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Online-Veranstaltung des Rosa-Luxemburg-Club Vogelsberg am 16. JuliIch zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip

VOGELSBERG (ol). Der Rosa-Luxemburg-Club Vogelsberg hat sich in diesem Jahr dazu entschieden, auf eine Sommerpause zu verzichten. Deshalb setzten sie am 16. Juli ihr Programm mit einem Online-Vortrag von Heike Leitschuh mit dem Titel „Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ fort.

In der Veranstaltungsankündigung des Rosa-Luxemburg-Club Vogelsberg heißt es, Heike Leitschuh hat Politikwissenschaften in Marburg studiert und war Redakteurin im Fachverlag der Ökologischen Briefe. Als selbständige Journalistin, Autorin, Moderatorin und Beraterin konzentriert sie sich vor allem auf Themenbereiche der zukunftsfähigen Unternehmensentwicklung, Postwachstumsökonomie, Transformationsprozesse und Nachhaltigkeit.

Die Ichlinge kommen – bedroht das ständige Konkurrenzdenken unsere Gesellschaft?, fragt Heike Leitschuh in ihrem gleichnamigen Buch. „Neoliberales Gedankengut schadet unserer Gesellschaft und lässt die Solidarität und den Respekt der Menschen untereinander schwinden. Immer mehr Menschen denken nur noch an sich, an die Karriere und die eigenen Bedürfnisse und behandeln ihre Mitmenschen deshalb mitunter wie den letzten Dreck. In der Politik und den Medien wird das Problem vernachlässigt und in seiner ganzen Tragweite bislang überhaupt nicht erkannt. Höchste Zeit also, umzudenken und gegenzusteuern, sowohl mit einer anderen Politik, als auch bei jedem Einzelnen von uns. Denn keiner will in einem Land leben, in dem jeder nur noch sich selbst der Nächste ist und nur noch das zählt, was sich rechnet.“

Hinweis:

Die Veranstaltung findet als Videovortrag über die Plattform Zoom-Meeting statt. Die App kann für verschiedene Betriebssysteme und Endgeräte kostenlos übers Internet bezogen werden.

Registrieren Sie sich bitte hier:
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_VjcaOxFKTEGh7rBAZaQNiA

Nach der Registrierung erhalten Sie eine Bestätigungs-E-Mail mit Informationen über die Teilnahme am Webinar.

Nach dem Vortrag können Sie vom Moderator das Wort erhalten und sich so an der Diskussion mit Heike Leitschuh beteiligen.

4 Gedanken zu “Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip

  1. So lange wir in die Vergangenheit dieser Welt zurückschauen können, sind „Ichlinge“ doch die Norm. Im Tierreich überlebt der stärkere bzw. die stärkere Gruppe. Schwache Junge werden zurückgelassen. Auf lange Sicht betrachtet setzen sich die angepasstesten Pflanzen und Tiere durch. Die Evolution ist nichts weiter als ein schleichender, andauernder Konkurrenzkampf. Somit ist es auch zu erwarten, dass wir Menschen einem entsprechenden Trieb folgen. Machtkämpfe gibt es nicht nur bei unseren Kindern, nein, sogar bei der Linken – warum wohl?

    Es liegt in der Natur des Menschen und war schon immer so.

    Die subjektiv wahrzunehmende Verrohung der Gesellschaft dadurch zu begründen, halte ich für unsinnig. Egoisten waren wir immer, aber wir waren schon mal „bessere“ als heute.

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    1. „Es liegt in der Natur des Menschen und war schon immer so.“

      Die Pflanze, das Tier, der Mensch… alles „Egoisten“, weil sie sich anpassen, um zu überleben? Manches „einfache Weltbild“ bietet nur den Vorteil, dass man selbst es wenigsten versteht.
      Heute geht man vom Menschen als von Geburt an sozialem Wesen aus. Und selbst der Wolf hat ja inzwischen als Schäferhund Karriere gemacht. Nur zu Zwergpinschern, Yorkshire Terriern und Chihuahuas hat sich das noch nicht ganz herum gesprochen.

  2. Kommen die nun wirklich in deutlich größerer Zahl oder gibt es die schon eine Weile? Ein Problem lässt sich natürlich am besten zur alarmisierenden Verkaufsförderung benutzen, wenn man es als unmittelbar bedrohlich darstellt. Doch die untertitelnde Frage, ob „das ständige Konkurrenzdenken unsere Gesellschaft [bedrohe]“, lässt hieran zweifeln. Spätestens seit es den Kapitalismus gibt, gibt es auch die Konkurrenz „Jeder gegen Jeden“. Wie viele meinen, durchaus zum Nutzen des gesellschaftlichen Fortschritts. Das Bestreben, jeweils besser zu sein oder zu werden als der Konkurrent, wird zumindest in der Wirtschaft als ein Moment angesehen, dass der Gesellschaft nicht schadet, sondern den Fortschritt beflügelt und damit letztlich jedem ihrer Mitglieder einen „Benefit“ einbringt.
    Auch das „neoliberale[s] Gedankengut“, das Referentin Heike Leitschuh hier als weiteres Feindbild einführt, ist ja nicht erst seit heute in der Welt, sondern hatte sich – insbesondere in der Volks- und Betriebswirtschaftslehre – zur herrschenden Lehrmeinung entwickelt. HATTE, muss man betonen, denn inzwischen übt neoliberales Denken auf weite Teile der Politik, die den Transmissionsriemen in die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse darstellt, schon keinerlei Faszination mehr aus. Zumindest die Sozialdemokratie hat mit dem neoliberalen Sozialabbau ihres Kanzlers Gerhard Schröder übelste Erfahrungen gemacht. Und unter den Sozialwissenschaftlern gibt es wohl kaum noch einen, der nicht die Spaltung der Gesellschaft im Zuges des Sozialabbaus und der staatlichen Austeritätspolitik beklagte und diesen insbesondere den Aufstieg der rechten Populisten anlastete. Nicht zuletzt die Flüchtlingskrise hat deutlich gemacht, wie schädlich es für die Gesellschaft ist, wenn „die Solidarität und [den/der] Respekt der Menschen untereinander schwinden, „immer mehr Menschen […] nur noch an sich“ [denken] und „ihre Mitmenschen deshalb mitunter wie den letzten Dreck“ [behandeln].
    Insofern rennt der hier angekündigte Vortrag offene Türen ein, geht über zur Genüge Bekanntes nicht hinaus und bedient eigentlich nur die „Linke“-Bubble, deren Mitglieder sich gern immer wieder über dieselben Themen unterhalten, die sich seit der industriellen Revolution auch nicht wesentlich verändert haben.
    Dass das oben umrissene Problem „in der Politik und den Medien […] „vernachlässigt und in seiner ganzen Tragweite bislang überhaupt nicht erkannt“ werde, kann man angesichts des seit Jahren schon virulenten munteren Diskurses in Wissenschaft und Medien nun beim besten Willen nicht behaupten. Ja, im Interesse der benachteiligten Hälfte der Gesellschaft mag es nun also „höchste Zeit“ sein, „umzudenken und gegenzusteuern“, was ansatzweise ja auch geschieht. Doch krankt „eine andere Politik“ in einer parlamentarischen Demokratie eben daran, dass Meinungsbildungs- und erst recht Gesetzgebungsprozesse sich nur sehr zähflüssig vollziehen und eingeleitete Veränderungen auch nicht immer die erhofften Wirkungen erzielen. Über das, was „bei jedem Einzelnen von uns“ notwendig wäre, um eine Wendung zum Besseren einzuleiten, kann man sich lange die Köpfe heiß reden. Wer nicht als pensionierter Regierungsdirektor bereits dem täglichen Existenzkampf enthoben ist, muss zunächst einmal in der Gesellschaft/Wirtschaftsordnung usw., so wie sie ist, überleben. Dort sein Auskommen zu finden, während er sich gleichzeitig dem Ansturm der „Ichlinge“ entgegen wirft, erscheint realitätsfern. Eher ist zu vermuten, dass der tägliche Existenzkampf jeden lehrt, lieber mit den Wölfen zu heulen, als die Welt zu verbessern. Wenn – wie es oben anklingt – tatsächlich „keiner […] in einem Land leben [wollte], in dem jeder nur noch sich selbst der Nächste ist und nur noch das zählt, was sich rechnet“, dann wäre das Ziel ja eigentlich schon erreicht und die Veranstaltung überflüssig. Aber es scheint – wie immer im Leben – irgendwie schwieriger zu sein.

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    1. Und vor allem: In einer Gesellschaft, die das Individuum und dessen bestmögliche Entfaltung („Selbstverwirklichung“!) in das Zentrum ihres Menschenbildes stellt, dürfte doch das Streben nach individuellem Glück, Nutzung der beruflichen Chancen, Entwicklung aller Talente usw. nicht als „Egoismus“ verteufelt werden. Was soll überhaupt dieses ganze Gejammer! Zwischen „an sich selbst denken“ i.S. der bestmöglichen Sorge für sich selbst, und „seine Mitmenschen wie den letzten Dreck behandeln“ besteht ein Riesenunterschied. Beides in einen Topf zu werfen, ist reinste Opfer-Ideologie. Dereinst dichtete Altmeister Goethe: „Eines schickt sich nicht für alle! / Sehe jeder, wie er’s treibe, / Sehe jeder, wo er bleibe, /
      Und wer steht, dass er nicht falle!“ Kürzer, aber sinngemäß dasselbe: „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht.“
      Vielleicht führt die der gesamten Egoismus-Debatte zugrunde liegenden Annahme, es müsse der Egoismus des Individuums eingedämmt werden, weil sonst der Allgemeinheit Schaden drohe, von vornherein in die Irre. Was hat es denn mit dem „Ideal“ des Altruismus, der selbstlosen Denk- und Handlungsweise, der gelebten Uneigennützigkeit, auf sich? Wem nutzte es, wenn beispielsweise das Christentum diese als höchste Stufe eines gottgefälligen Lebens pries? Wem nützte es, wenn man einen Gott anbetete, der sich selbst opferte, um alle anderen von ihren Sünden zu „erlösen“? Von denen, die ihren irdischen Besitz aufgaben, um Jesus nachzufolgen oder sich durch eine Stiftung von ihren Sünden frei kauften, um sich die Höllenqualen zu ersparen, die ihnen die Theologen einredeten, wurde die Kirche reich. Der Untertan/Leibeigene/Sklave, der die eigenen Rechte aufgab, um demütig seinem „Herrn“ zu dienen und sich in dessen Dienst aufzuopfern, ermöglichte die Feudalherrschaft. Noch immer gilt es als soldatische Tugend und höchster Dienst des Staatsbürgers, für Volk und Vaterland notfalls das eigene Leben einzusetzen. „Vernünftig“ und im Sinne der Interessen des Einzelnen ist dies alles nicht.
      Die Befreiung aus der Opferrolle und die Übernahme der Verantwortung für sich selbst, und zwar ausschließlich vor dem eigenen Gewissen, ist – EGOISMUS, was denn sonst!? Seine Freiheit zu behaupten und zu verteidigen und in Eigenverantwortung zu handeln ist ein individuelles Recht, das an die individuelle Existenz und die Annahme des individuellen Schicksals gebunden ist. Beides kann sich sehr unterschiedlich darstellen. „Gerechtigkeit“ in dem Sinne, dass jedem dasselbe Grundkapital ausgezahlt würde, mit dem diese individuelle Existenz sich bestreiten und das individuelle Schicksal sich aushalten ließe, gibt es nicht. Also heißt es kämpfen, damit man mit dem, was einem gegeben wurde, nicht untergeht. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Aber wer kämpft, wird nicht automatisch gewinnen. Auch hier hat das Schicksal ein gewichtiges Wort mit zu reden. Lebenserfolg besteht im Wesentlichen darin, die Chancen zu erkennen und zu ergreifen, die sich im Strom des Lebens bieten. Altruistisch zu sein, macht vor diesem Hintergrund überhaupt keinen Sinn. Auf den Egoismus zu schimpfen auch nicht. Im Kern geht es darum, die eigenen Kräfte, Fähigkeiten usw. richtig einzuschätzen und dann – mit hohem Misserfolgsrisiko – das an Lebensmöglichkeiten zu realisieren, was man anstrebt. Hierbei ist von äußerster Wichtigkeit, die eigene Verantwortung, wo sie besteht, zu übernehmen. Genau so wichtig ist aber auch, sich keine Verantwortlichkeit einreden zu lassen, die man nicht trägt bzw. sich fremde Verantwortlichkeit bewusst aufzubürden, wie man das bei vielen „Aktivisten“ (für was auch immer) beobachtet. Dies führt letztlich immer zur Selbstüberforderung.
      Wo bleibt bei so einem Konzept eines gesunden Egoismus das Soziale? Hier kommt der Grundwert der Gerechtigkeit ins Spiel. Zu erkennen, dass es nirgends ungerechter zugeht als bei der Verteilung der individuellen Lebenschancen, bedeutet nicht, sich damit abzufinden. Die Grundtatsache einer schicksalsbedingten Ungerechtigkeit anzuerkennen, bedeutet nicht, sich damit abzufinden und den Mitmenschen seinem Schicksal zu überlassen. Man mag das wegen mir „Religion“ nennen: Zu glauben, dass es bei aller Ungleichheit einer ausgleichenden Gerechtigkeit bedarf, für die man eine Verantwortung fühlt und übernimmt; als Staatsbürger, der seine Abgaben für den „Sozialstaat“ gern leistet, aber auch als Nachbar, der sich der Nöte seiner Mitmenschen direkt annimmt. Aber auch hier gilt der gesunde Egoismus als Regulativ. Man übernimmt nicht mehr soziale Verantwortung, als man tatsächlich auch tragen kann.

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