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Entscheidung des Kreistags fällt am 28. JanuarKreisausschuss gibt grünes Licht für Krankenhaus-Neubau

WARTENBERG (akr). Es ist aktuell das Top-Thema in der Vogelsberger Kreispolitik: Das Kreiskrankenhaus in Alsfeld. Das soll nämlich entweder grundhaft saniert oder sogar komplett neu gebaut werden. Die Entscheidung darüber fällt zwar erst am 28. Januar im Kreistag, der Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss hat am Mittwoch aber schon darüber beraten – und sich für einen Neubau ausgesprochen.

Vor fast 40 Jahren, genauer gesagt 1982, wurde das Alsfelder Kreiskrankenhaus in Betrieb genommen. Seither hat sich baulich, abgesehen vom Anbau des Verwaltungsgebäudes und der Pflege sowie der Kernsanierung der physikalischen Therapie und der Dachsanierung, nicht viel getan. Kurz und knapp auf den Punkt gebracht: Das Krankenhaus ist in die Jahre gekommen. Deshalb hat der Vogelsbergkreis einen Sanierungsplan in Auftrag gegeben. In den nächsten gut 15 Jahren sollen rund 75 Millionen Euro in die grundhafte Sanierung des Kreiskrankenhauses investiert werden – das war zumindest anfangs der Plan.

Mittlerweile nämlich stehen die Weichen fast aller Kreistagsfraktionen eher auf Neubau. Das konnte man bereits vor der Ausschusssitzung aus den zahlreichen Pressemitteilungen vernehmen. Die Linken brachten schon auf der letzten Kreistagssitzung kurz vor den Weihnachtsfeiertagen einen Gegenantrag ins Spiel, statt einer Sanierung forderten sie einen Neubau. Diese Meinung teilten auch die Freien Wähler, die einen Änderungsantrag zur Sitzung im Dezember einbrachten.

KKH Alsfeld: Neubau oder Sanierung, mit Geburtenstation oder ohne?

Doch bevor der Kreistag kommende Woche darüber entscheidet, wurde am Mittwoch erstmal im Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss darüber beraten. Die beiden Varianten, also Sanierung oder Neubau, hat die Beratungsgesellschaft Andree Consult in einer Untersuchung gegenübergestellt und an diesem Mittwoch den Ausschussmitgliedern vorgestellt. Sowohl der Variante 1 als auch der Variante 2 lagen für den Vergleich die gleichen wesentlichen Parameter zugrunde – unter anderem 142 vollstationäre Betten, drei stationäre OP-Säle, ein ambulanter OP-Saal, sechs Fachabteilungen, Kurzzeitpflege und einiges mehr. Fred Andree und Michael Barkow von der Beratungsgesellschaft gingen anschließend auf die Terminplanung ein und gaben eine Kostenprognose.

Fred Andree, Ingo Breimeier und Michael Barkow.

Neubau oder Sanierung: Der Vergleich

So würde eine Sanierung rund 15 Jahre dauern und knapp 73,7 Millionen Euro kosten, der Neubau wäre in fünf bis sechs Jahren errichtet und würde rund 65,6 Millionen Euro kosten. Was sind denn nun aber die positiven und negativen Aspekte auf beiden Seiten? Was die Sanierung angeht, gab es lediglich zwei positive Punkte: Zum einen, dass durch die Bildung der Bauabschnitte auch die Finanzierung zeitlich gestreckt werden könne und zum anderen, dass man keine Gelder für einen Abriss aufbringen müsste.

Negative Punkte gab es dafür einige: die lange Bauzeit, dass nach Abschluss der Maßnahmen eigentlich gleich wieder mit Sanierungen weiter gemacht werden könne, dass die baulichen Eingriffe ziemlich komplex seien, die Sanierung im laufenden Betrieb erfolgen müsste oder dass es eine hohe Kostenunsicherheit gebe – man weiß bei Sanierungen schließlich nie, was einen hinter den Wänden beispielsweise erwartet, um nur einige Beispiele zu nennen.

Für die Variante Neubau sah die Übersicht anders aus. Da wurde nämlich lediglich ein negativer Punkte aufgeführt – und zwar die Sanierungsmaßnahmen im Bestand, die für die Betriebssicherung notwendig sind. Sprich: Man investiert noch in ein Gebäude, was dann später nicht mehr genutzt oder sogar abgerissen wird. Positiv sei hingegen, das der neue Baukörper auf dem aktuellen Stand der Technik sei, man beispielsweise Patientenzimmer schon von Anfang an so aufbauen könnte, dass sie schnell in ein Isolierzimmer abgewandelt werden können. Darüber hinaus wird der Krankenhausbetrieb nicht gestört, die Baustrukturen wären angepasst und optimiert, beispielsweise was größere Stationen angeht, für ein geringeres Kostenrisiko gebe es modernere Krankenhausstrukturen.

Bei einer so großen Entscheidung blieben auch Anmerkungen, Fragen und Kritik nicht aus. So wollte Friedel Kopp von den Freien Wählern die Beschlussvorlage des Landrates um einen Punkt erweitern, bei dem es um die Erstellung eines Nachnutzungskonzeptes für den alten Gebäudekomplex ging.

Friedel Kopp, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler.

Landrat Manfred Görig war davon aber nicht sonderlich begeistert. „Willst du 2021 ernsthaft dem Kreisausschuss den Auftrag geben, mit jemanden zu verhandeln, ob er 2027/28 ins alte Haus geht? Das halte ich für reichlich übertrieben, das macht überhaupt keinen Sinn“, sagte Görig und betonte, dass für ihn eine Nachnutzung wenn dann überhaupt nur in Frage käme, wenn es Dritte seien, die das Gebäude übernehmen würden, damit man sich keinen „Klotz ans Bein“ hole. Sollte sich tatsächlich jemand melden, der Interesse an dem Gebäude, beziehungsweise an Teilen hätte, könne man ja schauen, ob das Sinn macht. Kopp erklärte, dass es nicht sofort ein Konzept geben müsse, sondern spätestens, wenn der Umzug ins neue Krankenhaus anstehe.

Kritik am Gutachten und Beschlussvorschlag

Kritik gab es unterdessen von FDP-Fraktionsvorsitzenden Mario Döweling. Aus Sicht der FDP lässt nämlich das vorgestellte Gutachten „zu Wünschen übrig“. Für Entscheidungen von so einer großen Tragweite hätte man deutlich mehr Input bekommen müssen, hieß es. „Sie schreiben im Gutachten, dass ein neues Haus eine neue IT-Struktur hat, ein saniertes nicht, das hätte ich auch aufschreiben können, das liegt auf der Hand“, betonte Döweling. Könne man das nicht auch im alten Haus schaffen? Und wenn ja, wie?

Antworten auf solche Fragen hätte sich die Fraktion gewünscht, beispielsweise auch wie die Parkplatzsituation geklärt werden solle, falls der Neubau im Bereich der Parkplätze entstehen würde. Auch bei der Beschlussvorlage des Landrates fehle es an „Detailschärfe“, zum Beispiel was die Finanzierung eines Neubaus angeht. Der Satz „die benötigten Finanzmittel sind im Haushaltsplan 2021 und in der mittelfristigen Ergebnis- und Finanzplanung 2019 bis 2024 des Vogelsbergkreises zu veranschlagen“ reichte der FDP nicht. Bei der Sanierung habe man schließlich einen genauen Plan bekommen, wie was wann finanziert werden solle. „Also wenn ich hier heute die Hand heben soll, dann mach ich das bestimmt nicht auf der Basis dieses Konzeptes hier, das wäre ja ein Blanko-Check“, so Döweling, der grundsätzlich nicht gegen den Neubau ist, wie er sagte.

Ihn wunderte es auch, dass die Option eines möglichen Erweiterungsbaus für die Einrichtung einer Geburtenstation in der Planung berücksichtigt werden soll, das sei ein „weiterer Sinneswandel“ des Landrates. Döweling erklärte, dass es wünschenswert wäre, eine Geburtenstation zu haben, doch er glaube nicht daran, dass das realisiert werden könne, schon allein wegen der fehlenden Ärzte. „Wir haben die Geburtenstation damals ja nicht aus Jux und Tollerei zugemacht“. Holger Doktorowski von der AfD, der sich schon bei der letzten Kreistagssitzung für die Wiederbelebung der Geburtenstation einsetzte, freute sich übrigens über die Option des Erweiterungsbaus und blickte optimistisch in die Zukunft – wenn das Krankenhaus dann attraktiver sei, würden sich vielleicht auch Ärzte finden.

Görig entgegnete Döweling, dass er schon in der letzten Sitzung klar gemacht hätte, dass es beim Thema Neubau einige Punkte gebe, die man beachten müsse, sei es die akuten Sanierungsmaßnahmen im Bestand oder auch, dass man notfalls Mittel aus dem Kommunalinvesititonsprogramm zurückzahlen müsse. Auch über die Kosten für einen Abbruch des alten Gebäudes von rund 2,5 Millionen Euro habe er informiert. Man müsse halt die finanziellen Mittel früher bereitstellen, als bei einer Sanierung. „Zwölf Millionen Euro gibt es vom Land, den Rest müssen wir aufnehmen“, erklärte er und merkte an, dass sich dann natürlich die finanzielle Situation des Kreises angespannt darstelle.

Landrat Manfred Görig.

Was die Parksituation angeht, da werde es einen Ausweichparkplatz in unmittelbarer Nähe zum Krankenhaus geben, erklärte Görig. Heute gehe es aber auch darum, die Grundsatzfrage zu beantworten, sprich: Neubau oder Sanierung und so sei auch der Beschlussvorschlag zu verstehen. „Wir müssen den Grundsatzbeschluss befassen und dann geht man den Weg in die Planung“. CDU-Fraktionsvorsitzender Stephan Paule betonte ebenfalls, dass es heute um die abstrakte Betrachtung zweier Projekte ginge.

Zur Kritik des Gutachtens meldete sich dann auch Michael Barkow zu Wort: „Wir sind vom Namen her bekannt, dass wir sehr fundiert arbeiten. Das was sie heute präsentiert bekommen haben, war ja nur eine Zusammenfassung.“ Man habe sich natürlich detaillierter damit beschäftigt. Nach über eineinhalb Stunden kam der Ausschuss dann schließlich zur Abstimmung. Mit 14 Ja-Stimmen und einer Nein-Stimme – Mario Döweling hielt Wort – empfahl der Ausschuss den Beschlussvorschlag zur Annahme. Die endgültige Entscheidung fällt kommende Woche Donnerstag, aber auch da haben so gut wie alle Fraktionen ja bereits im Vorfeld mitgeteilt, sich für einen Neubau auszusprechen.

9 Gedanken zu “Kreisausschuss gibt grünes Licht für Krankenhaus-Neubau

  1. An diesem Punkt irrt der Landrat mal wieder ganz gewaltig! Mit dem angesprochenen Folgenutzungskonzept vergibt man sich rein gar nichts. Insbesondere in Zeiten klammer Kassen sollten so früh wie nötig Ideen wachsen und geprüft werden, das wäre verantwortungsvoll.

    In seiner altbekannten Art und Weise lässt er Ideen aber nicht zu.
    Das führt dann auch dazu, dass eine einst starke Kreis-SPD nicht einmal eine Vorstellung hat, wie man die nächsten Jahre gestalten will und nur ein dünnes „Eckpunkte-Papier“ dabei rauskommt.

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  2. Das waren aber verdammt viele Leute in einem Raum (über 30?) das geht in Kirchen nicht,nicht in Theater,Fitnessstudios,Frisöre,Kosmetik,Einzelhandel und und und? war da eine vernünftige Belüftung mit aussreichend Filterleistung? Oder war das vieleicht ein „Superspreader Event“

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  3. Warum wird hier von Abriss-kosten gesprochen ?
    Das alte gebäude lässt sich doch bestimmt weiternutzen….

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  4. Gute Arbeitsbedingungen, eine faire Bezahlung und die Honorierung der Leistungen der Mitarbeiter des Kreiskrankenhaus Alsfeld wären wichtige Beiträge. Auch eine Geburtenstation finde ich ein Muss. Anstatt die Onkologie zu kündigen, sollten Fachärzte sich im Umfeld des Krankenhauses ansiedeln können.

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  5. Und dann steckt das gute Tier den Kopf in seinen leeren Beutel und tut einen großen Sprung ins kalte Wasser, in eine ungewisse Zukunft oder wohin auch immer. Blindflug nach dem Motto: „Wir müssen den Grundsatzbeschluss befassen und dann geht man den Weg in die Planung“. Erst entscheidet man sich mal dafür oder dagegen. Und dann überlegt man sich, wie man das Ganze finanziert, ob das alte Gebäude abgerissen wird oder eine Nachnutzung durch Dritte in Frage käme. Und der CDU-Koalitionspartner ist auch nicht klüger und spricht von der „Wir müssen den Grundsatzbeschluss befassen und dann geht man den Weg in die Planung“. CDU-Fraktionsvorsitzender Stephan Paule betonte ebenfalls, dass es heute um die abstrakten Betrachtung zweier Projekte. Wobei für die Variante Sanierung offenbar eine sehr detailreiche Expertise vorlag, für die Variante Neubau aber nur eine vage Auflistung der angeblichen Vorteile. Für Entscheidungen von so einer großen Tragweite hätte man deutlich mehr Input bekommen müssen, mahnt da Mario Döweling von der FDP eine seriöse Vorbereitung der Beschlussfassung an. Und der Mann hat recht! Und jeder müsste diese Meinung teilen! Denn es gibt allenthalben nur vage Anhaltspunkte zu den Finanzen. Ja, der Landrat hat – im Vorfeld (wo ist das denn?) – auf die eine oder andere unangenehme Konsequenz hingewiesen: Die Kosten für einen Abriss der alten Klinik, die hohe Neuverschuldung des Kreises angesichts einer nur relativ geringen Beteiligung des Landes, eine lange Phase extremer finanzieller Engpässe. Doch was es konkret heißt, wenn ein strukturschwacher Landkreis praktisch seine gesamten Einnahmen für ein einzelnes Großprojekt verballert, will man doch so genau gar nicht erörtert wissen, um die Zustimmung einer Mehrheit nicht zu gefährden. Und dass die Kostenschätzungen einer Beraterfirma, die für nichts haftet, wenn ihre Prognosen sich als falsch erweisen, nicht das Papier wert ist, auf die sie gedruckt sind, gehört doch fast schon zur DNA des erfahrenen Kommunalpolitikers.
    Man fasst es nicht, wie da ein Dilettantenparlament weitreichende Entscheidungen trifft, ohne sich die Zeit für eine sachverständige Prüfung zu nehmen. Außer Döweling kein Politiker mit Vernunft und Augenmaß, dafür aber ein ganzer Saal voller „Doktorowskis“, die sich eine Schwarzwaldklinik bauen wollen.

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    1. Korrektur: Und der CDU-Koalitionspartner ist auch nicht klüger und spricht von der abstrakten Betrachtung zweier Projekte.

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      1. Kreispolitik und der Kuhhandel
        Erfordern manchen Sinneswandel
        Der Landrat ist darin perfekt
        Glaub nicht, dass mehr dahinter steckt
        Darum ist es auch sch***egal
        Wenn die Beschlüsse irrational
        Der ganze Kreistag dient nur zum
        Showroom im Provinz-Fürstentum

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      1. …fördern dass Denkvermögen!!!
        Wer sagt denn was von „Sanierung für lau“, Ratsch[]er? Steht doch da: „So würde eine Sanierung rund 15 Jahre dauern und knapp 73,7 Millionen Euro kosten“!!!
        Sonst noch Ratschläge?

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