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Junge Union Vogelsberg schickte 1989 Brief mit Zange an Michail Gorbatschow„Wir Deutschen träumen von ein bißchen Freiheit“

VOGELSBERGKREIS (ol).Die Ereignisse von vor 30 Jahren, die zur Deutschen Einheit führten, beschäftigen jetzt die Junge Union im Vogelsberg. Die CDU-Jugendorganisation fand in ihren Unterlagen ein historisches Schreiben: Im Juni 1989 schrieben die Vogelsberger Jung-Unionisten einen Brief an Michail Gorbatschow – per Einschreiben.

In der Pressemitteilung der Jungen Union Vogelsberg heißt es, dem kleinen Päckchen legte man eine Drahtschere bei. Der JU-Kreisvorsitzende Andreas Blum aus Grebenhain bat den damaligen Staatspräsidenten der UdSSR (der früheren Sowjetunion) im Hinblick auf die Ereignisse vom Mai in Ungarn, Mauer und Stacheldraht im geteilten Deutschland abzureißen. Das berichten die heutige JU-Kreisvorsitzende Jennifer Gießler sowie ihre Kreisvorstandskollegen Lukas Kaufmann und Joshua Östreich, die den Brief in einer Kopie wiederfanden.

Die „Zeitzeugen“ Volker Nies und Michael Apel erinnern sich noch gut an den Brief, den sie in Fulda bei einem Übersetzungsbüro ins Russische übertragen ließen. Hintergrund waren Meldungen vom 2. Mai 1989 etwa beim RIAS Berlin „Um acht Uhr morgens haben ungarische Grenzsoldaten mit großen Drahtscheren die ersten Löcher in den Eisernen Vorhang geschnitten. 44 Jahre nach der Teilung Europas begann der Abbau der gesamten Grenzsperren zwischen Ungarn und Österreich.“

Die Kopie des Schreibens. Foto: Apel

Durch die begonnene Politik von Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umgestaltung) von Michail Gorbatschow sah sich die Vogelsberger Junge Union veranlasst, an den Sowjetführer zu schreiben: “Wir Deutschen träumen von ein bißchen Freiheit, von der Freiheit, völlig ungehindert von Deutschland nach Deutschland reisen zu können. Wäre es nicht schön, Herr Präsident, wenn wir Mauer und Stacheldraht durch Deutschland zusammen abreißen könnten? In Ungarn wurden jüngst die Sicherheits- und Kontrollanlagen an der Grenze zu Österreich abgebaut. Wir bitten Sie, Herr Präsident: Lassen Sie auch in Deutschland dieses Relikt längst vergangener Zeiten abbauen.“


Der Brief kam im Büro des Staatspräsidenten an. Das belegt der Rückschein des Einschreibens, den die JU bekam. Eine schriftliche Antwort bekam die Junge Union Vogelsberg auf den Einschreibebrief allerdings nicht. Die Ereignisse der nächsten Monate überschlugen sich aber: Danach fand das berühmte „Picknick“ der Paneuropa-Union am 19. August an der österreichisch-ungarischen Grenze statt: Rund 600 DDR-Bürger beginnen eine spektakuläre Massenflucht. Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer, Stacheldraht- und Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze auch zwischen Hessen und Thüringen verschwinden.

Und am 3. Oktober 1990 wird Deutschland vereint. An der Berliner Mauer, die am 13. August 1961 errichtet wurde, und der gesamten innerdeutschen Grenze kamen weit über hundert Menschen bei Fluchtversuchen ums Leben. An die Teilung Deutschlands wird unter anderem an der Gedenkstätte Point Alpha bei Rasdorf an der hessisch-thüringischen Grenze erinnert.


Ein Gedanke zu “„Wir Deutschen träumen von ein bißchen Freiheit“

  1. Kramste in den Annälen, dann kannste was erzählen. Unter den vielen Wegbereitern der Deutschen Einheit meldet sich also jetzt – 30 Jahre danach (so früh?) – auch die Junge Union Vogelsberg zu Wort und möchte für ihren „Brief mit Zange“
    ihren gebührenden Anteil an der Weltpolitik gewürdigt sehen. Zwar verhaspelt sich die Legende bereits bei dem Detail, ob es sich bei dem symbolhaft versandten Gerät nun um eine Zange oder eine Schere gehandelt habe, aber das soll historisches Verdienst nicht schmälern. Ja, es mag so gewesen sein: Nicht Helmut Kohls Strickjacke, nicht Cowboy-Rentner Ronald Reagans „Tear down this wall!“ und schon gar nicht David Hasselhoffs „I’m looking for freedom“ haben letztlich den Kreml-Chef bewogen, den ostdeutschen Volkszorn, der zum Untergang der DDR führte, nicht aufzuhalten. Es war dieser rührend naive Wink mit der Drahtschere/-zange und dieses treuherzige „Wäre es nicht schön, wenn wir gemeinsam…“, die schließlich zum Umdenken förmlich zwangen.
    Nun ja, wer’s glaubt, wird Jungsozialist.

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