – gerade in Homberg Ohm ist es immer noch sehr präsent und sorgt immer wieder für Dispute in der Stadtverordnetenversammlung, beispielsweise wenn es um die Folgen des A49-Baus geht, die für die Bürger und Stadt möglichst gering gehalten werden sollen und weshalb die Stadt sich Unterstützung durch den Fachanwalt Matthias Möller-Meinecke holte. Immer wieder sah sich Bürgermeisterin Claudia Blum Kritik ausgesetzt. „Eklatante Versäumnisse“ bei Politik und Verwaltung der Stadt Homberg Ohm beklagte Jutta Stumpf seitens der Fraktion Demokratisches Bürgerforum in einem Rückblick auf Entscheidungen bei der Planfeststellung der A49. Die politische Lage in der Stadt ist so zerrüttet, dass Blum entschieden hat, nicht erneut als Bürgermeisterin anzutreten.

In Dannenrod selbst ist es hingegen ruhiger geworden. Die Mahnwache am Sportplatz besteht zwar noch immer, doch es halten sich nur noch wenige Aktivisten dort auf. Bei ihnen steht aber nicht mehr nur die A49 im Mittelpunkt. Es geht ihnen um viel mehr, um gesellschaftliche Transformation, Revolution, Klimagerechtigkeit, Bildung, Kultur und Vernetzung – genau das ist der Fokus des „Gäst_innenhauses“, das aus der ehemaligen Gaststätte Jakob, nur wenige Meter vom Sportplatz entfernt, entstanden ist. Oberhessen-live hat dem „Gäst_innenhaus“ anlässlich des Jahrestags der Räumungsarbeiten einen Besuch abgestattet und mit den Menschen vor Ort über die über die vergangene Zeit und die Pläne für die Zukunft gesprochen. Näheres dazu im oben eingebundenen Video.

Ein paar aktuelle Eindrücke:

Ein Gedanke zu “Die A49: Was vor einem Jahr geschah und wie es weitergeht

  1. Leute,
    wenn Ihr so viel Zeit über die Woche habt, dann macht doch doch öfter mal ne Radtour über die B3. Fangt in Schönstadt an bis zur Autobahn. Und zurück. Damit Ihr euch nicht einseitig informiert!

    Bei euren letzten Radtouren war die B3 gesperrt, das kann zu Missverständnissen führen.

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