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OL-Reporterin Michelle Bauer war drei Wochen im Land der aufgehenden Sonne unterwegsJapan, ein Land, das völlig unterschätzt wird

JAPAN/VOGELSBERG (mb). 23 Tage, 2400 Kilometer quer durch das Land der aufgehenden Sonne. „Was willst du denn in Japan?“ – so war die Reaktion der meisten, denen Michelle Bauer von ihren Plänen durch das asiatische Land zu reisen, erzählte. Und somit stand auch ziemlich schnell fest: allein wird die Reise gehen. Selbstfindungstrip und so, das soll man doch einmal im Leben gemacht haben, sagen sie? Ein Erfahrungsbericht von Michelle Bauer.

Und so ging mein Trip durch Japan am 25. März mit einem 14 Stunden Flug nach Taiwan los. Und bereits hier musste ich feststellen: Alleine ist man irgendwie nie. Irgendwie lernt man Menschen durch die verschiedensten Zufälle kennen. Die ersten waren ein Vater-Söhne Gespann aus Thüringen – natürlich wollte der Zufall, dass sie aus dem Nachbardorf meiner Oma stammen. Bis nach Taiwan ging unsere gemeinsame Reise, dann trennten wir uns am Flughafen.

Eine Reise voller Begegnungen

Doch die nächste Begegnung ließ direkt auf sich warten. Ich lernte Suyin aus Österreich kennen und einige witzige Zufälle führten uns zusammen. Das Ende vom Lied war, dass wir insgesamt elf Tage unserer Reise gemeinsam verbrachten, viele Gedanken austauschten und ich lernte, dass Selbsterfahrung nicht zwangsweise etwas mit dem Alleinsein zu tun hat.

Tradition trifft Moderne: Tokyo ist voll von solchen Kontrasten.

Aber erstmal etwas zum wunderbaren Land Japan: bereist habe ich die Hauptinsel Japans, Honshu. Eigentlich wollte ich mir auch die Inselgruppe Okinawa anschauen, aber hatte mich dann dazu entschlossen eine Insel komplett anzusehen. Die Hauptinsel ist recht gebirgig und Erdbeben stellen keine Seltenheit dar.


Auch Vulkane sind hier anzutreffen – das berühmteste Beispiel und gleichzeitig auch der höchste Berg der Insel ist der Mt. Fuji. Hat man das Glück bei wolkenlosem Himmel einen Blick auf ihn zu erhaschen, zieht er einen mit seinem majestätischen Anblick geradezu in den Bann. Kein Wunder, dass die Japaner ihn so verehren.

Ein seltener Anblick. Ich hatte das Glück den Mt. Fuji in seiner vollen Pracht zu betrachten.

Zur Kirschblütenzeit treffen sich die Japaner zum sogenannten „Hanami“ und machen ein Picknick.

Auch die größten und bekanntesten Städte Japans sind auf Honshu verteilt. Tokyo, Kyoto, Hiroshima oder Osaka. Die ersten drei habe ich besucht, um mir ein Bild über das Großstadtleben und die Geschichte Japans zu machen. Ich fand jede Stadt sehr einzigartig. Während Kyoto vor allem mit seinen wunderschönen Tempeln lockt, fasziniert Tokyo mit seinem unglaublichen und vor allem so ganz anderen Flair als wir es in Europa gewohnt sind.

Alles ist modern, grell und laut. Dazwischen finden sich aber auch immer wieder Ruheoasen in Form von wunderschönen riesigen Parks und Gärten. Trotz ihrer beachtlichen Größe von 622 Quadratmetern und fast zehn Millionen Einwohnern (die Metropolregion ist mit 38 Millionen die Größte der Welt) sind vor allem die touristisch relevanten Plätze relativ schnell und einfach zu erreichen. Und: Tokyo ist auch eine Stadt, die gut zu Fuß zu erkunden ist. An jeder Ecke erwarten einen andere Eindrücke und Menschen – so ist die Stadt ja auch für ihre verschiedenen Szene-Viertel, wie dem künstlerischen Harajuku oder die Gaming Ecke Akihabara bekannt.


Ein wenig Verrücktes im Szene-Viertel Harajuku, nämlich im Monster-Café.

Die berühmte Kreuzung von Shibuya.

Hiroshima wiederum besticht mit seiner Ruhe und dem beeindruckenden Friedensdenkmal, das an den Atombombenanschlag 1945 erinnern soll. Auch der Friedenspark rund um das Denkmal ist sehr beeindruckend. Wer geschichtlich interessiert ist, der wird in Hiroshima einiges zu entdecken haben. Aber auch abseits der traurigen Erinnerungen an das Ende des zweiten Weltkrieges lockt die Insel Miyajima mit ihrem auf dem Wasser schwebenden Tori-Schrein sowie wunderschönen Wanderwegen und Ausblicken.

Vorsicht vor den Bären

Aber auch die Gebiete abseits der großen Städte wollte ich sehen. Und so begab ich mich für einige Tage in die Präfekturen Nagano und Gifu. Von der Stadt Nagoya aus startete ich eine Tages-Wanderung von Magume nach Tsumago. Dabei traf ich immer wieder auf Warnschilder und Bärenglocken. Tatsächlich überlegte ich kurze Zeit wieder umzukehren, aber dann beschloss ich das Abenteuer einzugehen und klingelte fleißig jede Bärenglocke, die mir auf dem Weg begegnete.

In Magume startete meine Tageswanderung.


Begleitet wurde ich von einem netten spanischen Pärchen, die mir erzählten, dass Japanreisen in Spanien gerade der absolute Hype sind. Und da ich ohne Schirm unterwegs war und uns ein Schneeregenfall überraschte, blieben wir das letzte Viertel der Wanderung zusammen.

Auf meiner kleinen Wanderung zwischen Tsumago und Magume gab es immer wieder Bärenglocken zum Klingeln.

Apropos Schnee: Im April, in Japan? Na klar! Auf meiner weiteren Durchreise durch das wunderschöne Gifu entlang des Kiso, Kiyagawa und anderen Flüssen kam ich in der traditionellen Kleinstadt Takayama an. Vor allem zu empfehlen: auf Hoba Miso gegartes Hida Beef, dieses soll das beste Rindfleisch Japans sein. Hoba ist dabei ein Magnolien Blatt, auf dem das Beef in einer Miso Soße und weiteren Zutaten auf einer kleinen Flamme gegrillt wird.

Nachdem ich dieses köstliche Gericht verzehrt hatte und eine Nacht geschlafen hatte, wachte ich dann in einem von Schnee bedecktem Takayama auf. Mein Tagesausflug ging allerdings in ein altes japanisches Dorf namens Shirakawa, das auch zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Weiter in den Bergen gelegen befand sich das Dorf unter einer dicken, wunderschönen Schneedecke.

Ein wunderschöner Blick bot sich mir auf das Dorf Shirakawa.


Die Reise ging weiter Richtung Westen ans Meer in die wunderschöne Stadt Kanazawa. Ich übernachtete in einem kleinen Guesthouse, das früher einmal ein Kimono Laden war. Nina und Masaki taten alles, um ihre Gäste möglichst nah an ihre Kultur zu bringen. Sie zeigten uns das beste japanische Sushi Restaurant der Stadt, wo das Sushi noch traditionell mit den Händen gegessen und auf der Theke serviert wird.

Außerdem bekamen wir einen Origami-Falt-Kurs und führte uns durch das Geisha Viertel der Stadt und brachte uns bei wie man an den shintoistischen Schreinen richtig betet. Die zwei Tage waren definitiv eins meiner Highlights der Reise. Kanazawa ist zudem für seinen atemberaubenden japanischen Garten bekannt sowie für sein goldenes Eis und den angeblich besten Fisch des Landes.

Vielfältiges Japan

Sonne, Natur, Bären, Schnee, Geschichte … es gibt so gut wie nichts, das es nicht in Japan geht. In der Wintersaison können Skifahrer in der Präfektur Nagano der Hauptinsel oder nördlich auf der Insel Hokkaido fleißig die Skipisten runterrasen. Die südlicher gelegene Insel Kyushu bietet viele heiße Quellen, Vulkane, Schluchten, Strand und tropische Temperaturen, die Surfer dazu einladen an den Küsten entlang zu düsen.

Oft vergessen ist zudem die tropenähnliche Inselgruppenpräfektur Okinawa, die für die Entstehung der Karatekunst bekannt ist und deren Strände der Karibik kaum nachstehen.

In Hiroshima erinnert der Friedensdom an den Atombombenangriff 1945.


Auch das japanische Essen bietet eine breite Vielfalt: Wer meint es gäbe in Japan nur Sushi zu essen, hat weit gefehlt. Zugegebenermaßen, Reis und Fisch bilden die Grundlage vieler Gerichte in Japan, allerdings wird auch viel Rind und Schwein gegessen. So zum Beispiel als typische ‚Dons‘, also Reisschalen, aufgefüllt mit einer Sorte Fleisch und einer speziellen japanischen Soße. Oder natürlich die traditionelle Ramen Suppe, welche auf verschiedenen Suppengrundlagen basierend ausgewählt werden kann. Wem die Abwechslung dennoch fehlt, der kann natürlich auch in eins der vielen internationalen Restaurants gehen und beispielsweose ein koreanisches Barbecue genießen.

Für den kleinen Hunger zwischendurch bieten die 24 Stunden Convenience Stores leckere Reisbällchen mit verschiedenster Füllung, Sushi to go und andere Fertiggerichte, die vor Ort in der Mikrowelle aufgeheizt werden können, an. Auch viele verschiedene Süßigkeiten gibt es: Mochi (Reismehlbällchen), oft gefüllt mit Matcha-Creme oder fermentierten Bohnen, Soja-Pudding, Reiscracker, Fruchtgummis, Matchakekse, Bonbons und vieles mehr.

Ein kleiner Einblick in Japans Esskultur:

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Mein Fazit

Während der Reise erwartete ich, dass mich jederzeit eine Art Erleuchtung trifft, dass ich die Dinge plötzlich anders sehe oder irgendetwas mit mir passiert, ich zurückkomme und sage: „Diese Reise hat mich total verändert.“ Aber das ist natürlich völliger Quatsch. Selbstverständlich erfährt man keine Erleuchtung und das Leben hat sich für mich auch nicht um 180 Grad gewendet. Aber ich muss zugeben, dass ich viele meiner Ansichten geändert habe, dass ich viele Probleme im Leben jetzt versuche anders zu betrachten und zu bearbeiten.

Aufgrund der Menschen, die man getroffen und der Gespräche, die man geführt hat. Und es scheint, als würde die Reise erst im Nachhinein wirken, denn ehrlich gesagt sind drei Wochen auch viel zu kurz, um sich und seine Persönlichkeit zu ändern. Aber sie reichen, um die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen, andere Mentalitäten zu entdecken und Menschen, denen man auf anderem Weg vielleicht niemals begegnet wäre zu treffen.

Und damit kann ich allen nur empfehlen: probiert es einmal aus, so einen Selbstfindungstrip, wie er auf Instagram und Co. gerade voll im Trend ist. Vielleicht wird man sich nicht selbst finden, vielleicht kommt man auch wie ich zurück und denkt, dass das doch völliger Quatsch ist.


Aber dann kommt er vielleicht doch. Der Moment, an dem man an seine Reise zurückdenkt und sagt „Stimmt, das habe ich in Japan gelernt“. Und vor allem an die Frauen, die es geschafft haben hier unten anzukommen: Japan ist ein unglaublich facettenreiches Land und so sicher, wie ich kein anderes erlebt habe. Vor allem aber strahlen die Japaner eine unglaubliche Freundlichkeit aus, welche sie im Miteinander mit ihren Mitmenschen ausleben. Also auf geht’s ins Land der aufgehenden Sonne.

Weitere Eindrücke Japans:

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3 Gedanken zu “Japan, ein Land, das völlig unterschätzt wird

  1. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und wenn er mit Kuhaugen in die Welt blickt statt mit Mandelaugen, schädigt das den I-Kuh und führt leicht zur Unterschätzung des fernöstlichen Reiselandes, wo es vermeintlich nichts gibt außer Fuku Shima und Fuku Suchi.
    Beispiel: Unsere kuh-äugigen und I-Kuh-losen Autohersteller. Während der größte japanische Konzern flächendeckend und kostengünstig den Hybrid anbietet, damit man in der Phase einer radikalen verkehrstechnischen Neuorientierung auf kurzen Strecken elektrisch und auf langen Strecken konventionell unterwegs sein kann, was auch bei Entwicklung umweltschonender synthetischer Kraftstoffe noch eine tragfähige Technologie ist, setzt der größte deutsche Hersteller allein auf das Batterie-Auto. Wehe, das geht schief (z.B. wenn die Reisbürger in China die zur Batterieproduktion notwendigen Rohstoffe nicht mehr rausrücken)!

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  2. Wer unterschätzt denn bitte Japan? Und woher kommt diese Einschätzung? Kann es sein, dass sie das Land vielleicht selber vorher unterschätzt haben? Dann war das aber ziemlich naiv und unhöflich.

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    1. Lieber Japaner aus Lauterbach,

      Sicher habe ich Japan niemals unterschätzt, sonst hätte ich mich nicht so intensiv mit dem Land im Vorgeld beschäftigt. Zeitungsartikel sind selbstverständlich manchmal etwas überzogen, um Aufmerksamkeit zu erregen.
      Der Titel basiert auf den Aussagen vieler Menschen, die meine Wahl Japan schlichtweg nicht verstehen konnten und mich auch nicht begleiten wollten mit der Aussage „Ich interessiere mich einfach nicht für dieses Land“ aber viele gar nicht wissen was es bietet. Mit dem Artikel wollte ich die vielen facetten dieses wunderschönen Landes aufzeigen und hatte versucht den Titel in der kürze der Würze zu erklären.
      Liebe Grüße
      ミシェル

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