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Gedenkfeier zur Verschleppung jüdischer AngenröderAn das Schicksal der letzten jüdischen Angenröder erinnert

ALSFELD (nah). Im Rahmen der Feierlichkeiten „750 Jahre Angenrod“ fand vergangenen Mittwoch an der Gedenkstätte Speier Haus in Angenrod eine Gedenkfeier statt. Hier wurde an die Verschleppung von acht jüdischen Angenröder im Jahr 1942 erinnert. Pfarrerin Tamara Kaulich hielt eine Ansprache, im Anschluss folgte ein Vortrag von Otto Volk über Alsfeld im Dritten Reich.

Über dreißig Zuhörer fanden sich am Speier Haus ein, um Pfarrerin Tamara Kaulich, in Vertretung für Pfarrer a.D. Walter Bernbeck, bei ihrer Ansprache zuzuhören. Das Gedenken an die Verschleppung von acht jüdischen Angenröder fand im Hof der Gedenkstätte statt.

Kaulich begann ihre Ansprache mit folgenden Worten: „Wir hören Worte aus dem 65. Kapitel des Jesajabuches: Jes 65,17-23. Gottes Volk ist ein Volk von Deportierten. Die tröstenden Worte des Propheten Jesaja sind entstanden, als nach dem endgültigen Zusammenbruch von Staat und Königtum in Israel ein Großteil der Bevölkerung ins Exil nach Babylon gebracht wurde. Die Übrigen blieben in Hunger und Armut in den Trümmern ihres Landes und ihrer Gesellschaft zurück.“

Die Pfarrerin fand deutliche Worte. Es gebe Momente, da werde Sie ganz ruhig. An diesem Gedenktag besonders. Sie beschrieb, welche Traurigkeit sie über dieses Schicksal verspüre, was so viele Menschen getroffen hat. Das Schicksal, der Jüdinnen und Juden, an das an diesem Tag erinnert wird, sei nur ein Beispiel dafür, wie der Strom der Geschichte Menschen mit sich reiße, betonte sie.

Kaulich erzählte, wie in den 1840er Jahren dieses historische Haus für die jüdische Familie Speier erbaut wurde, die Händlertätigkeiten nachgingen. Um 1890 habe es eine antisemitische Welle gegeben, danach ein gutes Miteinander bis zur Zeit der Nationalsozialisten. „1942 wurden die letzten acht jüdischen Angenröder:innen und Angenröder im Wohnhaus der Familie Speier festgesetzt.“

Pfarrerin Tamara Kaulich während ihrer Ansprache. Alle Fotos: nah

Sie erinnerte an Leopold und Johanna Speier, die Eltern von Alfred und Lieselotte. Mit gerade ein mal neun Jahren wurde Lieselotte deportiert. Sie gedachte an Sally und Minna Wertheim, sowie Bertha Oppenheimer und Friede Abt. „Von hier, vom Haus Speier aus, wurden sie verschleppt, grausam ermordet.“

Im Anschluss an die Ansprache gab es einen Moment der Stille um über das Gehörte nachzudenken. Mit einem Fürbittengebet und dem abschließenden Segen begaben sich alle in die obere Etage der Gedenkstätte, um dem Vortrag von Professor Otto Volk zu hören.

Professor Otto Volk mit seinem Vortrag Alsfeld im Dritten Reich

Volk bezog sich in seinem Vortrag auf Alsfeld im Dritten Reich, womit er die Deportation in den Prozess der Entrechtlichung, Unterdrückung und Gewalt an und gegen Juden einbettete. Nicht nur in Angenrod wurden im September 1942 diejenigen Juden deportiert, die es nicht mehr geschafft hatten zu flüchten, er zeigte auch andere im Orte im Vogelsberg auf.

Volk ging unter anderem in seinem Vortrag auf den Anteil jüdischer Einwohner im Kreis Alsfeld ein. So lag nach seinen Recherchen der jüdische Bevölkerungsanteil in 1861 bei 3,14 Prozent, in 1900 noch bei 2,41 Prozent und in 1933 nur noch bei 1,46 Prozent. Auch berichtet er von der Beerdigung des „Blutzeugen“ Willi Weber in 1932.

Volk während seines Vortrages.

Auch eine anonyme Schmähschrift gegen den damaligen Alsfelder Kaufmann Adolf Cahn in 1933 brachte Volk den Zuhörern mit. Darin hieß es im Wortlaut: „Dieser Bauernwürger wohnte in Häusern, die ehemals fleißige deutsche Handwerker für ihre deutschen Nachkommen gebaut und er erntet, wo deutsche Bauern im Schweiße ihres Angesichts jahrhundertelang gesäet hatten. Diesen Vampir im deutschen Volk hat gestern Abend sein Schicksal erreicht. Schon in den frühen Abendstunden durchlief wie ein Lauffeuer das Gerücht unser Städtchen: Jud Cahn wolle sich der Sühne seiner Schandtaten durch die Flucht ins Ausland entziehen und habe sich schon einen Auslandspaß besorgt. Daraufhin zog eine empörte Volksmenge vor die Wohnung des Bauernschlächters und verlange stürmisch die Auslieferung des Juden.“

Der Professor hatte viele historische Dokumente mitgebracht. So zum Beispiel eine Beschwerde der NSDAP-Kreisleitung über den Juden Julius Stern.

In Volks Ausführungen durfte auch die Alsfelder Synagoge als Zentrum der jüdischen Gemeinde nicht fehlen. Diese wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut. In der Reichsprogramnacht in 1938 wurde sie angezündet. „Sie hat aber, nach allem was wir wissen, nicht in ähnlicher weise lichterloh gebrannt wie andere, die Marburger Synagoge zum Beispiel, die dann völlig vernichtet war, sondern innendrin gebrannt aber das Gebäude Ansicht war wohl stabil“, berichtete der Professor, der mittlerweile im Ruhestand ist. In der Folgezeit wurde die Synagoge dennoch abgerissen. Volk brachte hierzu Vergleichsbilder von damals und heute mit.

Nur kurze Zeit später wurde es plötzlich dunkel – aber nicht mit Absicht. Der Strom war ausgefallen. Die Verantwortlichen erklärten, dass das Speier Haus nicht am Stromnetz angeschlossen sei, sondern über einen Solarakku versorgt wird. Das hielt den Professor aber nicht davon ab, mit seinem Vortrag über Alsfeld im Dritten Reich weiterzumachen, als sei es selbstverständlich, so ohne Strom. Auch die Zuschauer hörten weiter gespannt zu und ließen es sich am Ende nicht nehmen noch Fragen und Anmerkungen einzubringen.

Weitere Eindrücke der Gedenkfeier

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