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Kommentar zum Bau der A49Die Schlacht um die Deutungshoheit geht in die entscheidende Phase

MeinungVOGELSBERG. Die A49 spaltet die Region schon seit Langem. Doch je näher der Bau rückt, desto mehr werden Meinung und Fakten weiter verschwimmen. Was wahr ist und was nicht, wird immer schwerer zu beurteilen sein, kommentiert OL-Chefredakteur Juri Auel.

Erst handeln, wenn es eigentlich schon zu spät ist, scheint ein urmenschliches Bedürfnis zu sein: Die Steuererklärung wird kaum vor dem Stichtag fertig, wir bestellen Masken in und nicht vor einer Pandemie – und die Diät wird erst in Erwägung gezogen, wenn auch die liebste Lieblingshose wirklich nicht mehr passt. Ist der Tag X aber erstmal da, legen wir uns richtig ins Zeug.

So ähnlich ist es zumindest dem Gefühl nach auch bei der A49. Der Dannenröder Wald ist seit September letzen Jahres besetzt, und nicht schon seit 2012, als der Planfeststellungsbeschluss gefasst wurde. Und natürlich sind einige lokale Gegner tatsächlich ununterbrochen seit Jahrzehnten gegen die Trasse aktiv, doch jetzt, kurz bevor die Holzmaschinen anrollen, geben Gegner wie Befürworter der Autobahn nochmal richtig Gas.

Auf ein Statement der einen Seite folgt unweigerlich eine Pressemitteilung der anderen. Gegenseitige Vorwürfe spitzen sich zu, nachprüfbare Fakten und von konträren Weltanschauungen durchtränkte Meinungen bilden ein immer undurchsichtigeres Geflecht. Steht die Grüne Homberger Stadträtin Barbara Schlemmer auf dem Boden des Grundgesetzes oder nicht? Sind die Besetzer gefährliche Linksextreme oder tapfere Umweltschützer? Werden die Eingriffe in die Natur ausreichend ausgeglichen oder sind die Maßnahmen ein schlechter Witz?

In vielen Konflikten, in denen es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt, steht die Polizei zwischen den Fronten, ist zumindest in einem gewissen Rahmen ein unabhängiger Dritter, von dessen Aussagen man eine relative Objektivität erwarten darf. Doch wegen ihres Räumungsauftrags ist sie beim Thema A49 ob sie will oder nicht Teil des Konflikts – und fällt damit als halbwegs objektive Informationsquelle aus.

Besetzer im Dannenröder Wald: Sind sie gefährliche Linksextreme oder tapfere Umweltschützer? Foto: akr

Wohin das führt, zeigte der gestrige Tag. Aus der Ecke der Autobahngegner wurde ein „Großaufgebot von Polizei“ im Dannenröder Wald gemeldet, Polizisten hätten Transparente entfernt, hieß es. Die Polizei dementierte umgehend. Die Beamten seien dort gewesen, weil der Bundestagsabgeordnete Michael Brand im Rahmen eines Besuchs bei der Alsfelder Polizei mit den Ordnungshütern zusammen auch den Wald besucht habe. Die Polizisten hätten jedoch keinerlei Transparente entfernt.

Der Besuch Brands lässt sich ganz einfach nachprüfen. Er war tatsächlich dort. Aber was die Sache mit den Transparenten angeht, wird es schon schwieriger. Wer hat da Recht? Theoretisch kursierende Videos ohne Brand darauf könnten von anderen Einsätzen im Wald stammen. Und solche Aufnahmen zeigen zwangsläufig immer nur einen Ausschnitt der Geschehnisse. Das haben die Handyvideos und die Diskussion über Polizeigewalt in Deutschland die vergangenen Tage wieder gezeigt. Jede Szene vor oder nach dem Gefilmten kann das ganze Geschehen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Mal ist das positiv, mal negativ für die Polizei.

Das gilt es im Hinterkopf zu haben, wenn mit Anfang der Räumung Aktivisten Videos von prügelnden Polizisten teilen, genau so, wie wenn Befürworter der Autobahn Clips von aggressiven Besetzern verbreiten werden. Ohne möglichst unabhängige und unparteiische Beobachter im Dannenröder Wald wird es äußerst schwer zu beurteilen sein, was genau dort in naher Zukunft passieren wird.

Erst wenn die Autobahn dann tatsächlich steht und einige Zeit vergangen ist, wird es wohl wieder Gewissheit geben. Denn dann lässt sich durch Verkehrszählungen und Lärmmessungen in den nun klagenden Ortschaften zweifelsfrei feststellen, ob das Projekt der Region die Entlastung gebracht hat, die seine Befürworter so lange versprochen haben.

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13 Gedanken zu “Die Schlacht um die Deutungshoheit geht in die entscheidende Phase

  1. „Doch je näher der Bau rückt, desto mehr werden Meinung und Fakten weiter verschwimmen. Was wahr ist und was nicht, wird immer schwerer zu beurteilen sein, kommentiert OL-Chefredakteur Juri Auel.“

    Kommentiert Juri Auel auf der Suche nach irgendeinem Kommentar-Thema. Da fragt man sich, von welchen Meinungen und Fakten hier die Rede ist. Und da geben die gewählten Beispiele des Kommentators sichere Auskunft.

    Zentrale These: „Gegner wie Befürworter der Autobahn [geben] nochmal richtig Gas.“ Und äußern dann unterschiedliche Standpunkte zum Thema Bau der A49.

    Sind diese Standpunkte nun den Meinungen oder den Fakten zuzuordnen? Wie immer beim Beziehen von Standpunkten sucht man „Argumente“ für den betreffenden Standpunkt. Diese versucht man aus Tatsachen (Fakten) zu gewinnen, deren Zutreffen aber nicht von den streitbefangenen Parteien festzustellen ist, sondern aus der Perspektive unabhängiger Dritter, die ja jederzeit durch einen „Fakten-Check“ nachprüfen können, welche Tatsachenbehauptungen zutreffen. Und wenn dies nicht möglich ist, weil man bei einem bestimmten Ereignis nicht dabei war und auch keine zuverlässigen Zeugen findet, muss man den Tatsachengehalt eben offen lassen. Ein Verfahren, das aus jedem Gerichtsprozess bekannt ist und bei dem man sich objektive Richter*innen wünscht, die nicht willkürlich dem einen oder anderen Tatsachenvortrag größere Glaubwürdigkeit zusprechen, sondern überzeugend vortragen, warum dem einen oder dem anderen zu folgen wäre oder eben dieses Frage offen bleiben muss.

    Und wer soll nun mit der „Deutungshoheit“ irgendein Problem haben? Doch nur derjenige, der ein bestimmtes Interesse verfolgt oder sich auf der einen oder anderen Seite bereits festgelegt hat, also „Partei“ ist bzw. Partei ergreift. Der Rest der Öffentlichkeit – das sind die Menschen, die nicht direkt betroffen sind – hört sich die Standpunkte an und prüft sie auf Tatsachengehalt und Überzeugungskraft. War immer schon so. Und würde mich jetzt nicht zu einem aufgeregten „Kommentar“ veranlassen.

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  2. …kann man immer noch irgendwas darüber schreiben. Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann kein Knopf die Hose halten (hahahah). Frage: Wie überhöhe ich ein durch und durch ausgelutschtes Thema? Ich bringe die „Deutungshoheit“ ins Spiel. Klingt irgendwie wichtig. Wer hat in dem Fall die Deutungshoheit, wenn die Hose nicht mehr passt? Die Wampe oder der fette A****? Die Antwort will wahrscheinlich keiner hören. Warum soll ich mir denn überlegen, wer in einem Konflikt wie dem Weiterbau der A49 „Recht“ hat? Man kann es so sehen oder so. Vor- und Nachteile halten sich zumeist die Waage. Oder man entscheidet entsprechend der eigenen Ideologie. Wer gern durch den Wald wandert, ist eben gegen die Autobahn. Wer lieber durch den Wald fährt ist dafür.
    Mein Vorschlag: Nehmt euch einen alten Teebeutel aus dem Abfall und schreibt das Thema drauf, das euch am meisten anödet. Und den schickt ihr Juri Auel. Da kann er dann ablesen, zu welcher wichtigen Frage er sich keine Gedanken mehr zu machen braucht. Siehe Deutungshoheit.

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    1. Die Schlacht um die Deutungshoheit geht in die entscheidende Phase! „Jede Szene vor oder nach dem Gefilmten kann das ganze Geschehen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.“ Kreuzgewitter! Da ist wohl von der Schlacht um die Bedeutungslosigkeit journalistischer Allerweltsweisheiten die Rede. Der Endsieg ist nahe. Wer ist der Filmer und wer der Gefilmte? Bei Pegida-Demos wird immer radikal zurück gefilmt. Und bei der „Deutschen Wochenschau“ (1940 bis 1945) war’s egal. Was war Vormarsch, was Rückzug? Die Leinwand kannte nur rechts und links. Die oberste Heeresleitung gibt bekannt… Da lacht der Landser. Mal vor und mal nach Stalingrad. Hauptsache, er bleibt fröhlich und bei der Sache.

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  3. Herr Auel,
    die zerlumpten Baumbewohner mögen sicher Freunde der Natur sein. Ich unterstelle ihnen aber einen blödsinnigen Fanatismus. Es ist – global gesehen – vollkommen unerheblich, ob Teile des Danneröder Forstes abgeholzt werden oder nicht. Eine Klimaveränderung gibt es sowieso. Es ist egal! Der Danneröder Forst ist unerheblich. Woanders spielt die Musik: in Südamerika, Afrika, Indien. Dort gilt es sich zu engagieren. Nicht hier bei uns.

    Was bei uns im Vogelsberg passieren wird, ist ein albernes Scharmützel zwischen den Stellvertretern der Normal-Bevölkerung (Polizei, Justiz) und gänzlich durchgeknallten Menschen, die sich für moderne Vertreter von Robin Hood halten.

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    1. Ich unterstelle dir auch einen blödsinnigen Fanatismus, die anderen sollen sich bewegen aber du willst nicht das geringste Engagement gegen den Klimawandel zeigen.

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      1. Die Schlacht um die Deutungshoheit geht in die entscheidende PHRASE, mein Hase!
        Da unterstellt dann „Klaus Meier“ einer gewissen „Sehschlange“ einen – global gesehen – ebenfalls einen völlig blödsinnigen Fanatismus, wie vorher „Sehschlange den Waldbesetzern. Warum jemand, der sich nicht gegen den Klimawandel engagiert (Könnte ja auch einfach Resignation sein!)
        , damit Fanatiker wird, erschließt sich mir nicht. Willkommen bei der letzten, alles entscheidenden Phase des Phrasendreschens! Haust du meine Tante, hau ich deine Tante. Haust du meine Tante, hau ich deine Tante.

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  4. A 49, du bist längst überfällig! Jeden Tag Gemähre in der OZ von Sympathisanten der Gegner und deren Gedankengut. Vermummte Gestalten? Trotz Verbot unerkannt sein wollen und anonym? Gesicherte Existenzen oder verkracht und kein Bock auf arbeiten?
    Ob die Gegner der ersten Stunde, die Veteranen, stolz auf ihre Kampagne gegen die A 49 sind, oder besser die Geister, die sie riefen? Und alles, weil suggeriert wird, dass Autobahnen überflüssig sind?
    „Fortschritt für Deutschland! Aber bitte
    keinen Eingriff in meine heile Welt!“ Transitland! Massenströme durch Internetbestellungen, Verteilzentren dafür und LKW und Sprinter für die Warenströme. Immer mehr verschiedene Autotypen, Ersatzteilläger für die neuen sowie die alten PKW, …… A 49, wir brauchen dich! Gegner, fangt mal an, euch für das Leid vieler Menschen und Kinder stark zu machen, anstatt …… Und die Jungfüchse auf den Bäumen werden sicherlich nicht ewig von der arbeitenden Gesellschaft gefüttert werden können. Ach ja, Füchse leben ja gar nicht auf Bäumen. Aber im Wald.

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  5. Man könnte ja tatsächlich meinen, es wäre schon genug Öl im Feuer.

    Aber nein, Oberhessen-Live benennt einen Artikel „Die Schlacht […] geht in die entscheidende Phase“. Schon vorher ist das Team von Oberhessen-Live immer wieder damit aufgefallen, dass es von einer „Spaltung der Gesellschaft“ spricht, wo doch nachweislich der überwältigende Teil der Bürger in Hessen und auch den angrenzenden Kreisen für die Fertigstellung der A49 ist.

    Warum diese Stimmungsmache? Hoffen da einige Journalisten im Oberhessen-Live-Team auf eine möglichst harte Eskalation?

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    1. Das finde ich auch. Hier wird wirklich von Seiten der Journalisten durch gezielte Hetze die Eskalation versucht zu verstärken.

      Schade, wie sich Journalisten im Jahre 2020 verhalten.

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  6. Nein, die Schlacht ist vorbei. Die A49 wird gebaut. Das ist abschließend entschieden und es ist Zeit, dass eine demokratisch herbeigeführte und höchstrichterlich bestätigte Entscheidung akzeptiert und umgesetzt wird.

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    1. Hallo Klaus,
      die Entscheidung für den Weiterbau ist aber falsch. Was nun? Glauben sie wirklich, in ein paar Jahren wird irgend jemand als Entschuldigung gelten lassen, dass diese Entscheidung durch das unglückselige Zusammenwirken von Bundes-,Landes- und Kommunalpolitik im Einklang mit höchstrichterlicher Rechtsprechung zustande gekommen ist.
      Den Verantwortlichen wird durch formal korrektes Vorgehen die Verantwortung nicht abgenommen, denn die Verpflichtung, sich ihres Verstandes zu bedienen, bleibt davon gänzlich unberührt. Die hessischen Minister Tarek Al-Wazir und Angela Dorn sind als erste von der Fahne gegangen, andere tun das auch, bleiben aber bedauerlicherweise im Hintergrund. Sie haben Recht: Die A49 wird gebaut werden. Das nennt man Tragik.

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  7. Man o man auf wen haben sich da die Anwohner eingelassen. Wenn die Räumung beginnt werden die dann sehen was das für Leute sind.Das Foto sagt alles. Soll dann keiner jammern.
    Wir brauchen die Entlassung der Anwohner der B3 und A5. Wir brauchen die A49. Sofortiger Weiterbau.

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    1. Lieber Pro A49!

      Kommata und Punkt sind keine Quälerei,
      drum setz‘ sie schnell mit einerlei,
      auch schreibst Du sonst viel Quark mit Brei!

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