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Am 9. November 1938 brannte die Synagoge in Alsfeld, ebenso an vielen Tausend Orten in ganz DeutschlandGedenken an die 48 jüdischen Opfer in Alsfeld

ALSFELD (cdl). „Heute 78 Jahre später haben wir uns hier versammelt, schweigend wie die Menschen damals“, so Pfarrer Peter Remy vor der ehemaligen Synagoge in der Lutherstraße, die am 9. November 1938 in Flammen aufging. Zum Gedenken an die Reichspogromnacht verlasen die Konfirmanden alle 48 Namen und das Alter der Alsfelder jüdischen Glaubens, die dem NS-Terror zum Opfer fielen.

Im Anschluss verteilten die Konfirmanden Steine mit Namen und Alter der Opfer an die Besucher, um sie in stiller Andacht am großen Gedenkstein niederzulegen. Bei nasskaltem Novemberwetter hatten sich knapp 50 Alsfelder versammelt. Wie in den vergangenen Jahren wurde am Gedenkstein an der Lutherstraße an die Pogromnacht von 1938 erinnert. Dazu hatten der Magistrat der Stadt Alsfeld, die evangelische Kirchengemeinde, der Verein Speier und der Förderverein Jüdische Geschichte eingeladen.

„Um 21.45 Uhr ging diese wunderbare Synagoge in Flammen auf. Die Alsfelder Feuerwehr war angewiesen, das Feuer nicht zu löschen“, erinnerte Remy. Es habe einen Feuerwehrmann gegeben, der im Hotel Krone mit gezogener Pistole von einem Löscheinsatz abgehalten worden sei. Im Anschluss an den Brand sei ein Raubzug durch die Stadt gefolgt. Etwa 100 jüdische Bürger hätten damals in der Stadt gelebt. Die Scheiben ihrer Fenster seien eingeworfen, die Geschäfte verwüstet und die Waren auf die Straße geworfen worden. „Die jüdischen Männer wurden in einem Keller in der Hersfelder Straße eingesperrt. Schutzhaft, so wurde das zynisch genannt“, so Remy weiter.

Später habe man die Nacht Kristallnacht genannt, als wäre nur Glas zu Bruch gegangen. „Wir stehen hier nicht als Täter, aber auch nicht als Opfer, sondern als zumeist Nachgeborene. Wir sind Menschen, die wissen, wie dünn der Boden der Zivilisation ist“, beschrieb Remy das Hier und Jetzt. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, rezitierte der Pfarrer aus Bertolt Brechts ‚Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.‘

Gedenken

Weil Stephan Paule nicht nur Bürgermeister, sondern auch studierter Geschichtslehrer ist, skizzierte er kurz die Bedeutung des 9. Novembers und dessen Gedenken.


Gedenken darf nicht „zu einer betroffenen Erinnerungsnostalgie verkommen“

Bevor Bürgermeister Paule an die Pogromnacht erinnerte, trugen Schüler der Geschwister-Scholl-Schule das Gedicht ‚Chor der Steine‘ der jüdischen Schriftstellerin Nelly Sachs vor und zwischendurch gab es kurze musikalische Einlage mit Blasinstrumenten. „Manche Historiker bezeichnen den 9. November als Schicksalstag der deutschen Geschichte“, so Paule. Vor 98 Jahren sei erstmals in Berlin am 9. November 1918 die Republik ausgerufen worden und die Erinnerung daran sei ein freudiger Schicksalstag. Am 9. November 1923 sei der Hitler-Ludendorff-Putsch niedergeschlagen worden und schließlich die Reichspogromnacht am 9. November 1938.

„Die Erinnerung an diese Marksteine deutscher Geschichte, insbesondere der Gräueltaten des 9. November 1938, darf nicht in irgendeiner Form zu einer betroffenen Erinnerungsnostalgie verkommen“, so Paule. Die Nationalsozialisten hätten dieses Datum ganz bewusst gewählt, um an den eigenen Versuch der Machtergreifung 1923 anzuknüpfen, und um die positiven Gedanken der Gründung einer demokratischen Republik 1918 zu überlagern.

Wenn man heute einfache Antworten von Politikern höre, die sich selbst als Alternative verstehen und beispielsweise forderten, bei illegaler Grenzüberschreitung auf Menschen zu schießen, insbesondere auch auf Frauen und Kinder, so müsse man zumindest feststellen, dass in den Köpfen mancher die Distanz zudem, was vor 78 Jahren geschehen ist, wahrlich nicht mehr vorhanden sei. Das müsse die Mahnung für die jüngere Generation und die aktiven Politiker sein, mahnend den Finger zu erheben, damit sich solche Gedanken nicht verbreiteten. Nicht nur der gute Ton in der Politik sei davon betroffen. Es werde bewusst versucht, Grenzen weiter und weiter zu überschreiten, um vielleicht am Ende die Demokratie zu durchbrechen.

„Wir lassen es bewusst nicht zur betroffenen Erinnerungsnostalgie verkommen, sondern sagen ganz deutlich. Die Erinnerung dieses Tages ist für uns wegweisend für die Werte und die Toleranz, die wir heute in unserer Stadt leben, die wir aber auch in unserem Land wollen“, so Paule abschließend.