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Gestartet: die 4. Alsfelder Kulturtage boten zahlreiche Veranstaltungen bereits am ersten WochenendeKunst und Kultur überall in Alsfeld

ALSFELD (ol). Mit vielen verschiedenen Veranstaltungen und einem überaus abwechslungsreichen Programm sind die 4. Alsfelder Kulturtage an diesem Wochenende gestartet.

Den Auftakt machte am Donnerstagabend – nach einer kleinen Einführung für die Presse und den Bürgermeister und Schirmherrn Stephan Paule – eine Lesung mit Dennis Gastmann, die in der Reihe „Der Vulkan lässt lesen“ stattfand.

Der Journalist und Weltenbummler nahm die zahlreichen Gäste im Autohaus Roth mit in die letzten unentdeckten Länder, wie auch der Titel seines Buches „Atlas der unentdeckten Länder“ versprach. Und diese magischen Orte tragen auch magische Namen: Akhzivland, Karakalpakstan, R’as al-Chaima heißen sie. Was er dort und anderswo erlebte – vom Tauchen mit Haien in Palau über seine Krönung als Kaiser von Ladonien bis hin zu dem nicht ganz ungefährlichen Besuch auf der Insel Pitcairne, wo ganz offiziell die vielen Nachfahren der Bounty-Meuterer leben, erzählte er den Zuhörern gerne. Dazu hatte Gastmann so allerhand in seinem Reisegepäck, über das die Alsfelder – die für den Reisenden offen gestanden auch zu Bewohnern eines bisher unentdeckten Ortes leben – mit ihm gemeinsam lauthals lachen konnten, sich mehr als einmal wundern durften und manchmal auch vor Spannung den Atem anhielten.

Reise- und Abenteuerlust weckte Dennis Gastmann im Autohaus Roth bei seinen Zuhörern. Foto: privat

Als Quintessenz aus seinen Reisen nahm der Weltenbummler für sich und seine Zuhörer mit, dass es da, wo es den Menschen – zumindest nach westlichen Standards – am schlechtesten geht, die Gastfreundschaft am größten ist. Kein schönes Zeugnis für die sich immer fremder werdende angeblich so zivilisierte Welt.


Ausstellung im Gambrinus als Highlight der Kulturtage

Für viele sicher eines der Highlights der Alsfelder Kulturtage ist die Ausstellung von Werken der renommierten Künstlerin E.R. Nele, die am Freitagnachmittag im Haus „Gambrinus“ in der Obergasse eröffnet wurde. Ein großes interessiertes Publikum hatte sich dort versammelt, um diesem Ereignis, verbunden mit einem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, beizuwohnen. „Klingendes Metall“ heißt die Schau – einen Namen, den die „Tollen Tröten“, die Saxofonformation unter der Leitung von Ulrike Schimpf, zur Vernissage klangvoll aufgriffen. In seiner so informativen wie unterhaltsamen Einführung ging Dr. Walter Windisch-Laube auf das Schaffen der Frankfurter Künstlerin ein, Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode, später selbst documenta-Künstlerin und über ihren Onkel Paul Bode, der seinerzeit den Rasthof Pfefferhöhe entworfen hat, auch irgendwie mit Alsfeld verbunden.

Alles in einem Kopf: Der Betrachtung der raumfüllenden Skulptur „Brain“ von Nele sollte man Zeit geben. Foto: privat

Viel Metall hatte die Künstlerin in das alte Fachwerkgebäude bringen lassen, filigrane Skulpturen, silbrig, licht die einen, in auffallendem Rot die anderen. Ausdruck von musikalischer Spannung und Bewegung, wie Windisch-Laube ausführte, der in der Skulptur „Jazz“ eine metallene Kristallisation, sichtbares Klingen entdeckte. Mit zahlreichen Hinweisen auf das in jeder Hinsicht auch politische Schaffen der Künstlerin, das beispielsweise auch das Kasseler Holocaust-Mahnmal „Die Rampe“ umfasst, schlug er stets einen Bogen zu den zahlreichen in Alsfeld ausgestellten Werken. Hier sticht zum einen ganz besonders die kleinere Ausführung des „Walking Man“ hervor, die in Alsfeld im Innenraum aufgebaut ist, während die große Ausgabe davon zehn Meter hoch in Bad Vilbel über der Straße balanciert.

Wo sind die Skulpturen und wo ihre Schatten?! Die Anbringung der „Europeans“ ist Teil des Kunstwerkes im „Gambrinus“. Foto: privat

Auch Digitalisierung spielt wichtige Rolle

Eine bei allem aufrechten Gang auch durchlässige und verletzliche Figur, eine bei aller Erhabenheit fragile Gestalt, den Figuren Giacomettis nicht ganz unähnlich, entdeckte Windisch-Laube darin. An der Steinmauer des alten Hauses kann man – in einer Art Mimikry mit der Struktur verbunden – kleine, überaus fein in Bronze gearbeitete Figuren entdecken. „Europeans“ heißen sie und werfen, so der Redner „Schatten der Hoffnung in die Düsternis unserer Zeit zwischen weiterwirkend Vergangenem und drohend Kommendem“.


Auch das Thema „Digitalisierung“ kann man in den Werken der Künstlerin wiederfinden, dargestellt wird die Komplexität des Denkens und Seins in Form von verschiedenen Köpfen oder an Köpfe erinnernde Skulpturen. Auf jeden einzelnen von ihnen lohnt ein langer und intensiver Blick, vereinen sich hier doch filigrane Erinnerungen und Begegnungen in Geflechten aus Metall.

Die Künstlerin E.R. Nele bei ihrem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Alsfeld. Foto: privat

Schirmherr und Bürgermeister Stephan Paule zeigte sich in seiner Ansprache sehr erfreut, in seiner Stadt eine Künstlerin von Weltruf begrüßen zu dürfen – kurz zuvor nämlich war Nele noch in Venedig und Athen aktiv. Dies sei eine deutliche „Öffnung der Stadt in der Mitte der Stadt“. Mitgebracht in das „Gambrinus“, das nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt liegt, hatte Paule das Goldene Buch der Stadt, in das die Künstlerin sich gerne eintrug. Seit 50 Jahren sammelt Alsfeld in diesem Buch prominente Besucher und verdienstvolle Alsfelder. Bald wird es gefüllt sein, gab der Bürgermeister bekannt, der sich freute, nun mit Nele eine so renommierte Künstlerin dort zu finden. Die Ausstellung im „Gambrinus“ ist während der Kulturtage täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Duo Tonsatz im Café Zeitvergessen

Am Abend des ersten kompletten Alsfelder Kulturtages konnten die Gäste sich im Kaufhaus Alte Molkerei im Zeitvergessen üben. Die Künstlerinnen Christiane Schwarze (Text & Rezitation) und Eva Batt (Komposition & Piano) bilden das Duo Tonsatz. Unter Mitwirkung von Angela Frontera (Schlagzeug & Perkussion), Stephanie Wagner (Querflöte) und Elke Saller (Marimbaphon) luden sie die Besucher in das satirisch-surreale Café Zeitvergessen ein. Die gleichnamige Erzählung der mehrfach ausgezeichneten Autorin Christiane Schwarze skizziert in feinen Momentaufnahmen Gelebtes und Erträumtes: „Café Zeitvergessen“, ein Ort der Phantasie, trägt die Botschaft, sich nicht von dieser schnelllebigen Zeit verschlingen zu lassen.

Die Autorin Schwarze ließ auf charmante, manchmal auf witzige und dann wieder auf surreale Weise Realität und Tagtraum verschwimmen. Humorvoll und nachdenklich zugleich portraitierte sie eine Gesellschaft, in der die Menschen aus Angst etwas zu verpassen, sich selbst zu verlieren drohen. Wie ein roter Faden zog sich dabei die Betrachtung der Zeit durch die einzelnen Episoden: Diese wird scheinbar gestaucht, gestreckt oder bleibt einfach stehen. Sinnlich spürbar verstärkt wurde das eben Erzählte noch einmal in der Sprache der Musik zu Gehör gebracht, denn die Literaturvertonung der Komponistin Eva Batt ging über die musikalische Begleitung der Worte hinaus. „Ton“ und „Satz“ fügten sich im Café Zeitvergessen zu atmosphärisch stimmungsvollen Wort-Klang-Gemälden.


„Café Zeitvergessen“ – welch ein Ansatz, musikalisch wie literarisch. Foto: privat

Die Veranstaltung in Alsfeld bereicherten an diesem Abend die renommierte brasilianische Schlagzeugerin und Perkussionistin Angela Frontera und die Querflötistin Stephanie Wagner sowie die über die Region hinaus bekannte Marimbaphonistin Elke Saller, die u.a. auch mit ihrer eigenen Schlagzeugschule in Eifa das kulturelle Angebot in Alsfeld und Umgebung seit vielen Jahren mitprägt.

Fünf Veranstaltungen am vergangenen Samstag

Gleich fünf Veranstaltungen unterschiedlichster Natur hielt der Samstag für die kulturbereiten Alsfelder und ihre Gäste bereit. Den Start machten am Vormittag vier Ausnahmekünstlerinnen, deren Ausstellung „Das Leuchten im natürlich gewachsenen Kristall und das geschliffene Glas“ in den Räumen der Goldschmiedin Ingrid Wriedt eröffnet wurde. Die Schmuckkünstlerin ist eine der an dieser Ausstellung beteiligten Personen. Neben ihr sind Gabriele Küstner, eine Glaskünstlerin aus Göttingen, Freia Schulze, eine Glaskünstlerin aus Lübeck und Heike Cimander, eine Druckgrafik-Künstlerin aus Stockhausen beteiligt. Die Gäste der Vernissage zeigten sich sehr beeindruckt von der Vielfalt der gezeigten Arbeiten, die dennoch im – wenn auch spannungsgeladenen – Dialog zu stehen scheinen.

Die Einführung in die Schau gab Dr. Walter Windisch-Laube, langjähriger Weggefährte der Goldschmiedemeisterin Wriedt. Er attestierte derselben „immer neu entfachte Begeisterung für das, was Natur ihr und anderen an Inspiration zu geben vermag.“ So zeigt die Goldschmiedin neben anderen auch Werke, die den Basalt, Urgestein des Vogelsberges, mit Edelmetall und Edelsteinen in Szene setzen und aus dem Material für Straßenpflaster Schmuck werden lassen.

Vernissage im Grünen: Gäste, Redner und Künstlerinnen freuten sich über die Sonne, die die Eröffnung begleitete. Foto: privat


Besonders ins Auge fallen in der Ausstellung auch die Glaskunstwerke in Wabentechnik der Künstlerin Gabriele Küstner aus Göttingen. Regenbogenfarben schillern in vielen der gläsernen Objekte, deren hohe Komplexität ihrer Fertigung dem reinen Betrachter eher erahnbar als durchschaubar wird.

Kunstfertigkeiten und künstlerische Handwerksverfahren

Eine andere Spielart zeigt Heike Cimander aus Stockhausen, auf deren Druckgrafiken sich Spannungen zwischen den Abstracta Punkt, Linie, Fläche mit pflanzlich Floralem und Gestischem verschränken und in Farb-Dialogen finden, wie der Redner ausführte. Die Glasarbeiten der Lübecker Künstlerin Freia Schulze runden die überaus gelungenen Auswahl an Exponaten ab. Bei genauer Betrachtung werden hier Zeit, Geduld und Akribie erfahrbar, auch im ganz wörtlichen Sinne, beim Nachfahren des Gravierten mit tastenden Fingern, wie Windisch-Laube vorschlug.

Zu entdecken gibt es im Atelier WerkArt, das mit dieser Ausstellung auch sein dreißigjähriges Bestehen feiert, alte Kulturtechniken, Kunstfertigkeiten, künstlerische Handwerksverfahren, die sich aus der schnellen industriellen Fertigung hervorheben. Geöffnet ist die Ausstellung innerhalb der Kulturtage von Dienstag bis Donnerstag von 15 bis 18 Uhr und am Samstag und Sonntag von 10 bis 14 Uhr. Sie findet statt im Atelier WerkArt in der Jahnstraße 2 in Alsfeld.

Kunst für Kinder und Alsfelder Stadtgeschichte

Mit Kunst ging es weiter, Kunst für Kinder, um es genau zu sagen. Die Künstler des Alsfelder Kunstvereins hatten ihre Utensilien zum Malen, Zeichnen, Töpfern und Collagieren in die Stadtschule gebracht, um dort gemeinsam „Kunst zu schaffen“, wie es schon in der Ankündigung hieß. Das Angebot richtete sich an Menschen jeden Alters und jeder Herkunft, die sich über die Kunst ungeachtet ihrer Nationalität und Sprache austauschen und kennenlernen konnten. Mehrere Stunden lang wurde unter fachkundiger Anleitung gemalt und gewerkelt, geklebt und gezeichnet – wichtigste Zutaten jedoch waren offene Augen, offene Herzen, Kreativität und Begeisterung.

Ein Angebot für Alt und Jung bot der Kunstverein in den Räumen der Alsfelder Stadtschule. Foto: privat


Auch Alsfelder Stadtgeschichte spielt bei den Kulturtagen eine Rolle: Stadtführerin Daniela Eichelberger führte eine ganze Reihe an Interessierten zu den Orten, an denen Juden seit dem 13. Jahrhundert lebten und beteten. Es gab zwei Synagogen und ein Ritualbad, kleine und große Wohnhäuser von Krämern und Viehhändlern, größer war das Anwesen der Bierbrauer-Dynastie Wallach. Die Plätze jüdischen Lebens zeigte Eichelberger während des rund 60-minütigen Rundgangs durch die Altstadt.

Eine Station des Rundgangs durch das Jüdische Alsfeld war der Grabbrunnen. Foto: privat

Musik als Schlusspunkt des Abends

„May has come“ lautete am Samstagnachmittag die Devise in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule in der Schillerstraße. Dorthin hatte die Musikschule zum saisonal beeinflussten Vorspiel eingeladen. Ihre ganze Vielfalt an instrumentalem und gesanglichem Angebot boten die vielen Musikerinnen und Musiker dar, teilweise unterstützt von ihren Lehrkräften, die gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern für eine sehr abwechslungsreiche Auswahl an Stücken gesorgt hatten. Swing und Jazz, Klassik und Folklore, Pop, Rock und Chansons standen auf dem Programm des Konzerts, das die überwiegend jungen Vorspieler darboten und für viel Begeisterung sorgte.

Für viel Abwechslung sorgte das Konzert der Alsfelder Musikschule – hier das Streichensemble unter der Leitung von Wladimir Pletner. Foto: privat

Musik setzte auch den Schlusspunkt am Samstagabend. „Deep Fried Southern Sound – served chilled!“ präsentierte „The southern belle corn company“, und wer nicht wusste, was er sich darunter vorzustellen hatte, war gut beraten, sich das anzusehen und anzuhören. Mick Münsterberg (Piano, Gesang und Banjo), Hardy Stein (Gitarre) und Hendrik Dampf (Schlagzeug und Percussion) boten klassischen Rock’n’Roll, Boogie Woogie, Country blues und mehr aus dem reichen kulturellen Schmelztiegel der Südstaaten von den frühen 30ern bis in die späten 50er Jahre. Das bedeutete für die geneigten Zuhörer jede Menge Rock’n’Roll, Boogie Woogie und Country blues – alles in allem Rhythmen, die sie nur kurz auf den Plätzen hielten und für jede Menge Groove in Albert-Schweitzer-Schule sorgten.


Boogie Woogie, Rock’n’Roll und noch viel mehr Südstaaten-Sound: „The southern belle corn company“ präsentierte „Deep Fried Southern Sound – served chilled“. Foto: privat

Wer wissen will, wie es weitergeht, sollte auf der Website der Kulturtage nachschauen: Unter www.alsfelder-kulturtage.de findet man alles, was man wissen muss.