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Gruppenpfarramt des Dekanats Vogelsberg feiert 50. Geburtstag – Jubiläumsgottesdienst auf dem Totenköppel mit Kirchenpräsident Dr. Volker JungKonservativer Alt-68er mit Zukunftsvision

VOGELSBERG/ALSFELD (ol). Der Legende nach wollten die Pfarrer der damaligen Kirchengemeinden Stumpertenrod, Köddingen und Storndorf ihren Schäfchen ein gutes Beispiel für Zusammenarbeit geben und gleichzeitig etwas gegen die Vereinsamung der Geistlichen auf dem Land tun. Die Stimmung für etwas Neues war damals, Ende der revolutionären 60er-Jahre, gut, sodass die Idee auch in den Kirchengemeinden auf fruchtbaren Boden fiel. An Pfingsten feiert das Gruppenpfarramt des Dekanats Vogelsberg seinen 50. Geburtstag.

Später warb auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) für das Projekt Gruppenpfarramt, um gemeindliche Arbeit auf verschiedenen Ebenen zusammenzuführen. Einige Gemeinden der Landeskirche machten damals mit, viele sind in der Zwischenzeit wieder abgesprungen – im Vogelsberg blieb man dabei, über Jahrzehnte und Dekanatsfusionen hinweg, über mehrere Pfarrergenerationen hinweg, die sich mehr oder weniger stark dafür engagierten, auch über mehrere Kirchenvorstandsgenerationen hinweg, die von den Vorteilen des Gruppenpfarramts überzeugt waren und sind, sodass es heute – in Zeiten, in denen Kooperationsräume als ein Mittel der Erneuerung gesehen werden – modern ist wie nie.

Weiter heißt es in der Pressemitteilung, dabei sehen sich die Pfarrerinnen und Pfarrer, deren Gemeinden heute zum Gruppenpfarramt gehören – Dorothée Tullius-Tomášek (Ober-Breidenbach), Dorothea Witznick (Stumpertenrod), Christian Tröger (Meiches), Jürgen Pithan und Peter Weigle (Brauerschwend) – gerade nicht als Vorreiter für das Modell der gabenbezogenen Amtsausübung: „Das Schöne im Gruppenpfarramt ist, dass wir Gemeindepfarrer sind, die für ihre Gemeinden von der Seelsorge über die Gottesdienste und die Kasualien bis hin zu Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie Besuchsdiensten wirklich alles machen, was in der Gemeinde anfällt. Gleichzeitig kooperieren wir aber verbindlich mit den anderen Kirchengemeinden im Gruppenpfarramt.“

„Das ist wirklich ein Segen für die Kirchengemeinden“

Für die Kirchengemeinden hat diese Kooperation viele Vorteile, finden die Pfarrerinnen und Pfarrer: Der Kanzeltausch bietet den Gottesdienstbesuchern verschiedene Sichtweisen und Ansätze, da jeder Pfarrer und jede Pfarrerin anders predigt und andere Schwerpunkte setzt und Impulse liefert. Auch für die Geistlichen selbst bietet der Kanzeltausch Vorteile: Man lernt Region und Leute kennen, was besonders für neue Pfarrerinnen und Pfarrer ein Argument ist. Gleichzeitig lernen die Gemeindemitglieder auch alle Geistlichen auf diese Weise kennen und werden im Fall von Vertretungen – auch für die Dauer von Vakanzen – nicht von wechselnden oder fremden Pfarrern versorgt.

„Das ist wirklich ein Segen für die Kirchengemeinden“, findet Pfarrer Weigle, der sich aktuell mit Pfarrerin Witznick die Vakanzvertretung in Groß-Felda teilt und dort für Kontinuität sorgt. Darüber hinaus können mehrere Gemeinden zusammen auch andere Angebote machen als einzelne kleine: „Größere Veranstaltungen wie ‚Theater in der Kirche‘, ‚Nacht der Musik‘ oder das ‚Vater-Kind-Basteln‘ wären nur von einer Kirchengemeinde allein gar nicht machbar“, lautet ein Fazit der Pfarrerinnen und Pfarrer.


Ein weiterer Schwerpunkt des gemeinsamen Tuns ist die Konfiarbeit: Das Zusammenlegen der einzelnen, inzwischen doch sehr kleinen Konfigruppen der einzelnen Gemeinden ermöglicht größere gemeinsame Aktionen.

„Wir treffen uns einmal im Monat einen ganzen Samstagvormittag. So entfällt das Fahren in jeder Woche und wir können konzentriert an einer Sache arbeiten. Mit mehr Jugendlichen macht alles viel mehr Spaß, als wenn nur zwei Konfis ihrem Pfarrer gegenübersitzen. Man hat mehr Möglichkeiten und schafft Verbindungen über die Dorfgrenzen hinaus. Und man kann schnell einspringen“, skizzieren sie die Vorteile. In diesem Jahr erwies sich das als besonders hilfreich, als ganz knapp vor der Konfirmation in Groß-Felda die Pfarrerin ausfiel und ihre Vertretung Dorothée Tullius-Tomášek alle Konfirmanden schon vorher persönlich kannte.

Ein gutes Konzept und eine wirkliche Alternative zu de Kooperationsräumen

„Alles richtig“, wirft Pfarrer Tröger ein, dennoch fänden manche Gemeindeglieder es auch nicht so gut, wenn „ihr Pfarrer“ sich so oft in anderen Kirchengemeinden tummelt. Sicher ist das eine Seite der Medaille, die andere aber wird genauso wahrgenommen: „Viele Gemeindeglieder sind stolz, dass sie zum Gruppenpfarramt gehören und eine ganz eigene gute Form des Miteinanders leben“, fügt Pfarrer Pithan ein.

Ein Spannungsfeld zwischen Zustimmung und Kritik nehmen alle Pfarrerinnen und Pfarrer aber durchaus wahr. Umso wichtiger ist es für sie und ihre Gemeindeglieder, dass die klassischen Aufgaben des Gemeindepfarrers erhalten bleiben. „Eigentlich sind wir mit dieser Haltung sehr konservativ“, findet Tröger, und alle sind sich einig, dass ihr Modell die Verfasstheit durch die Kirchenverwaltung nicht braucht. Ihr Gruppenpfarramt ist gewachsen, hat sich entwickelt und ist jetzt irgendwie genau richtig.

„Wie so ein Alt-68er – damals hipp, jetzt ein wenig ruhiger geworden, aber immer noch zeitgemäß und cool drauf“ – eine Beschreibung von Pfarrer Tröger, die passt. Und trotz aller Kritik wundert er sich, dass es nicht mehr Gemeinden machen: „Es ist ein gutes Konzept, eine wirkliche Alternative zu den Kooperationsräumen.“


Von Vorteil ist es dabei natürlich, wenn die Pfarrerinnen und Pfarrer einig sind und sich gut verstehen. Schließlich sind gerade hinsichtlich der Gottesdienste gute Absprachen erforderlich, genauso wie für die vielen gemeinsamen Aktionen. Hinzu kommt der vor kurzem neugestaltete gemeinsame Gemeindebrief des Gruppenpfarramtes, der für alle Gemeinden dieselben Infos bietet – auch an ihm arbeiten alle Pfarrerinnen und Pfarrer gemeinsam. Jeden Mittwoch treffen sich die Geistlichen des Gruppenpfarramtes zu einem gemeinsamen Frühstück mit einem Austausch – und das ist für alle weit mehr als ein Pflichttermin. Sie fühlen sich wohl in der Gemeinschaft.

Als unverzichtbare Bedingung sehen sie dies aber nicht: „Wir sind ja hier als Gruppe eher zufällig zusammengewürfelt und es passt halt einfach. Wenn man jetzt jemanden hätte, der weiniger teambegeistert ist, könnte diese Person trotzdem verantwortungsvoll am Gruppenpfarramt mitwirken.“ Hier spricht die Erfahrung, denn Zeiten, in denen ein Gruppenpfarramt nicht der größte Wunsch aller beteiligten Pfarrpersonen war, gab es auch. „Da war es eine Stärke, dass das Gruppenpfarramt schon so gut eingeführt war, dass die Strukturen die Arbeit erleichtert haben und dass auch die Kirchenvorstände die Idee immer mitgetragen haben“, resümiert die Gruppe der jetzigen Pfarrerinnen und Pfarrer.

50. Jubiläum wird an Pfingsten gefeiert

Neben Rückblick und Bestandsaufnahme gehört auch ein Ausblick zu einem solchen Jubiläum: Derzeit arbeiten die Kirchengemeinden an einer Zusammenlegung ihrer Gemeindebüros. So sollen die Vorteile des Gruppenpfarramtes sich auch auf die Verwaltung übertragen. Eine weitere Aufgabe für die Zukunft ist ein neuer, wirksamer Internetauftritt. „Und natürlich schaffen die Kürzungen aufgrund der Pfarrstellenneubemessung auch hier Herausforderungen“, räumt Christian Tröger ein.

Sowohl in Stumpertenrod als auch in Meiches fallen über kurz oder lang jeweils eine halbe Stelle weg. „Die Anzahl der Kirchen wird bleiben, niemand hat die Absicht, einen Predigtort aufzugeben.“ Für solche Fälle ist das Gruppenpfarramt natürlich bestens aufgestellt, obwohl man auch hier sicher ist, dass es nicht eins zu eins weitergehen kann. „Auch wir werden in unseren Aufgaben Prioritäten setzen müssen.“

Apropos Priorität: Die hat jetzt erstmal das Jubiläum! Mit großer Freude und hohem Engagement bereiten sich die Pfarrerinnen und Pfarrer gemeinsam mit all ihren 13 Kirchengemeinden auf den Festgottesdienst auf dem Totenköppel vor. Er findet statt am 10. Juni um 13 Uhr. Die Predigt wird Kirchenpräsident Dr. Volker Jung halten – er war seinerzeit Pfarrvikar im Gruppenpfarramt und hat somit einen ganz besonderen Bezug zu diesem Jubiläum.



Ein Gedanke zu “Konservativer Alt-68er mit Zukunftsvision

  1. Alles Mao-Jüngling oder was?
    Das Ergebnis dieser 68er Generation ist nun deutlich zu erkennen, Deutschland ist links und verblödet immer mehr.

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