
Über die Hälfte aller im Vogelsberg geleisteten Überstunden sind zum Nulltarif20 Millionen Euro Überstunden „geschenkt“
VOGELSBERG (ol). 1,5 Millionen Überstunden: So viel kommt zusammen, wenn der Vogelsbergkreis ein Jahr lang richtig schuftet. Das Erschreckende: 798.000 Überstunden gingen zum Null-Tarif über die Bühne, also ohne Bezahlung. Das geht aus dem Überstunden-Monitor des Pestel-Institut hervor. Demnach sollen alle Beschäftigten den Unternehmen im Vogelsbergkreis 20 Millionen Euro „geschenkt“ haben.
Dabei sei das Phänomen besonders im Gastgewerbe ausgeprägt, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, kurz NGG, in einer Pressemitteilung mitteilte. Alleine in dieser Branche leisteten die Beschäftigten im vergangenen Jahr 36.000 Überstunden. Also Grundlage der Statistik diente dabei der Mikrozensus, sprich einer Mini-Ausgabe einer Volkszählung. Dabei sind die Wissenschaftler vom Bundesdurchschnitt ausgegangen.
Die Erhebung habe ergeben, dass im Gastgewerbe im Vogelsbergkreis 44 Prozent aller Überstunden unbezahlt waren. Rechnet man das ganze nun um, ergibt das ein „Lohn-Geschenk“ von 193.000 Euro, wenn man von 12 Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber ausgeht.
NGG-Geschäftsführer: Mehr regulär Beschäftigte müssen her
„Von der Küchenhilfe im Hotel bis zum Kellner im Biergarten: Wer im Gastgewerbe arbeitet, ist auf jeden Euro angewiesen. Dabei sind 55 Prozent dieser Arbeitsplätze im Vogelsbergkreis Minijobs“, sagt NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann. Das Problem der 450-Euro-Kräfte sei dabei, dass sie keinen Euro dazu verdienen dürfen. „Also werden die Überstunden entweder gar nicht oder schwarz bezahlt – bar auf die Hand. Statt Minijobber mit 450 Euro abzuspeisen, sollte das Gastgewerbe endlich mehr Menschen regulär beschäftigen und ordentlich bezahlen“, fordere Kampmann.
Die NGG gehe in Sachen Arbeitszeit jetzt in die Offensive: Sie stelle sich mit der Gastgewerbe-Kampagne „#fairdient“ hinter die rund 1.600 Beschäftigten in den Hotels, Restaurants und Gaststätten im Vogelsbergkreis. Denn ihnen drohe – über den verlorenen Lohn bei Umsonst-Überstunden hinaus – noch ein anderes Problem: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, kurz Dehoga, dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen. „Es geht darum, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern. Ziel der Arbeitgeber ist es, die Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden pro Tag auszuweiten“, kritisiert Kampmann.
Mehr Flexibilität schränkt die Attraktivität ein
„Der Dehoga werde sich mit seinem Vorstoß ‚ein Eigentor schießen’“, so die NGG. Denn das Hotel- und Gaststättengewerbe könnte durch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit an Attraktivität einbüßen. „Gerade junge Menschen werden dadurch verschreckt. Und das bei der – im Branchenvergleich – ohnehin schon besonders niedrigen Ausbildungsquote“, sagt Kampmann.
Der Gewerkschafter warnt: Mehr arbeiten zu müssen, bedeute immer auch ein höheres Gesundheitsrisiko. „Schlafstörungen, Erschöpfung, Rückenschmerzen und sogar Arbeitsunfälle können die Folge sein.“ Die bestehende Regelung der Arbeitszeit sei deshalb ein wichtiger Schutz der Beschäftigten.
Im Gastgewerbe sei es bereits heute gang und gäbe, überdurchschnittlich oft an Wochenenden und Feiertagen, spätabends und auf Abruf zu arbeiten. „Dazu kommt ein guter ‚Flex-Faktor‘ durch Arbeitszeitkonten. In Tarifverträgen hat die NGG mit dem Dehoga vielfältige Arbeitszeitmodelle vereinbart. Zu viele Betriebe setzen diese aber gar nicht in der Praxis um, sondern wollen einen Freifahrtschein. Wir fordern die Unternehmen auf, sich an diese Regelungen zu halten und die Dienstpläne frühzeitig und verlässlich zu schreiben“, so Gewerkschafter Kampmann.
Auch interessant:



Es gibt sogar Unternehmen (über 100 Mitarbeiter), welche sogar dummdreist mit Überstunden der Mitarbeiter PLANEN. Wo kein Kläger, da kein Richter, denn einen Betriebsrat gibt es zumeist hier nicht. Die, die es versucht haben einen zu gründen, wurden über kurz oder lang rausgemobbt.
Hier muss schleunigst ein Riegel vorgeschoben werden!!
„798.000 Überstunden gingen zum Null-Tarif über die Bühne, also ohne Bezahlung. Das geht aus dem Überstunden-Monitor des Pestel-Institut hervor. Demnach sollen alle Beschäftigten den Unternehmen im Vogelsbergkreis 20 Millionen Euro ‚geschenkt‘ haben.“
Ja, ja, Landrat Görig von der SPD!!! Da zeigt sich, was das Gefasel von den attraktiven Arbeitsplätzen im Vogelsberg und dem stabilen Arbeitsmarkt in der Region wert ist; nämlich nichts, niente, ничего (nichego)! Und offensichtlich werden die Teilzeitarbeitskräfte und Minijobber im VB noch nicht genug
ausgebeutet und ihre Arbeitszeiten noch nicht genug „flexibilisiert“. 44 Prozent unbezahlte Überstunden! Eine Schande! Da möchte man fast hoffen, dass die 450-Euro-Kräfte bei Überschreitung der regulären Arbeitszeit ihr Geld tatsächlich „bar auf die Kralle“, also „schwarz“ bekommen haben, statt in den Mond zu gucken!
Aber bei allem Verständnis für die Arbeitnehmerrechte und die Einnahmesituation bei Kranken- und Rentenversicherung – die gewerkschaftliche Forderung nach mehr regulären Vollzeitjobs ist auch ein Stück weit naiv. Dem Minijobber oder Teilzeiter stehen auf der Arbeitgeberseite nämlich vielfach keine Großindustriellen gegenüber, sondern Neugründer, Kleinunternehmer, Nebenerwerbs-Selbständige, Familienunternehmer usw., die gerade so über die Runden kommen und mit stark schwankenden Einnahmen zurecht kommen müssen. Doch dieser Problematik gegenüber scheinen die Gewerkschaften blind zu sein. Was passiert denn, wenn man die Lösung des Problems allein auf diese Schultern ablädt? Richtig, überhaupt nichts. Und das nach Jahrzehnten der gebetsmühlenartigen Gewerkschaftsforderungen.
Um diese Situation aufzubrechen, muss man endlich die Lage der „Kleinunternehmer“ und der „Geringverdiener“ unter den Arbeitnehmern ohne ideologische Scheuklappen betrachten. Vor allem muss mal der Staat von seinen bürokratischen und staatskleptokratischen Mustern abrücken. Es kann doch nicht sein, dass es keine anderen Modelle geben kann als 450-Euro-Job, Mindestlohn und diese ganzen missgünstigen, kniepigen und pfennigfuchsenden Regelungen, die natürlich massenhaft unterlaufen werden, weil die entsprechenden Kontrollmechanismen fehlen. Warum ist der Staat nicht insgesamt ein wenig großzügiger (z.B. mit Freibeträgen, die unbesteuert bleiben), auch wenn damit die „Gefahr des Missbrauchs“ steigt. Man wünschte sich auch Kleinunternehmern und Geringverdienern gegenüber zumindest die „Harmlosigkeit“ der Finanzverwaltung, die man gegenüber notorisch steuerhinterziehenden Großverdienern und Millionenerben an den Tag legt, obwohl die das undankbarerweise damit honorieren, dass sie Milliardenvermögen in Steueroasen verschieben. Die dabei auftretenden „Verluste“ wären leicht zu verkraften durch Abbau der gesamten Kleinverdiener-Absch(r)öpfungs-Bürokratie!