
Dr. Sebastian Schiel informiert über Chancen und Perspektiven einer frühzeitigen palliativen Begleitung„Leben können – sterben dürfen“: Großer Zuspruch für Vortrag zur Palliativmedizin
ALSFELD/LAUTERBACH/VOGELSBERG (ol). Mehr als 100 Interessierte kamen kürzlich zu einem Fachvortrag von Dr. Sebastian Schiel, Direktor der Abteilung Palliativmedizin am Klinikum Fulda, der auf Einladung der Hospizvereine im Vogelsberg und der Lichtermeer-Stiftung stattfand. Unter dem Titel „Leben können – sterben dürfen“ erläuterte der Palliativmediziner, wie eine frühzeitige palliative Begleitung die Lebensqualität schwerkranker Menschen verbessern und sogar die Lebenszeit verlängern kann.
„Leben können – sterben dürfen“ – mit diesem Thema hatten die Hospizvereine im Vogelsberg gemeinsam mit der Lichtermeer-Stiftung offenbar einen Nerv getroffen: Der Veranstaltungssaal der Schottener Dienste war bis auf den letzten Platz gefüllt – gut hundert Menschen waren gekommen, um zu hören, was Dr. Sebastian Schiel, Facharzt für Palliativmedizin und Direktor der Abteilung Palliativmedizin im Klinikum Fulda, dazu zu sagen hat, heißt es in der Pressemitteilung der Lichtermeer-Stiftung .
Heide Fink, die Vorsitzende des Hospizdienstes im Vogelsberg, freute sich sehr über die Resonanz: „Es ist uns ein großes Anliegen, das Thema Tod und Sterben aus der Tabuzone zu holen und zu zeigen, welche Hilfen es für Patienten und ihre Angehörigen gibt“, sagte sie. Im Publikum saßen viele ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen, Fachkräfte aus Medizin und Pflege, Betroffene, Angehörige und Interessierte. Auch die im Vogelsberg aktiven anderen Hospizvereine aus Alsfeld und Schotten, die Lichtermeerstiftung und das Hospiz- und Palliativnetzwerk Vogelsberg waren vertreten.

Foto: T. Schlitt
Wer sich ob des ernsten Themas auf einen traurigen Abend eingestellt hatte, war überrascht, mit wieviel Freude und auch Leichtigkeit man über die medizinische Versorgung unheilbar kranker Menschen sprechen kann, denn, so Schiels Botschaft: „Palliativ heißt nicht, dass man morgen tot ist. Es gibt Potenzial und wir sind nicht die Endstation.“ Palliativmedizin könne und müsse nicht erst kurz vorm Sterben beginnen, sondern dann, wenn eine entsprechende Diagnose gestellt werde: Wenn Palliativmediziner frühzeitig in den Therapieprozess eingebunden seien, erhöhe das von vorneherein die Lebensqualität und verlängere das Leben. Aussagen wie „Wir können nichts mehr für Sie tun“ oder „Sie sind austherapiert“ hörten sich schlimm an – für den Palliativmediziner und sein Team bedeute dies jedoch ein Boxenstopp: „Wir schauen, was wir dem einzelnen Menschen anbieten können, um ihn noch für einige weitere Runden fitzumachen.“
Wie das geht, erfuhren die Zuhörer auch: Der Palliativmedizin stehe ein ganzer Werkzeugkasten an Mitteln zur Verfügung – so dürften hier beispielsweise auch Medikamente zu Zwecken eingesetzt werden, für die sie außerhalb der Palliativmedizin nicht zugelassen sind. Auf seiner Station, so berichtete der Mediziner, nehme man sich sehr viel Zeit für die Patienten, ein Team schwärme zusätzlich auf die anderen Stationen im Fuldaer Klinikum aus, um dort Menschen zu betreuen, die keines der zehn Betten auf seiner Station bekommen können. In seiner Palliativsprechstunde berate er Patienten wie Angehörige – auch hier mit viel Zeit und Empathie. Genau das war es, was das Publikum dem Referenten direkt abnahm: Er bestach durch seine Offenheit, durch seine Art, auf die Menschen zuzugehen und auch durch seine Ehrlichkeit, mit denen er sich sowohl seinen Patienten nähert als auch die Fragen aus dem Publikum beantwortete.
Zu Schiels Vortrag gehörten auch historische, statistische und medizinische Fakten. Besonders interessant erschien hierbei der Begriff des „Total Pain“. Behandelt werden in der Palliativmedizin zum einen die Symptome, zum anderen die spirituellen und psychischen Bedürfnisse. Mit vielen Beispielen aus seiner Praxis erläuterte Schiel, welche verschiedenen Angelegenheiten all das sein können – abhängig von Alter und Lebenssituation der Patienten und ihrer Angehörigen. Hilfe finden die Menschen bei einem multiprofessionellen Team, das aus Seelsorgern, Medizinern, spezialisierten Pflegekräften, Psycho- und Physiotherapeuten, Kunst- und Musiktherapeuten sowie Sozialarbeitern bestehe. „Jeder einzelne Mensch bekommt hier genau das, was er braucht.“ Er spricht mit den Kranken auch die Chancen neuer Therapien ab und hilft bei der Abwägung, ob man beispielsweise noch eine Chemotherapie ertragen möchte, wenn die Aussicht auf eine Lebensverlängerung besteht, oder ob man es gut sein lassen kann. „Jeder Mensch hat noch Ziele und Vorstellungen, und wir finden gemeinsam heraus, ob und zu welchem Preis man diese noch erreichen kann.“

Foto: T. Schlitt
Ganz explizit ging der Mediziner hier auch auf die „Übertherapie“ ein: Nicht alles, was ginge, sei sinnvoll: Man müsse und dürfe nicht alles tun, um am Ende des Lebens noch eine Verlängerung von zweifelhafter Qualität zu erlangen – ein Bereich, den man ebenfalls genau mit den Patienten besprechen könne, wenn man sie kennt und sich Zeit nimmt.
Als Thema der Palliativmedizin der Zukunft nannte Schiel die Palliativmedizin für Menschen mit Demenz, palliative Geriatrie: Hier müsse man ganz anders vorgehen – Demenz selbst sei aufgrund ihrer Eigenschaften – nicht heilbar, voranschreitend, begrenzte Lebenserwartung – selbst schon ein Fall für die Palliativmedizin, so Schiel. Außerdem würden Demenzkrante derzeit viel schlechter palliativ versorgt, weil sie sich nicht äußern könnten. „Auch die Politik sollte im Gesundheitswesen die Alten und Hochbetagten viel mehr mitdenken.“
Der Experte hatte mit seinem Vortrag auch im Nachhinein für viel Gesprächsstoff gesorgt; nicht zuletzt kam auch die Frage nach assoziiertem Suizid auf. Er selbst assistiere aus ethischen und moralischen Gründen nicht, aber er verurteile niemanden, der dies wolle und tue, sagte er. In diesem Zusammenhang verwies der Mediziner auf die Bedeutung einer Vollmacht: Nicht nur die Patientenverfügung, sondern das, was ein naher Angehöriger im Falle eines Falles als Wille des Patienten annehme, helfe den Ärzten sehr. Seine Botschaft am Ende dieses nachhaltigen und eindrücklichen Abends war, dass es machbar ist, unheilbar kranken Menschen zu ermöglichen, ihre letzte Lebensphase gut versorgt zu verbringen und in Würde zu sterben.
Für die Sprechstunde von Dr. Sebasian Schiel gibt es keine langen Wartezeiten. Man erreicht ihn unter https://klinikum-fulda.de/medizin-pflege/palliativmedizin/team/.
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