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Gewerkschaft NGG warnt vor Altersarmut und fordert GrundrenteMehr als doppelt so viele Vogelsberger Rentner auf Stütze vom Amt angewiesen

VOGELSBERG (ol). Wenn die Rente nicht reicht: Immer mehr Menschen im Vogelsbergkreis sind neben ihren Altersbezügen auf staatliche Stütze angewiesen. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt vor Altersarmut und fordert Grundrente.

Die Zahl der Empfänger von „Alters- Hartz-IV“ hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt (111 Prozent). Gab es im Vogelsbergkreis 2008 noch 644 Bezieher von Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung, so waren es im vergangenen Jahr bereits 1.362. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit. Die NGG beruft sich hierbei auf Angaben des Statistischen Landesamtes. Danach erhielten in ganz Hessen zuletzt rund 93.000 Rentnerinnen und Rentner Grundsicherung – 74 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor.

Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG-Region Nord-Mittelhessen, sehe den Trend mit Sorge – und fordere eine „rentenpolitische Kurskorrektur“. Insbesondere die von der Bundesregierung angekündigte Grundrente müsse rasch angepackt werden, um ein Ausufern der Altersarmut im Landkreis zu verhindern.

„Die amtlichen Zahlen zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Denn sehr viele Menschen, die wegen Mini-Renten eigentlich einen Anspruch auf die Grundsicherung haben, schrecken aus Scham vor einem Antrag zurück“, sagt Kampmann. So sind nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bundesweit aktuell bereits 16,8 Prozent der Rentner von Armut bedroht. Ohne die Einführung einer Grundrente könnte das Armutsrisiko laut DIW bis zum Jahr 2039 auf 21,6 Prozent steigen – selbst bei einer weiterhin positiven Konjunkturentwicklung.

„Eine entscheidende Ursache für dürftige Renten sind niedrige Einkommen. Auch wer Jahrzehnte in einer Bäckerei oder einem Restaurant gearbeitet hat, landet im Alter oft unter der Armutsschwelle. Das liegt auch an der Praxis vieler Unternehmen, aus Tarifverträgen auszusteigen und so die Löhne zu drücken. Hinzu kommt der Trend zu Teilzeit und Minijobs“, erklärt Gewerkschafter Kampmann.


Ein wichtiger Beitrag für mehr Gerechtigkeit im Rentensystem

Hier setze die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil geplante Grundrente an: Danach sollen die Bezüge von Menschen, die mindestens 35 Jahre lang gearbeitet haben und bei der gesetzlichen Rente trotzdem unter die Grenze von 896 Euro kommen, um bis zu mehrere Hundert Euro im Monat aufgebessert werden. „Das Modell wäre ein wichtiger Beitrag für mehr Gerechtigkeit im Rentensystem. Es würdigt die Leistung von denen, die ein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt haben“, betont Kampmann.

Ausschlaggebend sei aber, dass es dabei keine Bedürftigkeitsprüfung gebe. „Wer eine solche Prüfung fordert, trifft die Falschen, weil es in den allermeisten Fällen um Haushalte mit kleinen Einkommen geht. Eine Bedürftigkeitsprüfung steht auch dem Rentenprinzip entgegen, nach dem Beitragszahler einen individuellen Leistungsanspruch erwerben“, so Kampmann.

Die NGG fordert die Große Koalition auf, bei dem Thema jetzt „ernst zu machen“. Wer Jahrzehnte gearbeitet habe, habe mehr verdient als die bloße Grundsicherung. Am Ende stehe ein Stück des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf dem Spiel. „Für Tausende Beschäftigte allein im Vogelsbergkreis stellt sich die Frage, ob ein würdiger Lebensabend in Zukunft noch möglich ist“, warnt Kampmann. Diese Sorge dürfe die Politik nicht ignorieren. Sie müsse jetzt die nötigen Mittel aufbringen, um Altersarmut im großen Stil zu stoppen.

Das Bundesarbeitsministerium geht bei der Grundrente von jährlichen Kosten von etwa fünf Milliarden Euro aus. Andreas Kampmann: „Allein die Bankenrettung im Jahr 2008 hat den Steuerzahler rund 60 Milliarden Euro gekostet.“


7 Gedanken zu “Mehr als doppelt so viele Vogelsberger Rentner auf Stütze vom Amt angewiesen

  1. Ich dachte ja bisher, die jetzt nach langen Querelen eingeführte Grundrente (https://www.youtube.com/watch?v=bNO16iJNbjA) sei ein probates Mittel, um das Problem der Altersarmut zumindest für den am härtesten betroffenen Teil der Rentner*innen abzumildern. Doch nun höre ich gestern bei Maischberger folgendes aus dem Mund von Sarah Wagenknecht:
    „Sie haben vorher über die Grundrente geredet. Das ist doch jämmerlich, dass jetzt als Erfolg gefeiert wird, dass Menschen, die 35 Jahre arbeiten, am Ende eine Rente bekommen, die achzig Euro über dem Hartz-IV-Satz liegt. Das ist noch unter der Armutsgrenze. Also an der steigenden Altersarmut ändert das überhaupt nichts. Es wird aber so getan, als sei das jetzt ein Durchbruch. Und so ist es in vielen Fragen. Es werden so ganz kleine Stellschrauben gedreht, und selbst um die zu drehen, ist eine halbjährige Auseinandersetzung, ein Riesentheater, aber es wird überhaupt keine Zukunftsvision, überhaupt keine Zukunftsfrage angegangen.“
    Da darf sich die SPD nicht wundern, dass sie bei der nächsten Wahl gleich wieder einen A****tritt kassiert, obwohl sie doch in der Groko von Erfolg zu Erfolg eilt und vermeintlich jede Menge für die kleinen Leute herausholt. Aber diese kleinen Leute, so unbedeutend sie auch sein mögen, merken sehr wohl, wenn sie besch***** werden. Die Parteibonzokratie dagegen hat jedes Sensorium dafür verloren, wie man „Vertrauen in die Zukunft“ herstellt.

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  2. Komisch, die jungen gehen auf die Barrikaden (Fridays for Future) wegen eines zumindest in unseren Breiten noch immer relativ abstrakten Klimaproblems. Den Alten, die nicht nur freitags genügend Zeit hätten, scheint aber das relativ konkrete Problem der Rentenentwicklung derart am Allerwertesten vorbei zu gehen, dass sie kaum dazu bereit sind, ihren Besorgnissen öffentlich Ausdruck zu verleihen. Geht es vielleicht den meisten noch zu gut? Oder hat man zu sehr verinnerlicht, sich miesen Bedingungen immer weiter nach unten anzupassen? Es scheint fast so. Denn Grund zu Befürchtungen hinsichtlich einer wachsenden Altersarmut bestehen zur Genüge.

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    1. „Grund zu Befürchtungen hinsichtlich einer wachsenden Altersarmut besteh[t]en zur Genüge.“
      Und warum ist das so? Nicht nur, weil die Menschen mit vielen Unterbrechungen der Erwerbsbiografie, Niedriglöhner usw. nicht genügend „Rentenpunkte“ sammeln konnten und dann am Ende mit Minirenten unter dem Sozialhilfesatz nach Hause gehen.
      Alle, die im Alter im Pflegeheim leben müssen, werden angesichts einer explosionsartigen Entwicklung der Heimkosten und eines minimalen Anstiegs der Leistungen der Pflegeversicherung selbst bei guten Renten zu Leistungsbeziehern, die dann nur noch Anspruch auf ein kleines Taschengeld haben. Das hat gerade erst das ZDF-Magazin „frontal 21“ vorgerechnet (siehe https://www.zdf.de/politik/frontal-21/armutsfalle-pflegeheim-100.html). Wer bekommt denn schon eine Rente zwischen 2240 Euro und rund 3900 Euro (Gesamtkosten für einen Heimplatz je nach Pflegegrad)? Die Durchschnittsrente liegt unter 1000,- Euro! Und genau da beginnt die „dritte Säule der Altersarmut“: Rentenbesteuerung, Krankenkassenbeiträge und Zuzahlungen für alles und jedes, rasant steigende Mieten, exorbitante Stromkosten und Kosten für Heizenergie und, und, und. Das alles schmälert von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr selbst früher auskömmliche Altersbezüge immer mehr. Da müssten 30 Millionen Senioren auf die Straße gehen und den Politikern ihre Wut entgegen schreien!

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      1. Alles richtig, was hier in den Kommentaren angemerkt wurde. Aber Lohndrückerei und gebrochene Erwerbsbiografien sind ja nur eine Quelle der Armut. Wer sich im „größten Pflegedienst Deutschlands“, d.h. innerhalb der Familie, für die Pflege eines Angehörigen aufopfert, ist ja zumeist schon arm, bevor er das Rentenalter überhaupt erreicht. Denn er muss auf halbe Stelle (= halbes Gehalt) gehen oder ganz aus dem Beruf aussteigen, wodurch er u.U. sogar Leistungsbezieher wird. Und zusätzlich wird er dann im Alter noch mit einer Armutsrente bestraft. Selbst die kann er aber nicht lange genießen, weil er u.U. durch die Pflegezeit zuvor psychisch und physisch so angeschlagen ist, dass er vergleichsweise früh stirbt und bis zu seinem vorzeitigen Tod auch noch eine durch Krankheit und Erschöpfung verringerte Lebensqualität hat. 76 Prozent der Pflegebedürftigen werden laut wdr5 (vgl. https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-politikum-wiedervorlage/audio-kaum-entlastung-fuer-haeusliche-pflege-100.html) von Angehörigen gepflegt. Um diese zu ersetzen, so werden Berechnungen einer Krankenkasse zitiert, müssten 3,2 Millionen Pflegekräfte zusätzlich eingesetzt werden.
        Vor diesem Hintergrund kann die letzte Pflegereform von 2017, die eigentlich die große Entlastung pflegender Angehöriger versprach, nur Empörung auslösen. Die Kompensation der Beitragssausfälle pflegender Angehöriger in der Rentenversicherung beträgt in den Pflegestufen 2 und 3 nur wenige Euros. Nimmt der pflegende Angehörige zu seiner Entlastung Hilfe von außen in Anspruch (Pflegedienst), werden ihm sogar 30% der Zuschüsse zur Rentenversicherung gekürzt. Zusätzliche Geldzahlungen aus der Pflegeversicherung z.B. für Kurzzeitpflege können dagegen oft gar nicht ausgegeben werden, weil es an Kurzzeitpflegeplätzen fehlt. So gibt es am Ende trotz großer Versprechungen für die pflegenden Angehörigen weder Entlastung noch eine spürbare Aufstockung der Rentenanwartschaften. Das ganze Gesülze der Politik bzgl. „Wertschätzung“, „Unverzichtbarkeit“ usw. ist blanker Zynismus. Wie lange lassen sich das die Betroffenen noch gefallen, ohne sich zu radikalisieren oder zumindest – z.B. bei den nächsten Wahlen – den Parteien der „bürgerlichen Mitte“ radikal zu verweigern?

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  3. …“unnütze und schikanöse Antragsprüfungs- und Verteilungsbürokratie“ zusammen streichen… Das geht aber nicht! Wo sollen denn die ganzen Mandatsträger*innen ihr(e) Gnadenbrot*innen fressen, wenn ihre Seilschaften ihnen keinen sicheren Listenplatz mehr verschaffen oder sie ihr Direktmandat an einen AfD-Kandidaten verlieren?

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  4. Vielleicht sollten zukünftig Abgeordneten-Diäten von einer Bedürftigkeitsprüfung abhängig gemacht werden. Da könnte der Steuerzahler viel Geld sparen, weil viele Abgeordnete*innen ihren Job als Volksvertreter*innen ohnehin als Nebenjob ansehen (z.B. neben einer florierenden Anwaltskanzlei) bzw. die Einkünfte aus ihren zahlreichen Nebentätigkeiten die Abgeordneten-Bezüge weit übersteigen. Zusätzlich sollte durch strengste Prüfung erhoben werden, mit wie viel pro Jahr der eine oder andere Volksvertreter als Lobbyist oder von Lobbyisten geschmiert wird (von wegen, ich ordne mich da freiwillig in eine Kategorie „von… bis“ ein!).
    Herr Waidmanns- pardon Hubertus Heil spielt sich mit seiner „Grundrente“ zu Unrecht als Beschützer der Witwen und Waisen auf. Denn seine Sozen (nicht zu vergessen Joschka Fischers Grüne) hatten mal wieder nicht von Gründonnerstag bis Karfreitag gedacht, als sie das Tor zu Niedriglöhnen und Leiharbeit weit aufstießen. Kurzfristig oder besser …sichtig konnte man damit zwar die Arbeitslosenstatistik schönen und verschob das Armutsproblem in die Renten-Phase, wo dann auch nicht mehr die Rentenversicherung zuständig ist, sondern die Grundsicherung = Sozialhilfe, für die die ohnehin mit sozialen Aufgaben (siehe Flüchtlinge) überlasteten Kommunen aufkommen müssen. Aber genau damit wurde der Sozialstaat ruiniert, was jetzt die Leute massenhaft verunsichert (https://wize.life/news/finanzen/107214/senioren-protestbewegung-fridays-gegen-altersarmut-angst-vor-geringer-rente-bewegt-das-netz) und teilweise der AfD zutreibt!

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    1. setzt sich nicht mal eine aus wirklichen Experten bestehende Kommission hin, durchforstet den gigantischen Sozialetat darauf hin, was wirklich etwas bringt und nicht nur Kosmetik ist für eine nachweislich immer ungleicher und ungerechter werdende Gesellschaft, streicht radikal die unnütze und schikanöse Antragsprüfungs- und Verteilungsbürokratie zusammen und setzt dann einen Grundbetrag fest, der jedem/r Bürger/in ein Leben ohne entwürdigende materielle Not ermöglicht. Wem das nicht reicht, der kann ja hinzu verdienen und mit diesem – natürlich entsprechend besteuerten – Zusatzverdienst ein luxuriöseres Leben führen bzw. sich entsprechende Zusatzversicherungen gönnen. Für die „kleinen Leute“ muss es ebenfalls eine Möglichkeit geben, innerhalb bestimmter Grenzen, aber ohne staatliche Schnüffelei und Bürokratie selbständige Dienstleistungen zu erbringen, egal ob als Alltagshelfer für Senioren, Brötchen-Verkäufer oder Zeitungsausträger. Ansonsten: Vernünftige „Deckel“ und Spekulationsbremsen bzw. Kostenfreiheit auf/für alle Bereiche der Deckung von Grundbedürfnissen: Wohnen, Strom, Kinderbetreuung, Bildung.
      Der Um- oder besser Gleichverteilungsaufwand ist mutmaßlich nicht höher als dieses ganze aufgeblasene System von Subventionen, Ausnahmetatbeständen, Freibeträgen, EU-Netto-Einzahlungen auf der einen und Förderprogrammen auf der anderen Seite. Transparenz schafft Effizienz. Allein von dem Geld, das nicht veruntreut, verschwendet, irgendwelchen Privilegien geopfert oder irgendwohin verschoben wird, kann man die Mehrkosten für einen sozial gerechten und daher im Innern SICHEREN Staat locker stemmen.

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