
Die Gedanken sind frei – die Gedaange sai fraiMundartgesang für Frieden und Menschenrechte
Die Gedanken sind frei – die Gedaange sai frai: Unter diesem Motto lädt der Geschichtsverein Lastoria für Sonntag, den 15. Mai, von 14 bis 18 Uhr zu einem Gesangsworkshop in die Alsfelder Musikschule in der Schillerstraße 16 in Alsfeld ein. Geprobt werden sollen Lieder in Ober-Gleener Mundart, oberhessische Coverversionen von Pop- und Rocksongs, Opernarien, jiddischen, Revolutions-, Arbeiter- und Volksliedern. Am Ende des Workshops geben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer laut Pressemitteilung im Saal der Stadtmission in der Alten Molkerei ein Konzert zugunsten von “Reporter ohne Grenzen”. Auch das off Pladd.
“Dialektkenntnisse sind keine Voraussetzung für die Teilnahme, Freude an Musik und am Experimentieren aber schon”, sagt Monika Felsing, die die Mundartliedertexte geschrieben hat und den Workshop gemeinsam mit Veronika Bloemers leitet. “Wir können singen, wie ins dè Schnoawwel gewoasse eas. Für die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte und für den Frieden.” Eine besondere Premiere für mehr als einen guten Zweck im Rahmen der Alsfelder Kulturtage.
Die Journalistin und Historikerin Monika Felsing stammt aus Ober-Gleen. Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen dokumentiert sie seit 2012 in einem Projekt des Geschichtsvereins Lastoria hessische, deutsche, europäische und internationale Geschichte und Gegenwart am Beispiel ihres Heimatdorfes.
Menschenrechte, Demokratie und Frieden sind Kernthemen. Und das kommt nicht von ungefähr: Friedrich Ludwig Weidig, der Herausgeber des revolutionären und damit illegalen Flugblatts “Der Hessische Landbote”, war bei seiner Verhaftung 1835 Pfarrer in Ober-Gleen und hatte Anhängerinnen und Anhänger in ganz Oberhessen. “Die Ober-Gleener Bittschrift für seine Freilassung dürfte weltweit eine der ersten Unterschriftensammlungen für einen politischen Gefangenen gewesen sein”, nimmt Monika Felsing an. Auch dazu gibt es ein Dialektlied, geschrieben auf die Melodie einer Arie von Puccini.

Auf die Wand seiner Darmstädter Zelle hatte Friedrich Ludwig Weidig einen Abschiedssatz geschrieben – mit seinem eigenen Blut. Die Installation ist im Museum Kirtorf zu sehen. Foto: Lastoria e.V.
Künstlerische Leiterin des Workshops ist Veronika Bloemers. Die Tochter von Ernst A. Bloemers (“Kunst im Kuhstall/Cultura 2000”) hat in Israel Musik studiert, spielt Orgel und Klavier, leitet mehrere Chöre und engagiert sich ehrenamtlich unter anderem in Projekten von Lastoria. Die Live-Aufnahme ihres Konzertes auf der Ober-Gleener Barockorgel am Weidig-Wochenende 2015 ist auf einer CD veröffentlicht worden, die von der Wirtschaftsförderung des Vogelsbergkreises 2020 mit der Regionalmarke “Vogelsberg Original” ausgezeichnet worden ist, zusammen mit den Hörbüchern “Jiddisch Leben” und “Weidig” von Lastoria, an denen die Musikerin ebenfalls mitgewirkt hat.
Der vierstündige Gesangsworkshop ist gleichzeitig die erste und einzige gemeinsame Probe für das Benefizkonzert, das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 15. Mai um 19.30 Uhr im Saal der Stadtmission in der Alten Molkerei, Walkmühlenweg 3D, geben werden.
“Ob jemand mitsingt oder mitsummt, ob jemand Chorerfahrung mitbringt oder das erste Mal vor Publikum steht: Hauptsache, wir machen das gemeinsam”, schreibt Monika Felsing, die allen, die sich anmelden, die Liedertexte im Ober-Gleener Dialekt und in hochdeutscher Übersetzung per Mail schicken wird. “Und wer weiß: Vielleicht bekommen wir es ja auch hin, in unterschiedlichen Dialekten simultan oder abwechselnd zu singen.”
In einer Kennenlernrunde per Videokonferenz können Ende April, spätestens Anfang Mai, Fragen geklärt werden. Anmeldungen sind mit einer Email an mail@lastoria-bremen.de möglich. Die Teilnahme am Workshop ist kostenlos, Spenden sind willkommen.
Was beim Konzert in die Spendenkasse kommt, soll einer Organisation zufließen, die das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung und auf Informationsfreiheit verteidigt, verfolgte Journalistinnen und Journalisten unterstützt und weltweit Zeichen setzt gegen Zensur. “Vor fast 200 Jahren ist Friedrich Ludwig Weidig in Darmstadt ohne Prozess in Isolationshaft gehalten, seelisch und körperlich gequält worden, weil er Regimekritiker war. Heute ist publizistische Tätigkeit in vielen anderen Ländern der Welt lebensgefährlich – und ,Reporter ohne Grenzen’ macht darauf aufmerksam”, erklärt Monika Felsing.
Aktuell kümmere sich der Verein beispielsweise um ukrainische und russische Medienschaffende und um Auslandskorrespondentinnen und Auslandskorrespondenten im Kriegsgebiet. Dass bis Ende März mindestens fünf Journalistinnen und Journalisten getötet worden sind und wer diese Frauen und Männer waren, ist der Website zu entnehmen. Um Journalistinnen und Journalisten in der Ukraine, in Russland und in anderen Ländern helfen zu können, braucht “Reporter ohne Grenzen” Unterstützung. “Unser Konzert ist ein kleiner Beitrag dazu”, schreibt der Geschichtsverein Lastoria. “Und so hessisch wie der Landbote.”
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