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Interview mit Stephan Paule zum Europatag der Europäischen Union„Wir müssen alles daran setzen, Europa vor Kriegen zu bewahren“

ALSFELD (ls). Mitten in Europa herrscht Krieg. 77 Jahre nachdem der Zweite Weltkrieg endete, sorgen Bomben wieder für Zerstörung und Tod. Rücken die Nationen jetzt wieder näher zusammen? Ein Gespräch mit Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule über Europa und dem Abbau von Feindschaft nach zwei Weltkriegen zum Europatag der EU.

Nur fünf Jahre nach der Kapitulation der Wehrmacht in ’45 war es der französische Ministerpräsident Robert Schuhmann, der die Gründung einer europäischen Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl vorschlug und damit den Grundstein zur Europäischen Union legte.

Im Schatten des Krieges in der Ukraine bekommt das europäische Bündnis eine ganz neue Bedeutung. Welche das ist, welche Rolle Städtepartnerschaften dabei spielen und wie es um die Zukunft Europas nun bestellt ist, darum geht es im Interview mit dem Vorsitzenden des Alsfelder Städtepartnerschaftsvereins, dem Alsfelder Bürgermeister Stephan Paule.

Oberhessen-live: Herr Paule, woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Europa“ hören?

Stephan Paule: Europa, die Bezeichnung unseres Erdteils, wird mehr und mehr zum Synonym für die Europäische Union, in der ja nicht alle Staaten dieses Erdteils vertreten sind. Es steht damit auch immer stärker für die Werte, die von den Staaten der EU verkörpert werden: persönliche Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Freizügigkeit, Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg.

Europa wirkt auf viele Menschen oft sehr abstrakt. Haben Sie ein konkretes Beispiel, wo die EU den Menschen in ihrem Alltag von Nutzen ist?

Neuestes Beispiel für das Wirken der EU in Alsfeld ist der neue Skatepark in den Erlen, der sich insbesondere bei jungen Leuten schon jetzt großer Beliebtheit erfreut. Hier hat die EU 180.000 Euro beigesteuert. Ein anderes Beispiel ist die Erweiterung des Wohnmobilstellplatzes 2017, zu dem die EU auch über 100.000 Euro Zuschuss geleistet hat.

Das Wegfallen des Geldwechselns beim Urlaub im Ausland und der Abbau der Grenzkontrollen zwischen den Schengen-Staaten ist ebenfalls wichtig. Wir alle profitieren von der EU-Agrarpolitik und dem Wegfall von Zollschranken zwischen den Mitgliedsstaaten. Jeder, der nach dem Brexit mal etwas in Großbritannien bestellen musste, kann von den Mehrkosten ein Lied singen.

Wo kann die EU aus Ihrer Sicht vielleicht noch besser werden?

Die Institutionen der EU müssen sehr deutlich machen, wie ihre Arbeit hilft, das Leben der Menschen in der EU jeden Tag ein Stück besser werden zu lassen. Wenn ihr dies nicht gelingt, kommen an den berühmten „Stammtischen“ die euroskeptischen Stimmen auf, die von aufgeblähten, bürgerfernen „Beamtenburgen“ sprechen.

Deutschland und Frankreich waren lange Jahre erbitterte Feinde, heute sind sie engste Freunde und pflegen zum Beispiel Städtepartnerschaften. Glauben Sie, dass eine solche Versöhnung irgendwann auch zwischen der Ukraine und Russland möglich sein wird?

Irgendwann ist ein sehr unbestimmter Zeitraum, der auch sehr, sehr lang sein kann. Daher lautet meine Antwort ja. Dafür müssen bestimmte Bedingungen geschaffen werden. Neben einem Friedensschluss muss dies der Wille zur Aussöhnung und zur Pflege guter nachbarschaftlicher Beziehungen sein. Ich persönlich halte eine Demokratisierung Russlands dafür als eine der Grundvoraussetzungen.

Gerade der Blick auf die Invasion Russlands und die Kriegsgräuel zeigt uns, wie schwer es in den 1950er und 1960er Jahren gefallen sein muss, nun ausgerechnet mit Deutschland die Aussöhnung zu beginnen. Zwischen 1914 und 1945 waren weite Teile Frankreichs zweimal von deutschen Truppen besetzt worden. Die Zerstörungen und der Verlust an Menschenleben waren immens.

Es bedurfte eines starken Willens zum Frieden und starker Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer und Charles DeGaulle, um das Werk der Aussöhnung in Gang zu setzen. Einen solchen Prozess wünsche ich auch der Ukraine und Russland. Ein erster Schritt dazu kann aber nur die Abwehr des völkerrechtswidrigen Angriffs russischer Truppen auf die Ukraine sein.

Rücken die Nationen durch den Krieg in der Ukraine Ihrer Meinung nach nun näher zusammen?

Ich denke: Ja. Militärische Bedrohung von außen führt zum engeren Zusammenrücken der Staaten, die in der NATO und der EU organisiert sind.

Wie können Städtepartnerschaften hier helfen?

Für eine engere Sicherheits- und militärpolitische Integration in der EU stehen Städtepartnerschaften sicher nicht im Vordergrund. Sie dienen vielmehr dazu, lebendig zu zeigen, wie sehr die Menschen der verpartnerten Städte einen gemeinsamen Wertecodex leben. Auch diese Erkenntnis führt natürlich zu mehr Integration.

Welche Bedeutung und welches Ziel haben Städtepartnerschaften also im europäischen Kontext? 

Dienten Städtepartnerschaften in der Nachkriegszeit noch dem gegenseitigen Kennenlernen und dem Abbau von Feindschaft nach zwei Weltkriegen, geht es heute mehr um Austausch und Aufbau persönlicher Erfahrungen und Freundschaften über Grenzen hinweg. Wie lösen andere Kommunen ähnliche Probleme? Wie leben die Menschen in der Partnerstadt? Dort, wo es vergleichbare Schulen gibt, spielt natürlich auch der Schüleraustausch zwischen Partnerstädten eine wichtige Rolle.

Eine dieser Partnerstädte ist beispielsweise die französische Stadt Chaville. Was vereint Alsfeld mit ihr?

Wie bereits oben erwähnt, sind es die gemeinsamen Werte, die Chaville und Alsfeld miteinander verbinden. Zahlreiche Freundschaften und Bekanntschaften machen den persönlichen „Kitt“ unserer Partnerschaft aus. Die Besuche und Gegenbesuche, die ich erlebt habe, waren von großem gegenseitigem Interesse, aber vor allem auch mit wichtigen positiven Emotionen verbunden. Viele, die mitgefahren sind, sprechen mich noch heute in der Stadt auf die vielen schönen Erlebnisse mit den Chavillern an.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Europas?

Wir müssen alles daransetzen, Europa vor Kriegen zu bewahren. Dazu gehört auch eine militärische Abwehrbereitschaft der EU und der NATO. Die EU muss anderen Ländern helfen, stabile demokratische Strukturen aufzubauen.

Wir müssen Strategien entwickeln, wie Europa trotz einzelner nationalistischer und populistischer Regierungen, die immer mal wieder in verschiedenen Ländern gewählt werden, stabil und handlungsfähig bleiben kann. Die EU muss unseren Freunden und Verbündeten im Vereinigten Königreich eine Wieder-Beitrittsperspektive für die Zeit nach Johnson geben.

Ein Gedanke zu “„Wir müssen alles daran setzen, Europa vor Kriegen zu bewahren“

  1. Es ist nicht alles gut und schön. Mit Russland haben wir große Fehler gemacht,alle in der EU und NATO das konnte nicht gut gehen. Der Westen allen voran der Amerkaner glaubten Russland wäre am ende,aber es ist immer noch die größte Atommacht der Welt.

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