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Schwester Irmgard seit vier Jahrzehnten im Alsfelder Krankenhaus – Schockraum, Traumanetzwerk und Tele-Doc mit aufgebautDas Lächeln der Notaufnahme

ALSFELD (ol). Die wilden Locken – stets mit einem Haarband gebändigt – sind ihr Markenzeichen. Und ihr Lächeln. Damit begrüßt sie jeden, der zu ihr kommt und Hilfe benötigt. Gleichzeitig nimmt sie damit vielen Patienten auch die Angst. Irmgard Freihöffer-Murphy ist das Gesicht der Alsfelder Notaufnahme. Seit 43 Jahren im Dienst, die letzten zwei Jahrzehnten davon an vorderster Front in der Notfallambulanz, hat sie wie kaum eine Andere die Entwicklungen in der Medizin, der Pflegestandards und des Kreiskrankenhauses des Vogelsbergkreises erlebt und mitgeprägt.

Ihr Entschluss Krankenschwester zu werden, folgte nach einem schweren Schicksalsschlag. Ihre Mutter verstarb früh, Irmgard war gerade mal zwölf Jahre alt. Die Zustände im behandelndem Krankenhaus während der stationären Behandlung der Schwerkranken waren optimierungsbedürftig: Große Mehrfachzimmer und zu wenig Personal, so dass die Patienten sich untereinander unterstützten. Eine Situation Anfang der 70er Jahre, die für die junge Alsfelderin den Anstoß gab, nach ihrer Mittleren Reife 1978 eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren. So aus der Pressemitteilung.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – so lautet das gängige Sprichwort. Im Fall der Ausbildung als Krankenschwester unter der Alice-Schwesternschaft Darmstadt, die bis 1984 einen Gestellungsvertrag mit dem Alsfelder Krankenhaus hatte, war es nicht nur ein Satz, sondern Alltag. Damals gab es noch den Teildienst – morgens und abends, damit die Patienten funktional versorgt werden konnten. 12-Stunden-Tage waren die Regel.

Neben den herausfordernden pflegerischen Tätigkeiten, dem Umgang mit Schwerkranken und dem Tod erforderten vor allem die hygienischen Vorkehrungen viel Zeit und Kraftanstrengung: So mussten zum Beispiel Bandagen täglich ausgekocht und zum Trocknen aufgehängt werden, Handschuhe wurden mit selbsthergestellter Desinfektionslösung gereinigt, Mehrfachspritzen und -kanülen aus Glas per Hand desinfiziert. Heute kaum noch vorstellbar. „Hygiene hatte zu der Zeit schon oberste Priorität!“, erinnert sich die damals 17-Jährige. „Heute gibt es für vieles Einmalprodukte.“ Die Zeit, die man sich damit nun spart, werde nun für die immer umfangreicher werdenden Dokumentationen und administrativen Aufgaben benötigt.

Impulse setzen und Verantwortung übernehmen

Schwester Irmgard ließ sich von den Eindrücken, die sie in dem damals noch üblichen Jahr Vorpraktikum machte, nicht beirren und verfolgte zielstrebig ihren Weg. Sie wollte mitreden, mit verändern, Impulse setzen und Verantwortung übernehmen. Sie bildete sich weiter und übernahm mit 24 Jahren bereits die stellvertretende Stationsleitung und mit gerade mal 30 Jahren die Leitung der Station 1, der damaligen interdisziplinären Station, auf der Patienten der Gefäßchirurgie, Unfallchirurgie, HNO und Augen zusammen lagen.

Mit Neuausrichtung der Station zur Kurzzeitpflege übernahm Schwester Irmgard nach weiteren Weiterbildungen im Notfallmanagement und als Notfallschwester die Funktionsleitung der Zentralen Notaufnahme. Seitdem ist sie dort nicht mehr wegzudenken. Sie hat alles im Blick, Patienten und Mitarbeiter, organisiert, koordiniert und entwickelt weiter.

Gemeinsam mit dem Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie Dr. Arno Kneip hat sie beispielsweise das Trauma- Netzwerk und den chirurgischen und internistischen Schockraum in der Notaufnahme eingerichtet – ein spezieller Behandlungsraum unmittelbar in der Nähe der Notaufnahme von Liegendtransporten, in dem sofort lebensrettende Maßnahmen ergriffen werden können. Dort werden nicht nur Mehrfachtraumatisierungen nach Unfällen behandelt, sondern auch Schlaganfall-Patienten erstversorgt.

Der Schockraum ist zusätzlich zu dem chirurgischen Equipment auch mit Telemedizin – dem Tele-Doc – für internistische Notfälle ausgestatten. Über eine stehende Verbindung zu der Stroke Unit (Schlaganfall-Einheit) in Kassel können sich direkt Experten des Schlaganfallzentrums zuschalten. Gemeinsam mit den Ärzten und Pflegekräften der Alsfelder Klinik wird entschieden, welche Maßnahmen einzuleiten sind, ob der Patient in eine Stroke Unit verlegt oder vor Ort weiterbehandelt werden kann. Eine mediale Verbindung, die in den letzten Jahren schon sehr viele Leben im Vogelsbergkreis gerettet hat.

Gedanken über Fortschritte und Nicht-Fortschritte

Schwester Irmgard ist dadurch noch näher am Geschehen, muss starke Nerven behalten und natürlich die Übersicht. Von ihren Kollegen in der Zentralen Notaufnahme, der Stationen und Praxen und auch von den Ärzten wird sie sehr geschätzt, vor allem ihre stets positive und freundliche Art, ihre Zuverlässigkeit und Umsicht sowie ihre Kompetenzen bewundern sie und erleben die Zusammenarbeit mit ihr als Bereicherung.

Stressen lässt sich die erfahrene 60-Jährige tatsächlich selten. Dennoch gibt es hin und wieder Tage, an denen sie nicht gelassen und entspannt nach Hause kommt, um auf einer Gassi-Runde mit ihrem Hund in den Feierabend zu starten. Dann, wenn besonders eindrucksvolle oder auch belastende Erlebnisse hinter ihr liegen – Einzelschicksale von Patienten oder Familien. Zu schaffen gemacht habe ihr auch ein Angriff auf einen Arzt in der Notaufnahme. Natürlich hatte sie schon von Gewalt gegenüber Rettungskräften gehört, aber mitzuerleben, wie ein Patient einen Arzt derart angreift, dass der zu Boden geht und in der Wundversorgung liegt, habe sie sehr mitgenommen.

Und dann war da noch Corona, besser, ist da noch Corona. Arbeiten im Schutzanzug, die Angst vor Ansteckung, Bilder aus Krankenhäusern in Italien im Kopf. „Natürlich war das eine besondere Situation für uns in der Notaufnahme, aber besonders für meine Kolleginnen und Kollegen auf den Stationen, vor allem auf der Isolierstation.“

Als eine der dienstältesten Schwestern habe sie aber auch schon andere kritische Phasen miterlebt und – auch mal infiziert – überstanden. Doch das sind nicht unbedingt Dinge, die Irmgard Freihöffer-Murphy Gedanken machen und sie belasten, vielmehr der medizinische Fortschritt beziehungsweise Nicht-Fortschritt: verschiedene Krebsarten – wie Pankreas- oder Lungenkrebs – die man immer noch nicht beherrsche, genauso wie manche chronischen Erkrankungen.

Sie zeigt sich sehr betroffen davon, dass es seit dem Tod der eigenen Mutter keine wesentliche Entwicklung bei der Therapie mancher Krebsarten gibt. Begeistert jedoch ist sie über den Fortschritt in der Chirurgie. Die minimalinvasiven endoskopische Eingriffe, das Setzen von Bypässen, die Endoprothetik und die Fortschritte in der Wirbelsäulenchirurgie empfindet sie als mit der größten Entwicklung in der Medizin der letzten Jahrzehnte.

„Für mich ist jeder Tag ein guter Tag“

Noch ein paar Jahre hat Schwester Irmgard vor in ihrem Beruf zu arbeiten. Sie liebt ihn. Geht in ihm auf. Freut sich jeden Tag aufs Neue, wieder den Weg zu ihrem Arbeitsplatz zu nehmen. Dabei sei jeder Tag eine Herausforderung, weil man nie wisse, was Unvorhersehbares auf einen zukommt. „Für mich ist jeder Tag ein guter Tag, weil ich meinen Beruf gerne mache. Anderen Menschen zu helfen, zu beobachten, wie sie gesund werden, wie die Wunden heilen und auch durch die Anerkennung, wenn Patienten zu mir sagen, ’schön, dass sie noch da sind!‘, motivieren mich!“

Noch einige Zeit können die Patienten das gewachsene Vertrauensverhältnis zum „Gesicht der Ambulanz“ genießen, bevor Schwester Irmgard nach einem arbeitsreichen, intensiven und wirksamen Arbeitsleben ihren Ruhestand mit Mann und Hund im eigenen Garten antritt.