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Diskussion um barrierefreien Marktplatz geht in die nächste Runde - beziehungsweise in die Wiederholung„Die Belange der Behinderten werden nicht berücksichtigt“

ANGENROD (akr). Seit im September vergangenen Jahres der erste Workshop zum Thema Marktplatzgestaltung stattfand, sorgt die Sanierung des Herzstücks von Alsfeld für rege Diskussion. Konkrete Pläne stellte Bürgermeister Stephan Paule bereits vor, einige gestalterische Elemente wurden bereits beschlossen. Doch die zwei strittigsten Themen sind immer noch offen: die Parkplätze und die Barrierefreiheit – und die kamen im Ausschuss für Bauen, Umwelt und Stadtentwicklung am Dienstagabend wieder auf den Tisch, selbstverständlich nicht ohne Diskussion.


Doch zunächst ein kleiner Rückblick: Ende März stellte Bürgermeister Stephan Paule die Ergebnisse der großen Umfrage zur Marktplatzgestaltung vor und ging unter anderem auf die neue Pflasterung des Alsfelder Herzstücks ein. Das von vielen Alsfeldern aus optischen Gründen geschätzte historische Pflaster soll dabei erhalten bleiben, kaputte Steine sollen jedoch ersetzt werden. Zudem soll die Gegend rund um den Marktplatz barrierefrei werden.

Die Neupflasterung und die Verlegung von Versorgungsleitungen und Kabeln soll bereits Ende Mai/Anfang Juni starten – und zwar mit dem südlichen Teil in Richtung Obergasse in verschiedenen Bauabschnitten, sodass der Platz an sich und auch die Geschäfte weiterhin passierbar seien.

Diskussionen bereits im letzten Bauausschuss

In der Stadtverordnetenversammlung im März wurden bereits die wesentlichen inhaltlichen Gestaltungselemente für die Marktplatzgestaltung beschlossen, so wird es beispielsweise ein Wasserspiel im Zentrum, neue Straßenlaternen und versenkbare Poller geben. Auch der Schwälmer Brunnen soll optisch aufgewertet werden. Darüber waren sich die Alsfelder Stadtpolitiker einig, jedoch nicht über die Parkplatzsituation oder über das wohl strittigste Thema des Abends: der Belag des Marktplatzes und die damit einhergehende Barrierefreiheit.

Rund um den Marktplatz soll neues Pflaster verlegt werden, um einen barrierefreien Weg zu ebnen. Doch genau das stieß auf Kritik. „Wenn nur außer um den Marktplatz neues, barrierefreies Pflaster verlegt werden soll und innen das alte Pflaster bleibt, dann ist der Marktplatz nicht barrierefrei. Menschen mit Gehbehinderung können nicht über den Platz, sondern nur außen rum und haben damit weitere Wege zu beschreiten, die ihnen so oder so schwerfallen“, erklärte der Verein „Barrierefreie Stadt Alsfeld“ damals in einem offenen Brief an die Stadt.

Nach einer sehr langen Diskussion entschied man sich schlussendlich, dass die beiden Themen Parkplätze und Barrierefreiheit in den nächsten Ausschuss verschoben werden sollen, damit unter anderem nochmal mit dem Verein Barrierefreie Stadt Alsfeld gesprochen werden kann.

Antrag am Dienstagabend erneut vorgelegt

Am Dienstag war es dann so weit, doch der Antrag war quasi identisch zu dem im vergangenen Bauausschuss – sprich: eine Parkreihe, und die barrierefreie Umrandung des Marktplatzes, damit auch jedes Gebäude gut erreicht werden kann. Durch den Behindertenparkplatz an der Apotheke könne alles unterhalb des Marktplatzes gut erreicht werden, um einen kurzen Weg in die Obergasse zu haben, würde sich der Behindertenparkplatz am Kirchplatz lohnen. „Man hat also kurze Wege nach unten und nach oben“, sagte Bauamtsleiter Tobias Diehl.

Bauamtsleiter Tobias Diehl stellte noch mal die Planungen vor.

Lediglich ein kurzer Weg von der Apotheke Richtung Kartoffelsack würde aufgrund des erhöhten Verkehrsaufkommens nicht barrierefrei gepflastert werden. Dazu aber später mehr. Querungen über den Marktplatz wie vom Verein gefordert? Fehlanzeige. „Das hat nichts damit zu tun, dass wir die Gehbehinderten ausgrenzen wollen, es geht darum den bestmöglichen und sichersten Weg zu ermöglichen“, betonte Diehl und machte noch einmal auf den Verkehr durch die Parkplatzsuchenden oder die ganzen Anlieferer aufmerksam.

„Es wird kein behinderter Mensch eine Rundung gehen, jeder wird den kürzesten Weg gehen“, machte Gerline Grebe, Vorsitzende des Vereins Barrierefreie Stadt Alsfeld, deutlich. Dann werde derjenige wieder das glitschige Pflaster überqueren und die Gefahr bestehe, hinzufallen und sich womöglich noch etwas zu brechen, führte sie weiter aus. „Die Menschen werden es nicht so annehmen, wie sie es sich vorstellen“, richtete sie die Worte an Bauamtsleiter Tobias Diehl.

Gehbehinderten fühlen sich nicht berücksichtigt

Ein anderes Vereinsmitglied äußerte ebenfalls seine Bedenken. Eine Querung über den Marktplatz würde viel weniger Fußweg bedeuten. „Viele gehbehinderte Menschen sind dankbar für jeden Schritt, den sie nicht machen müssen. 100 Meter Umrandung laufen oder 35 Meter einmal quer rüber, das ist ein Unterschied“, sagte er und warf der Stadt vor, dass “ die Belange der Gehbehinderten nicht berücksichtigt werden“.

Der Verein Barrierefreie Stadt Alsfeld war ebenfalls vertreten.

Martin Räther, der nach einem Arbeitsunfall selbst für sechs Wochen im Rollstuhl saß, sieht die Überquerung des Marktplatzes, beispielsweise mit einem Rollstuhl, als weniger problematisch an. „Es ist nicht einfach zu fahren, aber es geht. Der Marktplatz stellte bei mir damals das kleinste Problem dar“. Zudem solle der Marktplatz durch die neue Verlegung der Steine noch unproblematischer passierbar sein.

Auch Mathis Kruse machte schon einmal eine Erfahrung bezüglich Rollstuhlfahren, allerdings nur als persönliche und praktische Erfahrung. Doch für ihn war damals klar: Lieber einen Umweg nehmen, als ein Weg mit Steigung – und das ist beim Überqueren des Marktplatzes der Fall. Denn für einen Rollstuhlfahrer sei es definitiv anstrengender, bergauf zu fahren, als einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen.

„Ich kann die Bedenken des Vereins nachvollziehen“, sagte Bernhard Hofmann von der unteren Denkmalschutzbehörde Vogelsberg. Eine Querung wäre eine Variante, die nochmal geprüft werden könne. Man könnte allerdings auch einfach eine Musterfläche mit den alten Steinen anlegen, um zu schauen, ob durch eine neue Verlegung eine Verbesserung eintrete. Wirklich zufrieden schien der Verein mit dieser Idee allerdings nicht.

Antrag um eine kleine Änderung ergänzt

Während Stephan Rühl einen Änderungsantrag versuchte einzubringen, in dem der Marktplatz, der, wie er selbst sagt, kein Parkplatz ist, autofrei seien sollte – der Änderungsantrag wurde mehrheitlich abgelehnt – legte auch die Stadt kurzfristig einen Änderungsantrag vor. Eigentlich ergänzte sie jedoch nur den bereits vorhandenen Antrag um die Tatsache, dass man eine barrierefreie Querung unterhalb des Rathauses zum Buch 2000 legen könnte. „Dann ist das nicht nur barrierefrei, sondern bei Regen auch trocken“, versuchte Bürgermeister Stephan Paule die Stimmung im Raum wieder nach oben zu heben, denn die war ziemlich angeknackst.

Mit acht Ja- und einer Nein-Stimme, wurde der Antrag ohne Diskussion dann allerdings zur Annahme empfohlen. Entschieden ist jedoch noch nichts, schließlich liege ein denkmalschutzrechtlicher Antrag noch nicht vor. Am Donnerstag könnte die Diskussion zum Thema Barrierefreiheit in der Stadtverordnetenversammlung in die nächste Runde gehen.

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