
CDU/SPD wollen 'Naturparkrangerstelle' für den beratenden und betreuenden Naturschutz„Es geht nicht darum, den Artenschutz zu verhindern“
VOGELSBERG (akr). Ob Biber, Luchs, Schwarzstorch, Rotmilan oder Wolf – ehemals heimische Tierarten sind in der Region immer wieder häufiger anzutreffen. Zur allgemeinen Akzeptanz müsse allerdings sichergestellt werden, dass Konflikte mit Menschen so gut es geht vermieden oder aber auch mögliche Schäden erstattet werden, findet die CDU/SPD-Kreistagskoalition und fordert Unterstützung vom Land – und zwar in Form von mindestens einer Vollzeit ‚Naturparkrangerstelle‘ für den beratenden und betreuenden Naturschutz.
Doch bevor es zu diesem Tagesordnungspunkt bei der jüngsten Kreistagssitzung kam, stand zunächst noch die Verpflichtung vom Ersten Kreisbeigeordneten Jens Mischak auf dem Programm. Seine Amtszeit würde eigentlich am 8. Juli 2022 enden, doch die Vogelsberger Kreistagspolitiker haben in ihrer Sitzung Anfang März entschieden, dass Jens Mischak weiterhin als hauptamtlicher Erster Kreisbeigeordneter im Amt bleiben soll. 46 Abgeordnete stimmten für und elf gegen ihn, eine Person enthielt sich.
Per Handschlag hat der Kreistagsvorsitzende Hans Heuser am Donnerstag in der Sitzung der Vogelsberger Politiker den Vize-Landrat für eine weitere sechsjährige Amtszeit verpflichtet, vereidigt werden musste er nicht – schließlich ist es nicht seine erste Amtszeit als Erster Kreisbeigeordneter. Landrat Manfred Görig, mit dem er gemeinsam die hauptamtliche Kreisspitze bildet, überreichte ihm die Urkunde und freute sich auf eine weitere gemeinsame Zusammenarbeit – auch wenn er die ganzen sechs Jahre nicht mehr als Landrat miterleben wird.

Neu war es für ihn zwar nicht, aber dennoch etwas Besonderes, als der Erste Kreisbeigeordnete Jens Mischak am Donnerstag offiziell zu seiner zweiten Amtszeit verpflichtet wurde.
Zurück zu den Tieren: Vorgestellt wurde der entsprechende Antrag der SPD/CDU-Koalition von Grebenhains Bürgermeister Sebastian Stang, der bereits schon einige Erfahrungen mit dem Biber gemacht hat und von Situationen mit dem Nagetier aus seiner Kommune berichtete, beispielsweise wie es mehrere Monate lang gedauert habe, bis ein Biberdamm entfernt wurde.
Der gemeinsame Antrag zielte darauf ab, die Personalausstattung im Kreis zu verbessern und Zuständigkeiten zu bündeln – insbesondere im beratenden und betreuenden Naturschutz, weil die derzeitige Organisation vom Land nicht zielführend sei, betonte der Grebenhainer Bürgermeister.
Hessische Landesregierung soll Finanzierung sicherstellen
In der auf einem Antrag der CDU/SPD-Fraktion basierenden Resolution soll der Kreistag die Hessische Landesregierung auffordern, die dauerhafte Finanzierung von mindestens einer Vollzeit ‚Naturparkrangerstelle‘ für den beratenden und betreuenden Naturschutz im Vogelsbergkreis sicher zu stellen und mit einem Budget für Arten-/Naturschutzmaßnahmen, der Konfliktvermeidung sowie gegebenenfalls zum Schadensersatz auszustatten. Die Stellen sollten idealerweise bei Hessen Forst etatisiert und beim Naturpark Vulkanregion Vogelsberg angesiedelt sein, heißt es.

Sebastian Stang nahm zwar den Biber als Aufhänger, betonte jedoch, dass auch Luchs, Wolf, Rotmilan, Schwarzstorch und Co. unter den Antrag fallen. „Sie kommen immer mehr hier her, das ist auch gut so“, sagte er.
Momentan sei die aktuelle Regelungen der Zuständigkeiten nämlich wenig effizient. Beim Biber zum Beispiel seien mit Erlass von August 2021 des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die Unteren Naturschutzbehörden ausschließlich nur noch für die Erteilung von artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigungen, beispielsweise für eine Dammentfernung oder Vergrämung von Bibern zuständig.
Das Bibermanagement hingegen liege vollständig auf der Oberen Ebene bei der Oberen Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums Gießen sowie bei Hessen Forst auf unterer Ebene. „Allein die verschiedenen Zuständigkeiten bereiten in der Praxis oftmals Probleme, zumal die Personalausstattung bei den Landesbehörden nicht optimal ist“, so die GroKo in ihrem Antrag. Die Akzeptanz in der Bevölkerung bei dem „Wiederauftreten“ ehemals heimischer Tierarten sei unter anderem dadurch nicht besonders hoch.
„Mit unserem Antrag wollen wir Kompetenz vor Ort holen, die vor Ort eingreift, berät und vermittelt“, betonte Stang. Es könne nicht Aufgabe der Kommune oder Landwirte sein, für diesen Artenschutz letztendlich zu zahlen. Deshalb wolle man mehr Geld in die Region holen, um diesen vielfältigen Aufgaben, die man für das Land Hessen wahrnehme, auch gerecht werden zu können.
Mario Döweling, Fraktionsvorsitzender der FDP, erklärte, dass man den Antrag in der Fraktion lange besprochen habe, weil man sich nicht ganz sicher war, ob das Vorgehen zielführend sei. Aus regionaler Sicht könne man es verstehen, dass sich die GroKo eine Entlastung wünsche, allerdings habe er die Befürchtung, dass selbst wenn man eine solche Stelle hat, sich sozusagen nicht wirklich etwas ändern würde und sich die Menschen unter anderem weiterhin an den Bürgermeister der Kommune wenden würden.
Er sah den Handlungsbedarf vor allem an einer anderen Stelle. „Es wird glaube ich einfach mal Zeit, dass wir als ländlicher Raum klar definieren, wo wir eigentlich die ganzen Tierchen haben wollen und wo nicht“, betonte er. Es müsse auch auf Landesebene deutlich klar gemacht werden, dass der Vogelsberg nicht ein „Freilicht-Zoo“ sei. Döweling zufolge könne es nicht sein, dass das Interesse der Menschen, die hier vor Ort leben, hinter den der Tiere stehe. „Wenn die Kläranlage durch den Biber verstopft wird, dann muss der Biber da raus, das ist ein ganz klarer Fall.“ Die FDP werde den Antrag aber trotz ihrer Bedenken unterstützen.
Ornik: Erst das Gespräch mit der Landesregierung suchen
Grünen-Chef Udo Ornik meldete sich ebenfalls zu Wort. Dass solche Konflikte auftreten können, dem wolle er gar nicht widersprechen. Er wisse jedoch, dass es auch anders laufen könne. „Wir haben in Mücke auch einen Biber, wir kommen damit anscheinend ganz gut zurecht“, sagte er. Es hänge alles von den Gegebenheiten ab, aber es sei nicht so, dass man jetzt hier einfach vertreten sollte, dass wenn eine solche Art zurückkehrt, dass man gleich Probleme hat. „Das muss nicht sein“, betonte Ornik.
Und deshalb machte er auch deutlich, dass dieses „Framing“, was in der Begründung des Koalitions-Antrags stecke, nicht in Ordnung sei. Dass die Akzeptanz des Wiederauftretens heimischer Tierarten hier nicht besonders hoch sei, das stelle er in Frage. „Ich glaube es ist genau umgekehrt, ich glaube, dass die Akzeptanz auf dem Land dafür besonders hoch ist“, sagte Ornik. Im Kreistag gebe es immer wieder einige, die das in Frage stellen wollen würden. In der Regel würden diese ehemals heimischen Tierarten keine Probleme machen und seien auch ungefährlich. Es komme aber ab und an zu Auseinandersetzungen und da müssten dann wirkungsvolle Wege gefunden werden. „Das muss man hier auch mal deutlich sagen.“
Ornik zufolge sollte man natürlich gemeinsam auftreten, wenn man etwas auf Landesebene erreichen will. Doch die Grünen würden dem Antrag nur zustimmen, wenn es schon Gespräche mit der Landesregierung gegeben habe und die die Unterstützung abgelehnt hätte. „Wurde die Frage mit dem Ranger vereint? Oder ist das jetzt einfach ein politischer Show-Antrag?“, fragte er sich. Er betonte, dass man sich nämlich erstmal mit den Behörden auseinandersetzen solle und wenn das eben nicht funktioniert, man dann eine Resolution verabschieden könne.
„Ich würde gerne noch den Waschbären mit aufnehmen“, sagte anschließend Lars Wicke, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Der würde nämlich auch vielerorts für Probleme sorgen. Wicke betonte, dass Gesetz und Möglichkeit oftmals auseinanderfallen würden und es einfach ganz wichtig sei, das Betroffene nicht alleine gelassen werden – sei es der Landwirt, der die Wiese nicht mähen kann, weil ein Biber einen Damm gebaut hat oder aber Weidetierhalter, die sich beispielswiese vor einem Wolf sorgen müssen. „Hier ist die Landesregierung gefordert, dass es Hilfe für die Betroffenen gibt“, betonte er – und die Lösungen müssten in Wiesbaden gefunden werden.
Stang: Antrag richtet sich nicht gegen Naturschutz
Nach Wicke ging es erneut für Stang ans Rednerpult. „ich bin wohl einer der größten Biberfreunde im Vogelsberg“, betonte er, denn er habe schon zweien vermutlich das Leben gerettet. Als Beispiel nannte er einen Biber, der in der Ortslage von Hartmannshain überfahren zu werden drohte. Weder die Untere noch die Obere Naturschutzbehörde sei in der Lage gewesen, rauzukommen, das Tier einzufangen, Geschweige denn es sicherzustellen, nachdem man das Tier mit bloßen Händen gefangen hatte, wie Stang erzählt.
„Es geht nicht darum, den Artenschutz zu verhindern oder Stimmung gegen die Tiere zu machen“, betonte der Grebenhainer Bürgermeister. Er sei stolz darauf Vogelsberger zu sein und dass man hier so viele Arten habe. „Wir wollen Leute, die die Dinge vor Ort ernst nehmen“, so Stang – und nicht solche, die wochenlang philosophieren, was die beste Lösung sei. Stang machte nochmals darauf aufmerksam, dass sich der Antrag nicht gegen den Naturschutz richte, sondern für den Vogelsberg und die Arten.
Laut Erstem Kreisbeigeordneten hat der Antrag sicherlich eine richtige Zielsetzung, doch er bezweifelt, dass man damit das Grundproblem beseitigt bekommt, was in den gesetzlichen Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetz liege. „Wir haben leider geteilte Zuständigkeiten“, so Mischak. Seiner Meinung nach sollte man den Antrag zum Anlass nehmen, dem Land zu zeigen, dass es in der Praxis nicht so einfach sei, wie man es sich von oben immer vorstelle.
Ornik machte schließlich den Vorschlag, Vertreter von Hessen Forst, Umweltministerium und RP in eine Ausschussitzung einzuladen, um gemeinsam über diese Thematik zu sprechen und wie sie künftig den Vogelsberg unterstützen wollen. Dieser Vorschlag wurde aber mit 36 Nein- Stimmen abgelehnt, während der Resolutions-Antrag der CDU/SPD-Koalition mit 37 Ja-Stimmen, zehn Nein-Stimmen und einer Enthaltung beschlossen wurde.
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Apropos:
Wo ist eigentlich der Ulrichsteiner Wölfin abgeblieben??
Laut HLNUG-Seite gibt es hier seit über einem Jahr keinen Nachweis mehr. Demnach wäre dieses Territorium leider erloschen.
Vielleicht kann hier Oberhessen-Live mal recherchieren, ob es hier womöglich eine illegale Entnahme gab. Einigen Bauern war sie ja leider ein Dorn im Auge …
@ Nachgefragt
Nachgedacht ……. gute Nachfrage !
👍🏼
Sollte dem einen oder anderen Journalisten doch von Belang sein !!!!!
Apropos…
OL sollte häufiger Bilder von zerfetzten Weidetieren oder bei lebendigem Leibe aufgefressenen Wildtieren zeigen.
Dann würde sich die weltfremde Naturromantik in Bezug auf den Wolf bei unseren Mitmenschen legen.
@ Mal anders:
Bei lebendigem Leibe wird hier gar nichts aufgefressen! Der Wolf tötet seine Opfer stets vorher mit einem Kehlbiss.
Belesen Sie sich bitte!
Ansonsten vielleicht nicht so viele Grimmsche Märchen lesen und statt dessen lieber Mal entsprechende Anträge zum vernünftigem Herdenschutz im Wolfsgebiet stellen!