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Europäische Modellstadt für Denkmalschutz benötigt nach 40 Jahren Investitionsstau dringend eine Altstadtsanierung vor dem Stadtjubiläum 2022Fachwerkstadt braucht mehr als nur neuen Anstrich

ALSFELD (cdl). Das Bundesbauministerium hatte am Donnerstag zur Fachtagung „Substanz in Not“ in die Staatliche Technikakademie eingeladen. Rund 80 Teilnehmer waren der Einladung gefolgt und nahmen am Nachmittag nach den Vorträgen an einem Stadtrundgang mit Anschauungsunterricht teil.

Ansgar Brockmann vom Landesamt für Denkmalpflege in Marburg ist seit 2011 zuständig für den Vogelsbergkreis und somit auch für die Stadt Alsfeld. Beim Stadtrundgang zeigte er einige markante Orte und Häuser und griff Vortragsthemen dabei wieder auf. Außerdem informierte er ausführlich über die Stadtgeschichte aus denkmalpflegerischer Sicht. In zwei Gruppen führten Brockmann und Michael Hölscher vom Bauamt der Stadt Alsfeld die Tagungsteilnehmer durch die Innenstadt.

Während des Rundgangs ging Brockmann auf die bauliche Struktur mit dem mittelalterlichen Stadtgrundriss in der Hand ein und zeigte die verschiedenen Handelsrouten durch die Stadt auf. Vom 14. bis 17. Jahrhundert seien in der Regel dreigeschossige Fachwerkbauten mit dem Giebel zur Straße entstanden. Drumherum hätten sich Nebengassen und kleinere Straßen mit einer kleinmaßstäblichen Bebauung gebildet, wo Handwerker, Tagelöhner und die sonstige Stadtbevölkerung gewohnt hätten. Die Stadtstruktur habe sich bis heute erhalten, weil sich seit dem 30-jährigen Krieg kaum etwas verändert habe.

Erst im 19. Jahrhundert habe es wieder größere bauliche Veränderungen gegeben. Damals habe man angefangen, die Stadttore und die Stadtmauern niederzulegen. Außerdem sei es zu Abbrüchen in der Stadt gekommen. Ende des 19. Jahrhunderts habe es dann erste Stadtbaustatuten zum Erhalt der Fachwerkhäuser gegeben und sich ein neues Bewusstsein entwickelt. „Ein wunderbares Beispiel für das neue Bewusstsein im denkmalpflegerischen Sinne ist das Rathaus selbst“, so Brockmann. Im Jahr 1878 sei der Abbruch des Rathauses durch den Stadtrat beschlossen worden und dagegen habe sich in der Bürgerschaft massiver Protest formiert. Fünf Jahre später habe man dann mit der Rathaussanierung begonnen. Das Beispiel dokumentiere wunderbar das frühe denkmalpflegerische Bewusstsein der Alsfelder.

Die Rathaussanierung in Bildern. Im Jahr 1883 wurde der Unterbau wieder frei gelegt. In den folgenden Jahren entstanden die beiden Türme.


Fortführung der Tradition der Denkmalpflege im 20. Jahrhundert

„Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als man eigentlich ganz andere Probleme hatte, hat die Stadt schon einen Zuschussetat aufgelegt für Fachwerkfreilegung“, berichtete Brockmann. Quasi in Fortführung der Ortsbaustatuten habe Alsfeld im Jahr 1963 die Gestaltungssatzung für die Altstadt verabschiedet. „Diese Altstadtsatzung ist nach wie vor bis heute gültig.“ Im Jahr 1967 sei dann ein Rahmenplan entwickelt worden. Beim Blick auf den Plan habe er festgestellt, dass damals 34 Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurden. Die Planer der Stadt hätten darüber hinaus viele weitere Gebäude (gelb markierte auf dem Bild) als erhaltenswert eingestuft.

Die rot eingefärbten Gebäude auf dem Plan standen damals unter Denkmalschutz.

Daher habe man die Stadt ab Ende der 60er Jahre saniert und fitt für die Zukunft gemacht. „Alsfeld wurde für seine vorbildliche Stadtsanierungsplanung vom Europarat 1975 als Modellstadt für Denkmalschutz ausgezeichnet“, so Brockmann. Alsfeld sei eine von fünf Städten in Deutschland und eine von 40 in Europa, der diese Ehre zu Teil wurde.

Scheunenviertel im Zuge der Sanierung abgerissen

Beim Rundgang durch die Stadt war nach dem Marktplatz der Parkplatz am Schnepfenhain die nächste Anlaufstelle. Dort stand einst das sogenannte Scheunenviertel, dass im Rahmen der Stadtsanierung abgerissen wurde, um die Stadt fitt für den zunehmenden Verkehr zu machen. Der Durchgangsverkehr sollte aus der Innenstadt heraus, aber auch gleichzeitig die Erreichbarkeit für den ruhenden Verkehr hergestellt. Damit sollte der Einzelhandel gestärkt und Fußgängerzonen in Obergasse und Mainzer Gasse geschaffen werden. Der Flächenabriss sei damals heftig diskutiert worden und es habe Proteste gegeben, aber die Erschaffung einer Fußgängerzone und starkem Einzelhandel habe sich durchgesetzt.

Die lange Garagenwand direkt hinter der Mainzer Gasse war damals als sogenannte Anlieferungsstraße entworfen worden, berichtete Brockmann. „Um das Konzept der Fußgängerzone möglichst gut umsetzen zu können und die Geschäfte immer größer wurden, hat man die Anlieferungsstraße gebaut. Damit muss man heute umgehen“, so Brockmann. Jetzt stelle sich die Frage, ob man bei der neuen Konzeption Lösungen finden könne, um das Ganze wieder städtebaulich besser einbinden zu können.


Am Vormittag war die Aula der Staatlichen Technikakademie voll besetzt.

Nach 40 Jahren Investitionsstau steht der Altstadt eine erneute Sanierung bevor

Am Beispiel vom Gebäude der Mainzer Gasse 10 zeigte Brockmann auf, wie vor über 40 Jahren die Gebäude saniert wurden. Nach einigen Jahren habe man die vergrößerten Ladenflächen mit Stahlträgern wieder mit Holzbalken versehen, um optisch an das ursprüngliche Gebäude zu erinnern. Seitdem herrsche ein Investitionsstau bei der Innenstadtsanierung und mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2022 müsse jetzt wieder dringend etwas passieren. „Allerdings gibt es dafür kein Patentrezept oder eine Standardlösung. Das hängt von vielen Faktoren ab“, erklärte Brockmann. Wo ist der Denkmalwert, was ist der Eigentümerwunsch, ist die Immobilie weiterhin für den Einzelhandel nutzbar, seien einige solcher Fragen.

Denkmalpflege

Ein Schandfleck in der Alsfelder Innenstadt am Roßmarkt. Trotz Denkmalschutz liegt für dieses Gebäude eine gesonderte Abrissgenehmigung vor, informierte Bürgermeister Stephan Paule.

„Die größten Herausforderungen überhaupt sind die großen Bürgerbauten“, so Brockmann. Die kleinstrukturierten ehemaligen Handwerkerhäuser fänden dagegen ihre Liebhaber, weil dort die Kosten kalkulierbar und sie als Einfamilienhäuser begehrt seien. Die Schwierigkeiten mit den großen Bürgerbauten, erklärte Brockman den Teilnehmern besonders detailliert.

Objektsanierungen sowohl privat als auch städtisch sowie der öffentliche Raum sollten mit den Förderprojekten angegangen werden. Es gebe Bereiche, die gut angenommen würden, wie der Marktplatz oder mit abstrichen der Kirchplatz. Man müsse weitere Bereiche aufwerten, damit auch die Eigentümer den Eindruck bekämen, dass sich investieren wieder lohne. „Das wollen wir mithilfe des Programms mit der Stadt gemeinsam auf den Weg bringen“, so Brockmann. Daher waren die Teilnehmer auch froh, dass an der Fachtagung auch die hiesigen Bänker teilgenommen hatten. Das war auch dem Schulleiter der Staatlichen Technik Akademie Stephan Rühl nicht entgangen und er wies darauf hin: „Es ist schön, dass so viele Leute den Weg zur Fachtagung gefunden haben. Dass auch die örtlichen Banker daran teilnehmen, macht Hoffnung.“


Rahmenplan der Stadtsanierung von 1967. Grafik: Ansgar Brockmann

Vor dem ehemaligen Oberhessen-live Büro am Roßmarkt.