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Didaktikexperte Prof. Peter Heiniger über gutes Lernen, das in die Zukunft trägtWas kann ich meinen Lernenden bieten?

ALSFELD (ol). „Was Hänschen lernt, kann Hans nicht mehr brauchen – was Hans braucht, kann Hänschen nicht lernen“ – Es sind Sätze wie diese von Prof. Peter Heiniger, die dem Kollegium der Max-Eyth-Schule noch lange im Sinn bleiben werden. Der Schweitzer Didaktikexperte, Leiter Studiengang Sekundarstufe II an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, war vor einiger Zeit einen Tag lang zu Gast in der Alsfelder Europaschule.

Hier lieferte er auf Einladung des „Qualitätszirkels Unterricht“ zu Beginn eines Pädagogischen Tages zunächst einen mitreißenden Inputvortrag, begleitete die Workshops der Lehrkräfte in verschiedenen Arbeitsgruppen und fasste am Ende seine Eindrücke zusammen. Was blieb, war die Gewissheit, einen bereits in vielfacher Hinsicht richtig eingeschlagenen Weg weiterzugehen und den Unterricht für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrkräfte noch besser an den zukünftigen Anforderungen zu orientieren, heißt es in der Pressemitteilung der Max-Eyth-Schule.

Schulleiter Friedhelm Walther begrüßte sein mehr als 120-köpfiges Kollegium zu diesem Tag, der ganz im Zeichen der Unterrichtsentwicklung stehen würde. „Lernen und Lehren verändern sich rasant, und es ist unsere Aufgabe, mit der Entwicklung Schritt zu halten, um für unsere Schülerinnen und Schüler bestmögliches Lernen bereitzustellen“, so die Marschrichtung des Tages, die zunächst Prof. Peter Heiniger mit ganz viel Inhalt füllte. Als Ziel des Lehrerberufes definierte er das Vorbereiten von Kindern und Jugendlichen auf eine unbekannte Zukunft.

Megatrends, die das gesellschaftliche und schulische Leben bestimmen

„Zwei Drittel aller Grundschüler werden später einmal in einem Beruf arbeiten, den es heute noch nicht gibt“, skizzierte der Redner eine Herausforderung von Schulen und Lehrkräften: Worauf soll man einen Menschen vorbereiten, wenn man gar nicht weiß, was er später einmal braucht? In seinem Vortrag ging Heiniger auf die Megatrends ein, die zukünftig das gesellschaftliche Leben und damit auch das schulische Leben bestimmen werden. Eine sich wandelnde Geschlechterrolle gehört nach Expertenmeinung ebenso dazu wie die die fortschreitende Individualisierung, die Globalisierung und der Umbruch politischer und wirtschaftlicher Ordnungen.

Aufmerksamkeit, Zustimmung und Aha-Effekte: Prof. Peter Heiniger bescherte dem Kollegium der Max-Eyth-Schule viel Input. Fotos: Traudi Schlitt

Heiniger beschrieb Bewegungen, beispielsweise in den USA im Bereich der Künstlichen Intelligenz, an der Europa aus verschiedenen Gründen kaum teilhabe. Er berichtete von dem Übersetzungsprogramm DeepL, das so gut sei, dass man sich fragen müsse, ob man überhaupt noch Sprachen lernen müsse. Er verlieh damit einer großen Verunsicherung Ausdruck über Inhalte und Arbeitsweisen, sowohl bei Lernenden als auch bei Lehrenden. Es stelle sich die Frage, wie gutes Lehren und Lernen gelingen könne, so der Professor. Als maßgeblich sieht Heiniger hier die Motivation, die Treiber, der Beteiligten an. „Warum kommen Sie jeden Morgen hierher“, fragte er in die Runde.

„Und warum kommen Ihre Schülerinnen und Schüler zu Ihnen – außer natürlich, dass sie es müssen?“ Als Treiber von Lehrkräften könne man natürlich angeben, dass die 13 unterrichtsfreien Wochen ein Ansporn seien, es könne aber auch Freude am Vermitteln von Kenntnissen sein, Spaß an der Arbeit mit jungen Menschen, Stolz auf die Teilhabe am Erfolg der Schülerinnen und Schüler. Auch diese haben ihre Treiber und ihre Motivation. „Diese muss man kennen, um Wissen zu vermitteln“, betonte der Referent: „Wir können uns noch so viele Gedanken darum machen, besser zu werden, wenn wir nicht berücksichtigen, was unsere Schülerinnen und Schüler wirklich antreibt: Wollen sie nur die Zeit absitzen oder wollen sie wirklich etwas lernen? Und wenn ja, wozu? Was ist ihr Ziel?“ Sehr ausführlich ging der Experte auf die Denkweise junger Menschen ein.

Eine Reise in die Neurobiologie

Er nahm seine Zuhörerschaft mit auf eine Reise in die Neurobiologie, stellte die Entwicklung des Hirns in der Kindheit, der Pubertät und danach vor und machte den Lehrkräften deutlich, warum es gerade in der Pubertät, in der die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Opfer eines zugunsten des limbischen Systems kaltgestellten Frontalhirns werden: Launenhaftigkeit, schnelle Wunscherfüllung, große Emotionalität machen ihnen und den Erwachsenen um sie herum zu schaffen. „Die Jugendlichen sind neuronal entschuldigt“, so Prof. Heiniger in seinem Vortrag, der, obwohl voller wichtiger Informationen, sehr unterhaltsam war.

Sein Appell an die Lehrkräfte: In dieser Phase bräuchten die jungen Menschen Strukturen, die ordnen und Wege offenhalten. Dies müsse auch Schule in ihrem Bereich bieten – „ein mühsamer Weg, den Sie tagtäglich gehen.“ Das Bewusstsein für Gemeinschaft schaffen, gehöre dazu, genauso wie für die Notwendigkeit von Regeln, führte Heiniger aus und betonte: „Das ist Teil unseres Jobs.“

Schulleiter Friedhelm Walther möchte mit seinem Kollegium weiter in Richtung Zukunft gehen.

Kann man Erfolg lehren, fragte Heiniger in die Runde und ging dieser Frage anhand der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan nach. Drei angeborene Grundbedürfnisse haben die Wissenschaftler hier festgehalten: Soziale Eingebundenheit (erlebte Nützlichkeit), Autonomie (Was ist die Mission des Jugendlichen?) und Selbstwirksamkeit (ehrliches Lob, das der Person entspricht). Diese Bedürfnisse sieht der Schweizer Experte als Treiber für gutes und erfolgreiches Lehren und stellte die Erweiterte Bloomsche Taxonomie als Schema für erfolgreiches Lernen vor: Es basiert auf einer abgestimmten Verwendung von Selbstregulierung und problemlösenden Denken der Schülerinnen und Schüler und zeigt Wege auf, von der Theorie in die Praxis zu kommen, vom Lernen ins Umsetzen.

Als einen von verschiedenen Erfolgsfaktoren für den Unterricht präsentierte der Redner die von ihm so genannte „Krimididaktik“, die sich aus der Taxonomie ergibt: Der Unterrichtsinhalt müsse spannend inszeniert werden, 08/15 bliebe nicht hängen, eine spannende „Tätersuche“ aber schon. „Sie sind als Lernprofis unterwegs“, wandte Heiniger sich abschließend an das Kollegium der Max-Eyth-Schule, „und wie immer Sie Ihren Unterricht gestalten, fragen Sie sich: „Was kann ich meinen Lernenden bieten?“

Möglichkeiten der Schule

Die Rückfragen aus der Lehrerschaft zeigten, wie sehr der Vortrag ihr tägliches Erleben in der Schule berührt hat. Sie erhielten noch einmal Feedback zu Fragen nach ernstgemeintem und wirksamem Lob, nach Wertschätzung den Schülerinnen und Schülern gegenüber, und sie erhielten für sich selbst Methoden, wie sie das Gehörte in ihrem Alltag umsetzen könnten. Was die Schule bereits an Möglichkeiten und Methoden hat, das stellten im Anschluss an den Impulsvortrag einzelne Lehrkräfte der Schule ihren Kolleginnen und Kollegen vor.

Es ging um „Umgedrehten Unterricht“ (Flipped Classroom), Tools zur Selbstbeurteilung und Reflexion von Schülerinnen und Schülern oder der Erstellung von ePortfolios mit Hilfe der mahara-Software. Diese und sieben weitere Unterrichtswerkzeuge zeigten die große Bandbreite, die jetzt schon an der Max-Eyth-Schule vorhanden ist. Prof. Heiniger war am Ende des Tages voll des Lobes für diese Fülle, die die Lehrkräfte mit ihren Kolleginnen und Kollegen teilten. Er hat an diesem Tag eine lebendige Schule erlebt, in der die Menschen einen wertschätzenden Umgang miteinander pflegen. Mit Blick auf das Thema Zukunftsorientierung bescheinigter der der Europaschule: „Sie sind auf einem guten Weg“, und mit Schulleiter Friedhelm Walther war sich das Kollegium einig: „Diesen Weg gehen wir weiter.“

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel – und entsprechend auch der darin behandelte Inhalt – bezieht sich auf eine Zeit vor der Corona-Krise, ehe Kontakteinschränkungen, Schulschließungen und andere Regeln in Kraft traten. 

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