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Ein Gespräch mit Christine Metz-Schmidt, Inhaberin des Traditionsgeschäftes Ramspeck„Ich gebe ein Stück Kindheit mit ab“

ALSFELD (akr). Es war die Schocknachricht aus der vergangenen Woche: Das Traditionsgeschäft Ramspeck sucht einen Nachfolger. Eine Entscheidung, die der Inhaberin Christine Metz-Schmidt alles andere als einfach gefallen ist. Seit fast 200 Jahren ist das Geschäft schließlich schon in Familienbesitz. Ein Besuch in Alsfelds wohl bekanntestem, wenn nicht gar beliebtestem Laden.

Die Chefin ist da, wo sie immer ist, wenn sie nicht gerade mit dem Kopf in irgendeinem der üppig gefüllten Regale steckt, die neuesten Deko-Artikel sortiert oder im Gewölbekeller nach dem Rechten sieht: In einer Ecke, gleich bei der Kasse, am Eingang des Geschäfts. Sie sieht aus, wie man sie kennt: Graue Wuschel-Frisur, die orangene Brille mit den markant ovalen Gläsern auf der Nase, ein Tuch lässig um den Hals geschwungen.

„Es war keine Entscheidung von Heute auf Morgen“, sagt Metz-Schmidt schweren Herzens. Viele lange Spaziergänge mit ihrem Hund liegen hinter ihr, viele Monate, in denen sich ihre Gedanken um das Geschäft, um die Zukunft des Familienunternehmens drehten. Gemerkt haben das auch ihre Mitarbeiter, ihre fröhliche, offene und leidenschaftliche Chefin wirkte in letzter Zeit ein wenig angespannt. Kein Wunder. Sie gibt, wie sie selbst sagt, ein Stück ihrer Kindheit mit ab. Von klein auf war sie immer mit im Geschäft dabei, hat ihren Vater und ihre Mutter unterstützt.

„Alles hat seine Zeit“, begann die Inhaberin das Gespräch mit ihren Mitarbeitern, um ihnen die schwere Entscheidung mitzuteilen. „Als ich diese Worte aussprach, konnten sie es sich schon denken“, erzählt Metz-Schmidt. Die Mitarbeiter seien natürlich sehr traurig gewesen, hätten jedoch auch verständnisvoll reagiert. Dennoch: Es sei für sie so gewesen, als würde man ein Stück Familie verlieren.

Die Zeit ist gekommen

Dass sich die Inhaberin dafür entschieden hat, das Geschäft nicht weiterzuführen, hat ihrer Aussage nach in keiner Weise etwas mit der Baustelle auf dem Marktplatz zu tun, über die sich einige Geschäftsleute beschweren. „Irgendwann ist man einfach in dem Alter. Es ist normal, es ist ein Prozess“, erzählt die 62-jährige. Sie sei an dem Punkt angelangt, wo man überlegt, wie es weiter geht. Ihre Kinder sind berufstätig, wollen, beziehungsweise können das Geschäft nicht übernehmen. „Es gibt natürlich die Möglichkeit, so lange weiter zu machen, bis ich nicht mehr kann“, sagt sie. Das sei aber nicht das, was sie möchte. „Ich habe Angst, dass wir dann nicht mehr gut sind und es zu Rückschritten kommt.“


Im Ramspeck wird der Einkauf zum Erlebnis. Fotos: akr

Das Geschäft von zu Hause aus zu leiten, das komme für sie überhaupt nicht in Frage. „Wenn man einen Laden führt, dann muss man auch mit drin sein, präsent sein, mit den Kunden in den Kontakt treten“, betont Metz-Schmidt – und das macht sie schon fast ihr ganzes Leben. „Ich erinnere mich noch an die erste Sache, die ich verkauft habe. Es war ein Hahn-und-Henne-Kindergeschirr“, lacht sie.

Das ist aber nicht das Einzige, was ihr sofort wieder ins Gedächtnis schießt, als sie mit viel Leidenschaft über ihr Geschäft spricht. „Früher hat man die Geschenke noch mit Seidenpapier und Gummiband eingepackt. Tesafilm gab es da noch nicht“. Damals Gutscheine als Präsent verschenken? Undenkbar. Und dann sagt sie etwas, das Kunden, die das Rampspeck eher aus der heutigen Zeit kennen, überraschen dürfte: Früher war die Ware in dem Geschäft in Kartons verpackt. Dabei ist das geordnete Durcheinander heute für viele Kunden genau das, was Ramspeck ausmacht: Überall gibt es etwas zu entdecken. Alte, längst vergessene Küchenutensilien stehen neben Tassen, Bilderrahmen und Teeboxen umher – und schaffen so eine ganz eigene, besondere Gemütlichkeit. „Wenn du etwas suchst, von dem du weißt, dass es das früher mal gegeben hat, du es aber heute nirgendwo mehr findest – dann geh zu Ramspeck“  ist ein Satz, den viele Alsfelder bestimmt schon mal gesagt haben dürften.

Den ganzen Erlebniseinkauf, wie man ihn heute kennt, den habe es damals nicht gegeben. Das kam erst nach und nach. So wie auch das Sortiment. Wurden früher in dem 1823 von Johannes Ramspeck eröffneten Eisenwarenladen unter anderem Öfen und Herde verkauft und sogar Gas in die Haushalte geliefert, hat sich das Geschäft in all den Jahren zu einer Fundgrube für Geschenkartikel, Gartendekoration, Haushaltswaren und vielen weiteren Schätzen entwickelt.

Seit fast 40 Jahren voll dabei

So richtig in das Traditionsgeschäft eingestiegen ist Metz-Schmidt im Jahr 1980. Von diesem Zeitpunkt an hat sie Vollzeit im Familienunternehmen mitgewirkt. Als dann knappe 20 Jahre später ihre Mutter und ihr Vater starben, musste sie nicht lange überlegen. Für sie war es klar, dass sie das beliebte Alsfelder Lädchen übernehmen wird, immerhin hatte sie bereits 20 Jahre ihr Herzblut in das kleine Geschäft gesteckt.


Mit ihr an der Spitze wurde der Laden „auf eine andere Schiene gebracht“, erzählt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Jede Generation, die den Laden führte, habe ihn in eigener Weise geführt – und so hatte sie auch ihre ganz eigene Art. Erst im Laufe dieser Zeit habe sich auch der Kultcharakter des Geschäftes entwickelt. Das Sortiment wurde stetig erweitert und auch das Geschäft hat sich sozusagen vergrößert: Der Gewölbekeller wurde ausgebaut, das Geschäft nach hinten hinaus geöffnet.

Das Interieur habe sich hingegen kaum verändert. Das wollte sie auch nicht. „In einem modernen Geschäft hätte ich mich nicht wohlgefühlt, das bin ich einfach nicht“, sagt sie. Und das ist auch das, was das kleine Geschäft eben so besonders macht. Es sind die verwinkelten kleinen Gänge, der Gewölbekeller, der Innenhof, die Korbhalle, die den Einkauf zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. „Es ist nicht einfach nur ‚Einkaufen‘, sondern vielmehr so, als würde man auf eine Entdeckungsreise gehen“, schmunzelt die scheidende Chefin, die das Geschäft in der 6. Generation leitet.

Seit 2008 kann man auch im Gewölbekeller auf Entdeckungstour gehen.

Auch ihr tolles Team sei das, was den Laden so besonders, so „wohltuend anders“ macht. Man nehme sich Zeit für die Kunden, stelle sich auf sie ein. „Die Zeit bleibt dann ein stückweit stehen“, lächelt sie und erzählt, dass ihre Mitarbeiter immer tolle Ideen in petto haben. „Sie haben den Geist des Ladens ganz schnell aufgesogen und stecken ganz viel Engagement rein“, lobt sie – und das würden auch die Kunden an dem Geschäft schätzen.

„Die Kunden haben auch wirklich sehr herzlich reagiert, als sie von der Nachfolgesuche erfahren haben. Sie haben uns viel Glück bei der Suche gewünscht und dass wir klug und Weise handeln sollen“, erzählt die Inhaberin sichtlich erleichtert. Dass die Nachricht so hohe Wellen schlagen würde, damit habe sich nicht gerechnet, auch nicht damit, dass ihr Fanclub dann doch so groß sei, freut sie sich.


Christine Metz-Schmidt und ihr Ehemann Hennig Schmidt sind guter Dinge, was einen potenziellen Nachfolger angeht.

Was die potentiellen Nachfolger angeht, da will sie auf ihr Bauchgefühl, auf ihr Herz hören. Sie hofft, dass der Geist des Ladens bewahrt wird, aber auch der potentielle Eigentümer seine eigenen Ideen einbringt. „Wenn ich noch jünger wäre, würde ich noch viele tolle Ideen umsetzen. Aber die kann ich dann ja auch einfach dem Nachfolger mit auf dem Weg geben“, sagt sie. Immerhin habe sie schon sehr oft im Leben Glück gehabt und wenn man offen sei, dann werde das auch klappen. Und wer weiß, vielleicht wird in vier Jahren 200 Jahre Ramspeck gefeiert, freuen würde es Metz-Schmidt auf jeden Fall sehr.


2 Gedanken zu “„Ich gebe ein Stück Kindheit mit ab“

  1. Ich kann mir vorstellen, dass diese Entscheidung sehr schwer gefallen ist, aber ich kann es verstehen. Liebe Frau Metz-Schmidt, ich wünsche Ihnen alles alles Gute und hoffe, dass Sie einen geeigneten Nachfolger finden. Ihr Laden ist so einmalig und liebenswert und wahrlich eine Institution für Alsfeld. Es wäre wirklich furchbar schade, wenn das verloren geht.

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  2. Immer wenn ich wieder mal in Alsfekld binn, mit Besuch, welche den Laden nicht kennen, führt einer der ersten Wege zum „Ramspeck“

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