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SPD plant Runden Tisch mit Medizinern und PolitikernWas Ärzte dazu bewegen könnte, nach Alsfeld zu kommen

ALSFELD (jal). Der Ärztemangel auf dem Land ist ein Dauerbrenner der Kommunalpolitik. Die Alsfelder SPD schlägt zur Lösung des Problems nun auf städtischer Ebene einen Runden Tisch vor, besetzt mit Vertretern aus der Politik und der Medizin. Am Donnerstag soll das Stadtparlament darüber entscheiden. OL hat sich schon jetzt bei einigen Alsfelder Ärzten umgehört. Die Antworten zeigen: An Ideen für die Lösung des Problems mangelt es nicht.

Die SPD-Fraktion begründet ihren Antrag für die Stadtverordnetenversammlung mit der Zeit, die es ihrer Meinung nach brauchen wird, bis Bemühungen des Landkreises oder des Landes greifen und die Ärzteversorgung auf dem Land besser wird. Aus diesem Grund soll die Stadt Alsfeld selbst aktiv werden und mit dem Runden Tisch den Erfahrungsaustausch mit den Ärztinnen und Ärzten suchen, die bereits vor Ort sind. Die Frage dabei: Wie kann ihre Situation verbessert werden und was kann helfen, neue Mediziner in die Stadt zu locken?

Zahnärzte gebe es in der Stadt und dem Landkreis eigentlich genug, sagt Dr. Sonja Schmidt-Schäfer und lacht dabei am Telefon. Dennoch hätten sie und ihre Kollegen genug zu tun. Die Frage, was die Politik tun könne, um mehr Ärzte in die Region zu holen, sei schwierig zu beantworten. „Die machen schon viel“, sagt die Zahnmedizinerin und nennt das Stipendium von 400 Euro pro Monat als Beispiel, welches der Kreis Studenten zahlt, die sich verpflichten, sich nach dem Studium drei Jahre als Hausarzt im Vogelsberg niederzulassen.

Schmidt-Schäfer sieht eher an einer anderen Stelle die Möglichkeit, für Verbesserung zu sorgen. Es ist jedoch eine Thematik, bei der Kreis und Stadt nur mittelbar Einfluss ausüben können: Der Numerus Clausus fürs Medizinstudium. Es sei fraglich, ob man wirklich nur junge Leute mit einem Spitzenabi von 1,0 oder 1,1 für das Studium zulassen müsse. Jemand mit einem Dreierschnitt könne durchaus motivierter sein und dadurch das Studium auch „durchziehen“, sagt Schmidt-Schäfer. Die Zulassung solle also eher nach Eignung für den Medizinberuf und nicht allein nach der Abinote erfolgen. Doch die Macht das zu entscheiden liegt bei Wiesbaden.

Studie über Hausärzte im Landkreis

Was die Situation der Hausärzte in der Region betrifft, hat sich der Alsfelder Mediziner Dr. Thomas Becker bereits 2011 im Auftrag des Kreisausschusses intensive Gedanken gemacht und eine ganze Studie verfasst. Das Dokument gibt es hier als PDF. „Der überwiegende Anteil der Studie ist weiter aktuell und steht für die Planung der hausärztlichen Versorgung des Vogelsbergkreises weiterhin zur Verfügung“, sagt Becker, der einen Master of Business Administration Healthcare Management hat, auf Anfrage von OL.

In der Zusammenfassung seiner von der EU geförderten, 70 Seiten umfassenden Arbeit schreibt Becker: „Merkmal dieses Konzeptes ist, dass die Sicherung der hausärztlichen Versorgung des Vogelsbergkreises durch konsequente Weiterentwicklung und Forderung der bestehenden Hausarztpraxen erfolgen soll. Sie sollen in die Lage versetzt werden, sich unter Nutzung der Chancen der Kooperation und den Möglichkeiten, die durch die Weiterentwicklung der Vertragsformen mit der Kassenärztlichen Vereinigung geschaffen wurden, den aktuellen Herausforderungen der Zeit zu stellen. Die Weiterentwicklung soll von den Hausärzten freiwillig und selbstbestimmt geleistet werden. Hierzu sollen sie durch ein Beratungs- und Begleitungsangebot gefördert werden, in deren Mittelpunkt Koordination steht.“

Um die Situation für Hausärzte und Patienten gleichermaßen zu verbessern, schlägt Becker zum Beispiel einen Austausch zwischen den Praxen vor. Ärzte mit zu vollen Karteien sollten Patienten an Kollegen abgeben, die noch Kapazitäten frei haben. Zudem empfiehlt er bessere, vernetztere Weiterbildungsmöglichkeiten für angehende Allgemeinmediziner. Für bestehende Praxen wünscht Becker sich als Drittes Unterstützung durch Unternehmensberatungen, die den Ärzten dabei helfen, ihre Praxen „alleine oder in der Zusammenarbeit mit Kollegen zu größeren Betriebseinheiten“ mit angestellten Ärztinnen und Ärzten zu erweitern. So soll es mehr Ärzten ermöglicht werden, sich besser auf die Arbeit am Patienten zu konzentrieren, während die nötige Büroarbeit gebündelt erledigt wird.

„Es muss zumindest die Bereitschaft da sein, in den ländlichen Raum zu gehen“

Gemeinschaftspraxen, Ärztehäuser, Stipendien – für Dr. Manfred Heide sind das alles Ideen und Anregungen, die zwar gut sind, die aber nur unter einer Bedingung funktionieren: „Es muss zumindest die Bereitschaft da sein, in den ländlichen Raum zu gehen“, sagt der Alsfelder HNO-Arzt. Viele junge Mediziner wollten per se nicht aufs Land, sondern in Städte mit mehr Einwohnern.

Der 61-jährige ist skeptisch, ob sich der Nachwuchs ausschließlich durch finanzielle Anreize umstimmen lässt. Stattdessen müsse man ihm den Vogelsberg als eine Region näher bringen, in der es sich generell lohne, zu leben. „Man kann sich hier auch wohlfühlen“, sagt Heide, der selbst aus Marburg Anfang der 90er-Jahre nach Alsfeld kam. Es gebe gute Schulen, Kultur- und Freizeitmöglichkeiten. Wann er selbst aufhören will zu praktizieren, weiß er noch nicht genau. „Ich strecke aber schon einmal meine Fühler aus“, sagt er auf die Suche nach einem Nachfolger angesprochen.

Drei Ärzte, drei unterschiedliche Antworten. Sollte es zu einem Runden Tisch kommen, wie ihn die SPD vorschlägt, dürften die Vertreter der Politik und der Medizin spannende Gespräche erwarten. Alexander Heinz, Chef der CDU-Fraktion im Stadtparlament, wollte sich vor den Ausschusssitzungen am Dienstagabend nicht dazu äußern, wie seine Fraktion zu den Plänen steht. Dabei ließ er jedoch durchblicken, dass von Seiten der Koalition noch Fragen an die SPD wegen der Begründung ihres Antrags offen sein könnten.