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Vom Umweg zur ZeitreiseHaus Stephanus verbindet Ausflug zum Antriftsee mit Erinnerungen

ALSFELD (ol). Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses Stephanus haben einen gemeinsamen Ausflug zum Antriftsee unternommen. Eine ungeplante Rundfahrt durch den Vogelsberg und die Einkehr am See weckten zahlreiche Erinnerungen an Kindheit, Familie und frühere Lebensbedingungen. Die Gespräche knüpften zugleich an das Biografieprojekt „ZeitReise durchs Leben“ des Hauses an.

Manchmal gehört ein Umweg einfach dazu. Acht Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses Stephanus machten sich gemeinsam mit Minh Luis, Leitung des Betreuungsdienstes, und Betreuungskraft Inge Haber auf den Weg zum Antriftsee. Straßensperrungen und ungewohnte Nebenstrecken verlängerten die Fahrt. Der Stimmung im Kleinbus tat das keinen Abbruch, heißt es in einer Pressemitteilung des Haus Stephanus.

Schon vor der Abfahrt entstand das erste Gruppenfoto. Einige Reisende bedauerten scherzhaft, zuvor nicht beim Friseur gewesen zu sein. Lippenstift und Sonnenbrillen wurden hervorgeholt, die Plätze verteilt. Dann ging es los. Ziel war das Lakeside Resort Michaela am Antriftsee, wo ein Tisch für die Gruppe reserviert war.

Die zunächst kurze Strecke entwickelte sich wegen einer Sperrung auf der Bundesstraße 62 zu einer kleinen Rundfahrt durch den westlichen Vogelsberg. Das Navigationsgerät führte den Bus über Nebenstraßen und durch Orte, die selbst einigen langjährigen Bewohnerinnen der Region wenig vertraut waren. Zell, Heimertshausen, Billertshausen und weitere Dörfer wurden unterwegs entdeckt und kommentiert.

Dabei blieb es nicht bei Ortsnamen. Landschaften und Dörfer weckten Erinnerungen an frühere Fahrten, Familienbesuche, Hochwasser und Menschen aus der Region. „Mit uns ist immer Action“, stellte eine Teilnehmerin lachend fest. Die unfreiwillige Umleitung wurde so selbst zum Teil des Ausflugs.

Am Antriftsee warteten Eiskaffee, Eisbecher und Schwarzwälder Kirschtorte. Bei sommerlichen Temperaturen suchte die Gruppe schattige Plätze mit Blick auf das Wasser. Einige Bewohnerinnen unternahmen anschließend einen kurzen Spaziergang. Andere blieben auf der Terrasse und genossen die Aussicht.

Am Tisch entwickelte sich bald ein Gespräch über frühere Lieblingsgerichte. Genannt wurden Kartoffelgemüse, Spinat mit Ei, geröstetes Brot mit Salz und selbst gebackenes Bauernbrot. Auch Reis mit Zucker und Butterbrot mit aufgestreutem Zucker gehörten für einige zur Kindheit. Eine Bewohnerin erinnerte sich daran, dass ihre Familie Brot für eine ganze Woche backte. Frisch habe es besonders gut geschmeckt. Gegen Ende der Woche sei es dagegen zunehmend hart geworden. Andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten von den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren. Steckrüben, Kartoffeln und einfache Mahlzeiten prägten damals ihren Alltag.

Die Erinnerungen führten weiter zu den Aufgaben, die Kinder in den Familien übernehmen mussten. Sie halfen im Haushalt, reinigten Treppen oder Gemeinschaftstoiletten und wirkten beim Waschen und Kochen mit. Kochwäsche wurde in großen Töpfen oder Kesseln erhitzt. Zeitweise diente Zeitungspapier als Ersatz für Toilettenpapier. Die Schilderungen machten die Härte jener Jahre deutlich, ohne dass die Beteiligten ihre Vergangenheit verklärten. „Wir hatten ein hartes Leben, aber wir sind mit unseren Aufgaben gewachsen“, fasste eine Teilnehmerin ihre Erfahrungen zusammen.

Auch die Freizeit kam zur Sprache. Nach Erinnerung der Bewohnerinnen und Bewohner verbrachten Kinder viel Zeit im Freien, entwickelten eigene Spiele und regelten manches untereinander. Daraus entstand eine Diskussion darüber, welche Erfahrungen aus dieser Zeit auch für jüngere Generationen interessant sein könnten.

Der Ausflug knüpfte damit zugleich an das im Haus Stephanus begonnene Biografieprojekt „ZeitReise durchs Leben“ an. Bewohnerinnen und Bewohner erzählen darin von Kindheit, Familie, Beruf, Wendepunkten und Erfahrungen, die ihr Leben geprägt haben. Ausgewählte Geschichten sollen nach persönlicher Abstimmung in einen Kalender einfließen.

„Jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte“, sagt Luis. Ein langes Leben lasse sich nicht vollständig auf einer Seite abbilden. Entscheidend sei, den Menschen nicht auf seinen Unterstützungsbedarf zu reduzieren, sondern auch seine Erfahrungen, sein soziales Umfeld und seine Wertvorstellungen wahrzunehmen.

Die Gespräche am Antriftsee zeigten, wie beiläufig solche Erinnerungen entstehen können. Ein Gericht, ein Dorf am Straßenrand oder eine Bemerkung am Kaffeetisch genügten, um Geschichten hervorzuholen, die im Alltag nicht immer zur Sprache kommen.

Auf der Rückfahrt fiel das Urteil kurz aus: „Schön war es.“ Die zunächst geäußerte Sorge, ein Besuch am Stausee könne langweilig werden, hatte sich nicht bestätigt. Die ungeplante Rundfahrt, die gemeinsame Einkehr und die Gespräche hatten genügend Stoff geliefert. Nach der Rückkehr zum Haus Stephanus bekam auch der Fahrer Applaus. Und ein weiteres Ziel ist bereits im Gespräch: Der nächste Ausflug könnte nach Ziegenhain führen.

Fotos: Minh Luis/GFDE Haus Stephanus

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