0

Anlässlich des 85. Jahrestages der Judenpogrome im Nazi-ReichGedenkfeier in Angenrod für Shoah-Opfer

Angenrod (ol.) Leidenschaftlich-engagierte und sehr zum Nachdenken inspirierende Ansprachen prägten am Donnerstag die mittlerweile zur Tradition gewordene Gedenkfeier am Platz der ehemaligen Angenröder Synagoge in der Judengasse.

Dieses Mal aus Anlass des 85. Jahrestages der Judenpogrome im Nazi-Reich, gedachten Konfirmanden der aus Angenrod deportierten Shoah-Opfer durch Anzünden von Kerzen. Mit insgesamt über 50 Personen aus Angenrod und Umgebung hatte die Gedenkfeier eine recht ansehnliche Beteiligung. Ausgerichtet wurde sie wie in den Jahren zuvor vom Ortsbeirat Angenrod und der evangelischen Kirchengemeinde Billertshausen.

In Vertretung von Ortsvorsteher Axel Möller, der sich entschuldigen ließ, hielt Christa Haidu eine leidenschaftliche und zum Nachdenken anregende Ansprache. Es sei ein „Tag der Erinnerungen an die Reichspogromnacht 1938, des Gedenkens an Verfolgung, Terror, Krieg und Gewalt. Und hier in Angenrod ist die Erinnerung wach an all unsere jüdischen Mitbürger, die in unseren Dörfern gelebt haben“, wie in einer Pressemitteilung mitgeteilt.

Nahostkonflikt verschärft Antisemitismus

Mit „dieses Jahr ist es sehr schwer Worte zum 9. November zu finden“, leitete die Rednerin auf das aktuelle Terrorgeschehen in Israel mit dem „Überraschungsangriff“ der „ islamistischen Hamas“ auf Israel über. Hunderte Menschen seien grausam ermordet und gewaltsam verschleppt worden. Israel poche auf „Vergeltung des Massakers“ und spreche vom „Auslöschen der Hamas“.  Die Hamas schöre weiterhin Hass und wolle „Israel vernichten“. Mit „ich habe das Gefühl: die Welt fliegt uns um die Ohren““ und „Alles ist so schlimm“ brachte Haidu ihre diesbezügliche Gefühlslage auf den Punkt.

Der Nahostkonflikt sei „weltweit ein schwieriges Thema“. Bedrückend sei, dass sich jetzt Antisemitismus verbreite und zunehme. „Aus unserer Mitte“ würden die Jüdinnen und Juden für die Politik in Israel verantwortlich gemacht und erführen aus der Mitte der Gesellschaft Judenhass und Judenhetze. Haidu ließ aber keinen Zweifel an ihrer Einschätzung daran, dass die „Terrorgruppe Hamas“ der Auslöser der aktuellen Situation sei.

In der Bundesrepublik Deutschland habe die jüdische Bevölkerung wieder Angst, habe man doch gedacht, „so etwas passiere in Deutschland nie wieder“. Jetzt sei es wichtig, sich „hinter die deutschen Jüdinnen und Juden“ zu stellen, „die hier leben, wohnen, zur Schule gehen, arbeiten! Denn nie wieder sei jetzt!“.

Gedenken in schwierigen Zeiten

In Angenrod seien im letzten Jahr die Stolpersteine gesetzt worden und das Haus Speier gehöre zur Gemeinde und werde von der Mehrzahl der Bevölkerung akzeptiert. Heute am 9. November zeige man, dass Antisemitismus keinen Platz habe: „Jüdinnen und Juden gehören zu Deutschland. Sie gehören zu unserer Gesellschaft und wir wollen, dass sie in Deutschland sicher leben können.“ Das Gedenken an die Shoah und die Vernichtung im Dritten Reich sei deswegen dringlicher denn je.

Christa Haidu dankte abschließend Pfarrerin Tamara Kaulich, Kirchenvorsteher Martin Reibeling und den Konfirmandinnen und Konfirmanden für die Gestaltung des Gedenkabends. Pfarrerin Tamara Kaulich, die den kirchlichen Part der Gedenkfeier gestaltete, bezog sich unter anderem auf den 1. Petrusbrief im Neuen Testament mit „Seid nüchtern und wacht!“ und wählte auch nachdenklich stimmende Worte wie „Heute müssen wir uns eingestehen, dass auch unter den Christ:innen nur wenige während des NS-Regimes Widerstand geleistet haben.“

Es sei „unsere Aufgabe, nüchtern und wachsam auf die Situation der jüdischen Menschen in unserem  Land zu schauen.“ 960 antisemitische Straftaten seien vom Bundeskriminalamt in der ersten Jahreshälfte gezählt worden. „Die Dunkelziffer ist deutlich höher.“ Und  abschließend wurde die essentiellen Gedanken dieses Abends verstärkend die jüdische deutsch-US-amerikanische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt aussagekräftig zitiert mit: „Frage nach, wo immer du Unrecht begegnest, lass dir erklären das Wie, Wo und Warum!“

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge Dich ein, um als registrierter Leser zu kommentieren.

Einloggen Anonym kommentieren