
Das Schicksal der Familie Smolinka nach dem Zweiten WeltkriegVertrieben aus der Heimat und dann vor dem Nichts in Hessen
VOGELSBERGKREIS (-). Flüchtlinge von überall aus der Welt tauchen heute aus unterschiedlichen Gründen immer wieder in Schlagzeilen auf. Aber Flucht und Vertreibung sind nicht erst Phänomene dieser Zeit. Hessen und der Vogelsberg war nach dem Zweiten Weltkrieg Zielort Tausender Flüchtlinge und Vertriebener aus dem Osten. Der Alsfelder Historiker Michael Rudolf hat das Schicksal einer Familie erforscht.
Der Blick in die „Transportlisten der Vertreibung“ der Staats- und Stadtarchive, das Studieren der Fachliteratur und vor allem die Gespräche mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen machen deutlich, dass insbesondere die Sudentendeutschen, Mähren und andere Volksgruppen meist im Laufe des Jahres 1946 aus ihrer Heimat vertrieben wurden und viele vor acht Jahrzehnten nach Hessen kamen.
Die nachfolgenden Zeilen geben die Erinnerungen wieder, die Gustav Smolinka samt seiner Familie an die Vertreibung aus dem mährischen Kremsier hat, sie zeigen auf, was er vor achtzig Jahren und der folgenden Zeit erlebte, sie spiegeln die Verhältnisse, die für die Nachkriegszeit charakteristisch sind, und sie werfen die Frage auf, wie sich die Menschen mit der zunächst drückenden Not arrangierten.
Ein bundesweiter Gedenktag
Der 20. Juni ist seit 2014 der Gedenktag an die Opfer von Flucht und Vertreibung, obgleich dieser unter den Feier- und Gedenktagen sicher noch nicht so eindrücklich angekommen sein dürfte wie andere institutionalisierte Erinnerungen. Vor zwölf Jahren beschloss die Bundesregierung, diesen Gedenktag nach einer dreijährigen Debatte jährlich ab 2015 immer am 20. Juni zu begehen. Am 20. Juni 2015 wurde der Gedenktag erstmals bundesweit begangen, welcher mit dem seit 25 Jahren existenten „Weltflüchtlingstag“ korrespondiert.
In den Reden, die bis heute zur Erinnerung an die Opfer von Flucht und Vertreibung gehalten worden sind, steht das Schicksal jedes Einzelnen, die Not, das Ungewisse, die Sorge und die Bewältigung des schwierigen Alltags, dieses Nichts, vor das man gestellt war und mit dem so viele gekommen sind, im Zentrum. Und gleichzeitig soll der Tag an den Neubeginn, den Wiederaufbau des Landes durch das Zutun der Heimatvertriebenen, erinnern, die leistungsbereit und leistungsstark waren, worauf beispielsweise Ministerpräsident Georg August Zinn anlässlich des Hessentages 1961 in Alsfeld hinwies.
Erinnerung an die großen Anstrengungen
Für Gustav Smolinka und dessen Familie ist der 20. Juni daher ein wichtiger Tag. Dessen Motto erinnert an all das, was am eigenen Leib erlebt wurde und welche Anstrengungen unternommen worden sind, um dem Ungemach, was die Familie erlebte, durch Leistungsbereitschaft und Engagement sowie mit Hilfe der aufnehmenden Familien zu entkommen.
Vertreibung vor achtzig Jahren
Über ein Schicksal der Vertreibung aus Mähren weiß Gustav Smolinka zu berichten, der als Zeitzeuge authentisch von dem berichten kann, was so vielen Menschen vor achtzig Jahren widerfahren ist und er sowie dessen Familie das Leid als Folge des zwölfjährigen NS-Regimes und des Zweiten Weltkrieges spüren musste.
Gustav Smolinka berichtet mir, dass einige Monate vor Ende des Krieges 1945 der Hass gegen die Deutschen immer größer geworden sei, bevor er, seine Mutter Gerta und die Schwester Helene vertrieben wurden.
1934 hatten die Eltern Gustav Smolinkas geheiratet, wobei sie aus familiären und beruflichen Gründen nach der Geburt der Tochter 1935 ein Jahr später ins mährische Kremsier gezogen sind, wo vorwiegend tschechische Landsleute gelebt hätten.
Nach dem Anschluss Österreichs sowie der „Heim-ins-Reich-Bewegung“ 1938 und der späteren Zerschlagung der Resttschechei sowie der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren „hat mein Vater im Jahre 1940, da er Tscheche war, die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt, wohlweislich in Hinblick auf die Zeit, die wohl noch kommen werde“, erzählt Gustav Smolinka.
Mutter im Arbeitslager, Kinder kamen in ein Heim
Der Vater wurde nach Gustavs Geburt im Januar 1942 im nachfolgenden Monat zum „deutschen Militär“ eingezogen, wobei die Mutter mit den Kindern auf sich alleine gestellt war. Am Kriegsende wurde die Mutter in ein „Arbeitslager gesperrt und die Kinder kamen in ein tschechisches Heim, das von Nonnen geführt“ wurde. Er und seine Schwester verblieben dort bis kurz vor der Vertreibung, wobei die Mutter ihre beiden Kinder vor dieser zurückbekam.
Im Mai 1946 habe der „damalige General und spätere Präsident, Ludvik Svoboda“, auf dem Kremsierer Marktplatz eine Kundgebung veranstaltet, zu der jede und jeder zu erscheinen hatte. Dort gab er vor den versammelten Kremsierern bekannt, dass die Hitler-Ära endlich beendet sei und er künftig „ein für alle Mal keinen einzigen Deutschen mehr in Kremsier sehen“ wolle. Als das die Mutter hörte, „dachte sie, sie müsse im Erdboden versinken. Sie packte uns Kinder vor lauter Angst, wehklagte darüber, dass ihr Mann nicht da sei und sie nicht wisse, was noch alles komme“.
Einige Tage später flatterte der Bescheid ins Haus, dass sie sich im Juni 1946 mit ihrer Familie auf dem Kremsierer Marktplatz einzufinden habe, da von dort aus „die Abschiebung erfolgen würde und jeder nur maximal 20 Kilo Gepäck mitnehmen durfte“.
Auf die Schnelle gepackt und aus der Heimat fortgerissen
Was wurde rasch zusammengetragen, was benötigte die Familie und reichte das Nötigste für eine Fahrt ins Ungewisse aus?
Gustav Smolinka berichtet, dass warme Kleidung doppelt angezogen wurde, „um das Gewicht des Koffers“ zu entlasten. Darüber hinaus waren es nötige Gebrauchsgegenstände, die mitgenommen worden seien, wie „ein Kochtopf und je ein Messer, eine Gabel und ein Löffel“. Die wichtigen Papiere habe die Mutter in Gustavs Mäntelchen genäht, in der Hoffnung, „dass ich als Kind nicht durchsucht“ werde. Die Mutter sei froh gewesen, als sie bei der Vertreibung auf dem Marktplatz die bekannte Familie Mrva traf, so dass sie sich jemandem anschließen konnte, die auch zwei Kinder hatte und sie nicht alleine war.

Der Bauernhof der Familie Hillenbrand mit Haupt- und Nebengebäude, wobei Familie Smolinka im mittleren Stockwerk des Nebengebäudes untergebracht war, unten der Pferdestall, ganz oben der Taubenschlag. © privat
Über mehrere Stationen nach Hünfeld
Gemeinsam ging die Fahrt über mehrere Zwischenorte bis zur Endstation ins hessische Hünfeld. Gustav Smolinka erinnert sich, auch aus den Erzählungen der Mutter, dass die Strecke vom Marktplatz in Kremsier mit einem LKW nach Olmütz zum Bahnhof Lutin-Olsany ging und von dort aus, in Güterwaggons verfrachtet, der Weg am 10. Juni 1946 gen Westen angetreten werden musste, was überdies aus der existenten Transportliste ersichtlich ist.
Der Transport führte im Juni vor achtzig Jahren von Wiesau nach Fulda, wobei sich 1212 Personen im Transport befanden, darunter 322 Männer, 583 Frauen, 74 Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren und 233 Kinder bis ins vierzehnte Lebensjahr.
Der Vertriebenentransport war vom „zuständigen Regierungskommissar für das Flüchtlingswesen, Dr. Jaerisch in Kassel, über den Flüchtlingskommissar angeordnet, wobei der Transportführer Wilhelm Miller und der Verantwortliche für den Transport Grenzkommissar Röse“ gewesen war, so Gustav Smolinka.
Nach der Bahnfahrt gen Fulda sei dort ein Großteil der Vertriebenen in Aufnahmelagern untergebracht worden, wobei die restlichen Personen von der Bahn bis nach Hünfeld transportiert wurden, erinnert sich mein Zeitzeuge. Dieser setzt fort, dass „wir, hier angekommen, vier Tage blieben, bis die Behörden die Vertriebenen in den verschiedenen Ortschaften im damaligen Kreis Hünfeld unterbringen“ konnten.
Der Vater findet wieder zur Familie
Der Krieg hat die Familie Smolinka, wie viele andere, zerrissen, wobei am Ende des Krieges die meisten Menschen nicht wussten, wo ihre Angehörigen waren und fragten sich, ob sie noch lebten, ob sie umherirrten, ob die Männer in Kriegsgefangenschaft geraten sind und vor allem, ob sie sich jemals wiedersehen werden.
Gustav Smolinkas Vater Johann, inzwischen aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen, wurde, als er die tschechische Grenze passieren wollte, gewarnt, da dort der „Teufel los“ sei und die Deutschen von den Tschechen aus ihrer Heimat vertrieben würden. Er wollte selbstverständlich die Familie wiedersehen, schrieb an einen ehemaligen Arbeitskollegen in der Tschechei, dass er seine Frau und die Kinder suche. Diesem war bekannt, dass die Frau in einem Arbeitslager der Tschechen interniert und die Kinder in ein tschechisches Heim gesteckt worden waren, bevor sie vertrieben wurden. Mit dem Erhalt des Briefes dieses Arbeitskollegen hatte Gustavs Mutter nun die Adresse ihres Mannes in Bayern erhalten und schrieb diesem nach der Ankunft in Hünfeld, dass sie sich dort aufhielten.
Ein Wiedersehen mit dem Vater
„Ich kann mich noch genau erinnern, als uns nach drei Tagen bei einem Spaziergang unser Vater entgegenkam. Mutter Gerta und Schwester Helene erkannten den Vater von Weitem, rissen sich von mir los und rannten ihm entgegen“. Gustav kannte seinen Vater nicht, da er kurz nach dessen Geburt zum Militär eingezogen worden war, gewöhnte sich aber schnell an ihn.
Häufig als Eindringlinge empfunden
Den Vertriebenen wurde meist in den umliegenden Orten Hünfelds Obdach zur Verfügung gestellt, nachdem es ihnen im Aufnahmelager in Hünfeld mehr schlecht als recht ergangen war. Smolinkas wurden mit einem LKW in den 100-Seelen-Ort Molzbach gebracht, wo sie am Dorfbrunnen mit den ihnen verbliebenen wenigen Habseligkeiten abgeladen worden seien. Die Landwirte, denen Flüchtlingsfamilien zugeteilt worden sind, waren anwesend, wobei die Aufnehmenden nicht immer glücklich über die „Zwangszuteilung“ gewesen waren und sie die Vertriebenen nicht selten als „Eindringlinge“ ansahen.
Der Bürgermeister habe von einer Liste die Namen der Flüchtlinge verlesen und wies diese den jeweiligen „Hausherren“ zu, so Gustav Smolinka. Dessen Familie wurde Johann Hillenbrand zugeteilt, der „uns nach Ankunft auf seinem Bauernhof seiner Familie vorstellte, die uns großäugig betrachtete“. Er zeigte uns unser „Zimmer“, circa 20 Quadratmeter groß, darinnen ein Tisch, vier Stühle, ein Schrank und zwei Betten, wobei der „Bauer zwei Strohballen zur Verfügung stellte, damit zunächst einmal die Strohsäcke gestopft werden“ konnten. Überdies wurden Gegenstände des alltäglichen Bedarfs zur Verfügung gestellt. Die Mutter durfte in einem Raum, in dem ein Herd stand, das Essen zubereiten, dort, „wo auch die Kartoffel für das Vieh gekocht“ wurden.
Lebensmittel auf Karten
Die Smolinkas erhielten, wie viele andere Familien auch, Lebensmittel auf Marken, die in einem „kleinen Dorfladen“ eingekauft werden konnten.
Mein Zeitzeuge weiß noch, dass er täglich „etwas unbeholfen am Hoftor stand und den Kindern beim Spielen zuschaute, konnte sie aber nicht verstehen“, da er durch die Zwangsunterbringung für ein dreiviertel Jahr in einem Heim mit Tschechisch sprechenden Nonnen nur noch dieser Sprache mächtig war. Zum Glück sei die Mutter zweisprachig und der Vater Tscheche gewesen, bis er das Deutsche langsam wieder erlernte. Rasch, erinnert sich Gustav, wurde er von der Dorfjugend aufgenommen, doch manche Sätze, die er verdreht habe, bekomme er „heute noch von den alten Molzbachern“ erzählt.
Ein Leben in kargen Verhältnissen
Die Aufnahme der vielen Flüchtlinge, Vertriebenen und auch Evakuierten stellten die Städte und Dörfer vor manche Probleme, fehlte doch vielerorts der nötige Wohnraum. Insofern waren Einquartierungen bei ortsansässigen Familien, die noch Kapazitäten hatten, üblich. Dass die Einquartierungen oft nicht gerne gesehen waren und sich manche Einheimische gegen eine Aufnahme aus Furcht vor dem „Eindringling, dem Fremden“ wehrten, dürfte aus der Situation heraus verständlich sein. Andere haben gerne geholfen, weil sie die Not und das Elend der Vertriebenen erkannten und sie unterstützen, wo es ging.
Insofern ist es interessant, was Gustav Smolinka zu den Wohnverhältnissen sagen kann. Die Wohnung war, wie damals nach dem Krieg nicht selten, ohne fließendes Wasser und ohne sonstige sanitäre Einrichtung. Das Trinkwasser wurde in einem Zehn-Liter-Eimer in der Waschküche geholt und musste über den Hof und die Stiegen bis ins Zimmer getragen werden. Eine Toilette war nicht vorhanden, so dass „sämtliche Abwässer in einem Eimer zur Jauchegrube des Bauernhofes getragen“ wurden. Das Anwesen verfügte über ein „Plumpsklo“, so dass man bei Wind und Wetter die Treppe hinuntergehen und über den Hof zum „stillen Örtchen“ laufen musste, um die „Notdurft zu verrichten“.
Einmal in der Woche ein Bad in der Zinwanne
Gustav Smolinka erinnert sich, dass die Wäsche in einem 30-Liter-Zinkkübel gekocht und über dem kleinen, so genannten „Flüchtlingsherd“ getrocknet wurde. Einmal in der Woche, meist samstags, konnte in der Zinkwanne gebadet werden, „die Kinder zuerst und dann die Eltern, wobei dies in gleichem Badewasser geschah, um das Wassertragen und das Heißmachen zu ersparen“, weiß Zeitzeuge Gustav Smolinka über die heute kaum vorstellbaren Verhältnisse zu berichten.
Im Winter sei es in der Vorderrhön schon bitter kalt gewesen, und der kleine Herd war meist nicht ausreichend, „um die Familie zu wärmen, so dass zusätzlich die Fenster mit alten, olivfarbenen Ami-Decken verhängt wurden“.
Später, nach der Geburt der Geschwister, 1948 und 1953, bekam die Familie vom Hausbesitzer noch eine Kammer hinzu, „wo wir zwei Betten unterbringen konnten, so dass nun für eine sechsköpfige Familie – bei doppelter Belegung – genug Platz vorhanden war“.
Mitarbeit auf dem Bauernhof
Das Leben habe sich tagsüber auf dem Bauernhof abgespielt, so Gustav Smolinka abschließend. Der Vater war zunächst Gelegenheitsarbeiter und „ich als ältester Junge musste circa 15 Kühe auf der Weide hüten“. In Molzbach lebte die Familie neun Jahre, bis der Vater eine Arbeitsstelle als Krankenpfleger in Marburg bekam, wobei er zwischen 1952 und 1955 pendelte, bis er in Marburg eine Wohnung fand und der Rest der Familie alsbald nachzog.
Leicht war das Leben in der Nachkriegszeit keinesfalls, wie es die Erinnerungen Gustav Smolinkas deutlich vor Augen führen. Sie sind ein wichtiges Zeugnis über das Schicksal der Vertriebenen in einer Phase der Geschichte, die allseits vielen Menschen Not und Elend brachte, aber auch offenbart, wie die Menschen mit den Belastungen in jenen Jahren nach dem Krieg umgingen und es die Ortsansässigen zusammen mit den Vertriebenen erreicht haben, Orte, Dörfer und Städte sowie das Land Hessen und die Bundesrepublik mit ihrer Tatkraft, ihren Fähigkeiten, ihrer Beharrlichkeit, ihrem Fleiß und ihrem Engagement wieder aufzubauen.
Auch interessant:



Schreibe einen Kommentar
Bitte logge Dich ein, um als registrierter Leser zu kommentieren.
Einloggen Anonym kommentieren